Vor langer, langer Zeit, als ich noch arbeiten ging, war das mit den Krankmeldungen noch traditionell, funktionell. Ich wurde krank (gewöhnlich war es eine Erkältung mit starkem Husten), und ich konnte nicht aufstehen. Selbst bei etwas erhöhter Temperatur war mir immer schnell schwindlig, so dass ich einfach nicht zu gebrauchen war. Das kam leider regelmäßig, einmal pro Jahr, vor.
Ich legte mich 2-3 Tage ins Bett und erholte mich. Am 3. oder 4. Tag konnte ich wieder zur Arbeit gehen. Einen Arzt sah ich deshalb nicht, und ich telefonierte auch mit keinem.
In den letzten ca. 20 Jahre meiner beruflichen Laufbahn, ändert sich das. Laut Vertrag hatte die Krankschreibung am ersten Tag zu erfolgen. Ein Exemplar per Post an den Arbeitgeber, eine Ausfertigung an die Krankenkasse. Wirklich streng wurde die individuelle, vertragliche Regelung nicht ausgelegt. Ich gab die Krankschreibung in der Personalabteilung ab, wenn ich wieder fit war und arbeiten gehen konnte. I. d. R. also auch nach 3 oder 4 Tagen.
Seit 1. Oktober 2021 übermitteln Ärztinnen und Ärzte die AU-Daten direkt digital an die Krankenkasse.
Seit 1. Januar 2023 rufen Arbeitgeber die AU-Daten elektronisch bei der Krankenkasse ab.
Beschäftigte müssen ihrem Arbeitgeber in der Regel nur noch mitteilen, dass sie arbeitsunfähig sind und wie lange die Arbeitsunfähigkeit voraussichtlich dauert. Die Papierbescheinigung müssen sie normalerweise nicht mehr einreichen.
Dieser schöne Fortschritt soll nun dahin sein. Das Misstrauen der Arbeitgeber schlägt durch. Übrigens ähnlich wie beim Thema Homeoffice. Auch hier unterstellen die Arbeitgeber in weiten Teilen ihren Mitarbeitern, dass sie ihren Verpflichtungen nicht korrekt nachkommen. Wie die Regierung darauf reagiert, sehen wir in diesen Zeiten und nehmen schmerzhaft zur Kenntnis, wer in diesem Land das Sagen hat. Aber für wen ist das wirklich überraschend?
Dass die von der Regierung vorgesehene, strengere Neufassung bisheriger Regeln auf so viel und lauten Widerstand stößt, finde ich bemerkenswert. Gibt es bei diesen als Reformen bezeichneten vielen Änderungen nicht viel Wichtigeres als dieses vergleichsweise harmlose Thema? Offenbar taugen die vielen anderen Punkte nicht zur öffentlichen Mobilmachung, weil sie komplex und kompliziert daherkommen. Das ist für den Michel nichts. Im Grund ist es hier ein wenig wie beim Fußball. Da kann auch jeder gleich losschimpfen.
Ich denke, der Widerstand gegen diesen Punkt hat eine andere Ursache. Wenn ich an meine Hausarzt-Praxis hier in der Großstadt denke, ist diese Neuregelung gar nicht machbar.
Wenn ich da einen Termin haben will, bekomme ich den in 6-8 Wochen. Für akute Fälle gibt es eine Notfallsprechstunde ohne Termine. Da warte ich jetzt schon 4-5 Stunden. Wie soll das aussehen, wenn alle dort aufschlagen, die nur für einen, oder zwei Tage eine AU brauchen? Das wird das vollkommene Chaos.
Von mir aus können die eine AU vom ersten Tag an bekommen, ich habe da keinen Stress mit. Wenn ich krank fehle, bin ich auch wirklich krank. Ich halte es nur, im aktuellen Gesundheitswesen, nicht für machbar, diese neuen Anforderungen zu erfüllen. Wenn zumindest die telefonische Krankschreibung geblieben wäre. Denn das geht unkompliziert und ich muss mir mit einem verdorbenen Magen (als Beispiel) nicht noch die drölfzig schönsten Viren in der Praxis einsammeln.
Und sind wir mal ehrlich, die „Drückeberger“ lassen sich dann mit Freuden direkt für eine Woche krankschreiben. Die kommen dann nicht nach einem oder zwei Tagen wieder zur Arbeit. Die nutzen die neue Regelung doch mit Genuss aus.
@Herr Tommi: Meine Stadt hat nur 25.000 Einwohner. Also ein Dorf, das sich Stadt nennen darf. :-). Hier gibts auch Probleme mit den Terminen aber nicht in der Form wie von dir beschrieben. Ich warte auch schon mal länger. Aber noch nie über 2 Stunden. Und das war ein Ausreißer. Wenn ich zum Hausarzt gehe, dann nur, wenn mir etwas weh tut oder ich glaube, es stimmt etwas nicht. Insofern unterscheiden wir uns nicht. Aber du musst mindestens doppelt so lange warten. Das ist schon mal eine Ansage.
Ich glaube, die Deutschen gehen viel zu häufig zum Arzt. Und das sind nicht nur Rentner, sondern halt auch Berufstätige. Dass unter denen viele sein werden, die keinen Bock haben, glaube ich schon. Trotzdem finde ich, dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn solche Veränderungen sozusagen im Auftrag der Arbeitgeber vorgenommen werden. Das wirft ein ganz schlechtes Licht auf das Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, das von Misstrauen geprägt zu sein scheint.
Ich glaube, die werden das aufgrund der „großen Zustimmung“ gar nicht einführen.
@Horst Schulte: Ja, vermutlich ist das nur eine Nebelkerze, um von den anderen Reformen abzulenken.