Hat die SPD noch eine Zukunft?

Die Sozialdemokraten hat es schwer. Nicht nur hier in Deutschland. Das Video macht deutlich, wie es in Europa um sie steht.

Nach dem vorläufigen Endergebnis verteilen sich die 179 Sitze im Folketing, dem dänischen Parlament, auf ein ungewöhnlich breites Parteienspektrum. Frederiksens Sozialdemokraten kommen auf 38 Mandate und verlieren damit im Vergleich zur letzten Wahl zwölf Sitze. Das ist das schlechteste Ergebnis für ihre Partei seit 123 Jahren.

Quelle: Handelsblatt

Youtube Video

Klingbeil betont in diesem Zusammenhang, dass die SPD die „Partei der Arbeit“ sei und er einen klaren Kurs verfolgen wolle, der den Menschen hilft – auch wenn dies innerhalb der Partei zu inhaltlichen Konflikten führen könne. Er stellt den Erhalt dieser Arbeitsplätze sowie die Entlastung von Pendlern (etwa bei Energiekosten) als zentrale Ziele dar, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Politische und intellektuelle Führung

„[…] wenn es dann z.B. um die Frage geht, ob jetzt zehntausende Menschen in der Automobilindustrie ihren Job verlieren zu drohen, dann habe ich eine klare Entscheidung: Wir machen den Weg deutlich, dass die Industriearbeitsplätze in diesem Land erhalten bleiben.“ [05:16]

Lars Klingbeil im Interview

Sorry, Herr Klingbeil. Aber geht’s nicht noch weniger überzeugend? Ich finde furchtbar unglaubwürdig, was der Mann da sagt. Dabei kam er gerade gewissermaßen von einem Motivationsseminar. Sagt man nicht immer, wie wichtig Vertrauen gerade in der Politik sei? Hat sich Klingbeil vom vorigen und jetzigen Bundeskanzler so überhaupt nichts abgeguckt? Besser gesagt, ist er genauso lernunfähig wie Scholz und Merz es zeig(t)en?

„Wir machen den Weg deutlich, dass die Industriearbeitsplätze in diesem Land erhalten bleiben.“ Wüsstet ihr nicht auch gern, wie dieser Weg so ganz konkret aussehen soll? Vermutlich denkt Klingbeil nicht zuerst an Subventionen. Das ist ja schon einmal was. Schließlich arbeitet er als Finanzminister und kennt die Haushaltslage (hoffentlich) ganz genau.

spd krise vertrauen verlust politik europa
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Position der Arbeitnehmer

Oder denkt er an Proteste und Streiks? Hat ja immer geholfen, wenn es darum ging. Ich denke an große Firmenschließungen oder -verlegungen, die meiner Erinnerung nach immer in die Bux fingen. Aber man war sichtbar, auf der Straße und hat wacker gekämpft. Nur haben DIE Leute offenbar längst verstanden, wie wenig so altbackenes Zeug wie ein Schulterschluss mit Gewerkschaften wirkt.

Ich komme jetzt nicht schon wieder mit dem Buffet-Skandal-Zitat um die Ecke aber ist dieser Teil des Wandels (der Sieg des Kapitalismus als Folge von 1989) immer noch nicht bei allen angekommen?

Ich glaube ja, man müsste sich intellektuell mehr Mühe geben und nach zeitgemäßeren Wegen schauen, um die Interessen derjenigen zu wahren, die in Scharen vor sozialdemokratischen Grundsätzen fliehen, weil ewig alte Klassenkampfattitüden als unglaubwürdig oder jedenfalls untauglich betrachtet werden.

Soziale Gerechtigkeit

Soziale Gerechtigkeit oder der Kampf für die hart arbeitende Mitte kommen so lebendig rüber, dass diese Schablonen keiner mehr hören möchte, zumal auch andere (Grüne und Linkspartei) solche abgedroschenen Phrasen gern bemühen. Allerdings mit größerem Erfolg. Das liegt nicht nur an Frau Reichinek, obwohl sie offenbar vor den letzten Wahlen mit fulminanten Wortbeiträgen zu dem guten Ergebnis der Linkspartei beigetragen zu haben scheint. Die Grünen machen vieles richtig, was sie inzwischen sogar mit einigen Prozentpunkten besseren Umfragewerten ggü. der SPD belegen können. So kamen sie von 4,9 % in 2021 auf überraschende 8,8 % in 2025.

Die Konsequenz und Stabilität, in der sie ihre Themen verfechten und vortragen, ist zumindest glaubwürdig, kohärent ohnehin. Das werden auch die zugeben, die mit grüner Politik wenig am Hut haben. Jedenfalls glaube ich, ist dies der Grund, weshalb die Grünen sich mit ihrer hartnäckigen Anhängerschaft nach dem Desaster, dem Ende der Ampel, behaupten.

Es steckt schon auch ein Stück Boshaftigkeit der Medien in dem Vorwurf, die Sozialdemokraten zeigten sich eher für Bürgergeldempfänger und Minderheiten verantwortlich als für die „hart arbeitende Mitte„. Aber weit weg sind die sich immer wieder gern zur aktuellen SPD kritisch äußernden Altvorderen der Partei (Gabriel, Steinbrück) von solchen Aussagen nicht. Die Medien wissen, wie diese Leute ticken und holen sie deshalb gern in ihre Talkshows. Insbesondere Gabriel erfüllt diesen unausgesprochenen Auftrag immer gern.

Die SPD und ihre Krise: Diagnose ohne Therapie

Die fünf klassischen Kritikpunkte – das verblasste Gerechtigkeitsversprechen, die Hilflosigkeit beim Strukturwandel der Industrie, die Alltagsbelastungen für Arbeitnehmer, fehlende Führungsstärke und das verschwommene Profil – treffen den Kern der SPD-Misere. Doch sie beschreiben nur die Symptome, nicht die tieferen Ursachen.

