
Es ist eine schmerzhafte Erkenntnis, doch wir müssen sie aussprechen: Die Scham, die man als Mann empfindet, wenn Frauen ihr Leid klagen, ist nicht nur berechtigt. Es ist beschämend, dass es im 21. Jahrhundert immer noch so dringend nötig ist, auf fundamentale Missstände hinzuweisen. Niemand sollte so erwachsen werden müssen – ständig im Bewusstsein, als Objekt für Männer zu fungieren, die sich das Recht herausnehmen, die Entwicklung von Mädchen und jungen Frauen durch verbale Übergriffe und aktive Handlungen massiv zu beeinflussen. Für viel zu viele gab es diesen Schutzraum nie, der eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte.
Wenn Jagoda Marinić in ihrem Artikel »Wen wir leider zu selten sehen: Die jungen Frauen« konstatiert, dass wir nun die Chance haben, in die Abgründe des Patriarchats zu blicken, dann ist das ein Weckruf. Wir Männer sollten diesen Moment nicht verstreichen lassen. Es geht darum, nicht wieder in die bekannten Reflexe zu verfallen – die Abwehr, die Relativierung oder das Wegsehen –, die uns erst in diese gesellschaftliche Ausweglosigkeit geführt haben.
Den Blickwinkel konsequent verschieben
Ein erster Schritt zur Besserung ist das aktive Zuhören ohne den Drang, sich sofort rechtfertigen zu wollen. Wir müssen anerkennen, dass die Realität von Frauen oft von Erfahrungen geprägt ist, die sich ein Mann in dieser Intensität kaum vorstellen kann. Es reicht nicht aus, »nicht so einer« zu sein. Es geht darum, die Strukturen zu verstehen, die dieses Verhalten begünstigen. Wir müssen lernen, die subtilen Mechanismen der Objektifizierung im Alltag zu erkennen – sei es im beruflichen Umfeld, im Freundeskreis oder in der digitalen Welt. Nur wer die Abgründe kennt, kann vermeiden, sie weiter aufzureißen.
Verantwortung statt bloßer Betroffenheit
Wahre Veränderung beginnt dort, wo wir unsere eigene Rolle innerhalb dieses Systems hinterfragen. Das bedeutet auch, im eigenen Umfeld den Mund aufzumachen, wenn Grenzen überschritten werden. Solidarität mit Frauen darf kein Lippenbekenntnis bleiben, sondern muss sich in einer aktiven Veränderung männlicher Sozialisation manifestieren. Wir haben die Verantwortung, eine Welt mitzugestalten, in der die nächste Generation von Frauen nicht mehr gegen die Schatten des Patriarchats ankämpfen muss, sondern sich frei und unbeschwert entfalten kann. Die Chance zum Umdenken ist da – nutzen wir sie. Zusammen.



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