
Es gibt Bilder, die einem Unternehmen lange nachlaufen sollten. Der Audi-Chef auf der Wahlkampfbühne Donald Trumps gehört für mich dazu. Gernot Döllner lässt den amerikanischen Präsidenten den geplanten Bau eines Audi-Werks in Georgia verkünden, tritt zu ihm auf die Bühne und bedankt sich für dessen Unterstützung. Wenige Tage vor den US-Zwischenwahlen bekommt Trump damit genau das Geschenk, das er politisch gebrauchen kann: Ein deutscher Konzern liefert ihm den vorzeigbaren Erfolg seiner rücksichtslosen Handelspolitik. Audi stellt dafür seinen Namen und seinen Vorstandschef zur Verfügung.
Erst unter Druck setzen, dann den Dank entgegennehmen
Trumps Erpressung durch seine Zollpolitik trägt offenbar mit zeitlicher Verzögerung Früchte. Er verteuert den Zugang zum amerikanischen Markt und drängt Hersteller damit zu Investitionen vor Ort. Wenn diese schließlich nachgeben, darf er sich als Retter der amerikanischen Industrie feiern lassen. Dass ein betroffener Konzernchef ihm anschließend öffentlich dankt, vollendet das Schauspiel. Der Mann, dessen Politik das Geschäft erschwert, erscheint plötzlich als großzügiger Unterstützer. Über diese Methode habe ich bereits in „Der orange Mann mit dem Zollhammer“ geschrieben. Audi liefert nun die passenden Bilder dazu.
Man muss sich schon fragen, was in einer Konzernführung vorgeht, die sich für eine solche Inszenierung hergibt. Natürlich kennt Döllner den Unterschied zwischen einem Geschäftstermin und einer Wahlkampfveranstaltung. Natürlich weiß er, welchen Nutzen Trump aus seinem Auftritt zieht. Gerade deshalb halte ich die Entscheidung, auf diese Bühne zu steigen, für moralisch verwerflich. Die wirtschaftliche Abhängigkeit wird hier öffentlich mit politischer Gefälligkeit beantwortet. Trump bekommt die Gelegenheit, seine Druckpolitik als Erfolgsmodell zu verkaufen – mit freundlicher Unterstützung aus Ingolstadt.
Ein US-Werk lässt sich begründen. Dieser Auftritt nicht.
Zur ehrlichen Einordnung gehört allerdings, dass Audi bislang keine eigene Fahrzeugproduktion in den USA unterhielt. Die Autos für den amerikanischen Markt kommen aus Europa oder Mexiko; entsprechend empfindlich treffen die Einfuhrzölle das Unternehmen. Anders als andere große Hersteller hat Audi damit keine bestehende US-Produktion, auf die es zurückgreifen könnte. Döllner argumentiert, ein Werk vor Ort stärke den gesamten Konzern und könne auch den deutschen Standorten zugutekommen. Diese Überlegung verdient eine sachliche Prüfung.
Doch selbst eine überzeugende Investitionsrechnung würde diesen Wahlkampfauftritt nicht rechtfertigen. Audi hätte seine Pläne auf einer eigenen Pressekonferenz vorstellen können. Man hätte die wirtschaftlichen Gründe erklären und zugleich politische Distanz wahren können. Stattdessen nahm Döllner an einer Veranstaltung teil, deren Zweck die Mobilisierung republikanischer Wähler war. Dass ein Unternehmen Geschäfte in den USA machen will, erklärt vieles. Warum sein Chef dafür Trumps Wahlkampf bereichern muss, erklärt es überhaupt nicht.
Unternehmenswerte mit eingebauter Ausnahme für den Chef?
Besonders bitter ist der Blick auf die eigenen Regeln. Nach Berichten über Audis Verhaltenskodex verpflichtet sich das Unternehmen zu politischer Neutralität und schließt öffentlichkeitswirksame Termine mit beteiligten Parteien oder Politikern in den letzten drei Monaten vor Wahlen aus. Döllner soll diese Selbstverpflichtung selbst unterschrieben haben. Genau daran muss er sich nun messen lassen. Wer Regeln an der Unternehmensspitze öffentlich derart strapaziert, beschädigt ihre Verbindlichkeit für den gesamten Betrieb.
Was sollen Beschäftigte von den Hochglanzbekenntnissen zu Verantwortung und Integrität halten, wenn der Vorstandschef ausgerechnet bei einer politisch so aufgeladenen Gelegenheit darüber hinweggeht? Unternehmenswerte beweisen sich dort, wo ihre Einhaltung unbequem wird. Solange sie nur gelten, wenn sie kein Geschäft erschweren, bleiben sie Dekoration. Das unwürdige Buckeln vor wirtschaftlicher Macht beschäftigt mich schon länger – etwa in „Buckeln bis zum Abgrund“. Bei Audi lässt sich jetzt besichtigen, wie bereitwillig sich ein Vorstand auf diese Haltung einlässt.
Der Aufsichtsrat schuldet den Beschäftigten Antworten
Hinzu kommt: Die endgültige Zustimmung des VW-Aufsichtsrats steht noch aus. Arbeitnehmervertreter verlangen Klarheit über die Folgen für die übrigen Standorte. Das ist das Mindeste. Bevor Milliarden für ein neues Werk freigegeben werden, müssen Investitionsbedarf, Auslastung und Beschäftigungsperspektiven im bestehenden Produktionsnetz auf den Tisch. Ein Arbeitsplatzverlust in Europa ist damit noch nicht bewiesen. Ebenso wenig genügt aber die Versicherung des Vorstands, am Ende würden alle gewinnen.
