Mit dem Ende der gedruckten „Emma“ wird auch über Alice Schwarzers Lebenswerk gestritten. Sibel Schicks scharfe Kritik verdient eine Auseinandersetzung. Doch berechtigte Einwände gegen heutige Positionen rechtfertigen keine pauschale Abwertung dessen, was Schwarzer für Frauen erreicht hat.

alice-schwarzer-emma-lebenswerk-und-kritik.

Ich habe Alice Schwarzer und die „Emma“ über mein Erwachsenenleben hinweg überwiegend positiv gesehen. Auch und gerade als Mann. Man musste ihre Positionen keineswegs durchgehend teilen, um zu erkennen, dass hier jemand Verhältnisse infrage stellte, mit denen sich andere bequem eingerichtet hatten. Frauen wurden belächelt, auf ihr Aussehen reduziert oder als anstrengend abgetan, sobald sie Ansprüche erhoben. Schwarzer hat sich damit nicht abgefunden. Das angekündigte Ende der gedruckten „Emma“ berührt mich deshalb mehr als die übliche Nachricht über eine verschwindende Zeitschrift.

Am 8. Dezember 2026 soll die letzte Ausgabe erscheinen. Das erste Heft kam am 26. Januar 1977 heraus. Fast ein halbes Jahrhundert liegt dazwischen, in dem sich dieses Land erheblich verändert hat – auch durch die Auseinandersetzungen, die „Emma“ angestoßen und begleitet hat. Ein solcher Abschied verdient einen Rückblick, der Erfolge und Irrtümer in ihrem Zusammenhang betrachtet.

Was damals erkämpft werden musste

Wer die siebziger und achtziger Jahre erlebt hat, erinnert sich an einen gesellschaftlichen Ton, den sich manche heute vielleicht kaum noch vorstellen können. Der Spott über Frauenrechtlerinnen gehörte zum guten Gebrauch männlicher Selbstgewissheit. Wer widersprach, war eine „Emanze“. Die Abwertung ersparte die Beschäftigung mit dem Anliegen. Der WDR erinnert in seinem Rückblick an dieses Klima und würdigt die Bedeutung der „Emma“ für die damalige Frauenbewegung.

„Emma“ machte unter anderem sexuellen Kindesmissbrauch, Genitalverstümmelung und die Benachteiligung von Frauen öffentlich. Natürlich war die Emanzipation das Werk vieler Frauen, unterschiedlicher Organisationen und politischer Bewegungen. Schwarzer gehörte aber zu ihren sichtbarsten Stimmen. Ihre Hartnäckigkeit half, Themen auf die Tagesordnung zu setzen, die andere lieber übergangen hätten. Was später als unangenehm galt, war ein Teil ihrer Wirkung.

Mich beschäftigt bei solchen Rückblicken die Frage, wie schnell historische Einordnung in nachträgliche Überlegenheit umschlägt. Darüber habe ich bereits in „Wenn aus Aufarbeitung Abrechnung wird“ geschrieben. Wer heute auf einem weiterentwickelten Verständnis von Gleichberechtigung besteht, sollte wahrnehmen, wer an dessen Voraussetzungen mitgearbeitet hat.

Was Sibel Schick kritisiert

Besonders scharf fällt die Kritik aus, über die MiGAZIN am 21. Oktober berichtet. Der Text stammt von Linda Gerner und gibt Aussagen der Autorin Sibel Schick gegenüber dem Evangelischen Pressedienst wieder. Schick wirft „Emma“ islamfeindlichen Rassismus und transfeindliche Positionen vor. Zudem habe sich das Magazin vorwiegend an privilegierte Frauen gerichtet und andere Benachteiligungen neben Sexismus vernachlässigt. Schwarzers persönliche Perspektive habe das Blatt dominiert.

Den Grundgedanken dahinter finde ich nachvollziehbar. Frauen machen unterschiedliche Erfahrungen. Armut, eine Behinderung oder rassistische Ausgrenzung können ihre Handlungsmöglichkeiten zusätzlich einschränken. Eine gut verdienende Akademikerin begegnet anderen Hindernissen als eine alleinerziehende Reinigungskraft. Ein Feminismus, der solche Unterschiede übersieht, bleibt hinter seinem Anspruch zurück. Gleichberechtigung wäre ein bescheidenes Projekt, wenn sie an der Tür zur Chefetage endete.

