Gesellschaft   ·  5 Min.

Meinungskorridor: Besser miteinander sprechen als übereinander zu schimpfen.

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Die Übertreibungen während der bisherigen Pandemie scheinen bei manchen Menschen die Erkenntnis reifen zu lassen, dass wir alle miteinander unsere Diskussionskultur auf den Prüfstand stellen müssen. Wir entkommen ansonsten der Spirale, in die wir uns gebracht haben, womöglich nicht mehr.

Dass sich ausgerechnet diejenigen berufen fühlen Appelle zu platzieren, die ich auf den ersten Blick (auch wieder viel zu schnell!) mehrheitlich zum gegnerischen Lager“ zähle, hatte ich nicht erwartet. Ich kenne bisher nur eine Bloggerin, die sich für Dialogbereitschaft einsetzt und ich zu denen zähle, die ich – na ja, – zu „meinen Leuten“ zähle.

Hier einige der Vorgänge gegen die sich eine Initiative richtet (siehe Links oben), die von Gunnar Kaiser mitinitiiert wurde:

Von Veranstaltern ausgeladene Kabarettisten.

Ich kenne nur den Fall Lisa Eckhart, zu dem ich mich hier mehrfach kritisch geäußert habe.

Urteil: Zustimmung

Zensierte Karikaturisten

Man kann nicht darüber streiten, ob die Reaktionen, die Morde durch Islamisten sowie die allgemeine Mobilmachung in islamischen Ländern gegen die Blasphemie, die von den Charlie Hebdo – Karikaturen ausging gerechtfertigt war. Sowas ist absolut schrecklich und inakzeptabel. Natürlich kann es nicht sein, dass bei uns solche Karikaturen zensiert werden. Soweit ich sagen kann, ist das auch nicht geschehen. Allerdings haben Zeitungen den Nachdruck gestoppt. Aber war das Zensur?

Urteil: im Zweifel

Pauschal verbotene Demonstrationen

Die Corona-Demo wurde zunächst (pauschal) verboten. Das Verbot wurde jedoch von einem Gericht kassiert. Solche Beispiele gab es in unserer Geschichte mehrfach.

Urteil: Der Rechtsstaat hat dem Recht Geltung verliehen. Fazit: Ein Verbot hat es in diesem Fall gar nicht gegeben. Keine Zustimmung.

Schriftsteller, deren Bücher aus dem Sortiment genommen werden oder von Bestsellerlisten getilgt werden.

Die Vorstöße, die diesbezüglich unternommen wurden (Thilo Sarrazin) waren zum Glück nicht erfolgreich.

Urteil: Keine Zustimmung, es gab diese Maßnahmen nicht.

Verfolgte und eingesperrte Whistleblower & Enthüller

Ich denke, die bedeutenden Whistleblower der Gegenwart sind Snowden, Assange oder Manning. Unsere deutschen Whistleblower (Günter Wallraff ist der einzige, den ich kenne – er ist übrigens Mitunterzeichner dieses Aufrufes!)

Urteil: keine Meinung, Linke fordern ebenfalls, dass sie geschützt werden.

Verlage, die gedrängt werden, bestimmte Bücher nicht herauszubringen.

Gedrängt wurde. Darüber wurde in der Öffentlichkeit gestritten. Die Bücher, um die es ging, sage ich aus meiner Erinnerung, sind erschienen – trotz dieser Versuche.

Urteil: Trotz heftiger Kritik an „rechten“ Autoren, es wurden keine Bücher gestoppt bzw. boykottiert. Keine Zustimmung.

Opernaufführungen, die abgesagt werden.

Die Aufführung der Mozart-Oper „Idomeneo“ wurde vorsorglich abgesagt, weil Angriffe islamistischer Terroristen befürchtet wurden. Ob zu Recht oder zu Unrecht vermag ich nicht zu beurteilen. Dahinter steckt weder politische Korrektheit noch ein besonders islamfreundliches Verhalten irgendwelcher linken Akteure. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Das man dieses Verhalten als feige diskreditieren kann, sehen wir an dieser Aufzählung.

Urteil: keine Zustimmung, die Maßnahme lag in den Händen der Theaterleitung. Ich kann deren Entscheidung nachvollziehen.

Seminare oder Vorlesungen, die nicht stattfinden können, weil sie gestört werden.

Bernd Luckes (ehem. AfD) Veranstaltungen wurden lautstark von Hamburger Studenten verhindert. Eine Art von Protest, den ich weder gut finde noch respektiere. Klar, dass dieses Beispiel herausgepickt wird, um so zu tun, als seien solche Dinge an der Tagesordnung.

Urteil: Zustimmung. Allerdings hat es auch früher Protest dieser Art gegeben. Bei Reden von Politikern haben sich die Unterstützer der rechten Szene mit dieser unerfreulichen Art von Protest nicht lumpen lassen.

