Zwischen Transparenz und Alarmismus: Übertreibt Arne Semsrott?

4. Juli 2026
5 Min. lesen

Die geplante Reform des Informationsfreiheitsgesetzes sorgt für heftige Kritik. Arne Semsrott spricht von einem «autoritären Staatsumbau». Ist diese Zuspitzung gerechtfertigt? Der Beitrag beleuchtet seine Argumente, seine eigenen Interessen und die Beweggründe der Bundesregierung – ohne die Grautöne auszublenden.

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Zwischen berechtigter Kritik und politischer Dramatisierung

Die geplante Reform des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG) stößt auf heftigen Widerstand. Besonders deutlich formuliert ihn Arne Semsrott. Er spricht vom «schwersten Angriff auf staatliche Transparenz» und sogar von einem «autoritären Staatsumbau». Das klingt vielleicht zu dramatisch.

Ich teile viele seiner Sorgen. Das IFG hat in den vergangenen zwanzig Jahren wesentlich dazu beigetragen, staatliches Handeln nachvollziehbar zu machen. Zahlreiche Recherchen zu Maskengeschäften, Lobbykontakten oder Behördenentscheidungen wären ohne dieses Gesetz kaum möglich gewesen.

Auch Aktivisten verfolgen eigene Interessen

Trotzdem lohnt ein zweiter Blick. Semsrott ist nicht nur Journalist und Autor, sondern Leiter von FragDenStaat. Das Projekt lebt davon, dass Bürgerinnen und Bürger mithilfe des IFG staatliche Informationen einfordern können. Fällt dieser Rechtsanspruch weg oder wird er deutlich eingeschränkt, verliert seine Organisation einen wichtigen Teil ihrer Arbeitsgrundlage.

Das macht seine Argumente nicht falsch. Es erklärt aber, warum seine Wortwahl besonders scharf ausfällt. Aktivismus lebt von Aufmerksamkeit. Zuspitzung gehört häufig zum politischen Handwerk.

Die Regierung hat ebenfalls Argumente

Umgekehrt handelt auch die Bundesregierung nicht ohne eigene Interessen. Behörden beklagen seit Jahren den hohen Aufwand für IFG-Anfragen. Manche seien bewusst überzogen, andere würden von Unternehmen oder Kanzleien genutzt, um wirtschaftliche Vorteile zu erlangen. Hinzu kommen personelle Belastungen und der Wunsch, verschiedene Auskunftsgesetze übersichtlicher zusammenzuführen.

Ob diese Gründe ausreichen, den Informationszugang einzuschränken, ist eine andere Frage. Ganz von der Hand zu weisen sind sie jedenfalls nicht.

Weniger Empörung, mehr Abwägung

Mich stört weniger die Kritik an der Reform als ihre Dramatisierung. Wer von einem autoritären Staatsumbau spricht, erhebt einen sehr weitreichenden Vorwurf. Dafür genügt es nicht, dass ein Gesetz verschlechtert werden könnte. Solche Begriffe sollten dort verwendet werden, wo demokratische Grundstrukturen tatsächlich systematisch ausgehöhlt werden.

Die eigentliche Debatte sollte deshalb nüchterner geführt werden. Wie viel Transparenz braucht eine Demokratie? Wie viel Verwaltungsaufwand ist zumutbar? Und wie verhindert man Missbrauch, ohne Bürgerrechte unnötig einzuschränken?

Gerade diese Fragen verdienen eine ernsthafte Diskussion. Alarmismus hilft dabei ebenso wenig wie der reflexhafte Wunsch, staatliches Handeln der öffentlichen Kontrolle zu entziehen.

Mir ging auch die allgemeine Forderung nach Bürokratieabbau durch den Kopf. Wenn viele vehement darüber klagen, dass die Zahl der Staatsbeschäftigten so stark gestiegen sei, sollte man beachten, wie die Zahl »kleiner Anfragen« z. B. von der AfD zugenommen hat. All diese teilweise sehr komplexen Fragen müssen fachgerecht recherchiert und beantwortet werden. Einen Beitrag zum Bürokratieabbau stellt all das nicht dar.

WahlperiodeKleine Anfragen
17. Bundestag (2009–2013)ca. 3.400
18. Bundestag (2013–2017)3.953
19. Bundestag (2017–2021)11.677
20. Bundestag (2021–2025)4.569 (bis zum Ende der Wahlperiode)

Die 19. Wahlperiode war ein Ausreißer nach oben. Verantwortlich waren vor allem die damals drei Oppositionsfraktionen. 

Die meisten Anfragen nach Fraktionen: Bis 2017 vor allem Linke und Grüne, 2017–2021 besonders FDP und AfD, seit 2025 stellt wiederum die AfD den größten Anteil der Kleinen Anfragen. Kleine Anfragen gibt es darüber hinaus in allen 16 Länderparlamenten. Die Fristen für deren Beantwortung sind allerdings unterschiedlich.

