Denke ich noch selbst – oder denkt die KI schon mit?

Ki im alltag mensch und maschine
Ki im all­tag mensch und maschine

Seit einer Weile – es ist län­ger her, als ich dach­te – gehört ein LLM zu mei­nem Schreiben. Nicht bei jedem Satz und nicht bei jedem Text, aber häu­fig genug, dass ich mir eine Frage stel­len muss, die, wie ich weiß, vie­le Blogger und ande­re Schreibende irgend­wann beschäf­ti­gen wird: Was macht die­ses Werkzeug eigent­lich mit mei­nem eige­nen Denken? Hilft es mir, genau­er hin­zu­se­hen und mei­ne Gedanken bes­ser zu sor­tie­ren? Oder gewöh­ne ich mich lang­sam dar­an, dass jemand – oder bes­ser: etwas – die­se Arbeit für mich übernimmt?

Ich habe immer gern behaup­tet, dass Schreiben für mich eine Möglichkeit ist, Gedanken zu ord­nen. Oft begin­ne ich mit einem ziem­lich ein­deu­ti­gen Gefühl. Ich ärge­re mich über eine poli­ti­sche Entscheidung, über einen Zeitungsartikel, über irgend­ei­nen Aufreger, der durchs Netz geis­tert. Beim Schreiben ver­än­dert sich die­ser ers­te Impuls manch­mal. Seit ich KI beim Schreiben nut­ze, hat sich eini­ges ver­än­dert, obwohl der eigent­li­che Ablauf gar nicht so viel anders aus­sieht. Aus dem Ärger wer­den Fragen, aus den Fragen ent­ste­hen Argumente, und gele­gent­lich mer­ke ich dabei, dass mei­ne ursprüng­li­che Gewissheit gar nicht so belast­bar war. Genau das hal­te ich für einen der gro­ßen Vorzüge des Schreibens: Man kann sich dabei selbst auf die Schliche kom­men. Ich will nicht behaup­ten, dass das ohne KI grund­sätz­lich anders aus­ge­se­hen hät­te. Aber sie hat mei­ne Arbeitsweise stark beeinflusst.

Nun sitzt aller­dings seit eini­ger Zeit gewis­ser­ma­ßen jemand mit am Schreibtisch. Ein LLM wider­spricht zwar nicht aus eige­nem Antrieb, aber ich kann es dazu auf­for­dern. Ich kann fra­gen: Was spricht gegen mei­ne Sicht? Übersehe ich etwas? Ist die­se Schlussfolgerung wirk­lich zuläs­sig? Gibt es eine freund­li­che­re Interpretation des­sen, wor­über ich mich gera­de so herr­lich auf­re­ge? Das ist manch­mal läs­tig. Aber gera­de des­halb kann es nütz­lich sein. Die Maschine kennt mei­nen Ärger nicht und hat auch kei­nen per­sön­li­chen Ehrgeiz, am Ende recht zu behalten.

Das klingt zunächst nach einem Gewinn. Vielleicht macht ein sol­ches Werkzeug das Schreiben tat­säch­lich dif­fe­ren­zier­ter. Aber so ein­fach möch­te ich es mir nicht machen. Denn die­sel­be KI, die mir wider­spre­chen kann, kann mir eben­so bereit­wil­lig bestä­ti­gen, dass ich schon immer recht hat­te. Ich muss nur ent­spre­chend fra­gen. Sie kann einen mit­tel­mä­ßi­gen Gedanken ziem­lich ein­drucks­voll auf­po­lie­ren, Widersprüche ele­gant über­de­cken und aus einer dün­nen These fünf geschmei­di­ge Absätze machen. Vielleicht gewöh­ne ich mich sogar irgend­wann so sehr an ihre Einwände und Ergänzungen, dass ich nicht mehr recht unter­schei­den kann, auf wel­che davon ich selbst gekom­men wäre. Das Ergebnis liest sich mög­li­cher­wei­se klü­ger, als der Gedanke eigent­lich ist. Diese Gefahr soll­te man nicht unterschätzen.

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  1. Ich den­ke, es braucht eine gan­ze Weile (so im Allgemeinen), bis man mit KI ver­traut ist und sich klar dar­über ist, was man damit machen kann und was nicht.

    Ich den­ke gera­de an einen Freund, der ger­ne „Wortkunst” macht, also mehr oder min­der poe­tisch unter­wegs ist. Er bat mich immer dar­um, sei­ne Texte zu ver­bes­sern (Deutsch ist nicht sei­ne Muttersprache). Seit eini­ger Zeit kommt kei­ne Anfrage mehr. Ich den­ke, er behilft sich nun mit KI. Ich muss fest­stel­len, die kann das nicht so gut wie ich (oder sonst ein Mensch), bei Wortkunst ver­sagt sie eher.

    • @Violine: Kann sie nicht – hab sie auf­ge­for­dert, ein Gedicht zu mei­nem aktu­el­len Blogthema zu verfassen:

      Ein Stempel fällt. Das Urteil steht:
      Bürokratie frisst Handwerkskunst.
      Wo sonst ein Päckchen rei­sen geht,
      erstickt der Markt im Aktendunst.

      Kein Tongefäß, kein Seifenstein
      ent­geht der Norm, so schwer und grau.
      Ein Formular sperrt Händler ein
      und stutzt die Nische haargenau.

      Der Riese zahlt die Pflicht im Schlaf,
      der Kleine fal­tet stumm die Hände.
      Vom Schreibtisch rollt der Paragraf –
      und setzt der Vielfalt leis ein Ende.

  2. „Denn die­sel­be KI, die mir wider­spre­chen kann, kann mir eben­so bereit­wil­lig bestä­ti­gen, dass ich schon immer recht hat­te.” Diesen Mittelweg zu jus­tie­ren und zu fin­den hal­te ich für die Herausforderung. Dann sind LLM’s m.E.n. län­ger­fris­tig ein groß­ar­ti­ges Tool für „Erkenntnisgewinn”.

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