Was tun wir unseren Kindern eigentlich an?

Eine bedrückende Diskussion über Gewalt, religiösen Druck, Bildungsverlust und digitale Abhängigkeit lässt mich ratlos zurück. Wie konnte es so weit kommen, dass Kinder ihre Zuversicht verlieren, Lehrer an ihre Grenzen geraten und die Politik trotz bekannter Probleme so wenig verändert?

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Ich habe seit Langem keine Diskussion mehr verfolgt, die mich so deprimiert zurückgelassen hat wie diese. Es ging um den Zustand unserer Schulen, um Gewalt, religiösen Druck, die Folgen sozialer Medien und um junge Menschen, die ihrer Zukunft mit wachsender Unsicherheit entgegensehen. Vor allem aber ging es um Kinder, denen wir Erwachsenen offenbar immer weniger von dem mitgeben, was sie für ein selbstbestimmtes Leben brauchen.

Vielleicht erschüttert mich das auch deshalb so sehr, weil ich inzwischen zu einer Generation gehöre, die ihr Leben weitgehend hinter sich gebracht hat. Wir hatten unsere Krisen, selbstverständlich. Aber wir durften über Jahrzehnte darauf vertrauen, dass es wirtschaftlich und gesellschaftlich im Großen und Ganzen vorangeht. Für viele junge Menschen gilt diese Zuversicht längst nicht mehr. Sie wachsen mit Kriegen, Klimawandel, Inflation und der Angst auf, dass künstliche Intelligenz ihnen eines Tages sogar die berufliche Perspektive nehmen könnte.

Der Gedanke, dass junge Menschen bereits während ihrer Ausbildung an deren Sinn zweifeln, macht mich traurig. Was ist das für ein Versprechen, das wir ihnen hinterlassen?

Wenn Kinder Angst vor anderen Kindern haben

Besonders schwer erträglich fand ich die Schilderungen der Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch und des Psychologen Ahmad Mansour. Sie berichteten von Schulen, in denen religiöse Vorschriften zum Maßstab für das Verhalten anderer Kinder gemacht werden. Mädchen geraten unter Druck, weil sie kein Kopftuch tragen. Kinder werden wegen ihrer Kleidung oder ihres Essens ausgegrenzt. Selbst das Fasten während des Ramadan kann zum Gegenstand von Einschüchterung werden.

Ich weiß, wie heikel diese Themen sind. Und ich möchte keinesfalls so tun, als seien solche Verhältnisse an allen Schulen anzutreffen oder als ließen sie sich pauschal muslimischen Familien zuschreiben. Aber die geschilderten Fälle sind bedrückend genug. Vor allem, weil die Leidtragenden häufig selbst muslimische Kinder sind, die ihren Glauben anders oder gar nicht praktizieren möchten.

Wie kann es sein, dass wir so etwas zulassen? Eine Schule muss ein Ort sein, an dem Kinder lernen, ohne Angst verschieden sein zu dürfen. Religionsfreiheit bedeutet schließlich auch, von religiösen Vorschriften anderer unbehelligt zu bleiben.

Mansour sprach außerdem von einer Radikalisierung, die bereits Zehn- oder Zwölfjährige erreiche. Die Konflikte des Nahen Ostens würden in Klassenzimmer hineingetragen, Emotionen gezielt angeheizt. Und mittendrin stehen Lehrkräfte, die längst nicht mehr wissen, wie sie neben dem Unterricht auch noch diese gesellschaftlichen Auseinandersetzungen bewältigen sollen.

Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlen muss, jeden Morgen eine Klasse zu betreten, in der nicht mehr selbstverständlich ist, dass Kinder einander respektieren.

Wir haben Kinder der digitalen Welt überlassen

Fast ebenso bedrückend fand ich den Teil der Diskussion über soziale Medien. Seit Jahren wissen wir, dass die großen Plattformen mit Mechanismen arbeiten, die unsere Aufmerksamkeit möglichst lange binden sollen. Bei Kindern und Jugendlichen können die Folgen besonders gravierend sein.

Wir Erwachsenen haben ihnen Smartphones in die Hände gegeben, ohne ausreichend darüber nachzudenken, was diese Geräte mit ihrer Entwicklung machen. Heute beklagen wir mangelnde Konzentration, sinkende schulische Leistungen und eine Kommunikationskultur, in der Empörung oft mehr zählt als Nachdenken.