Eine Kleine Anfrage kann bestehen aus drei einfachen Fragen, oder 80 detaillierten Einzelfragen, oder der Auswertung mehrerer Datenbanken, oder der Beteiligung zahlreicher Ministerien.

Deshalb schwanken die Bearbeitungszeiten erheblich. Aus Ministerien wird berichtet:

  • einfache Anfragen: wenige Stunden,
  • durchschnittliche Anfragen: mehrere Arbeitstage,
  • große Datenabfragen: mehrere Wochen,
  • besonders umfangreiche Fälle: Hunderte Arbeitsstunden über mehrere Behörden hinweg.

Wenn man sich die Protokolle der Bundestagssitzungen gelegentlich durchliest, findet man die Themen, die vorzugsweise von der AfD angesprochen werden. Manchmal finden die Antworten auf diese Kleinen Anfragen ihren Widerhall in den Medien (auch die sozialen Medien), die ohne ausdrücklichen Bezug zur Urheberschaft zum jeweiligen Thema erst ein richtiges Fass aufmachen. Wir kennen viele der mitunter hässlichen Memes, die diese Informationen hervorbringen.

Warum spreche ich im Zusammenhang mit dem von Semsrott beschriebenen Thema die Kleinen Anfragen an? Weil uns bewusst sein sollte, welchen Aufwand (Bürokratieaufwand) wir betreiben, um oft genug nur den Interessen von Aktivisten Rechnung zu tragen. Dass es bei einer Bewertung immer auch darauf ankommt, ob man den Positionen der einen oder anderen Partei (Anfrage, Recherche) zugetan ist, gehört auch zur Wahrheit dazu.

Landtagspräsidenten und Ministerien berichten inzwischen offen, dass generative KI das Problem verschärft habe. So warnte etwa der Thüringer Landtagspräsident, KI hebe die frühere “natürliche Begrenzung” des Fragerechts praktisch auf. Gleichzeitig sprach er sich ausdrücklich gegen eine Einschränkung des Fragerechts aus. Verrückt oder?

Beides (IFG und Kleine Anfragen) bindet Personal – allerdings auf unterschiedlichen rechtlichen Grundlagen.

Unterschiede zwischen IFG und Kleinen Anfragen.

Kleine Anfragen

  • parlamentarisches Kontrollrecht
  • nur für Abgeordnete
  • Regierung muss grundsätzlich antworten
  • dienen der politischen Kontrolle

IFG-Anfragen

  • dienen der Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit
  • Recht jedes Bürgers
  • betreffen Akteneinsicht und Dokumente
  • werden häufig von Journalisten, Wissenschaftlern oder Organisationen wie FragDenStaat genutzt

Mit KI lassen sich heute in wenigen Minuten Fragenkataloge erstellen, deren Beantwortung in den Ministerien Tage oder Wochen beanspruchen kann. Das stellt die Parlamente vor die schwierige Aufgabe, einerseits das parlamentarische Kontrollrecht unangetastet zu lassen und andererseits einen Missbrauch zur bloßen Überlastung der Verwaltung zu verhindern.

Dieser Text wurde teilweise mit KI erstellt.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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2 Kommentare zu „Zwischen Transparenz und Alarmismus: Übertreibt Arne Semsrott?“

  1. Was in dieser Situation besonders perfide erscheint ist doch die Tatsache WER das initiiert hat:
    Ausgerechnet die Politiker, die den meisten Dreck am Stecken haben wollen zukünftig Transparenz abschaffen?

    Das kennt man von den unwirksamen und daher frei verkäuflichen Medikamenten (gestelzt „Supplemente“ genannt):
    Eine *Befindlichkeitsstörung* wird überspitzt gefährlicher als *Krankheit* dargestellt – um dann die entsprechende Lösung in Form eines nicht verschreibungspflichtigen, unwirksamen Konglomerats aus billigen Pflanzenstoffen überteuert anzudienen … ‚das ist Ihnen doch ihre Gesundheit wert‘!

    Sowohl Amthor als auch Spahn haben wenig zum Staatswohl und dem Wohl der Bürger beigetragen, allerdings kräftig abgesahnt, und im Hintergrund Zwietracht gesät – ausgerechnet diese beiden Versager und Maulhelden setzen sich nun an die Spitze einer angeblichen *Vereinfachungsbewegung*?
    Das stinkt doch verdächtig nach Eigennutz …!

    Selbst wenn das nur z.T. zutreffend wäre:
    Verdächtig ist doch die Art und Weise das *Projekt* stikum unterzuschieben anstatt eine Diskussion zuzulassen (für die Sie je wohl plädieren / Verständnis hätten)

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