
Wie uns manche Medien auf das vorbereiten, was am 31. Oktober in deutschen Städten passieren könnte, hat für mich den Charakter einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Noch hat der angekündigte Protesttag der Generation Z nicht stattgefunden. Doch die Kulisse steht bereits: Halloween, Masken, radikale Gruppen, Polizeiaufgebote. Man hört förmlich schon das Klirren der Scheiben, bevor überhaupt jemand ein Transparent ausgerollt hat.
Beim Lesen und Zuhören beschleicht mich ein unangenehmer Eindruck: Manche scheinen die Bilder der Eskalation regelrecht zu erwarten. Ob sich einzelne Medienleute tatsächlich danach sehnen, kann ich nicht wissen. Aber eine Berichterstattung kann auch ohne solche Absichten eine Erwartung erzeugen, in der friedlicher Protest beinahe wie die enttäuschende Variante des angekündigten Ereignisses wirkt.
Die Warnung macht die Schlagzeile
Die Beispiele muss man nicht lange suchen. Die Tagesschau berichtet unter der Überschrift «Sicherheitsbehörden alarmiert durch Demo-Aufrufe». Beim rbb warnt Brandenburgs Innenminister Jan Redmann vor «französischen Verhältnissen». Bereits diese Überschriften bestimmen die Blickrichtung: Wer an die angekündigten Demonstrationen denkt, soll offenbar zunächst an deren mögliches Entgleisen denken.
Dabei sind die Berichte differenzierter als ihre zugespitzten Einstiege. Sie erwähnen die ausdrückliche Distanzierung der Initiative von Gewalt. Die Tagesschau gibt zudem die Unterscheidung zwischen friedlichen Schülerprotesten und möglichen gewaltbereiten Nutznießern wieder. Das gehört zur fairen Bewertung dazu. Mein Einwand lautet deshalb nicht, diese Informationen würden vollständig unterschlagen. Er betrifft ihre Gewichtung: Die Bedrohung eröffnet die Geschichte, die Differenzierung muss hinterherlaufen.
Natürlich müssen Medien über Warnungen von Sicherheitsbehörden berichten. Aber sie entscheiden selbst, ob die Warnung das gesamte Ereignis rahmt. Eine Ministeräußerung ist eine Nachricht. Sie ist noch keine unabhängige Beschreibung dessen, was am Samstag geschehen wird.
Der Mob ist sprachlich schon unterwegs
Besonders deutlich wird das in Nordrhein-Westfalen. In einem von WELT veröffentlichten dpa-Bericht warnt Herbert Reul vor einem «marodierenden Mob». Zugleich heißt es dort, der Polizei lägen bislang keine konkreten Hinweise auf bevorstehende gewalttätige Aktionen vor. Hinweise auf extremistische Mobilisierung werden ebenfalls genannt. Diese unterschiedlichen Erkenntnisstände gehören zusammen – und sollten auch gemeinsam wahrgenommen werden.
Dass keine konkreten Hinweise vorliegen, garantiert selbstverständlich keinen friedlichen Verlauf. Es macht aber einen erheblichen Unterschied, ob Behörden vorsorglich verschiedene Szenarien vorbereiten oder ob eine bevorstehende Eskalation bereits konkret absehbar ist. Genau diesen Unterschied wünsche ich mir deutlicher herausgearbeitet.
Wie es nüchterner geht, zeigt eine Aussage der Dortmunder Polizei im Westfälischen Anzeiger: «Wir sind vorbereitet, aber wir rechnen nicht mit Situationen wie in Frankreich und Italien.» Vorbereitung und Gelassenheit passen also durchaus zusammen. Man muss dafür nicht einmal die öffentliche Sicherheit aufs Spiel setzen.
Was die Jugendlichen wollen, ist keine Nebensache
Bei der Initiative geht es unter anderem um Bildung, bezahlbare Lebensbedingungen, Klimaschutz und die Ablehnung einer Wehrpflicht. Der Standard stellt diese Anliegen und die erklärte Friedfertigkeit der Organisatoren ausführlicher dar. Auch dort werden Risiken benannt. Die Jugendlichen bleiben aber als politische Akteure erkennbar.
Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Wer öffentlich protestiert, hat zunächst einmal etwas zu sagen. Darüber möchte ich etwas erfahren: Welche Forderungen sind berechtigt? Welche unrealistisch? Was erleben junge Menschen in ihren Schulen, bei der Wohnungssuche und mit Blick auf ihre Zukunft? Wer hört ihnen zu, bevor Innenminister vor denen warnen, die möglicherweise mitlaufen könnten?
Über die sozialen Hintergründe habe ich bereits in meinem Beitrag «Wenn das Versprechen des Sozialstaates zerbricht – Europas Jugend verliert die Geduld» geschrieben. Auch ich habe dabei nach dem Risiko einer Eskalation gefragt. Umso wichtiger ist die Unterscheidung: Eine mögliche Entwicklung zu diskutieren, darf nicht dazu führen, den konkreten Protest schon vor seinem Beginn auf Gewalt zu reduzieren.
Eine selbsterfüllende Prophezeiung?
Ob die aktuelle Berichterstattung tatsächlich Gewalt begünstigt, lässt sich aus diesen Artikeln nicht ableiten. Der Begriff der selbsterfüllenden Prophezeiung beschreibt hier meine Befürchtung, keinen nachgewiesenen Zusammenhang.
Die Sorge dahinter bleibt trotzdem berechtigt: Wenn tagelang über mögliche Krawalle gesprochen wird, könnte der Termin auch für Menschen interessant werden, denen die Anliegen der Demonstrierenden herzlich gleichgültig sind. Gleichzeitig könnten friedliche Teilnehmer abgeschreckt werden. Und beim Publikum kann sich eine Erwartung festsetzen, die später einzelne Gewaltszenen zum vermeintlichen Beweis für den Charakter des gesamten Protestes macht.
Wer Gewalt ausübt, trägt dafür die Verantwortung. Eine Schlagzeile wirft keinen Stein. Doch diese schlichte Feststellung entbindet Redaktionen nicht davon, über die Wirkung ihrer Auswahl, ihrer Sprache und ihrer Bilder nachzudenken. Genau diese fehlende Selbstprüfung beschäftigt mich auch in meiner Kritik an der blinden Empörung der Meinungsmacher.
Auch ein friedlicher Samstag wäre eine Nachricht
Ich erwarte keine beschönigende Berichterstattung. Konkrete Gewaltaufrufe gehören benannt, Straftaten aufgeklärt und Angriffe auf Menschen klar verurteilt. Ebenso erwarte ich allerdings, dass Vermutungen als Vermutungen erscheinen und dass Jugendliche nicht vorsorglich unter einen kollektiven Krawallverdacht geraten.
Vor allem wünsche ich mir einen einfachen journalistischen Ehrgeiz: Sollte der 31. Oktober weitgehend friedlich verlaufen, dann berichtet darüber mit derselben Aufmerksamkeit, mit der ihr jetzt die mögliche Eskalation ankündigt. Lasst die Anliegen nicht verschwinden, bloß weil die erhoffte Dramatik ausbleibt.
Halloween braucht offenbar längst keine Gespenster mehr. Das Gruseln besorgen schon die Schlagzeilen. Eine demokratische Öffentlichkeit sollte sich trotzdem zutrauen, jungen Menschen erst einmal zuzuhören.
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