
Es gibt Entwicklungen, die man lange mit Statistiken, guten Absichten und wohlmeinenden Erklärungen begleiten kann. Allerdings auch mit Ignoranz. Irgendwann stellt sich trotzdem die Frage, ob wir uns mit Zuständen abgefunden haben, die keineswegs unveränderlich sind. Das Sicherheitsgefühl der Menschen in unseren europäischen Nachbarländern gehört für mich dazu. Wenn Frauen abends bestimmte Wege meiden, ältere Menschen Unterführungen umgehen oder Bahnhöfe nach Einbruch der Dunkelheit als unangenehme Orte wahrgenommen werden, dann ist das nicht einfach eine bedauerliche Begleiterscheinung des modernen Lebens. Es ist ein Verlust an Freiheit, der in unserer politischen Debatte meines Erachtens zu wenig Beachtung findet.
Eine Untersuchung aus der Schweiz hat mich aufhorchen lassen. Dort meiden mittlerweile 25,5 Prozent der Befragten abends Unterführungen, 18 Prozent halten sich nach 20 Uhr von Bahnhöfen fern. Das allgemeine Sicherheitsgefühl hat innerhalb von drei Jahren merklich nachgelassen. Gleichzeitig berichten mehr Menschen von eigenen Erfahrungen mit Gewalt, Betrug und sexueller Belästigung. Ähnliche Probleme kennen wir aus Deutschland und Österreich, wenngleich die Kriminalitätsentwicklung nicht überall dieselbe ist.
Mich beschäftigt dabei weniger die Frage, welches Land in der Statistik schlechter abschneidet. Ich frage mich vielmehr, weshalb wir offenbar bereit sind, Einschränkungen unserer alltäglichen Bewegungsfreiheit hinzunehmen, während die Politik seit Jahren darüber streitet, wie die Probleme überhaupt benannt werden dürfen.
Angst ist keine Einbildung – aber auch keine Statistik
Für Deutschland ergibt sich ein widersprüchliches Bild. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik 2025 ist die Gesamtzahl der registrierten Straftaten zurückgegangen. Auch bei der Gewaltkriminalität gab es zuletzt einen Rückgang, während Sexualdelikte zunahmen. In Österreich stieg dagegen die Gewaltkriminalität 2025 auf 88.133 Fälle, den höchsten Wert innerhalb von 25 Jahren.
Es wäre deshalb falsch, von einer überall gleichermaßen eskalierenden Kriminalität zu sprechen. Genauso falsch wäre es allerdings, die Ängste der Bevölkerung mit dem Hinweis auf rückläufige Gesamtzahlen beiseitezuschieben. Wer nachts einen Bahnhof meiden möchte, wird sich kaum dadurch beruhigen lassen, dass anderswo weniger Fahrräder gestohlen wurden. Unterschiedliche Straftaten haben unterschiedliche Folgen für das Sicherheitsgefühl. Ein Taschendiebstahl ist ärgerlich, eine Gewalterfahrung kann das Leben eines Menschen dauerhaft verändern.
In meinem Beitrag „Wenn auf unseren Straßen geschossen wird“ habe ich mich bereits mit dem Verhältnis zwischen tatsächlicher Gewalt und öffentlicher Wahrnehmung beschäftigt. Diese Unterscheidung bleibt wichtig. Aber sie darf nicht zu der bequemen Schlussfolgerung führen, das Problem liege hauptsächlich in den Köpfen der Menschen. Selbst wenn persönliche Erfahrungen, mediale Berichterstattung und gesellschaftliche Stimmungen die Angst verstärken, entbindet das den Staat nicht von seiner Verantwortung.
Wie viel Unsicherheit ist zumutbar?
Eine vollkommen kriminalitätsfreie Gesellschaft hat es nie gegeben und wird es vermutlich auch künftig nicht geben. Menschen begehen Straftaten, unabhängig davon, wie gut Gesetze formuliert oder wie viele Polizeibeamte eingesetzt werden. Die Vorstellung absoluter Sicherheit ist eine Illusion. Wer sie verspricht, weckt Erwartungen, die kein demokratischer Rechtsstaat erfüllen kann.