Allzu oft werden Beschäftigte zu Verzicht und Anpassung aufgefordert, während die Entscheidungen der Führungsetagen erstaunlich großzügig behandelt werden. Genau diese Schieflage habe ich zuletzt in „Wettbewerbsfähig bis zur Erschöpfung: Die Zumutungsmaschine bei Lanz“ kritisiert. Auch Döllner muss Verantwortung übernehmen: für die wirtschaftliche Planung und für die politische Wirkung seines Handelns. Audi hat Trump einen Wahlkampferfolg beschert, bevor die zuständigen Gremien das Projekt abschließend gebilligt haben. Für einen Konzern, der Vertrauen beansprucht, ist das ein erbärmliches Zeugnis.
Audi wird erklären müssen, weshalb sein Vorstandschef glaubte, dieser Auftritt sei mit den eigenen Grundsätzen vereinbar. Eine Pressemitteilung über die Bedeutung des US-Marktes reicht dafür nicht. Die wirtschaftliche Rechnung kann aufgehen und die politische Entscheidung trotzdem schäbig bleiben. Vier Ringe auf der Motorhaube ersetzen eben kein Rückgrat an der Spitze.
Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Leute wie Poschardt oder Stelter darüber urteilen. Für sie ist mein Urteil und das vieler anderer nur ein weiteres Beispiel für einen Moralismus, der mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten so gar nicht in Einklang zu bringen ist.
Ergänzung: 15:00 Uhr
Unternehmensgrundsätze gelten offenbar nur, solange sie nicht stören
Besonders unerträglich wird der Vorgang durch einen weiteren Umstand. Audi hat sich in seinen eigenen Richtlinien zur politischen Neutralität verpflichtet. In den drei Monaten vor Wahlen sollen ausdrücklich keine öffentlichkeitswirksamen Auftritte mit kandidierenden Politikern oder Parteien stattfinden. Genau gegen diesen Grundsatz verstieß der gemeinsame Auftritt von Audi-Chef Gernot Döllner mit Donald Trump wenige Tage vor den amerikanischen Zwischenwahlen.
Inzwischen heißt es allerdings, der Audi-Vorstand habe für diesen Auftritt eine Ausnahme von den eigenen Compliance-Regeln genehmigt. Damit mag der Vorgang formal legitimiert worden sein. An seiner moralischen Fragwürdigkeit ändert das überhaupt nichts. Im Gegenteil: Wenn ein Vorstand seine selbst auferlegten Grundsätze ausgerechnet dann außer Kraft setzt, wenn deren Einhaltung unbequem erscheint, entwertet er diese Regeln gleich selbst.
Unternehmenswerte sind schließlich keine Dekoration für Hochglanzbroschüren. Sie sollen gerade dann Orientierung geben, wenn wirtschaftliche Interessen mit politischen und moralischen Grundsätzen kollidieren. Wer sich politische Neutralität auf die Fahnen schreibt und sich anschließend für die Wahlkampfinszenierung eines Donald Trump zur Verfügung stellt, muss sich fragen lassen, was von diesen Bekenntnissen überhaupt noch übrig bleibt.
Die Investition in den USA mag wirtschaftlich nachvollziehbar sein. Der demonstrative Schulterschluss mit Trump auf einer Wahlkampfbühne ist es nicht. Dass sich ein deutscher Automobilkonzern für eine solche Inszenierung hergibt und dafür offenbar sogar seine eigenen Regeln passend macht, halte ich für unerträglich und inakzeptabel. Eine Ausnahmegenehmigung mag den Vorstand formal entlasten. Sie befreit ihn nicht von seiner Verantwortung.
Da sieht man gut, wie Kapitalisten denken. Sie scheren sich um rein gar nichts. Außer um ihre Verdienstmöglichkeiten. Das gilt für ihr Unternehmen und selbstverständlich natürlich auch für ihre eigene Bagage.
soweit ich das im Blick habe, hat Audi nur noch sehr große Autos, die würden ja in den USA viel besser passen, zumal es ja Verbrenner sind 🙈Die Art und Weise hätte so nicht sein dürfen. Es erweckt den Anschein als es nur noch um Gewinne geht, egal wie und wo.
@SuMu: Man kann einem Wirtschaftsunternehmen nicht verübeln, dass sie an Profit denken und sich daran orientieren. Aber diese Nummer von Audi hat eine andere Dimension. Trump erpresst Unternehmen mit seinen Strafzöllen. Dass Unternehmen da mitmachen, sollte man nicht glauben. Aber sie tun es. Audi denkt ans eigene Unternehmen, nicht an Deutschland. Trotzdem ist dieses Verhalten des Vorstandes ekelhaft, zumal er ja klar den Wahlkampf Trumps unterstützt. Das allein ist kritikwürdig. Wie NIUS und sein Chef darauf schauen, habe ich mir gerade angesehen. Was für bekloppte Arschlöcher. Und die finden in ihrer Blase Zustimmung. Sind eigentlich alle bekloppt geworden?
@Horst Schulte:
Es denkt wohl nur jeder an sich zuerst. Komische neue Zeit 🤢