Subventionieren wir womöglich den eigenen Abstieg?

20. Mai 2026
6 Min. lesen

Die deutsche Autoindustrie steht in China unter massivem Druck. Doch das Problem ist größer als Lanz es beschreibt: Es geht nicht nur um Subventionen, sondern um Abhängigkeit, verschlafene Transformation, politische Feigheit und die Frage, was industrielle Souveränität noch wert ist.

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Markus Lanz hat in einem Videoausschnitt einen wunden Punkt getroffen. Die deutsche Autoindustrie steht in China nicht mehr nur unter Druck. Sie steht dort vor einer Machtverschiebung, die man lange nicht wahrhaben wollte. Früher war China der große Absatzmarkt, das Versprechen auf Wachstum, Gewinn und goldene Bilanzen. Heute ist China Wettbewerber, Lehrmeister und Taktgeber zugleich. Das ist der eigentliche China-Schock.

Die deutschen Hersteller haben jahrelang glänzend daran verdient, dass chinesische Kundinnen und Kunden deutsche Autos wollten. Premium, Verbrenner, Status. Das alte Lied. Nur hat sich der Refrain geändert. In China zählen inzwischen Software, Batterie, Geschwindigkeit, Preis und digitale Bedienung. Und da stehen die deutschen Hersteller nicht mehr selbstverständlich vorn. Sie müssen sich anpassen, lokalisieren, kooperieren. Sie müssen in China chinesischer werden, um in China überhaupt noch eine Rolle zu spielen.

Das klingt betriebswirtschaftlich vernünftig. Volkswirtschaftlich ist es eine bittere Pille.

Die Arbeitsplätze wandern nicht einfach, sie verdunsten

Lanz spricht davon, dass wir den Abbau deutscher Arbeitsplätze indirekt mitfinanzieren könnten. Das ist zugespitzt, aber nicht aus der Luft gegriffen. Wenn Forschung, Entwicklung, Software, Batteriekompetenz und Produktion immer stärker dorthin wandern, wo der Markt sitzt, dann bleibt in Deutschland nicht automatisch das industrielle Herz zurück. Dann bleiben hier Verwaltung, alte Werke, politische Sonntagsreden und Betriebsversammlungen mit ernsten Gesichtern.

Die Zahlen zeigen, dass der Druck real ist. Laut Statistischem Bundesamt waren Ende des dritten Quartals 2025 in der Automobilindustrie rund 48.700 Menschen weniger beschäftigt als ein Jahr zuvor; besonders betroffen sind die Zulieferer.   Schon Ende 2024 lag die Beschäftigung in der Branche deutlich unter dem Höchststand von 2018.  

Das ist kein kleiner Kratzer im Lack. Das ist Rost am tragenden Blech.

Der China-Schock trifft dabei nicht nur VW, BMW oder Mercedes. Er trifft die Zulieferer, die Maschinenbauer, die Regionen, die Facharbeiter, die Familien. Er trifft all jene, die nicht einfach morgen App-Entwickler werden, weil irgendein Talkshowgast das für „Transformation“ hält.

Subventionen: Hilfe oder Narkosemittel?

Die Frage nach staatlichen Subventionen ist heikel. Natürlich kann ein Staat nicht tatenlos zusehen, wenn eine Schlüsselindustrie ins Rutschen gerät. Wer das fordert, soll bitte ehrlich dazusagen, welche Regionen er wirtschaftlich abschreiben möchte. Wolfsburg? Stuttgart? Ingolstadt? Das Saarland? Teile von NRW? Da wird es schnell still am Stammtisch.

Aber Subventionen dürfen kein Narkosemittel sein. Wenn der Staat mit Steuergeld Kaufprämien, Standortgarantien oder Transformationshilfen bezahlt, muss er Bedingungen stellen. Nicht als bürokratische Peitsche, sondern als demokratische Selbstachtung. Wer öffentliche Hilfe bekommt, darf nicht gleichzeitig die industrielle Substanz aus Deutschland herauslösen und später mit traurigem Blick erklären, der Markt habe es so gewollt.

Hier wird Lanz eher zu vorsichtig. Es reicht nicht, empört zu fragen, ob wir den eigenen Arbeitsplatzabbau finanzieren. Man muss weitergehen: Welche Gegenleistung verlangt der Staat? Welche Forschung bleibt hier? Welche Batterietechnik? Welche Softwarekompetenz? Welche Tarifbindung? Welche Standorte? Welche Ausbildung?