Natürlich wäre es falsch, den gesamten Bildungsverlust auf TikTok, Instagram oder Smartphones zurückzuführen. Aber ich finde die Vorstellung unerträglich, dass milliardenschwere Unternehmen mit der Aufmerksamkeit unserer Kinder Geschäfte machen, während wir noch darüber diskutieren, welche Schutzmaßnahmen überhaupt sinnvoll sind.

Dabei betrifft das Problem längst nicht nur Jugendliche. Auch wir Erwachsenen verlieren uns in digitalen Echokammern, reagieren gereizt auf Widerspruch und verlernen zunehmend, einander zuzuhören. Wie sollen Kinder einen vernünftigen Umgang mit Konflikten lernen, wenn wir selbst so schlechte Vorbilder abgeben?

Eine Politik, die das Problem kennt

Besonders frustrierend war für mich, dass in dieser Diskussion kaum jemand die grundlegenden Probleme bestritt. Schlechte Sprachkenntnisse beim Schuleintritt, fehlende Basiskompetenzen, unzureichende Medienbildung, überforderte Lehrkräfte und mangelnde Zukunftsperspektiven: Die Diagnose ist seit Jahren bekannt.

Natürlich geschieht nicht überall nichts. Es gibt Förderprogramme, zusätzliches Personal, Sprachförderung und Versuche, Schulen besser auszustatten. Aber offenbar reicht all das nicht aus, um die Entwicklung nachhaltig zu verändern.

Mich macht auch die politische Gewohnheit wütend, bei jeder neuen Problembeschreibung erst einmal auf die Zuständigkeiten anderer zu verweisen. Der Bund, die Länder, die Kommunen, die Hochschulen – jeder hat seine Gründe, weshalb Veränderungen schwierig sind. Am Ende verstreicht wieder wertvolle Zeit. Zeit, die ein Kind nicht nachholen kann.

Dabei müsste es doch eine Selbstverständlichkeit sein, dass jedes Kind beim Schuleintritt ausreichend Deutsch versteht, dass Schulen über genügend qualifiziertes Personal verfügen und dass Kinder unabhängig vom Elternhaus eine faire Chance bekommen. Darüber zu streiten, wer dafür verantwortlich ist, erscheint mir angesichts der beschriebenen Zustände manchmal geradezu grotesk.

Die Kinder haben keine starke Lobby

Ein Satz aus der Diskussion ist mir besonders nahegegangen: Kinder hätten in der Politik keine wirkliche Lobby.

Vielleicht liegt darin tatsächlich ein Teil unseres Problems. Erwachsene können wählen, Interessenverbände organisieren und politischen Druck ausüben. Kinder können das nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass wir ihre Interessen vertreten, auch wenn sich damit kurzfristig keine Wahlen gewinnen lassen.

Ich möchte die Generationen nicht gegeneinander ausspielen. Auch alte Menschen haben berechtigte Ansprüche, und unser Sozialstaat ist keine überflüssige Last. Aber wir sollten uns fragen, weshalb uns die Zukunft unserer Kinder nicht mit derselben Dringlichkeit beschäftigt wie so viele andere politische Streitfragen.

Ich bin inzwischen 72 Jahre alt. Was die kommenden Jahrzehnte bringen, werde ich vermutlich nur noch zum Teil erleben. Gerade deshalb empfinde ich es als Verpflichtung, nicht gleichgültig darüber hinwegzugehen, was wir den Jüngeren hinterlassen.

Mich hat diese Diskussion nicht deshalb so getroffen, weil ich glaube, früher sei alles besser gewesen. Das war es nicht. Aber ich fürchte, dass wir uns an Zustände gewöhnen, an die wir uns niemals gewöhnen dürften.

Wenn Kinder ihre Zukunft nicht mehr als Versprechen, sondern als Bedrohung empfinden, wenn Lehrer erschöpft aufgeben und wenn Freiheit und gegenseitiger Respekt schon im Klassenzimmer verteidigt werden müssen, dann geht es längst um mehr als Bildungspolitik.

Es geht um die Frage, welche Gesellschaft wir hinterlassen wollen.

Und ich muss gestehen: Nach dieser Diskussion fällt es mir schwerer als sonst, optimistisch zu bleiben. Gerade weil mir unsere Demokratie und das Zusammenleben in diesem Land so viel bedeuten.

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2 Kommentare

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  1. Gerade deshalb empfinde ich es als Verpflichtung, nicht gleichgültig darüber hinwegzugehen, was wir den Jüngeren hinterlassen

    Was willst du als einzelner tun? Außer bloggen?

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