Daraus folgt aber keineswegs, dass jede Verschlechterung hingenommen werden muss. Zwischen dem unrealistischen Anspruch auf vollständige Sicherheit und der resignierten Gewöhnung an problematische Zustände liegt ein großer Bereich politischer Handlungsmöglichkeiten. Die entscheidende Frage lautet für mich nicht, ob wir sämtliche Straftaten verhindern können, sondern ob wir vorhandene Möglichkeiten zur Prävention und Strafverfolgung konsequent nutzen.
Es kann doch nicht richtig sein, dass Frauen ihre Wege planen müssen, um bestimmte Plätze zu vermeiden, während ihnen die Politik erklärt, ihre Ängste seien statistisch betrachtet übertrieben. Ebenso wenig sollte ein älterer Mensch den letzten Zug oder einen Abendspaziergang deshalb meiden, weil er sich auf dem Heimweg nicht mehr sicher fühlt. Freiheit besteht schließlich nicht nur darin, dass uns der Staat bestimmte Handlungen erlaubt. Sie setzt auch voraus, dass wir diese Freiheit ohne ständige Furcht wahrnehmen können.
Und ich finde, dass genau hier die Zumutbarkeit endet: wenn die Gesellschaft beginnt, die Folgen unzureichender Sicherheit auf die potenziellen Opfer abzuwälzen.
Was tatsächlich gegen Kriminalität hilft
Bemerkenswert ist, dass die Forschung durchaus Hinweise darauf liefert, wie sich Kriminalität reduzieren lässt. Eine systematische Auswertung von 32 Studien ergab beispielsweise, dass gezielte Polizeimaßnahmen an besonders belasteten Orten die dortige Gewaltkriminalität gegenüber herkömmlicher Polizeiarbeit im Durchschnitt um rund 24 Prozent verringerten. Das ist keine Erfolgsgarantie für deutsche oder österreichische Städte, aber ein ernst zu nehmender Befund. Vor allem problemorientierte Maßnahmen, die auf die konkreten Ursachen vor Ort zugeschnitten sind, erwiesen sich als wirksam.
Mehr Polizeipräsenz kann also durchaus helfen. Allerdings geht es nicht darum, wahllos zusätzliche Streifenwagen durch die Straßen fahren zu lassen. Es geht um eine sichtbare, ansprechbare Polizei an den Orten und zu den Zeiten, an denen Straftaten gehäuft auftreten. Ergänzt werden sollte dies durch gute Beleuchtung, übersichtliche öffentliche Räume, funktionierende Verkehrsstationen und die Beseitigung jener Angsträume, die sich vielerorts über Jahre entwickelt haben.
Auch dafür gibt es wissenschaftliche Anhaltspunkte. Eine internationale Metaanalyse stellte fest, dass verbesserte Straßenbeleuchtung mit einer Verringerung der Gesamtkriminalität um durchschnittlich 14 Prozent in den untersuchten Gebieten verbunden war. Ein signifikanter Rückgang von Gewaltdelikten ließ sich dabei allerdings nicht nachweisen. Man sollte also auch solche Ergebnisse nicht überinterpretieren.
Mindestens ebenso wichtig erscheinen mir leistungsfähige Ermittlungsbehörden, eine funktionierende Justiz und eine Strafverfolgung, die nicht erst Jahre nach einer Tat zu einem Ergebnis führt. Konsequenz bedeutet für mich nicht, möglichst hohe Strafen zu fordern. Entscheidend ist zunächst, dass Straftaten mit einer möglichst hohen Wahrscheinlichkeit entdeckt und rechtsstaatlich verfolgt werden. Wer Verantwortung für seine Taten übernehmen muss, darf nicht darauf vertrauen können, im überlasteten System unterzugehen.
Gerade bei wiederholt gewalttätigen Tätern müssen Polizei, Justiz, Jugendhilfe und gegebenenfalls Ausländerbehörden besser zusammenarbeiten. Dazu gehören wirksame Interventionen ebenso wie therapeutische Angebote, soziale Unterstützung und konsequente Maßnahmen gegen weitere Gewalttaten. Prävention und Sanktion sind keine Gegensätze. Eine vernünftige Sicherheitspolitik benötigt beides.