Wenn darauf keine Antwort kommt, dann ist Subvention keine Industriepolitik. Dann ist sie eine höfliche Einladung zum Mitnehmen.

China ist nicht schuld an allem

So einfach ist es aber nicht. China spielt hart. China subventioniert. China schützt eigene Interessen. Die EU-Kommission hat deshalb endgültige Ausgleichszölle auf batterieelektrische Fahrzeuge aus China verhängt, nachdem sie unfaire Subventionierung festgestellt hatte.  

Aber wir sollten uns nicht in die bequeme Opferrolle flüchten. Die deutsche Autoindustrie hat die Entwicklung nicht verschlafen, weil Peking nachts heimlich den Wecker abgestellt hat. Sie hat zu lange am Verbrenner verdient, zu lange Software unterschätzt, zu lange geglaubt, Marke ersetze Geschwindigkeit. Diese Selbstgewissheit war teuer. Sehr teuer.

Der China-Schock ist also auch hausgemacht. Er ist Ergebnis politischer Unentschlossenheit, industrieller Arroganz und einer seltsamen deutschen Neigung, Veränderungen erst dann ernst zu nehmen, wenn sie schon auf dem Hof stehen und hupen.

Das heißt nicht, dass E-Mobilität alle Probleme löst. Das heißt auch nicht, dass jeder Zweifel an der Geschwindigkeit des Umbaus dumm wäre. Aber wer im Jahr 2026 noch so tut, als könne man mit dem alten Verbrennerstolz die Zukunft gewinnen, der hängt nicht an Tradition. Der hängt am Tropf der Vergangenheit.

Gewinne dort, Risiken hier?

Besonders bitter ist die mögliche Arbeitsteilung: Die Konzerne verdienen global weiter Geld, aber die industrielle Basis in Deutschland schrumpft. Gewinne können wandern. Beschäftigte nicht. Ein Vorstand kann Strategie nennen, was für eine Region Strukturbruch bedeutet.

Das Institut der deutschen Wirtschaft beschreibt, wie stark sich die China-Abhängigkeit verändert hat: 2021 hingen noch rund 1,1 Millionen Arbeitsplätze direkt oder indirekt am chinesischen Endverbrauch; seitdem ist diese Zahl deutlich gesunken.   Zugleich sind die deutschen Autoexporte nach China 2025 laut IW gegenüber dem Vorjahr um rund ein Drittel eingebrochen; der Maschinenbau hat die Autoindustrie bei den China-Ausfuhren inzwischen überholt.  

Das klingt zunächst nach weniger Abhängigkeit. In Wahrheit kann es aber auch heißen: Der alte Wachstumsmotor läuft nicht mehr. Und wenn gleichzeitig die Produktion für China zunehmend in China stattfindet, dann verliert Deutschland doppelt. Erst den Export. Dann die Kompetenz.

Was jetzt nötig wäre

Wir brauchen keine romantische Rückkehr zum alten Industriezeitalter. Wir brauchen auch keine blinde China-Feindschaft. Aber wir brauchen eine nüchterne, härtere Industriepolitik. Nicht härter gegen Beschäftigte. Härter gegenüber Konzernen, die gern Standortpatriotismus predigen, solange der Steuerzahler zuhört, und Globalisierung praktizieren, sobald die Bilanz ruft.

Der Staat sollte fördern, aber nicht betteln. Er sollte investieren, aber nicht verschenken. Er sollte China nicht dämonisieren, aber auch nicht länger so tun, als sei Abhängigkeit eine besonders elegante Form von Weltläufigkeit.

Der China-Schock zwingt Deutschland zu einer unangenehmen Frage: Wollen wir Industrieland bleiben oder nur noch Eigentümer alter Markennamen sein? Wollen wir Batterien, Software, Maschinen, Fahrzeuge, Forschung und gute Arbeit hier halten? Oder wollen wir irgendwann stolz erzählen, dass wir früher einmal wussten, wie Zukunft gebaut wird?

Lanz hat recht, sich Sorgen zu machen. Aber die Sorge darf nicht bei der Talkshow-Miene stehen bleiben. Sie muss politisch werden. Denn wenn industrielle Wertschöpfung erst einmal abgewandert ist, kommt sie nicht zurück, nur weil wir ihr einen freundlichen Brief schreiben.

Und genau das ist der Kern des China-Schocks: Nicht China nimmt uns automatisch die Zukunft weg. Wir können sie auch selbst aus der Hand legen. Mit offenen Augen. Mit Subventionen. Mit schönen Worten. Und mit dem beruhigenden Satz, es werde schon nicht so schlimm kommen.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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