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Als uns die Toleranz abhandenkam
Nicht, dass ich die abgesagte oder verlegte Lesung von Arne Semsrott in Magdeburg gut fände. Im Gegenteil. Wenn eine Stadtbibliothek kalte Füße bekommt, weil ein Autor kurz vor einer Wahl als „zu provokant“ gilt, dann riecht das nach vorauseilendem Gehorsam. Und dieser Geruch ist unangenehm. Er zieht durch die Räume, bevor überhaupt jemand ein Buch aufgeschlagen hat.
Der Fall wird in der taz als Beispiel eines rechten Kulturkampfs beschrieben.
Das ist plausibel. Die AfD muss gar nicht immer selbst verbieten. Manchmal reicht schon die Erwartung ihres Lärms. Schon wird sortiert, verschoben, entschärft. So beginnt ein Toleranzverlust nicht mit dem großen Knall, sondern eher mit einem Raunen: Muss das wirklich sein? Jetzt? Kurz vor der Wahl?
Der neue Unwille, etwas auszuhalten
Trotzdem wäre es mir zu einfach, den Toleranzverlust nur rechts zu verorten. Von Rechts wirkt er oft aggressiver, autoritärer, einschüchternder. Da geht es nicht selten darum, Räume zu besetzen, Kulturinstitutionen unter Druck zu setzen, Menschen einzuschüchtern und demokratische Gegner als Feinde zu markieren.
Aber von links kennen wir ebenfalls Beispiele, in denen nicht mehr gestritten, sondern aussortiert wird. Ich erwähne mal den Umgang mit sozialen Netzwerken wie X und – auf der anderen Seite – BlueSky und Mastodon. Diese „Blasentechnik“ erreicht auch das normale Leben. Da wird jemand nicht widerlegt, sondern moralisch erledigt. Da genügt manchmal ein falscher Begriff, eine ungeschickte Formulierung, eine ältere Äußerung, um jemanden aus dem Kreis der Anständigen hinauszuschieben. Auch das ist Toleranzverlust. Nicht derselbe. Nicht mit denselben Zielen. Aber er gehört zur gleichen Krankheit: Wir halten einander immer weniger aus.
Und genau das macht die Sache so bitter. Denn Toleranz bedeutet nicht, alles gut zu finden. Toleranz heißt, etwas zu ertragen, das man ablehnt. Wer nur toleriert, was ohnehin in die eigene Welt passt, übt keine Toleranz. Der sortiert nur sein Bücherregal.
Rechte und linke Besserwisser
Die rechten Besserwisser treten gern als Volkstribune auf. Sie sagen, sie sprächen aus, was „man“ nicht mehr sagen dürfe. Merkwürdigerweise sagen sie es dann dauernd, sehr laut, in Talkshows, Zeitungen, sozialen Netzwerken und Parlamenten. Ihre Pose ist die des Unterdrückten, während sie gleichzeitig Druck auf andere ausüben. Das ist keine kleine Ironie. Das ist Geschäftsmodell.
Die linken Besserwisser klingen anders. Sie kommen häufig mit dem Anspruch, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Das kann sogar ehrenwert beginnen: gegen Rassismus, gegen Sexismus, gegen Ausgrenzung. Nur kippt es, wenn aus berechtigter Sensibilität ein Kontrollbedürfnis wird. Wenn nicht mehr gefragt wird: Was meint jemand? Sondern nur noch: Darf der das sagen?
Der Unterschied liegt für mich darin, wohin die Bewegung zielt. Rechte Kulturkämpfer wollen oft die demokratische Pluralität selbst beschädigen. Linke Eiferer wollen häufig die Gesellschaft moralisch reinigen. Das Ergebnis kann sich im Alltag trotzdem ähnlich anfühlen: eng, belehrend, freudlos. Wie ein Raum, in dem alle Fenster geschlossen sind und einer ständig ruft: Es ziehe.
Wann ist das passiert?
Vielleicht begann dieser Toleranzverlust nicht an einem bestimmten Tag. Er kroch eher heran. Mit den sozialen Medien, mit der Dauerempörung, mit dem politischen Marketing, das jedes Thema in Lagerlogik presst. Früher konnte man sich über einen Zeitungsartikel ärgern und ihn weglegen. Heute wird Ärger sofort veröffentlicht, geteilt, zugespitzt, belohnt.
Die Plattformen haben aus Empörung eine Währung gemacht. Wer differenziert, verliert Tempo. Wer zuspitzt, gewinnt Reichweite. Wer zweifelt, wirkt schwach. So entsteht eine Öffentlichkeit, in der nicht das beste Argument nach oben steigt, sondern der Satz mit dem stärksten Reizstrom.
Dazu kommt ein wachsendes Gefühl der Bedrohung. Migration, Klima, Krieg, soziale Ungleichheit, kulturelle Veränderungen, ökonomische Unsicherheit. Viele Menschen erleben Politik nicht mehr als gemeinsamen Streit um Lösungen, sondern als Verteidigung der eigenen Lebenswelt. Wer so empfindet, hört anders zu. Nämlich schlechter.
Was wir wieder lernen müssten
Wir müssen nicht naiv werden. Niemand muss Rechtsradikale verniedlichen. Niemand muss jede Provokation als Debattenbeitrag adeln. Es gibt Grenzen. Demokratie muss sich verteidigen. Bibliotheken, Theater, Schulen und Universitäten dürfen nicht zu Spielbällen politischer Einschüchterung werden.
Aber wir sollten auch nicht so tun, als sei jede Zumutung schon ein Angriff. Eine Demokratie lebt davon, dass Menschen einander widersprechen, ohne gleich den Ausschluss zu fordern. Sie lebt vom Streit. Vom schlechten Argument, das entkräftet wird. Vom besseren Argument, das sich bewähren muss. Vom Aushalten des Unangenehmen.
Der Toleranzverlust ist deshalb gefährlich, weil er uns verändert. Er macht uns kleiner. Härter. Misstrauischer. Er nimmt dem Gespräch die Luft und ersetzt sie durch Lagerparolen.
Vielleicht müssen wir wieder üben, einen Satz stehen zu lassen, ohne sofort den ganzen Menschen dahinter zu verurteilen. Nicht aus Schwäche. Sondern aus demokratischer Selbstachtung.
Denn wer gar nichts mehr aushält, hält am Ende auch die Demokratie nicht mehr aus.
