Mehr arbeiten wie in China? Bitte nicht!

22. Mai 2026
3 Min.

Katherina Reiche fordert mehr Arbeitsvolumen und den Stopp von Frühverrentung. Doch den Vergleich mit China finde ich fragwürdig. Die sogenannte Rente mit 63 ist längst eher ein politischer Kampfbegriff als Realität. Nach 45 Arbeitsjahren zählt auch die Lebenswirklichkeit der Beschäftigten.

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Rund eine Woche vor ihrer geplanten Chinareise macht die Ministerin zudem klar, dass sie gegenüber der Volksrepublik deutsche Wirtschaftsinteressen offensiv vertreten werde. Das sei neu. »Wir haben unsere Interessen in der Vergangenheit nicht klar genug benannt.«

Die Aussage stammt von Bundeswirtschaftsministerin Reiche. Quelle

Frau Reiche macht alles besser. Btw: Sie vergleicht uns nach den Eindrücken, die sie in China erst sammeln möchte mit einem Staat, in dem Menschen grundsätzlich anders behandelt werden als in Deutschland. Seit Jahren berichten Menschenrechtsorganisationen davon, dass in China vermutlich die meisten Menschen weltweit hingerichtet werden. Mehr noch als im Iran. Wie kommt diese Politikerin dazu, die Verhältnisse in einer Diktatur auf Deutschland übertragen zu wollen? Hat die Frau einen Knall?

Frau Reiche stellte fest, dass die Menschen in China 2000 Stunden jährlich arbeiten und wir nur 1337. »Wir müssen darüber nachdenken, wie wir das Arbeitsvolumen steigern«, meint Reiche.

Was soll als Nächstes kommen? Wünscht Reiche vielleicht die Einkommen deutscher Familien denen der Chinesen anzugleichen? Passen würde das zu ihren verrückten, frühkapitalistischen Überlegungen.

Natürlich möchte sie auch alle Frühverrentungsmaßnahmen abschaffen. Die Rente mit 63 war ja so ein großer Fehler… Komisch, ich empfinde das anders. Als es bei mir um den Ausstieg ging, mochte mein letzter Arbeitgeber gar nicht schnell genug eine Regelung finden, mich loszuwerden. Ich bin nicht so wenig selbstbewusst, dass ich das etwa falsch einschätzen würde.

Die Rente mit 63 lebt politisch als Kampfbegriff weiter, rechtlich ist sie eher eine Rente mit 64-plus beziehungsweise bald 65. Die Nachfrage bleibt hoch, weil viele nach 45 Arbeitsjahren (aber halt auch Arbeitgeber!) schlicht sagen: Jetzt reicht’s. Ganz unverständlich ist das nicht. Nach 45 Jahren Maloche klingt „noch ein bisschen länger“ für manche eben wie Hohn. Außerdem hat sich die Arbeitswelt sehr verändert, nicht zum Besseren!

Es ging um Kosteneinsparungen und um die Frage, ob jüngere Arbeitnehmer nicht billiger sind, weniger krankfeiern und überdies leichter zu gängeln wären. Mein damaliger Chef meinte, für das Gehalt, das er mir zahle, könnte er zwei junge Leute mit Uniabschluss einstellen. Solche Dinge eben. Ich weiß von anderen in meinem Alter, dass es ihnen nicht anders erging. Dass manche Politiker, gerade aus dem Bereich der Konservativen und Liberalen das nicht sehen wollen, zeigt nur, wie weit sie von der Lebenswirklichkeit abgekoppelt sind.

Ja, es mag Leute geben, die gerne länger arbeiten möchten und die in ihren Betrieben auch noch gebraucht werden. Für die meisten, behaupte ich, ist das nicht der Fall. Obendrein gibt es inzwischen doch keine Rente mit 63 mehr. Ein Popanz, den neoliberale Politiker gleichwohl weiter aufrechterhalten und in ihren „Argumentationen“ anführen.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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