Ob Schicks weitreichendes Urteil über „Emma“ damit gerechtfertigt ist, wäre allerdings genauer zu prüfen: Welche Frauen kamen zu Wort? Welche Erfahrungen fehlten? Wo wurden Menschen verzerrt dargestellt? Ein politisches Magazin darf eine erkennbare Haltung haben. Es muss sich daran messen lassen, ob es seine Behauptungen belegt und mit Andersdenkenden fair umgeht. Dasselbe sollte für die Kritik an diesem Magazin gelten.

Freiheit muss in beide Richtungen gelten

Beim Umgang mit muslimischen Frauen liegt ein wirklicher Konflikt. Schick kritisiert, dass Frauen mit Hijab zu Feindbildern gemacht würden. Der MiGAZIN-Bericht erinnert außerdem an Schwarzers drastische historische Vergleiche zum Kopftuch. Solche Zuspitzungen können Unterschiede verwischen, die für eine sachliche Auseinandersetzung entscheidend sind. Wer sie kritisiert, hat deshalb nicht automatisch den Kampf gegen religiöse Unterdrückung aufgegeben.

Eine Frau, die ihr Kopftuch freiwillig trägt, darf erwarten, dass man ihr zuhört. Sie muss sich weder für die Politik islamischer Staaten noch für die Vorstellungen von Islamisten rechtfertigen. Wer ihr grundsätzlich abspricht, selbst über ihre Kleidung entscheiden zu können, gerät in die Nähe jener Bevormundung, die er bekämpfen möchte. Ebenso wenig dürfen Frauen übersehen werden, die unter religiösen Vorschriften, familiärer Kontrolle oder gesellschaftlichem Druck leiden.

Diese Spannung beschäftigt mich seit Langem. Schon 2016 ging es in meinem Beitrag „Bitte keine politische Korrektheit als Beruhigungspille für die Bevölkerung“ um die Frage, wie sich frauenfeindliche Verhältnisse ansprechen lassen, ohne Menschen pauschal nach ihrer Herkunft zu beurteilen. Dass Rechtsextreme ein Problem ausschlachten, schafft es schließlich nicht aus der Welt. Umgekehrt rechtfertigt ein bestehendes Problem keinen Generalverdacht.

Mein Maßstab wäre deshalb: Frauen müssen ein Kopftuch tragen dürfen und es ablegen dürfen. Sie brauchen Schutz vor rassistischer Ausgrenzung ebenso wie vor religiöser Bevormundung. Gerade ein Feminismus, der unterschiedliche Lebensrealitäten ernst nehmen will, müsste beides im Blick behalten.

War Schwarzer bloß eine unterhaltsame Provokation?

Wenig überzeugt mich Schicks Überlegung, Schwarzer hätte nicht so häufig in den Medien auftreten können, wenn sie männliche Macht tatsächlich bedroht hätte. Ihre öffentliche Präsenz erscheint in dieser Deutung vor allem als Unterhaltung, die den Verantwortlichen nicht gefährlich werden konnte.

Aber Medien können eine Person gleichzeitig vermarkten, verspotten und ihr Raum für folgenreiche Kritik geben. Eine streitbare Frau mag als unterhaltsamer Gast eingeladen werden und trotzdem Zuschauerinnen ermutigen oder gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten erschüttern. Die Absichten der Einladenden entscheiden nicht allein über die Wirkung eines Auftritts. Aus Schwarzers Bekanntheit auf ihre politische Harmlosigkeit zu schließen, erscheint mir deshalb ebenso gewagt wie die Vorstellung, jede Provokation sei bereits ein gesellschaftlicher Fortschritt.