Migration und Kriminalität: Eine Debatte ohne Denkverbote
Ein besonders schwieriger Aspekt betrifft die Herkunft von Tatverdächtigen. Die Schweizer Studie enthält Angaben, wonach Opfer von Raubüberfällen die Täter in mehr als 85 Prozent der Fälle als ausländisch einschätzten. Das ist zunächst eine subjektive Wahrnehmung und kein Nachweis der tatsächlichen Staatsangehörigkeit. Trotzdem wäre es falsch, solche Ergebnisse aus Angst vor politischen Konsequenzen grundsätzlich aus der Diskussion herauszuhalten.
Ich habe mich damit schon in meinem Artikel „Tabuthema Täterprofil: Ein unvollständiges Bild?“ beschäftigt. Mir geht es dabei nicht um die pauschale Verdächtigung von Menschen mit Migrationshintergrund. Aber wenn bestimmte Tätergruppen bei bestimmten Delikten überrepräsentiert sind, müssen wir die Ursachen untersuchen und daraus Konsequenzen ziehen. Alles andere wäre eine Verweigerung politischer Verantwortung.
Natürlich spielen das Alter, das Geschlecht, die soziale Lage und weitere Faktoren eine wichtige Rolle. Die Kriminalstatistik allein liefert keine einfache Erklärung für Zusammenhänge zwischen Migration und Kriminalität. Allerdings macht es diese Erkenntnis nicht überflüssig, darüber zu sprechen, welchen Einfluss etwa gescheiterte Integration, Perspektivlosigkeit, gewaltbereite Milieus oder mangelnde staatliche Durchsetzungskraft haben.
Ich halte es für selbstverständlich, dass Menschen, die in Deutschland Schutz suchen oder hier ein neues Leben beginnen möchten, unsere Gesetze respektieren müssen. Wer wiederholt schwere Gewalttaten begeht, muss mit konsequenter Strafverfolgung rechnen. Bei ausländischen Straftätern gehört dazu gegebenenfalls auch die Prüfung aufenthaltsbeendender Maßnahmen, soweit diese rechtlich zulässig sind. Das Asylrecht und menschenrechtliche Abschiebungsverbote dürfen dabei nicht einfach beiseitegeschoben werden. Ebenso wenig darf die Herkunft eines Menschen zum Ersatz für die Beurteilung seines individuellen Verhaltens werden.
Eine Politik, die solche Fragen nur widerwillig beantwortet, überlässt denjenigen das Feld, die mit Vereinfachungen und Ressentiments arbeiten. In meinem Beitrag „Herkunft, Jugend und Stadtbild: Schauen wir wirklich hin oder reproduzieren manche Multikulti-Wunschbilder?“ habe ich versucht, genau dieses Spannungsfeld zu beschreiben. Mir scheint, dass wir uns seit Jahren zwischen Beschönigung und Dramatisierung bewegen, während eine sachliche Auseinandersetzung über konkrete Ursachen und Gegenmaßnahmen viel zu kurz kommt.
Nicht jede Gewalt findet auf der Straße statt
Bei aller Aufmerksamkeit für Bahnhöfe, Parks und Unterführungen sollten wir einen Umstand nicht vergessen: Ein erheblicher Teil der Gewalt findet dort statt, wo Menschen sich eigentlich besonders sicher fühlen sollten. In den eigenen vier Wänden.
Die Schweizer Untersuchung zeigt, dass 40 Prozent der erfassten Fälle schwerer sexueller Gewalt im häuslichen Umfeld stattfinden. Besonders bedrückend finde ich, dass die Anzeigebereitschaft bei sexueller Gewalt innerhalb von Beziehungen von 10,5 auf nur noch 3 Prozent gesunken ist. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die offenbar häufig keinen Weg sehen, sich gegen ihre Peiniger zu wehren oder staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Eine Sicherheitspolitik, die sich ausschließlich auf sichtbare Polizeipräsenz konzentriert, würde diesem Problem nicht gerecht. Wir brauchen gut erreichbare Beratungsstellen, verlässlichen Opferschutz, ausreichend Frauenhausplätze und Behörden, die gefährliche Situationen frühzeitig erkennen. Gerade bei häuslicher und sexualisierter Gewalt ist es entscheidend, dass Betroffene Unterstützung erhalten, bevor sich Übergriffe wiederholen oder eskalieren.
Die Freiheit, von der ich spreche, endet nicht an der Wohnungstür. Und ein Staat, der seine Bürger schützen will, muss auch dort handeln, wo Gewalt für die Öffentlichkeit unsichtbar bleibt.
