Bei Markus Lanz führt die Diskussion über Deutschlands wirtschaftliche Zukunft zuverlässig zur Frage, was Beschäftigte und Rentner noch hergeben sollen. Dabei liefert die Runde selbst Argumente gegen diesen Tunnelblick. Wettbewerbsfähigkeit braucht mehr als die nächste soziale Zumutung.

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Es gibt Diskussionen, bei denen man nach wenigen Minuten ahnt, wer am Ende die Rechnung bekommen soll. Deutschland verliert wirtschaftlich den Anschluss, die Industrie steht unter Druck, China zieht davon – und irgendwann landet der Zeigefinger wieder bei den Beschäftigten und Rentnern. Zu teuer, zu früh im Ruhestand, zu anspruchsvoll bei der sozialen Absicherung. Bei Markus Lanz am 22. Oktober (nachfolgend Ausschnitt genannt) war diese vertraute Melodie wieder zu hören. Besonders der Moderator spielte sie mit bemerkenswertem Nachdruck. Mir geht dieser Sermon inzwischen gehörig auf den Zeiger.

In der Sendung saßen Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies, die China-Expertin Doris Fischer, der Investor Christian Miele und Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes. Eine Runde, von der man Aufklärung über industrielle Versäumnisse, Investitionen und wirtschaftspolitische Alternativen erwarten darf. Der vorliegende Gesprächsausschnitt enthält davon durchaus einiges. Umso ärgerlicher ist, wie beharrlich Lanz die Diskussion wieder auf soziale Einschnitte und einen späteren Renteneintritt zurückführt.

Erst die Zukunft verschlafen, dann die Beschäftigten wecken

Sebastian Matthes beschreibt zu Beginn ein Problem, das erheblich tiefer reicht als die Höhe deutscher Löhne. Deutschland habe die erfolgreichen Jahre nach der Finanzkrise falsch verstanden: als Bestätigung der eigenen technologischen Überlegenheit und der Reformpolitik. Tatsächlich habe der gewaltige Industrialisierungsschub Chinas eine Sonderkonjunktur für deutsche Unternehmen geschaffen. Während hier die Auftragsbücher voll waren, entstanden andernorts die Industrien der nächsten Epoche. Man hielt sich für den Weltmeister der Zukunft und war womöglich vor allem sehr erfolgreich in einer Gegenwart, deren Ablaufdatum näher rückte.

Diese Erklärung muss man nicht in jedem Punkt übernehmen. Aber sie führt zu einer naheliegenden Frage: Wer hat die strategischen Entscheidungen getroffen? Wer hat Produkte entwickelt, Investitionen priorisiert, Renditeziele festgelegt und politische Rahmenbedingungen geschaffen? Der Beschäftigte am Band vermutlich eher selten. Wenn nun ausgerechnet seine soziale Absicherung zum bevorzugten Reparaturmaterial für das beschädigte Geschäftsmodell wird, darf man das eine ziemlich bequeme Verantwortungsverteilung nennen. Oben wurde entschieden, unten soll nachgebessert werden.

Hohe Arbeitskosten sind eine Zahl, noch keine Erklärung

Natürlich sind die deutschen Arbeitskosten hoch. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kostete eine geleistete Arbeitsstunde 2025 im Produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich durchschnittlich 45 Euro, gegenüber 34,90 Euro im EU-Durchschnitt. Diese Arbeitskosten umfassen allerdings mehr als das ausgezahlte Gehalt. Und Deutschland steht damit keineswegs allein: Dänemark lag bei 51,70 Euro, die Niederlande bei 47,90 Euro. Der deutsche Abstand zum EU-Durchschnitt war zudem nahezu derselbe wie 2020.

Aus solchen Zahlen folgt, dass Kosten eine Rolle spielen. Es folgt daraus keine vollständige Diagnose der deutschen Wirtschaftskrise. Dafür müsste man auch wissen, was in einer Arbeitsstunde produziert wird, wie gefragt die Produkte sind und welche Preise sie erzielen. Hohe Löhne können durch hohe Produktivität und gute Produkte getragen werden. Umgekehrt macht eine billigere Arbeitsstunde aus einer verpassten technischen Entwicklung noch keinen Verkaufsschlager. Wer ein unattraktives Auto baut, bekommt durch eine schlechter abgesicherte Belegschaft zunächst einmal ein unattraktives Auto mit niedrigeren Personalkosten.

