Es war nicht alles schlecht. Ich erinnere mich an eine (kurze) Phase, in der mir Jens Spahn im Bundesgesundheitsministerium ziemlich richtig erschien. Das war noch vor Corona, vor Masken und Milliarden. Das Ministerium ist ein komplizierter Laden, und Spahn wirkte auf mich ehrgeizig, durchsetzungsfähig und robust genug für diesen Job. Ich weiß, dass viele Menschen ihn schon damals völlig anders gesehen haben.
Die alten Geschichten bleiben
Später kamen die Entscheidungen der Pandemie hinzu. In meinem Beitrag „Masken, Macht und Milliarden: Ein politisches Vermächtnis des Jens Spahn?“ habe ich mich mit den finanziellen Folgen seiner Amtszeit beschäftigt.
Fast prophetisch wirkt heute ein älterer Text: „Spahns Zeit läuft ab“. Er stammt aus dem Juni 2021. Manchmal altern Überschriften erstaunlich gut. Nach der Pandemie arbeitete Spahn sich wieder nach oben und wurde Unionsfraktionschef. Dann kam die Leihmutterschaftsaffäre. Politisch problematisch war für mich dabei weniger der private Kinderwunsch als der Widerspruch zu seiner früher öffentlich vertretenen Haltung. Spahn räumte selbst ein, die Sache nicht rechtzeitig offen angesprochen zu haben. Im Juli trat er als Fraktionsvorsitzender zurück.
Und dann Sardinien
Man hätte meinen können, ein Politprofi mit seiner Erfahrung würde danach besonders vorsichtig agieren. Stattdessen fehlte Spahn bei einer Sitzung des Haushaltsausschusses. Als Grund wurde die Betreuung seines kranken Kindes genannt. Gleichzeitig erschienen Fotos von ihm mit dem Kind auf Sardinien.
Was sich innerhalb der Familie abgespielt hat, können Außenstehende nicht beurteilen. Darum geht es mir auch nicht. Erstaunlich ist vielmehr das politische Gespür – oder dessen Fehlen. Wer gerade eine Vertrauenskrise hinter sich hat, müsste wissen, welche Wirkung solche Bilder entfalten.
Nun gibt Spahn auch seinen erst Anfang September übernommenen Sitz im Haushaltsausschuss auf. So melden es heute verschiedene Medien. Er begründet das damit, dass um seine Person normales Arbeiten derzeit kaum möglich sei und sein Rücktritt vom Fraktionsvorsitz noch zu frisch sei.
Vielleicht ist dieser Rückzug vernünftig. Jahrelang schien Spahns politische Karriere nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Heute entsteht eher der Eindruck, dass seine Zukunft hinter ihm liegt.
Politik kennt erstaunliche Comebacks. Aber bei Jens Spahn fällt es inzwischen schwer, noch zu erkennen, wohin ein solches führen sollte.
Ich erinnere mich an Rudolf Scharping, der in seinem verliebten Kopf der Bunten ein ausführliches Interview und Bilder über die Planschspiele mit seiner neuen Flamme Kristina Pilati gibt, während im Bundestag über den Mazedonien-Einsatz der Bundeswehr diskutiert wurde.
Spahn war aus meiner Sicht immer schon ein Schlitzohr, offenbar aber nicht lernfähig.
@Peter Lohren: Ich war auch überrascht, dass er sich diese Dummheit so bald nach der ersten geleistet hat. Ich hatte ihn für klüger gehalten.