Heutige Positionen müssen Kritik aushalten

Schwarzers Verdienste sind selbstverständlich kein Schutzschild für ihre heutigen Aussagen. Beim Umgang mit Transpersonen müssen Würde, Rechte und konkrete Erfahrungen der Betroffenen zählen. Auch ihre Haltung zum russischen Krieg gegen die Ukraine darf man entschieden kritisieren. Der WDR beschreibt die Auseinandersetzung um ihre gemeinsam mit Sahra Wagenknecht vertretenen Forderungen nach schnellen Verhandlungen. Für mich muss jede Friedensforderung die Verantwortung Russlands und das Selbstbestimmungsrecht der angegriffenen Ukraine deutlich im Blick behalten.

Ebenso lässt sich fragen, weshalb „Emma“ so eng mit ihrer Gründerin verbunden blieb. Der WDR erinnert an den gescheiterten Versuch, die redaktionelle Leitung an Lisa Ortgies zu übergeben. Darin kann man ein Problem der Nachfolge erkennen, ohne die gesamte Arbeit des Magazins zum persönlichen Tagebuch zu erklären. Eine faire Bilanz müsste auch die Leistung der anderen Redakteurinnen und Mitarbeiterinnen berücksichtigen.

Was von diesem Abschied bleiben sollte

Ich sehe in der Härte der heutigen Auseinandersetzungen nicht einfach den Beweis, dass Schwarzer im Alter verhärtet sei. Mir scheint, dass unsere Öffentlichkeit selbst weniger Geduld mit widersprüchlichen Menschen hat. Abweichende Positionen werden schnell zu Zeichen grundsätzlicher Unzugehörigkeit. Heftige Konflikte innerhalb des Feminismus gab es zwar schon früher, und Schwarzer hat sie mit zugespitzt. Trotzdem frage ich mich, weshalb wir Menschen so häufig auf jene Position reduzieren, die uns an ihnen am meisten missfällt. Diese Frage beschäftigt mich auch in „Wie wollen wir weitermachen?“.

Mein Respekt für Alice Schwarzers Lebenswerk hängt nicht davon ab, ob ich jede ihrer heutigen Ansichten unterschreiben kann. Ich kann Sibel Schicks Einwände teilweise nachvollziehen und ihre pauschalen Schlussfolgerungen trotzdem ablehnen. Wenn die gedruckte „Emma“ nun endet, bleibt für mich die Erinnerung an eine unbequeme Stimme, die dieses Land verändert hat. Dies anzuerkennen, sollte auch im Widerspruch möglich sein.


Andere Blog zum Thema:

Feminismus: entweiblicht – Hirnfick 2.0
Das „Emma Magazin“ wird eingestellt | Alles Evolution
EntEMMAt | Thomas Gigold

2 Kommentare

Kommentar schreiben

Kommentieren auf diesem Blog

  • Text wird lokal zwischengespeichert
  • Antworten können per E-Mail abonniert werden
  • Kommentar kurzzeitig bearbeitbar oder löschbar

Nach dem Absenden kannst du deinen Kommentar noch 15 Minuten bearbeiten oder löschen.Danach wende dich bitte an den Blogbetreiber. Änderungen durch Gäste werden erneut zur Freigabe vorgelegt.
  1. Leider hat sich Schwarzer einen Teil ihres Mythos selber zerstört. Sie schrieb für die BILD und für ein rechtskonservatives Blatt. Damit hat sie ihre Reputation und ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. Sie hat viel getan für die Frauen, ohne Zweifel. Auch ihre Haltung gegenüber Kopftuchträgerinnen und Transgender kann ich mit der argumentativen Grundlage des Feminismus nachvollziehen, die Arbeit bei der BILD-Zeitung und bei der Website politikversagen.net nicht.

[hs_social_buttons]

Ruggero Leoncavallo – Pagliacci / Act 1: "Vesti la giubba"
Zuletzt gehört
Pagliacci / Act 1: "Vesti la giubba"
Ruggero Leoncavallo · Pavarotti - The Greatest Hits
Zuvor
Giacomo Puccini – Tosca, SC 69 / Act 3: "E lucevan le stelle"
Tosca, SC 69 / Act 3: "E lucevan le stelle"
Giacomo Puccini · Pavarotti - The Greatest Hits
Davor
Anne Sofie von Otter – The Other Woman
The Other Woman
Anne Sofie von Otter · For The Stars

[hs_audiobook]