Strukturell kämpft die SPD mit einem doppelten Problem: Ihre klassische Stammwählerschaft – gewerkschaftlich organisierte Industriearbeiter – schrumpft seit Jahrzehnten, ohne dass eine neue, verlässliche Basis aufgebaut wurde. Gleichzeitig ist die Partei im Koalitionsregieren gefangen: Als Juniorpartner trägt sie die Lasten aller Kompromisse, kann aber kaum eigene Erfolge reklamieren. Dass Parteichef Klingbeil nun ausgerechnet als Finanzminister – also als Sparminister – agiert, macht die Glaubwürdigkeitslücke noch größer.

Das Ergebnis lässt sich in Zahlen ablesen: Rund 13% Zustimmung, ein historischer Tiefstwert. Und selbst unter SPD-Anhängern traut eine Mehrheit der Parteiführung nicht zu, die Wende zu schaffen.

Was könnte helfen? Nicht das bloße Zurück zu „klassischen Arbeitnehmerthemen“ als Parole – die Wählerschaft hat sich zu sehr verändert, als dass Nostalgie zöge. Was gebraucht würde, sind konkret messbare Versprechen statt abstrakter Leitbilder, eine glaubwürdige personelle Erneuerung – Pistorius steht bereit, tritt aber nicht an – und die Bereitschaft, auch innerhalb einer Regierungskoalition eine erkennbare, streitbare Haltung einzunehmen. Europäische Schwesterparteien haben gezeigt, dass das möglich ist.

Die eigentliche Gefahr liegt im Zeitfaktor: Parteien, die dauerhaft unter 15% verharren, verlieren Mitglieder, Ressourcen und Nachwuchs. Dieser Abwärtssog verstärkt sich selbst. Die SPD hat noch ein Fenster – aber es schließt sich.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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11 Kommentare zu „Hat die SPD noch eine Zukunft?“

  1. Als Steigbügelhalter wird sie sich nicht halten können.

    Kurzfristig kann sie relativ erfolgreich sein, wenn sie um Pistorius als Spitze einen militaristischen Kern aufbaut und damit eben als Militärpartei auftritt. Allerdings müsste sie für die Zeit alle anderen Strömungen unterbinden, was kaum klappen dürfte.

    Langfristig wäre back to the roots angesagt. Die Sozialdemokratie neu entdecken und undankbare Oppositionsarbeit erledigen. Das würde aber bedeuten, nicht nur die jetzige Regierung in die Wüste zu schicken, sondern würde einhergehen mit monetären Verlusten, Verlust von Posten und Partizipation an den gedeckten Tischen der Reichsten, was natürlich für die jetzige Möchtegernmachtriege völlig undenkbar ist.

    Allerdings wäre das das Einzige, wie die alte Tante langfristig erhalten bleiben könnte.

    Man kann sich ja anschauen, was die FDP gerade so macht. Die Spaßmobile sind wohl aus.

  2. Nein. Das wäre das Schlimmste, was ich mir vorstellen könnte, aber sowohl Militarismus, wie Pistorius haben ein enormes Standing in der Bevölkerung. Keine Firma würde davor ein Auge verschließen. Das ist ein Trend den man mitnehmen kann.
    Ich spiele lediglich Szenarios durch, wie die SPD erhalten bleiben könnte. Das war doch auch vom Topic her gemeint?

    Und Ja: Wenn die SPD ihren Buchstaben gerecht werden will muss sie die Koalition aufkündigen. Glaubwürdigkeit hat ihren Preis. Das nur mit der FDP zu verankern klappt nicht, denn als Kaiserpartei sind fast alle sozialen Strukturen des Landes im Gegenzug sozialdemokratisch geprägt. Selbst die
    extrem Rechten haben ihren Schrebergarten, der allerdings auf ihre Erzfeinde, den Sozen zurückgeht.

    Deine Putinparanoia teile ich nach wie vor nicht. Nicht, weil ich den so toll finde, sondern, weil ich weiß, wie Psychopathen funktionieren. Zudem ist er auch nicht mehr der Jüngste. Es sollte einem eher davor grauen, was danach kommt. Was das allerdings in einem Topic, der die Zukunft der SPD betrefen soll zu suchen hat, kannst nur Du beantworten.
    Gerd Schröder spielt nur noch unwesentlich eine Rolle in der SPD. Wenn man alten Industrieideen anhängt, wäre man allerdings mit Schröder & Putin sicher besser aufgestellt, als mit VdL, Trump, Selensky und Merz.
    Die Zugspitze abfracken ist ja das Credo unserer amerikanischen Regierungsfachverbrater für UNSERE industrielle Zukunft.

    Wer solche Freunde hat, braucht erst gar nicht gegen andere in den Krieg ziehen wollen.

  3. Mit der Demokratie wäre ganz schnell Schluss, würde man jedem Deutschen einen Bildungsurlaub in Singapur ermöglichen. 😉

  4. Den Zusammenhang kannst Du Dir hier anschauen und die Kommentare finden sich so auch in jedem deutschen Reiseblog.
    Die Leute wollen Regeln (genau, wie im Buch die Welle beschrieben). Sie wollen drakonische Strafen (natürlich für die Anderen) und Sauberkeit und Ordnung. Alles das, was eine schöne GUI ausmacht. Freilich nur, wenn man jetzt nicht öffentlich selbst für Ordnung und Sauberkeit sorgen muss. Dafür verzichten sie gerne auf Freiheit & so. Dementsprechend benehmen sie sich ja auch. Zumindest teilweise im Inland.

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