Künstlich verengter Meinungskorridor

Ich sehe es auch so, dass sich der Meinungskorridor in unserem Land zusehends verengt.

Es stimmt wahrscheinlich, dass moralische Kategorien, weniger sachliche, für die eigene Meinungsbildung zu wichtig geworden sind. Dabei spielt die Moral weniger eine Rolle, wenn es um die Bewertung unserer eigenen Positionen geht. Moral kommt erst ins Spiel, wenn wir uns an unsere Mitdiskutanten wenden oder über diejenigen urteilen, die eine andere, unbequeme und schwer zu widerlegende Meinung vertreten. Moralische Aspekte sollten sachliche Argumente möglichst nicht überlagern und schon gar nicht ersetzen.

Die Gründe dafür liegen vermutlich vor allem in der Art und Weise, wie die asozialen Netzwerke funktionieren (Filterblasen, Echokammern). Wir könnten uns dadurch aus dem Weg gehen und Konfrontationen vermeiden. In den asozialen Netzwerken nutzen wir jedoch stattdessen jede Möglichkeit, den Gegner mundtot zu machen. Unsere Meinung ist wichtig, unsere Argumente stechen. Die der anderen anerkennen wir nicht. Das geschieht leider auch bei Themen, die solche Formen der Konfrontation noch unverständlicher wirken lassen.

Vergleicht eure diesbezüglichen Erfahrungen mit Diskussionen im Familien-, Kollegen- oder Freundeskreis, die im realen Leben passieren.

Indubio – Klagen auf hohem Niveau

Ich habe mir heute einen weiteren Podcast der „Indubio“-Reihe angehört. Die Gäste des Moderators Burkhard Müller-Ullrich, waren diesmal der Schriftsteller Bernhard Lassahn, Medienwissenschaftler Prof.em. Norbert Bolz und der Youtube und Autor Gunnar Kaiser. Dort gehts eben um den erwähnten „Appell gegen die grassierende Kultur des Mundtotmachens und Existenzvernichtens.

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Gibt es den Wunsch nach „erhellender Konversation“ eigentlich noch oder wird er durch die auf beiden Seiten existierende Vordisposition nicht immer stärker be- oder verhindert?

Sommerinterview mit Höcke

Übrigens fehlt mit ein Beispiel in der o.g. Aufzählung das Beispiel des Leiters der hessischen Filmförderung, der in Frankfurt mit dem AfD-Sprecher Jörg Meuthen zu Mittag gegessen hat und daraufhin entlassen wurde. Das fand ich persönlich alarmierend.

Alarmierender als beispielsweise die Forderung von linken Journalisten (wie Restle, Monitor), Björn Höckes (AfD) Auftritte im RBB (Sommerinterview) zu verhindern bzw. das Interview gar nicht erst zu führen.

Der Umgang mit gewählten Abgeordneten (auch der AfD) gehört für mich zu den kritischen Fragen unserer Zeit.Es wird nicht ohne Grund kritisiert, dass demokratische Spielregeln nicht eingehalten werden. Nur gilt das nicht nur für die Frauen und Männer der AfD, sondern für alle gewählten Volksvertreter. Schade, dass dort offenbar so wenig Selbstvertrauen vorherrscht. Mit ein paar Rechten lässt sich umgehen. Aber nicht so, wie das vor allem der Bundestag vorexerziert. Das gilt in ähnlichem Maße auch für die Medien.

Mit Eva Hermann oder Thilo Sarrazin habe ich nichts am Hut. Beide Figuren sind mir zutiefst unsympathisch. Ihre Ansichten kotzen mich an.

Die Auflagen, die Thilo Sarrazin mit seinen Büchern erreicht hat, zeugen davon, wie groß die Fanbase für seine Sicht auf die Migration ist. Vielleicht bin ich im Grunde auf mich selbst sauer, weil ich inzwischen kraft eigener Anschauung eingesehen habe, dass meine Sicht auf das Thema allzu naiv war. Ich kann verstehen, dass die SPD ihn nicht mehr zu ihren Mitgliedern zählen wollte. Richtig fand ich den Rauswurf nicht.

diskussionskultur

Mich stößt ab, dass auch in diesem Podcast wieder mal die Rede vom Regierungsmainstream war.

Alles, was nicht in die kleine Welt dieser alten, weißen Männer zu passen scheint, wird mit solchen Feindvokabeln versehen. Da ist von mittelalterlichen Zuständen die Rede und der Vorstellung, dass die große Mehrheit der Menschen das alles ja längst für Wahnsinn hielte. Es fehle nur die Kanalisierung, um dieses tatsächliche Verhältnis der Deutschen zum Mainstream deutlich zu machen.

