45 Grad und ziemlich viele Deppen – Kachelmann legt los

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Jörg Kachelmann ist keiner, der seine Gedanken mit Watte umwickelt. Im Gespräch mit Paul Ronzheimer bezeichnet er Deutschland als „wissenschaftsfeindliches“ und „bildungsfernes Land“, als „Schwurbelland Nummer 1“ und schließlich sogar als ein Land, das sich der „Maximierung des individuellen Hedonismus“ verschrieben habe. Die Journalistinnen und Journalisten kommen noch schlechter davon. „Ihr seid fast alle Deppen“, lautet ein Satz, den Kachelmann im Laufe des rund 50-minütigen Gesprächs so oft variiert und wiederholt, dass er fast zum Refrain wird. (YouTube)

Man kann diese Sprache abstoßend finden. Ich finde manches davon ebenfalls maßlos. Aber vielleicht sollte man sich nicht allzu lange bei den Beschimpfungen aufhalten. Denn hinter dem Kachelmann-Gepolter steckt eine Botschaft, die erheblich unangenehmer ist als das Wort „Deppen“.

Kachelmann hält unter den heutigen klimatischen Bedingungen in Deutschland Temperaturen von bis zu etwa 45 Grad für möglich. Nicht als Wettervorhersage für nächste Woche und nicht als Behauptung, solche Werte würden nun regelmäßig auftreten. Er beschreibt damit ein meteorologisch mögliches Extrem. Die Hitze, die wir erleben, sei „noch nicht das obere Ende gewesen“. Das passt zu einer Entwicklung, die längst nicht mehr theoretisch ist: Europa erwärmt sich besonders schnell, und Hitzeextreme nehmen mit fortschreitender Erwärmung an Intensität zu. Auch der Deutsche Wetterdienst weist seit Jahren darauf hin, dass sich Deutschland auf erheblich stärkere Hitze einstellen muss.

Fast noch interessanter finde ich allerdings Kachelmanns Pessimismus. Er sagt mehrfach, er habe „null Hoffnung“, dass die Menschheit den Klimawandel langfristig in den Griff bekomme. Gleichzeitig sehe er kaum Bereitschaft, wenigstens die Folgen ernsthaft abzufedern: Krankenhäuser, Pflegeheime, Schulen und Wohnungen müssten besser gekühlt werden, Wasser müsse gespeichert werden, Städte müssten sich anpassen. Klimaschutz und Anpassung seien keine Gegensätze. Nur scheint ihm für beides der politische und gesellschaftliche Wille zu fehlen.

Dabei trifft seine Kritik einen Punkt, der mich zunehmend beschäftigt. Wir diskutieren Klimapolitik gern als abstrakten Kulturkampf. Wärmepumpe, Tempolimit, Klimaanlage, Auto, grüner Rasen – aus technischen oder praktischen Fragen werden Symbole der persönlichen Freiheit. Wer daran rührt, rührt angeblich an der Lebensweise selbst. Kachelmann nennt das „individuellen Hedonismus“. Mir ist das als pauschales Urteil zu groß. Aber völlig aus der Luft gegriffen ist die Beobachtung nicht.

Sein Beispiel ist geradezu banal: Wenn Wasser knapp wird, muss niemand seinen Rasen grün halten. Man könnte das Autowaschen eine Zeit lang sein lassen. In Ländern, die mit sommerlicher Trockenheit seit Jahrzehnten leben, sei dieses Verhalten selbstverständlich. Bei uns werde dagegen offenbar schon die Aufforderung zur Zurückhaltung als Zumutung empfunden. Natürlich rettet niemand das Weltklima, indem er seinen Rasen vertrocknen lässt. Darum geht es auch nicht. Es geht darum, ob eine Gesellschaft überhaupt noch fähig ist, auf eine veränderte Lage gemeinsam zu reagieren.

