Warum ich immer noch blogge – obwohl immer weniger mitlesen?

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Wie gern würde ich einmal etwas schreiben, das allen gefällt! Ein Gedanke, der vielleicht nicht so selten ist?! Im 23. Jahr meines Bloggens muss ich allerdings langsam einsehen: Das wird wohl nichts mehr. Vermutlich liegt es an den Themen, die hier dominieren. Politik, Gesellschaft, Medien, Klima, Migration, Krieg, das Älterwerden – die ganz leichte Kost habe ich mir nicht gerade ausgesucht. Und wer möchte sich schon freiwillig den Kopf mit den Gedanken eines älteren Herrn vollstopfen, der durch unsere Problemwelt irrt und dabei viele Fragen aber kaum Antworten anbietet?

Vielleicht ist genau das sogar ein Teil des Problems. Im Netz kommen diejenigen oft besser zurecht, die ziemlich genau wissen, was Sache ist. Jedenfalls erwecken sie diesen Eindruck. Klare Schuldige, klare Lösungen, klare Haltung. Zack, fertig. Ich dagegen ertappe mich regelmäßig dabei, einen Gedanken aufzuschreiben und schon im nächsten Absatz einzuschränken. Einerseits, andererseits. Das ist für die persönliche Erkenntnis vielleicht gar nicht schlecht, fürs Geschäft mit der Aufmerksamkeit vermutlich eher hinderlich.

Schreiben, um den eigenen Kopf aufzuräumen

Ich habe immer gesagt, dass ich nicht zuletzt für mich selbst blogge. Das klingt ein bisschen nach der Schutzbehauptung eines Bloggers mit überschaubarer Leserschaft, ist aber trotzdem wahr. Schreiben zwingt mich dazu, Gedanken zu sortieren, die sonst ziemlich ungeordnet im Kopf herumfliegen würden. Manchmal hilft es sogar dabei, das eigene Mütchen zu kühlen. Etwas, über das ich mich morgens noch fürchterlich aufgeregt habe, sieht nach tausend geschriebenen Wörtern gelegentlich schon ein bisschen weniger dramatisch aus. Nicht immer. Aber gelegentlich.

Ich vermute, dass viele Bloggerinnen und Blogger ähnlich angefangen haben und vielleicht auch deshalb so lange dabeibleiben. Man schreibt nicht ausschließlich, weil draußen eine große Leserschaft sehnsüchtig auf den nächsten Beitrag wartet. Man schreibt, weil das Aufschreiben selbst etwas mit einem macht. Aus diffusem Ärger wird ein Gedanke, aus einem Gedanken vielleicht ein Argument und manchmal aus einem Argument sogar die Erkenntnis, dass man vorher ein bisschen zu schnell unterwegs war.

Allerdings frage ich mich inzwischen, ob diese Methode angesichts dessen, was täglich auf uns einprasselt, noch funktioniert. Die Zahl der Probleme scheint schneller zu wachsen als meine Fähigkeit, sie durch ein paar Absätze halbwegs in den Griff zu bekommen. Kaum ist ein Text über das eine Thema fertig, steht das nächste schon mit dem Fuß in der Tür. Ich habe das Gefühl, dass das früher anders war. Es gab kaum Zeiten ohne Probleme, die nicht heftige Debatten nach sich zogen. Auch in der Blogosphäre. Ich habe gern mit Liberalen über gewisse Gegensätze zwischen Wirtschaftspolitik und Sozialpolitik diskutiert. Auch die Zeiten sind längst vorbei. Ich habe sie friedfertiger in Erinnerung als sie womöglich gewesen sind.

Die Lauten haben es leichter

Hinzu kommt etwas, das mich schon länger beschäftigt. Diejenigen, die sich kräftig in Rage schreiben oder reden, bringen ihre Inhalte offenbar leichter an die Frau und an den Mann. Zuspitzung funktioniert. Empörung funktioniert. Gewissheit funktioniert wahrscheinlich am besten. Wer dagegen Zweifel anmeldet, Einschränkungen macht oder gar zugibt, dass er bei einer Sache selbst nicht so recht weiß, wohin mit sich, hat kommunikativ schon schlechtere Karten. Zumal da andere, vielleicht für die heutige Zeit geeignetere Systeme zur Verfügung stünden. Blogs bleiben eine Randerscheinung.

Natürlich lese und höre ich lieber Menschen, deren Sichtweisen mir einigermaßen nahestehen. Gleichzeitig sehe ich, wie erfolgreich gerade jene Inhalte sind, bei denen mir nach wenigen Minuten der Kamm schwillt. Vielleicht ist das eine der bitteren Pointen unserer Aufmerksamkeitsökonomie: Der Zweifel ist möglicherweise vernünftiger, aber die Gewissheit hat die besseren Klickzahlen.

Und ausgerechnet ich nehme meinen kleinen Blog dabei vermutlich viel zu ernst. Ich schraube am Layout, ändere hier eine Schrift, dort einen Abstand, programmiere irgendeine Funktion, die wahrscheinlich außer mir kaum jemand bemerkt, und freue mich anschließend darüber, dass drei Pixel nun genau dort sitzen, wo sie hingehören. Andere Menschen gehen angeln. Ich optimiere CSS.