Schweigespirale

Es existiere eine Schweigespirale, findet Prof. Norbert Bolz. Und das, obwohl eine Mehrheit das alles für verrückt hält, ergänzte er. Aber die Massen ließen sich halt vom Mainstream unterdrücken.

So einfach ist das.

Auf die Idee, dafür Umfragen oder Wahlergebnisse zurate zu ziehen, kamen die Herren leider nicht. Ich weiß allerdings, dass es auf ihrer Seite viele gibt, die genau wissen, warum sie Umfragen (evtl. Wahlergebnissen) nicht trauen.

Norbert Bolz (die anderen widersprachen nicht), überhaupt alle Anwesenden, müssen früher ™ regelrecht linke Feger gewesen sein. Damals – das war die Zeit, als noch auf allerhöchstem linksintellektuellem Niveau miteinander diskutiert wurde. Hat er gesagt, der Norbert Bolz.

Altlinke überzeugender als Neulinke?

Habermas, Adorno, Heidegger, Böll, Marx – das waren halt noch Größen mit denen man sich messen wollte, dachte ich beim Anhören auch kurz. Nein, die Namen fielen selbstredend nicht. Aber ich denke, ich hab da schon die richtigen rausgeschrieben.

Wenn doch die Linke (Grüne eingeschlossen), wie die Kämpfer für die Freiheit des Wortes behaupten, heute mehr oder minder orientierungslos durch die großen politischen Themen wabern, warum hat man auf dieser Seite dann so viel Stress mit dem Mainstream? Ach, wie konnte ich vergessen, die Schlafschafe müssen noch aufgeweckt werden.

Alle warteten auf die Pandemie, bis ein kleines Häufchen (sagen wir von ein paar Zehntausend Demonstranten) als Querfront auf die Straße gehen und in maximal provozierender Gemeinsamkeit das Symbol der Demokratie beschmutzen konnte.

Dagegen hab ich was und auch dagegen, wenn man es sich so einfach machen will und die Schuld für alles eigentlich immer nur bei den anderen sieht.









Artikelautor: Horst

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

3 Gedanken zu „Meinungskorridor: Besser miteinander sprechen als übereinander zu schimpfen.“

  1. „Ich sehe es auch so, dass sich der Meinungskorridor in unserem Land zusehends verengt.“

    dieser Satz steht in direktem Zusammenhang mit

    „Die Grenzen des Sagbaren sind ins Unerträgliche erweitert worden“.

    Dass Bücher aus dem Vertrieb genommen wurden, hat es gegeben: Die Verlagsgruppe Random House stoppte den Vertrieb der belletristischen Titel von Akif Pirinçci nach einem seiner Auftritte.

    Ich kann das nicht bedauern. Mich wundert sowieso, was so alles erscheinen darf, denn m.E. wird in etlichen Büchern der äußersten Ränder die Grenze zur Volksverhetzung deutlich überschritten. Und was man Anderen an den Kopf werfen bzw. an den Hals wünschen kann, ohne dass das strafrelevant wäre.

    Ist das wirklich ein „verengter Meinungskorridor“??? Ich weiß nicht…

    Mit den „alternativen Wahrheiten“ haben wir doch tatsächlich zunehmende Probleme, denn wie will man mit Menschen ernsthaft diskutieren und „Demokratie machen“, wenn es keinerlei Basis-Annahmen gibt, auf die man sich einigen kann? Wenn dann dieses Zeugs auch noch durch rein kommerzielle Algorithmen prominent angepriesen wird, wird die Lage immer schlimmer.

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  2. Richtig, der Fall ist mir auch noch in Erinnerung. Nee, bedauern werde ich gerade dieses Beispiel nicht. Aber er hat schon für einigen Wirbel gesorgt. Auch, weil der Mann ja wohl auch über Katzen geschrieben hatte…

    Daran, an sowas wie Pirinccis Beispiel, machen die ja den verengten Meinungskorridor nicht fest. Ich wette, die Herren sehen die Entwicklungen (Attacken gegen Spahn, Verhalten bei der Corona-Demo) als Beleg dafür, dass sich der Meinungskorridor verengt hat. Die Argumentation wird doch so gehen: Die Leute reagieren nur auf die Eindrücke, die ihnen im täglichen Leben durch die Beschränkung der Meinungsfreiheit vom Mainstream aufgenötigt wurden.

    Ich glaube schon, dass die Unduldsamkeit vieler Linker (asoziale Medien) mit dazu beiträgt, dass solche Argumentationen überhaupt aufkommen und sich durchaus im öffentlichen Raum behaupten können. Aber wie sollen wir miteinander diskutieren, wenn der Dialog auf diese krasse Art verweigert wird? Darauf finde ich keine Antworten. Aber es ist auch nicht damit abgetan, sich selbst auf der richtigen Seite zu wähnen. Das habe ich zulange so praktiziert.

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