Vor wenigen Tagen sah ich ein Gespräch von Tichys Einblick (Tichy jun.) mit Helmut Markwort, dem früheren Focus-Chefredakteur und Mitgründer des Magazins. Im Hintergrund ein wunderbar grüner Garten, während man sich über die Politik des neuen grünen Münchner Oberbürgermeisters Dominik Krause ausließ. Krause ist seit Mai 2026 im Amt. (Stadt München) Die Szene fiel mir beim Kachelmann-Interview sofort wieder ein. Nicht, weil ich weiß, wie dieser Garten bewässert wird oder wie viel Wasser dort tatsächlich verbraucht wird. Das wäre reine Spekulation. Aber als Bild war es geradezu perfekt für die merkwürdige Schieflage unserer Debatte: Man sitzt in angenehmen Verhältnissen und erklärt politische Versuche, auf Knappheit, Hitze oder Klimaveränderungen zu reagieren, vor allem zum Angriff auf Freiheit und Wohlstand. Grüner Unsinn halt.

Kachelmanns gesammelte Schimpftiraden

„Deppen“ sagt Kachelmann siebenmal, wenn wir jede im Video tatsächlich vorkommende Äußerung zählen – also einschließlich des vorangestellten Teasers und der späteren Wiederholungen seines eigenen Satzes.

Die Fundstellen sind ungefähr:

0:18, 20:03, 20:33, 21:00, 24:32, 29:59 und 50:22.

Dabei handelt es sich überwiegend um Varianten seines Running Gags:

„Ihr seid [fast] alle Deppen.“

Hinzu kommen „Idiotinnen und Idioten“, „deppert“, „Schwachsinn“, „durchgeknalltes Land“, „bildungsfern“, „wissenschaftsfeindlich“, „Schwurbelland“ und einiges mehr. Der Mann fährt verbal wirklich nicht mit Tempolimit.

Bei „Kacke“ ist das Ergebnis überraschender:

Das exakte Wort „Kacke“ sagt er kein einziges Mal.

Aber der Wortstamm kack- kommt siebenmal vor:

„gekackt“ einmal, „kacken“ einmal und „Kackhaufen“ fünfmal.

Seine Hundehaufen-Metapher ist sogar eines der zentralen rhetorischen Bilder des Interviews: Der einzelne deutsche Beitrag zum Klimaschutz sei wie ein einzelner Hundehaufen auf einer Fußballwiese – jeder vermiedene Haufen mache die Wiese ein bisschen besser.

Daneben verwendet er natürlich noch „Scheißsommer“ und später „scheiße heiß“. Wenn wir also eine großzügige Kategorie Fäkalsprache bilden, wird die Statistik noch eindrucksvoller. 😄

Das ist ein Privileg, das nicht jeder besitzt. Wer eine große Wohnung, einen schattigen Garten, Geld für technische Lösungen und notfalls die Möglichkeit hat, einem Problem auszuweichen, erlebt 40 Grad anders als die alte Frau unter dem Dach oder der Pflegebedürftige im ungekühlten Heim. Gerade deshalb stört mich diese Nonchalance. Wer über große publizistische Reichweite verfügt, trägt meines Erachtens eine besondere Verantwortung dafür, Probleme nicht allein danach zu beurteilen, ob ihre Lösung den eigenen Lebensstil beeinträchtigen könnte.

Kachelmann überzieht. Er provoziert, beleidigt und macht sich damit manches Argument unnötig schwer. Seine pauschale Abrechnung mit Journalisten und Deutschen würde ich mir (logisch!) nicht zu eigen machen. Aber hinter seinem Zorn steckt eine Frage, die man nicht mit einem Achselzucken erledigen sollte: Was passiert mit einer Gesellschaft, die selbst angesichts sichtbar veränderter Bedingungen jede Einschränkung zunächst als Zumutung begreift?

Vielleicht werden es nie 45 Grad bei uns. Hoffentlich nicht. Aber darauf zu setzen, wäre eine eigenartige Form von Klimapolitik. Und wahrscheinlich genau jene Haltung, die Kachelmann – in seiner unnachahmlich liebenswürdigen Art – mit dem Wort „Deppen“ zusammenfasst.

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