Meine spontane Übersetzung solcher Debatten lautet deshalb: Wollen die ein Land, in dem wir bei den Löhnen irgendwann mit China konkurrieren? Als Beschreibung einer ausdrücklich erhobenen Forderung wäre das für diesen Ausschnitt zu weit gegangen. Niemand verlangt dort nachweisbar chinesische Löhne. Als Warnung vor der Richtung einer Politik, die Wettbewerbsfähigkeit vor allem über Verzicht herstellen will, bleibt die Frage berechtigt. Über diese schiefe China-Messlatte habe ich bereits in „Mehr arbeiten wie in China? Bitte nicht!“ geschrieben.

Der Moderator kennt den Weg zur Rentenkasse

Besonders aufschlussreich ist, was passiert, als Matthes eine technologieorientierte Innovationspolitik und ein überzeugendes Zukunftsbild fordert. Er kritisiert, dass die politische Ansprache vor allem aus Verlustankündigungen bestehe: länger arbeiten, später in Rente, zusätzliche Anforderungen bei Krankheit. Eine Regierung müsse erklären, wohin sie das Land führen wolle. Christian Miele spricht über neue Unternehmen, Robotik und die Verbindung von künstlicher Intelligenz mit industrieller Substanz. Man könnte an dieser Stelle sehr konkret werden: Welche Investitionen fehlen? Welche Entscheidungen wurden versäumt? Wer muss jetzt liefern?

Lanz zieht die Diskussion stattdessen zur Finanzierbarkeit des Sozialstaats und zur sogenannten Rente mit 63. Nun sind Fragen nach der Finanzierung legitim und notwendig. Aber ihre ständige Wiederholung macht sie noch nicht zur Antwort auf eine andere Frage: Woher kommen neue Produkte, neue Nachfrage und zusätzliche Wertschöpfung? Lies hält im Ausschnitt genau dagegen. Eine Rentenreform allein werde kein Wachstum erzeugen. Diesen Einwand finde ich zentral. Man kann einen Staat sozial kälter organisieren und wirtschaftlich trotzdem auf der Stelle treten.

Die „Rente mit 63“ als unverwüstlicher Prügelknabe

Besonders lästig ist die Hartnäckigkeit dieses Schlagworts. Für die abschlagsfreie Altersrente nach 45 Versicherungsjahren steigt das Zugangsalter längst schrittweise. Für die Jahrgänge ab 1964 liegt es bei 65 Jahren. Wer dauernd von der „Rente mit 63“ spricht, sollte diese Entwicklung wenigstens so deutlich benennen, wie er die vermeintliche Unvernunft ihrer Verteidiger herausstellt. Sonst bleibt beim Publikum das Bild eines großzügigen Frühverrentungsangebots hängen, das für die jüngeren Jahrgänge in dieser Form gar nicht gilt.

Lies verteidigt die Anerkennung einer langen Erwerbsbiografie. Darauf kann man mit Finanzierungsfragen antworten. Man sollte aber auch über die Bedingungen reden, unter denen Menschen diese Jahrzehnte verbringen. Im Gespräch verweist Doris Fischer auf Professoren, die gern länger arbeiten möchten. Das ist erfreulich. Es beantwortet nur begrenzt die Frage, was einer Pflegekraft, einem Dachdecker oder einer erschöpften Schichtarbeiterin zuzumuten ist. Die Freude am eigenen Beruf und die körperliche Möglichkeit, ihn weiter auszuüben, sind nun einmal höchst unterschiedlich verteilt.

Auch junge Beschäftigte haben ein berechtigtes Interesse daran, dass ihre Abgaben nicht immer weiter steigen. Ihre Belastung verdient eine ernsthafte Antwort. Aber daraus folgt kein Freibrief, ältere Beschäftigte als Hindernis ihrer Zukunft darzustellen. Genau deshalb brauche ich Generationengerechtigkeit statt Generationenkampf: eine Debatte, die Belastungen und Chancen nach Lebenslagen betrachtet und sich nicht mit dem Geburtsjahr als Gerechtigkeitsmaßstab zufriedengibt.