Sicherheit lässt sich nicht herbeireden
Was mich an der politischen Debatte zunehmend stört, ist ihre merkwürdige Unverbindlichkeit. Nach besonders aufsehenerregenden Gewalttaten werden Maßnahmen angekündigt, Gesetze verschärft und zusätzliche Kontrollen versprochen. Was davon dauerhaft umgesetzt wird und welche Wirkung tatsächlich eintritt, lässt sich für die Öffentlichkeit häufig nur schwer nachvollziehen.
Dabei müsste es doch möglich sein, konkrete Ziele festzulegen. Wenn bestimmte Bahnhöfe regelmäßig durch Gewalt, Bedrohungen oder Belästigungen auffallen, sollten Polizei und Kommunen offenlegen, welche Maßnahmen sie ergreifen und ob sich die Lage dadurch verbessert. Dabei wäre auch zu prüfen, ob Straftaten lediglich an andere Orte verlagert werden. Bei wiederkehrenden Gewaltdelikten könnten konsequente Ermittlungen, frühzeitige Interventionen und eine engere Zusammenarbeit der zuständigen Behörden helfen. Nicht jede Maßnahme muss sofort ein neues Gesetz erfordern.
Mir ist bewusst, dass all dies Geld kostet. Polizisten müssen ausgebildet, Gerichte personell ausgestattet und soziale Angebote finanziert werden. Aber eine Gesellschaft, die dauerhaft Unsicherheit hinnimmt, bezahlt ebenfalls einen Preis. Mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit, verlorenem Vertrauen und einer zunehmenden Bereitschaft, einfachen politischen Heilsversprechen zu glauben.
Dabei sollten wir die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen nicht ausblenden. Wer Perspektivlosigkeit, Bildungsdefizite und die Entstehung abgeschotteter Milieus ignoriert, wird mit Polizeieinsätzen allein keine nachhaltige Verbesserung erreichen. Soziale Prävention ist allerdings kein Ersatz für konsequente Strafverfolgung. Beides gehört zusammen.
Die demokratische Verantwortung
Ich finde es bemerkenswert, wie schnell Forderungen nach mehr Sicherheit inzwischen politischen Lagern zugeordnet werden. Wer härtere Maßnahmen fordert, gerät manchmal unter den Verdacht, rechten Vorstellungen nachzuhängen. Wer auf soziale Ursachen und rechtsstaatliche Grenzen verweist, muss sich umgekehrt anhören, er verharmlose die Probleme.
Diese Einteilung halte ich für ausgesprochen unproduktiv. Der Schutz vor Gewalt ist weder ein rechtes noch ein linkes Anliegen. Er gehört zu den grundlegenden Aufgaben eines demokratischen Staates. Gerade diejenigen, die sich der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet fühlen, sollten wissen, dass fehlende Sicherheit häufig Menschen trifft, die sich keine Ausweichmöglichkeiten leisten können. Wer in einer problematischen Wohngegend lebt, auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist oder nachts von der Arbeit nach Hause fahren muss, kann sich den unsicheren Orten nicht einfach entziehen.
Das ist für mich auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Wohlhabendere Menschen haben häufiger die Möglichkeit, mit dem Auto zu fahren, umzuziehen oder bestimmte Gegenden zu meiden. Andere müssen sich mit den Verhältnissen arrangieren. Die Folgen unzureichender Sicherheit sind deshalb keineswegs gleichmäßig verteilt.
Ich wünsche mir eine Politik, die diese Zusammenhänge ernst nimmt und sich weder durch übertriebene Angst noch durch demonstrative Gelassenheit von ihrer Verantwortung abbringen lässt.
Eine Gesellschaft muss nicht alles hinnehmen
Ist die gegenwärtige Entwicklung unseren Gesellschaften zuzumuten? Meine Antwort lautet: Nicht in dem Sinne, dass wir sie als unvermeidlich akzeptieren müssten. Niemand kann garantieren, dass die Kriminalität künftig kontinuierlich zurückgeht. Ebenso wenig lassen sich sämtliche Ursachen allein mit staatlichen Maßnahmen beseitigen. Aber aus der Forschung wissen wir genug, um begründet davon auszugehen, dass gezielte Prävention, wirksame Polizeiarbeit, eine leistungsfähige Justiz und soziale Interventionen zu Verbesserungen beitragen können.
