
Es gibt Thriller, nach denen man den Fernseher ausschaltet und zur Tagesordnung übergeht. „Das Vergessen – Spurlos im Moor“ gehört für mich nicht dazu. Die sechsteilige deutsch-österreichische Serie erzählt von der Polizistin Pia Kraus, die den Mord an ihrer Nichte aufklären will und gleichzeitig mit einer frühen Alzheimer-Erkrankung konfrontiert wird. Schon diese Verbindung macht aus einem Kriminalfall eine Geschichte, deren Beklemmung weit über die Suche nach einem Täter hinausreicht.
Dieser Beitrag verrät eine entscheidende Wendung der Handlung.
Die Naturaufnahmen tragen viel zu dieser Atmosphäre bei. Das Moor, die karge Landschaft, diese Kälte, die sich irgendwann auch im Wohnzimmer auszubreiten scheint. Noch bedrückender fand ich allerdings den fortschreitenden Verlust von Pias Erinnerungsvermögen. Einer Frau zuzusehen, die Antworten finden muss, während ihr die Gewissheit über die eigene Wahrnehmung entgleitet, ist schwer auszuhalten. Julia Koschitz spielt das einfach großartig. In ihrem Blick liegen Entschlossenheit, Angst und jene Verunsicherung, die sich nicht mit einem energischen Entschluss abschütteln lässt. Für mich trägt sie diese Serie.
Wenn das Drehbuch plötzlich ein Gewehr braucht
Leider hält die erzählerische Glaubwürdigkeit mit dieser schauspielerischen Leistung nicht immer Schritt. Besonders gestört hat mich der Auftritt von Pias Schwester Caro, der Mutter des Opfers, die plötzlich mit einem Gewehr auf dem Plan steht und den Mörder ihrer Tochter erschießt. Für mich wirkte das, als hätte sie die Waffe eben „zufällig“ dabeigehabt. Die Verzweiflung dieser Mutter kann ich nachvollziehen. Dass daraus auf derart bequemem Wege eine bewaffnete Rächerin wird, hat mich dagegen aus der Geschichte geworfen. Ein Gewehr sollte schon etwas überzeugender in eine Handlung gelangen, als vom Drehbuch im entscheidenden Moment angereicht zu werden.
Trotz solcher Schwächen hat mich „Das Vergessen“ gefesselt und über die sechs Folgen hinweg kurzweilig unterhalten. Wobei „kurzweilig“ hier keineswegs unbeschwert bedeutet. Die Serie ist düster, manchmal geradezu niederdrückend, und hinterlässt mehr als die Erinnerung an einen gelösten Kriminalfall. Vor allem bleibt Julia Koschitz. Ihr zuzusehen lohnt sich selbst dann, wenn man dem Drehbuch zwischendurch gern ein paar unangenehme Fragen stellen würde.
Kommentare