Auch die Wachstumsversprechen brauchen Gegenfragen

Fairerweise: Die Gäste bilden keinen geschlossenen Block von Sozialstaatsgegnern. Matthes kritisiert die politische Verlustgeschichte ausdrücklich. Miele setzt auf Innovation und neue Unternehmen. Fischer relativiert den Eindruck chinesischer Übermacht bei Robotern, indem sie nach dem Verhältnis zur Größe der Industrie fragt. Gerade diese Unterschiede machen den Ausschnitt interessant. Die Behauptung, hier wollten alle gemeinsam die deutschen Löhne zusammenstreichen, würde die tatsächlich geführte Diskussion verzeichnen.

Trotzdem verdient auch der technische Optimismus kritische Nachfragen. Wenn Miele mit den gewaltigen Unternehmensbewertungen von Anthropic und Nvidia argumentiert, illustriert das Erwartungen der Kapitalmärkte. Es erklärt noch nicht, wie daraus in Deutschland breite Beschäftigung, verlässliche Steuereinnahmen und eine finanzierbare Alterssicherung entstehen. Ebenso wenig sollte die Prognose eines äußerst niedrigen künftigen Potenzialwachstums wie eine unabänderliche Naturgewalt behandelt werden. Solche Schätzungen sollen politische Entscheidungen informieren. Sie dürfen deren Diskussion nicht ersetzen.

Bei Robotik und KI stellt sich außerdem eine Verteilungsfrage: Wenn weniger Menschen mehr herstellen können, wer profitiert davon? Werden die Produktivitätsgewinne für bessere Einkommen und die Finanzierung gemeinsamer Aufgaben genutzt? Oder erfahren Beschäftigte vor allem, dass ihre Stelle verschwindet und ihre Absicherung leider ebenfalls zu teuer geworden ist? Über diese Frage würde ich gern dieselbe beharrliche Befragung erleben wie über den Renteneintritt.

Sozialer Schutz ist Teil der wirtschaftlichen Zukunft

Am Ende des Ausschnitts empfiehlt Matthes ausgerechnet Dänemark: mehr Flexibilität, verbunden mit guten Sozialsystemen, die Menschen beim Übergang helfen. Das ist ein bemerkenswerter Akzent. Wer verlangt, dass Beschäftigte Veränderungen akzeptieren, muss ihnen einen tragfähigen Boden anbieten. Menschen wechseln leichter den Beruf, lernen eher etwas Neues und tragen Umbrüche eher mit, wenn ein Scheitern nicht gleich den sozialen Absturz bedeutet. Sicherheit kann Veränderung ermöglichen. Sie ist nicht bloß eine lästige Rechnung hinterher.

Dass der Sozialstaat wirtschaftliche Grundlagen braucht und die Alterung unserer Gesellschaft ernste Probleme schafft, habe ich selbst in „Unser Sozialstaat ist nicht zu teuer – aber seine Grundlagen geraten ins Wanken“ beschrieben. Daraus folgt für mich die Pflicht, über Finanzierung, Produktivität, Beschäftigung und faire Lastenverteilung zu sprechen. Die Erlaubnis, unter dem Wort „Reform“ immer wieder dieselben Gruppen zur Kasse zu bitten, folgt daraus nicht.

Mich ärgert diese selbstgewisse Zumutungsrhetorik. Wer über Jahrzehnte gearbeitet hat, muss sich nicht behandeln lassen, als sei sein Wunsch nach einem verlässlichen Ruhestand ein wirtschaftspolitischer Betriebsunfall. Und wer heute jung ist, braucht mehr als die Aussicht, länger zu arbeiten und dabei zunehmend um seine Absicherung zu bangen. Wenn ein Zukunftsversprechen hauptsächlich daraus besteht, dass die Menschen mehr leisten und weniger erwarten sollen, ist es ein verdammt dürftiges Versprechen.

Herr Lanz darf hartnäckig fragen, wie wir unseren Wohlstand bezahlen. Ich wünsche mir dieselbe Hartnäckigkeit bei der Frage, wer die wirtschaftlichen Fehlentscheidungen verantwortet und wer welchen Anteil am notwendigen Umbau trägt. Solange die Debatte zuverlässig bei der Rentenkasse landet, während die Verantwortung in den Chefetagen nur vorbeischaut, bleibt bei mir ein sehr unguter Eindruck: Der gesellschaftliche Fortschritt soll zurückgebaut werden, damit die wirtschaftlichen Versäumnisse weniger auffallen.

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