Wenn Heiner Flassbeck das Wort ergreift, brennt mitunter die Luft in der ökonomischen Komfortzone. Hier stand für mich am Beginn der Diskussion ein wenig zuviel Schimpfen über die Zustände im Land, einschließlich des Vorwurfs eines mangelnden Verständnisses von Betriebswirten für die makroökonomischen Zusammenhänge. Auch in Unternehmen »herrschen« nach Flassbeck zu viele Betriebswirte und jedenfalls zu wenig Volkswirte.
Im Bundestag, die Frage stellte ich mir gleich selbst, sind die Betriebswirte ebenfalls deutlich in der Mehrheit. Es gibt nach meinen Recherchen ca. 70–75 Betriebswirte und 25–35 Volkswirte im Parlament. Die Volkswirte finden sich verteilt über fast alle Fraktionen, manchmal in finanzpolitischen Sprecherrollen.
In seinem jüngsten Gespräch auf dem Youtube-Kanal von Maurice Höfgen macht er deutlich, dass wir uns seit Jahrzehnten in ein gefährliches Abseits manövriert haben. Während die Politik immer noch das Lied von der Wettbewerbsfähigkeit singt und den Gürtel enger schnallen will, sieht Flassbeck genau darin das Gift für unsere Wirtschaft. Er diagnostiziert eine Art kollektive Schizophrenie: Man stellt zwar einen Nachfragemangel fest, fordert aber im gleichen Atemzug Sozialkürzungen und längere Arbeitszeiten. Das ist nicht nur paradox, sondern ökonomischer Blindflug.
Mir gefallen die Aussagen zunächst schon deshalb, weil sie dem herrschenden Narrativ etwas entgegensetzen.
Die Falle der Exportüberschüsse
Ein zentraler Punkt seiner Analyse ist unser fast schon sakrosankter Leistungsbilanzüberschuss. Was jahrelang als Gütesiegel der »Exportweltmeisterschaft« gefeiert wurde, entpuppt sich nun als schwere Bürde. Flassbeck erklärt das so einfach wie brillant über die Saldenmechanik: Wenn Deutschland dauerhaft mehr exportiert als importiert, müssen andere Länder sich zwangsläufig verschulden, um unsere Waren zu kaufen. Jetzt, wo Partner wie die USA unter Trump signalisieren, dass sie dieses Spiel nicht mehr mitmachen, bricht dieses Modell in sich zusammen. Der Euro wertet auf, die Zölle steigen – und Deutschland steht ohne Plan B da.
Der Binnenmarkt als Rettungsanker
Die Lösung liegt laut Flassbeck nicht in weiteren Lohnkürzungen, sondern im genauen Gegenteil. Wir müssen die Binnennachfrage stärken. Da deutsche Unternehmen seit 20 Jahren netto sparen, statt zu investieren, bleibt nur ein logischer Akteur übrig: der Staat. Er muss die massiven privaten Ersparnisse durch Schuldenaufnahme in den Kreislauf zurückführen – für Infrastruktur, Bildung und Klima. Nur wenn wir den europäischen Binnenmarkt als stabilen, eigenständigen Wirtschaftsraum begreifen und die Löhne produktivitätsorientiert steigen lassen, können wir der drohenden Deflationsspirale entkommen. Es ist Zeit, die Logik der schwäbischen Hausfrau endlich dorthin zu schicken, wo sie hingehört: in den Ruhestand.
Ob sich unsere Regierung auf solche Strategien einigen kann? Nie im Leben. Kensyaner sind wohl klar in der Minderheit.



Nutzt nur leider nix. Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass er so etwas schreibt.
Da haben Leute eben ganz andere Pläne und da kommen Andere nur als Mittel zu Zweck drin vor.
@juri Nello: Leider hört »man« nicht auf ihn. In seiner Disziplin ist er wohl aus Gründen umstritten. Ich habe schon einige seiner Vorträge angehört und war immer angetan. Naja, ich gehöre ja auch zu denen, die gern von früher ™ schwärmen. Flassbecks Thesen klingen für mich realistisch. Aber du hast leider recht. Das findet kein Gehör. Merkwürdigerweise auch nicht bei linken Parteien.