Vor wenigen Tagen erschien im britischen Magazin The Spectator ein Artikel mit der provokanten Überschrift, Deutschland falle leise auseinander. Kurz darauf griff der YouTuber Constantin Schreiber den Beitrag auf und stellte einen Begriff in den Mittelpunkt, der mich nicht mehr loslässt: den „schulterzuckenden Fatalismus“.
Dieser Ausdruck beschreibt weniger den Zustand unserer Straßen, Brücken oder Behörden als vielmehr eine Haltung. Eine Haltung, die sich in einem Satz verdichtet: „Ist halt so.“
Mich beschäftigt weniger, ob der Spectator an der einen oder anderen Stelle vielleicht überzeichnet. Solche Zuspitzungen gehören zum »Handwerk« eines meinungsstarken Magazins. Spannender finde ich die Frage, warum dieser Begriff bei vielen Menschen sofort ein Echo auslöst. Offenbar erkennen wir darin etwas wieder.
Vielleicht ist das eigentliche Problem unseres Landes gar nicht, dass vieles besser laufen könnte. Sondern dass wir uns daran gewöhnt haben.
Vom Gestaltungswillen zur Verwaltung des Mangels
Deutschland war über Jahrzehnte ein Land, das sich viel zutraute. Nach dem Krieg entstand aus Trümmern eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt. Die erschufen anfangs ca. 60 Mio. und heute 80 Mio. Deutsche. Soviel einmal dazu, dass wir nicht wüssten, was Produktivität bedeutet. Das behaupten ja sogar Mitglieder dieser Regierung.
Wir haben das geschafft. Nicht, weil früher alles einfacher gewesen wäre, sondern weil der Glaube vorherrschte, dass sich Probleme lösen lassen.
Heute scheint oft das Gegenteil zu gelten.
Kaum ein gesellschaftliches Thema kommt ohne den Hinweis aus, warum etwas nicht geht. Zu teuer. Zu kompliziert. Zu riskant. Rechtlich schwierig. Europäisches Recht. Föderalismus. Personalmangel.
Natürlich steckt hinter vielen dieser Einwände ein wahrer Kern. Aber wenn aus Erklärungen ein Dauerzustand zu werden droht, verändert sich etwas Grundsätzliches. Aus Pragmatismus wird Resignation.
Die Rolle der Politik
Politik lebt vom Versprechen, Zukunft gestalten zu können.
Doch seit Jahren erleben viele Bürger etwas anderes. Große Reformen werden angekündigt, zerredet, verschoben oder nach kurzer Zeit wieder infrage gestellt. Übrigens durchaus nicht nur von Politikern. Gern helfen dabei Medien und Bürger mit unterschiedlichen Schwerpunkte. Nur destruktiv erscheinen sie mir fast alle!
Regierungswechsel führen häufig dazu, dass Projekte des Vorgängers eher rückgängig gemacht als weiterentwickelt werden.
Das sendet eine fatale Botschaft: Nichts ist von Dauer.
Wer immer wieder erlebt, dass langfristige Vorhaben parteipolitischen Konflikten zum Opfer fallen, verliert irgendwann das Vertrauen in die Gestaltungsfähigkeit des Staates. An dieser Stelle sind wir längst vorübergerauscht. Mir persönlich fehlen politischerseits die großen Erzählungen. Visionen würden nicht, wie noch unter Helmut Schmidt mit einem Joke begrüßt, sondern könnten uns helfen, mental wieder auf die Beine zu kommen.
Die Rolle der Medien
Auch die Medien tragen ihren Teil dazu bei.
Sie leben von Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit entsteht durch Konflikte, Skandale und Krisen. Das ist kein Vorwurf, sondern Teil ihrer Logik.
Doch wenn jede Nachricht den Eindruck vermittelt, das Land befinde sich permanent im Ausnahmezustand, entsteht leicht ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Gleichzeitig geraten erfolgreiche Projekte, funktionierende Kommunen oder gelungene Reformen oft in den Hintergrund. Es liegt nicht allein daran, dass es in unserer Zeit so viele schlechte Nachrichten gibt. Es ist unser Umgang damit, die sich oft in der Suche nach den vermeintlich Schuldigen erschöpft. Aber diese Suche hilft nicht weiter. Die Denkweise muss angepasst oder sogar aktualisiert werden.
Sonst entsteht ein paradoxer Effekt: Manche Menschen halten Deutschland für ein Land des Dauerkrisenmodus, andere reagieren mit demonstrativer Gelassenheit und spielen Probleme herunter. Zwischen Alarmismus und Beschwichtigung bleibt wenig Raum für nüchterne Zuversicht.
Unsere eigene Verantwortung
Vielleicht fällt es uns besonders leicht, auf Politik und Medien zu zeigen. Schwieriger ist der Blick auf uns selbst.
Denn auch wir Bürger tragen Verantwortung für die Stimmung im Land.
Wir beklagen Bürokratie, wünschen uns aber zugleich maximale Absicherung. Wir verlangen schnelle Entscheidungen, erwarten jedoch, dass jede einzelne bis ins letzte Detail geprüft wird. Wir wünschen Veränderung, reagieren aber oft skeptisch, sobald sie vor der eigenen Haustür stattfindet.
Hinzu kommt eine Kultur des Kommentierens. Kaum ist eine Idee ausgesprochen, beginnt die Suche nach den Gründen, warum sie scheitern könnte. Kritik ist wichtig. Ohne sie funktioniert Demokratie nicht. Aber wenn Kritik zur Grundhaltung wird und Gestaltung zur Ausnahme, verliert eine Gesellschaft an Kraft. Da bin ich natürlich selbst angesprochen. Manchmal denke ich: Warum schreibst du darüber? Es gibt doch schon so viele Aspekte, die diesbezüglich längst behandelt wurden. Es gibt diese ganzen Hetzblogs, diese YouTube-Videos, in denen die Worte »zerlegt« oder »zerstört« inflationär verwendet werden. Man sollte sich diesen Quatsch gar nicht antun. Aber wir wissen, dass genau diese einfache Botschaft uns längst nicht mehr erreicht. Die Klugheit, aus Erfahrungen Konsequenzen zu ziehen, besitzen leider nur wenige von uns. Dabei halten wir uns doch alle für sooo klug!
Optimismus ist keine Naivität
Der Begriff des „schulterzuckenden Fatalismus“ trifft einen empfindlichen Punkt.
Nicht weil Deutschland kurz vor dem Niedergang stünde. Daran will ich nicht glauben. Und dafür spricht vieles gerade nicht. Unser Land verfügt weiterhin über hervorragend ausgebildete Menschen, innovative Unternehmen, leistungsfähige Forschungseinrichtungen und eine starke industrielle Basis.
Die eigentliche Gefahr liegt woanders.
Eine Gesellschaft verliert nicht zuerst ihre wirtschaftliche Stärke. Sie verliert zunächst den Glauben daran, dass sie ihre Zukunft selbst gestalten kann.
Vielleicht sollten wir deshalb wieder häufiger eine einfache Frage stellen.
Nicht: Warum geht das nicht?
Sondern: Was müsste geschehen, damit es gelingt?
Das klingt unspektakulär. Aber genau dort beginnt wahrscheinlich der Unterschied zwischen einer Gesellschaft, die sich mit dem Schulterzucken arrangiert, und einer, die sich ihre Zuversicht zurückholt.
Kommentare
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