Im Leben angepasst, beim Bloggen eher gern mal unbequem

Im wirklichen Leben bin ich eher zurückhaltend, beim Bloggen dagegen oft erstaunlich meinungsfreudig. Warum das so ist, was mich an demonstrativer Unangepasstheit stört und weshalb Widerspruch manchmal wertvoller ist als Zustimmung. Eine kleine Selbstbefragung über Mut, Gewissheit und Zweifel.

zwischen-haltung-und-gewissheit

Beim Lesen von Anna Koschinskis Beitrag „Unangepasst und laut“ habe ich mich gefragt, ob die Selbstbeschreibung als unbequemer, unangepasster Mensch nicht gelegentlich auch der eigenen Eitelkeit schmeichelt. Anna schildert, wie sie Missstände anspricht, Konflikte riskiert und dafür persönliche Nachteile in Kauf nimmt. Das will ich ihr keineswegs absprechen. Aber ob andere Beteiligte dieselben Situationen ähnlich beurteilen würden? Vielleicht ist das eine Frage, die wir uns alle häufiger stellen sollten.

Ich selbst bin eher der angepasste Typ, der sich nicht schnell mit seiner Meinung aus dem Fenster legt. Allerdings kommt das sehr auf die jeweilige „Umgebung“ an. In der Familie und im Freundeskreis würde man vermutlich nicht verstehen, weshalb ich mich selbst als angepasst bezeichne. Beim Bloggen ist das allerdings ohnehin ganz anders. Ich nutze meine Beinfreiheit (Anonymität), um Positionen, die ich für richtig halte, auch mal etwas zu vehement zu vertreten. Das hindert mich nicht daran, häufig darüber erstaunt zu sein, dass ich zu meinen Ansichten durchaus selten Zustimmung bekomme. Ich führe das auf meinen Schreibstil zurück, der mitunter etwas zu gewiss herüberkommen wird. Ich lese deshalb hier und da in Artikeln oder Blogrolls, dass mein Blog zwar (ohnehin eher selten) verlinkt werde, man allerdings durchaus nicht immer mit dem einverstanden sei, was ich da so an Beiträgen veröffentliche.

Die eigene Überzeugung ist kein Gütesiegel

Damit kann ich leben. Jedenfalls meistens. Aber enttäuscht bin ich doch häufiger als mir lieb ist. Allerdings bin ich selbst auch nicht gerade großzügig, wenn es darum geht, Meinungen gelten zu lassen, die meinen Überzeugungen fundamental widersprechen. Wer meinen Blog regelmäßig liest, weiß das. Besonders bei politischen Themen kann ich ziemlich hartnäckig, gelegentlich auch ungerecht werden. Vielleicht liegt darin ein Widerspruch, den ich selbst nicht immer ausreichend wahrnehme.

Es ist ja durchaus bequem, sich für jemanden zu halten, der unbequeme Wahrheiten ausspricht. Das klingt nach Rückgrat, Unabhängigkeit und moralischer Standfestigkeit. Nur ist die eigene Überzeugung noch lange kein Beleg dafür, dass man recht hat. Und nicht jeder, der mit uns streitet, tut das, weil er die Wahrheit nicht verträgt. Manchmal hat er schlicht die besseren Argumente.

In meinem Beitrag „Ich höre lieber Zweifel als Gewissheiten“ habe ich beschrieben, wie sehr mich Menschen überzeugen, die unterschiedliche Positionen diskutieren können, ohne dabei ihre Zweifel zu verlieren. Diesen Anspruch habe ich auch an mich selbst. Ob ich ihm gerecht werde, steht auf einem anderen Blatt.

Im Internet ist Mut manchmal erstaunlich billig

Hinzu kommt, dass wir Blogger eine recht komfortable Ausgangslage haben. Wir sitzen vor unseren Bildschirmen, formulieren unsere Ansichten und drücken irgendwann auf „Veröffentlichen“. Das kann Mut erfordern, besonders wenn persönliche Erfahrungen oder gesellschaftliche Tabus zur Sprache kommen. Aber es ist nicht dasselbe, wie einem Vorgesetzten, Kollegen oder Freund ins Gesicht zu sagen, dass man sein Verhalten für falsch hält.

Vielleicht bin ich deshalb im wirklichen Leben zurückhaltender als auf meinem Blog. Ich scheue Konflikte nicht grundsätzlich, aber ich suche sie auch nicht. Harmonie ist schließlich kein Charakterfehler. Ebenso wenig wie Zurückhaltung automatisch Feigheit bedeutet. Man kann schweigen, weil man sich nicht traut. Man kann aber auch schweigen, weil man ahnt, dass die eigene Sicht auf die Dinge unvollständig ist.

Schon in „Warum ich immer noch blogge – obwohl immer weniger mitlesen?“ habe ich darüber nachgedacht, weshalb Zuspitzung und Gewissheit offenbar erfolgreicher sind als vorsichtiges Abwägen. Ausgerechnet ich bin dafür vermutlich selbst kein schlechtes Beispiel.

Widerspruch ist keine persönliche Niederlage

Dass mir andere Blogger widersprechen oder meine Texte mit Vorbehalten empfehlen, könnte ich natürlich als Bestätigung meiner Unangepasstheit auffassen. Nach dem Motto: Seht her, ich lasse mich eben nicht verbiegen! Doch das wäre wohl eine ziemlich selbstgefällige Interpretation.

Vielleicht sind meine Texte gelegentlich zu scharf, meine Urteile zu endgültig und meine Formulierungen zu wenig einladend. Wer den Eindruck vermittelt, die richtige Antwort bereits zu kennen, darf sich nicht wundern, wenn andere wenig Lust verspüren, mit ihm nach ihr zu suchen. Dabei wünsche ich mir durchaus einen lebendigen Austausch. Darüber habe ich auch in „Zwischen Klick und Konversation: Was uns die Kommentare noch sagen“ geschrieben.

Ich werde deshalb nicht anfangen, meine politischen Überzeugungen weichzuspülen. Dafür beschäftigen mich manche Entwicklungen zu sehr, und manche Dinge halte ich tatsächlich für falsch, gefährlich oder schlicht unerträglich. Aber vielleicht sollte ich häufiger zwischen einer festen Haltung und der Gewissheit unterscheiden, mit dieser Haltung immer richtigzuliegen.

Das wäre jedenfalls mein bescheidener Versuch, aus der Lektüre von Annas Text etwas mitzunehmen. Unangepasstheit kann eine Tugend sein. Sie ist aber kein Wert an sich. Und wer sich selbst gern als unbequem beschreibt, sollte zumindest die Möglichkeit einkalkulieren, dass andere ihn nicht für mutig, sondern einfach nur für anstrengend halten.

Das gilt selbstverständlich auch für mich. Vielleicht sogar öfter, als mir lieb ist.

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