Damit ist noch nicht gesagt, wie groß diese Verbesserungen ausfallen werden. Die Wirkung einzelner Maßnahmen hängt von den jeweiligen Verhältnissen ab. Entscheidend ist, dass politische Versprechen künftig stärker an ihren Ergebnissen gemessen werden. Weniger Ankündigungen, mehr überprüfbare Veränderungen. Das sollte eigentlich keine übertriebene Forderung sein.
Vielleicht besteht ein Teil unseres Problems darin, dass wir uns an die Beschreibung von Missständen gewöhnt haben. Jede neue Statistik liefert Stoff für Empörung, Widerspruch und parteipolitische Schuldzuweisungen. Und anschließend wenden wir uns der nächsten Aufregung zu.
Ich möchte mich mit dieser Haltung nicht abfinden. Sicherheit ist kein Zustand, der sich von selbst einstellt. Sie muss immer wieder hergestellt, geschützt und notfalls zurückgewonnen werden. Allerdings mit den Mitteln des Rechtsstaats und ohne jene Freiheiten preiszugeben, um derentwillen wir uns überhaupt sicher fühlen wollen.
Eine demokratische Gesellschaft sollte ihren Bürgern nicht versprechen, dass ihnen niemals etwas geschieht. Sie sollte ihnen aber glaubwürdig zeigen können, dass sie alles Vernünftige und rechtsstaatlich Zulässige unternimmt, um vermeidbare Gefahren zu verringern.
Das wäre für mich ein wichtiger Unterschied zwischen einer Politik, die Unsicherheit lediglich verwaltet, und einer, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
Zwischen Sparzwang und politischen Wunschvorstellungen
Allerdings dürfte es schwerfallen, diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Die Bundesregierung steht unter erheblichem Spardruck. Für 2027 sind ressortübergreifende Einsparungen von vier Milliarden Euro vorgesehen. Ausgerechnet bei Maßnahmen zur Demokratiebildung und Extremismusprävention sollen die Bundesmittel von rund 204,5 auf 170,1 Millionen Euro sinken. Das ist ein Rückgang um fast 17 Prozent. Dabei wäre es gerade jetzt wichtig, Jugendhilfe, Sozialarbeit und vorbeugende Maßnahmen zu stärken, statt sie finanziell auszudünnen. Wer heute an wirksamer Prävention spart, riskiert, morgen einen höheren Preis für die gesellschaftlichen Folgen bezahlen zu müssen.
Hinzu kommen politische Vorstellungen, die ich nur schwer nachvollziehen kann. Die Berliner Linke fordert in ihrem Wahlprogramm eine Verkleinerung der Polizei, die Abschaffung kriminalitätsbelasteter Orte als besonderer polizeilicher Kategorie und die Auflösung des Verfassungsschutzes als Geheimdienst. Frei werdende Mittel sollen unter anderem in Jugendhilfe und Straßensozialarbeit fließen. Dass soziale Prävention gestärkt und polizeiliches Handeln rechtsstaatlich kontrolliert werden muss, halte ich für richtig. Aber weshalb sollte ausgerechnet die Schwächung bestehender Sicherheitsstrukturen der geeignete Weg dorthin sein? Angesichts zunehmender Verunsicherung erscheint mir das widersprüchlich. Die berechtigte Kritik an einzelnen polizeilichen Befugnissen ersetzt schließlich noch kein überzeugendes Konzept zum Schutz der Bevölkerung.
Besonders problematisch finde ich die Vorstellung, soziale Prävention und eine handlungsfähige Polizei gegeneinander ausspielen zu müssen. Wir brauchen beides. Dafür müssen Bund, Länder und Kommunen politische Prioritäten setzen und die notwendigen finanziellen Mittel bereitstellen. Andernfalls bleibt die Forderung nach mehr Sicherheit ein wohlfeiles Versprechen, dessen Einlösung am Ende wieder diejenigen vermissen werden, die sich ohnehin am wenigsten schützen können. Eine Gesellschaft darf sich nicht daran gewöhnen, dass ihre Bürger aus Angst auf Freiheit verzichten. Und eine Politik sollte diesen Zustand weder schönreden noch aus finanzieller Not oder ideologischer Überzeugung verwalten.
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