
Manchmal hilft es, sich von Milliardenbeträgen nicht gleich erschlagen zu lassen. Deutschland hat 2025 rund 1.431 Milliarden Euro für soziale Leistungen ausgegeben. Das entspricht etwa 32 Prozent unserer Wirtschaftsleistung. Im Jahr 2000 waren es noch 681 Milliarden Euro. Die Ausgaben haben sich nominal also mehr als verdoppelt.
Ist unser Sozialstaat damit zu teuer geworden? So einfach ist es nicht. Schließlich hat sich auch die Wirtschaftsleistung seit der Jahrtausendwende ungefähr verdoppelt. Die gesetzliche Rentenversicherung beanspruchte im Jahr 2000 rund 9,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 2024 waren es etwa 9 Prozent. Selbst die Steuerzuschüsse des Bundes sind gemessen am BIP nicht gestiegen, sondern leicht gesunken.
Das Problem liegt weniger in der Vergangenheit als in der Zukunft.
Die demografische Rechnung geht nicht mehr auf
Ich habe bereits darüber geschrieben, dass die Rente letztlich nicht aus Geld bezahlt wird, sondern aus dem, was wir erwirtschaften. Genau darin liegt der entscheidende Punkt: Ein Sozialstaat kann wachsen, solange Wirtschaftsleistung, Produktivität und Beschäftigung einigermaßen mithalten.
Doch diese Voraussetzungen verändern sich. Die Babyboomer verlassen den Arbeitsmarkt, kleinere Jahrgänge folgen. Gleichzeitig steigen die Ausgaben für Rente, Gesundheit und Pflege.
Das Bundesfinanzministerium hat diese Entwicklung in seinem Tragfähigkeitsbericht untersucht. Je nach Szenario könnten die demografieabhängigen öffentlichen Ausgaben bis 2070 von 27,3 auf 30,8 bis 36,1 Prozent des BIP steigen. Das sind Modellrechnungen, keine Vorhersagen. Die Richtung ist trotzdem eindeutig.
Die Grundsicherung ist nicht das entscheidende Kostenproblem
Wer über die Finanzierbarkeit unseres Sozialstaats spricht, sollte zunächst die Größenordnungen betrachten. Die Geldleistungen des damaligen Bürgergelds beliefen sich 2025 auf rund 29 Milliarden Euro. Dem standen etwa 418 Milliarden Euro an Geldleistungen der gesetzlichen Rentenversicherung gegenüber. Auch die Ausgaben für Gesundheit und Pflege wachsen erheblich. Allein die Pflegeversicherung verzeichnete 2025 einen Ausgabenanstieg von mehr als elf Prozent.
Seit Juli 2026 gilt die neue Grundsicherung für Arbeitsuchende. Sie hat das Bürgergeld abgelöst und dessen Regeln in wesentlichen Punkten verändert. Ob und in welchem Umfang die Reform langfristig Einsparungen bringt, wird sich erst zeigen müssen.
An der grundsätzlichen Rechnung ändert das jedoch wenig. Selbst erhebliche Einsparungen bei der Grundsicherung könnten die finanziellen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft nicht annähernd ausgleichen. Die entscheidenden Kostenentwicklungen finden bei Rente, Gesundheit und Pflege statt. Dort wird sich zeigen, ob unser Sozialstaat auf Dauer finanzierbar bleibt.
Verteidigung und Investitionen verschärfen die Lage
Deutschland hat jahrzehntelang von einer Friedensdividende profitiert. Diese Zeit ist vorbei. Nach der Finanzplanung des Bundes sollen die Verteidigungsausgaben bis 2029 auf 3,5 Prozent des BIP steigen. Für 2026 waren rund 128 Milliarden Euro vorgesehen, für 2029 etwa 176 Milliarden.
Hinzu kommen steigende Zinslasten und ein gewaltiger Investitionsbedarf bei Infrastruktur, Bildung, Digitalisierung und Klimaschutz. Alles Aufgaben, die sich nicht einfach gegeneinander ausspielen lassen.
Das Problem ist weniger eine einzelne unbezahlbare Ausgabe als deren Summe. Höhere Renten, bessere Pflege, mehr Verteidigung und dringend benötigte Investitionen müssen schließlich von derselben Volkswirtschaft finanziert werden.