Zwölf Jahre Rente – und keinen Tag Urlaub

Seit zwölf Jahren bin ich nun Rentner und klimper meine Texte mit beachtlicher Taktzahl in die Tastatur. Eigentlich wäre das ein guter Zeitpunkt, einmal ein Päuschen einzulegen. Zumal wir – was ich selbst ziemlich unglaublich finde – in all diesen Jahren nicht einen einzigen Tag in Urlaub waren.

Ob sich das wenigstens ökologisch bezahlt macht? Wahrscheinlich eher nicht. Für einen besonders kleinen Fußabdruck bekommt man schließlich keinen Bonus ausgezahlt, und das Klima wird kaum eines Tages bei mir klingeln und sich persönlich bedanken. Vielleicht wäre es also gar keine schlechte Idee, den Rechner einmal Rechner sein zu lassen und ein paar Tage irgendwohin zu verschwinden. Ach, ich sag das immer wieder, aber ich tus einfach nicht. Meine Frau ist mir dabei auch keine Hilfe. Wir sind Stubenhocker ohne diesen intrinsischen Antrieb (ho, ho, ho – wie oft habe ich diesen Begriff zuletzt gelesen?), ohne den es heute scheinbar nicht mehr geht.

Nur kenne ich mich ein bisschen. Vermutlich würde ich spätestens am zweiten Tag darüber nachdenken, ob das Hotel-WLAN reicht, um WordPress aufzurufen. Ich bin schon in den 2000er Jahren in Paguera unruhig durch die Straßen gelaufen, um ein Internetcafé aufzustöbern und die Kommentare für die letzten Beiträge zu lesen. Bekloppt — aber so wars. Und am dritten Tag würde mir irgendein Politiker den Urlaub verderben, weil ich plötzlich das dringende Bedürfnis verspürte, „nur ganz kurz“ etwas dazu aufzuschreiben. Selbst wenn ich davon in der BILD gelesen hatte. Aber die BILD und was ihre „Programmatik“ ausmacht, ist heute ja überall.

Was bliebe eigentlich ohne den Blog?

Damit komme ich zu der Frage, die mich tatsächlich beschäftigt: Warum blogge ich weiter, obwohl sich das Interesse auf eine Minileserschaft beschränkt? Eine überzeugende Antwort habe ich nicht. Ruhm ist es jedenfalls nicht, Geld schon gar nicht, und die Hoffnung auf die große journalistische Karriere dürfte mit 72 ebenfalls keine Option sein.

Vielleicht ist es viel banaler. Das Bloggen gibt meinem Tag eine Struktur. Und dabei geht es längst nicht nur ums Schreiben. Es ist diese merkwürdige Mischung aus Denken, Lesen, Schreiben und Technik, die mir offenbar gefällt. Ein Text entsteht, danach wird an WordPress herumgeschraubt, dann funktioniert irgendetwas nicht, anschließend funktioniert es wieder – meistens jedenfalls – und schon sind ein paar Stunden vergangen, ohne dass Langeweile eine Chance gehabt hätte. Oh, klingt das armselig. Aber es gibt vermutlich auch Schlimmeres, sich zu beschäftigen. Oder?

Diese Verbindung würde mir fehlen. Sehr sogar. Denn ein Blog ist nach 23 Jahren nicht mehr bloß eine Website, auf der Texte herumliegen. Er ist Archiv, Werkstatt, Spielplatz und gelegentlich auch eine Art öffentlich geführtes Selbstgespräch. Manchmal ja auch mit tollen Kommentaren, die eventuelle LeserInnen bereichern könnten. Darin stecken Jahre des eigenen Lebens, Ansichten, Irrtümer, Widersprüche und Veränderungen. Manche älteren Texte würde ich heute anders schreiben. Einige vermutlich gar nicht mehr. Aber gerade das gehört dazu.

Vielleicht muss ein Blog deshalb auch gar nicht „erfolgreich“ sein. Das ist ohnehin ein merkwürdiger Maßstab für etwas, das man aus eigenem Antrieb über Jahrzehnte betreibt. Wenn ein paar Menschen regelmäßig vorbeischauen, lesen, widersprechen oder gelegentlich einen Gedanken mitnehmen, ist das möglicherweise schon mehr, als man verlangen kann.

Und was das Schreiben angeht, das allen gefällt: Den Versuch kann ich vermutlich endgültig einstellen. Ein Text, der allen gefällt, wäre wahrscheinlich entweder ein sensationell guter Text – oder einer, in dem überhaupt nichts steht. Also ein KI-Text zum Beispiel, wenn ich denen glauben darf, die sich damit auskennen.

Dann lieber weiter zweifeln.

Und weiterbloggen. Zumindest vorerst.

1 Kommentar zu „Warum ich immer noch blogge – obwohl immer weniger mitlesen?“

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  1. Du schreibst hier ziemlich viele „vielleichts“ und „vermutlich“ rein. Raten hilft nicht.

    Woran machst Du fest, dass andere erfolgreicher bloggen als Du? An den Kommentaren?

    Ich selbst habe eine kleine, aber beständige Kommentierendenschaft und bin dankbar darum. Für diese Leute schreibe ich, auch für die stillen Mitleser. Es lohnt sich.

    Das mit dem „erfolgreich bloggen“ ist so eine Sache. Das haben wir vor 20 Jahren diskutiert. Und festgestellt, dass sich das nicht lohnt, weil man so angebunden ist, eine gewisse Schlagzahl draufhaben muss, …

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