Natürlich kann der Staat Schulden aufnehmen. Investitionskredite sind auch etwas anderes als dauerhaft kreditfinanzierte laufende Ausgaben. Im ungünstigsten Szenario des Tragfähigkeitsberichts könnte die Schuldenquote ohne politische Gegenmaßnahmen bis 2070 rechnerisch auf 365 Prozent des BIP steigen. Die Schuldenbremse blieb bei dieser Modellrechnung unberücksichtigt.
Auch das ist keine Prognose, sondern eine Warnung.
Ohne Wachstum wird es nicht funktionieren
Wir können über Rentenkürzungen, höhere Beiträge, Steuern, Eigenvorsorge, Sozialreformen und Zuwanderung streiten. Diese Debatten sind notwendig. Aber keine einzelne Maßnahme ersetzt die wirtschaftlichen Voraussetzungen eines leistungsfähigen Sozialstaats.
Deutschland muss produktiver werden und mehr erwirtschaften. Dazu brauchen wir bessere Bildung, Digitalisierung, Automatisierung, weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen und mehr Investitionen. Vor allem müssen mehr Menschen tatsächlich am Erwerbsleben teilnehmen können. Qualifizierte Zuwanderung gehört ebenso dazu wie bessere Möglichkeiten für ältere Beschäftigte, länger zu arbeiten.
Und ja, auch die Lebensarbeitszeit gehört auf den Tisch. Das sage ich ausdrücklich als Rentner. Wenn Menschen länger leben und immer weniger Erwerbstätige immer mehr Ruheständler finanzieren, können wir diese Entwicklung nicht dauerhaft ignorieren.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, den Dachdecker mit 70 aufs Gerüst zu schicken. Unterschiedliche Berufe und gesundheitliche Voraussetzungen verlangen unterschiedliche Lösungen. Aber eine längere durchschnittliche Erwerbstätigkeit wird Teil der Antwort sein müssen.
Über den Interessenausgleich zwischen den Generationen habe ich bereits in „Generationengerechtigkeit statt Generationenkampf“ geschrieben. Es geht mir nicht darum, Jung gegen Alt auszuspielen. Es geht um eine Rechnung, die am Ende aufgehen muss.
Die Politik muss endlich Prioritäten setzen
Auch Gesundheit und Pflege brauchen Reformen, die Qualität sichern, ohne jeden medizinischen Fortschritt und jede demografische Veränderung zwangsläufig in entsprechend höhere Ausgaben zu übersetzen. Sozialleistungen müssen diejenigen zuverlässig schützen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Gleichzeitig müssen Fehlanreize abgebaut werden.
Vor allem aber wird die Politik unbequeme Entscheidungen treffen müssen. Man kann höhere Renten, niedrigere Beiträge, bessere Pflege, geringere Steuern, mehr Verteidigung, höhere Investitionen und weniger Schulden versprechen. Man kann nur nicht alles gleichzeitig bezahlen.
Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieser Debatte: Wir müssen uns entscheiden, welche Prioritäten wir setzen, statt jeder gesellschaftlichen Gruppe zu versprechen, dass sie von notwendigen Veränderungen verschont bleibt.
Nicht der Sozialstaat ist zu groß. Seine Voraussetzungen werden kleiner.
Deutschland konnte sich seinen Sozialstaat bislang leisten. Die absoluten Ausgaben sind zwar enorm gestiegen, gemessen an unserer Wirtschaftsleistung fällt das Bild jedoch weit weniger dramatisch aus, als manche politische Debatte vermuten lässt.
Aber die Bedingungen verändern sich. Weniger Erwerbstätige müssen mehr Rentner finanzieren, die Pflege wird aufwendiger, die Verteidigung teurer. Gleichzeitig müssen wir einen Investitionsstau auflösen, den wir jahrzehntelang vor uns hergeschoben haben.
Unser Sozialstaat droht deshalb nicht unbezahlbar zu werden, weil wir plötzlich zu großzügig geworden wären. Er gerät unter Druck, weil wir seine wirtschaftlichen Grundlagen zu lange für selbstverständlich gehalten haben.
Ein Sozialstaat verteilt Wohlstand. Er erzeugt ihn nicht.
Wenn wir ihn erhalten wollen – und das will ich unbedingt –, müssen wir uns endlich wieder stärker darum kümmern, wie dieser Wohlstand entsteht. Sonst werden wir irgendwann nur noch darüber streiten, wer auf welchen Teil verzichten muss.
Quellen: Sozialbudget 2025 des BMAS, Tragfähigkeitsbericht des Bundesfinanzministeriums, Finanzbericht 2026.
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