HĂ€tte ich mal das ganze Interview von Gesundheitsminister Jens Spahn in der Augsburger Allgemeinen vom 20.9. gelesen und nicht nur den Teil, der sich um Ăberstunden des Pflegepersonals drehte, wĂ€re ich mit meiner Kritik an den Medien zurĂŒckhaltender gewesen. Oder?
Bitte beantworten Sie im Falle eines Herzinfarkts oder eines Sturzes von der Leiter zuerst alle 25 Fragen in unserer Gesundheits-App, danach ĂŒberlegen Sie es sich bitte, ob Sie wirklich unser Gesundheitssystem belasten wollen und sagen dann laut und deutlich:
â littlewisehen (@littlewisehen) 23. September 2018
NEIN! ? pic.twitter.com/rYEkxB50t9
Spahn hatte bei seinem Interview einen richtig starken Tag.
Er hat das wirklich so gesagt. Ich konnte es nicht glauben und habe das Interview in der Augsburger Zeitung deshalb komplett gelesen.
Im Prinzip gilt allerdings das Gleiche wie zuletzt. Die SĂ€tze werden (auf dem Papperl fĂŒr Twitter) nicht in der korrekten Reihenfolge wiedergegeben.
Deshalb wirken sie wie die Aussagen eines Idioten. So ist das ja auch gedacht, nicht wahr?!
Ich schĂ€tze allerdings, dass jeder Arzt die Augen verdreht, der Spahns Aussage ĂŒber seine tolle App liest.
Dabei mag es durchaus sein, dass nicht jeder Besuch in der Notaufnahme nötig wĂ€re. Und ja, wir wissen alle um die Ăberlastung unserer Ambulanzen in den KrankenhĂ€usern. Den Menschen das aber auf diese Weise nĂ€herbringen zu wollen, ist schon … ein wenig grenzwertig. Jedenfalls wird Spahn mit solchen VorschlĂ€gen nicht wirklich ĂŒberzeugen. Oder?
Und den will ich zum Bundeskanzler machen? OK, OK. Ich ĂŒberleg’s mir nochmal.
Lieber Horst,
auch nachdem ich fast das GANZE Interview gelesen habe (das zu Organspende hab ich ausgelassen) kann ich deine Empörung nicht teilen! (Fakt ist: ich google IMMER erstmal, wenn ich irgendwelche Krankheitszeichen verspĂŒre – und bin damit gewiss nicht alleine!)
Jens Spahn hat definitiv recht in dem, was er ĂŒber die Ăberlastung der Notaufnahmen und falsche Inanspruchnamen sagt. Lies bitte mal DIESEN Bericht der Berliner Notrufzentrale:
https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2018/03/notruf-berlin-missbrauch.html
»Immer mehr Menschen wĂ€hlen den Notruf 112. Aber nicht, weil es mehr UnfĂ€lle gibt, sondern weil die Hemmschwelle, den Rettungsdienst zu rufen, gesunken ist. Ein Schnitt in den Finger, eine starke ErkĂ€ltung, ein Schluckauf – das ist alles schon gemeldet worden. «
Dass das so ist, ist eine Mischung aus Bequemlichkeit, Ignoranz und in Teilen auch schlechter Ă€rztlicher Versorgung bei akuten Beschwerden. Soviel ich sehe, gibt es aber durchaus viele HausĂ€rzte (und auch einige FachĂ€rzte), die Akutsprechstunden anbieten und sogar Neupatienten annehmen, wenn sie spontan kommen. Leider auch viele andere, die das verweigern, obwohl sie es eigentlich nicht dĂŒrfen!
Was Spahn zu den Kliniken sagt, ist auch nicht gerade eine Empörung wert. Man weiĂ heute, dass viel zu viel operiert wird, weil die Anreize falsch gesetzt sind. Um z.B. bei Knie-Ops als »spezialisiert« zu gelten, brauchen Kliniken eine bestimmte Mindestzahl einer Op pro Jahr. Wenn da noch 5 fehlen, werden halt ein paar mehr operiert als medizinisch sein mĂŒsste. Spahn geht m.E. da nicht weit genug, wenn er nur die Aufteilung verschiedener Behandlungen zwischen »zu vielen« Kliniken mit demselben Programm anmahnt – man muss an die diversen Anreizsysteme ran, die z.B. bei (teuren) Operationen zu problemosem Durchwinken fĂŒhren, aber konservative Behandlungen (Physiotherapie, Krankengym…) deckeln und erschweren.
Spahn: »Verglichen mit anderen Branchen hinkt die Medizin bei der Digitalisierung noch weit hinterher. « Ja, das ist so und es ist ein Skandal, dass etwa die Gesundheitskarte nach 2 Jahrzehnten und Milliarden-Investitionen immer noch nicht mehr ist als ein KK-Ausweis! Was da alles verĂ€ndert werden könnte, vereinfacht, beschleunigt – es gibt ja momentan kaum einen Arzt, der bereit ist, mit seinen Patienten zu mailen, was ebenfalls an den Strukturen liegt.
Und noch etwas Positives hat Spahn gesagt:
»AuĂerdem schafft Bayern als erstes Bundesland das Schulgeld fĂŒr Physiotherapeuten, LogopĂ€den, Podologen und Ergotherapeuten ab. Das ist vorbildlich. Denn Therapeuten mĂŒssen hĂ€ufig noch 25.000 Euro mitbringen, um sich ausbilden zu lassen. Und das, obwohl wir auch in diesen Berufen einen enormen FachkrĂ€ftemangel haben. Ich hoffe, dass sich andere BundeslĂ€nder an Bayern ein Beispiel nehmen.«
Wie wahr! Ich sehe im Grunde auch gar nicht ein, warum Studierende gar nichts oder eine vergleichsweise geringe SemestergebĂŒhr zahlen mĂŒssen, aber andere Ausbildungen in klassische Berufe viel Geld kosten. Aber das geht nun ĂŒber das Gesundheitswesen hinaus…
Hallo Claudia, sieh da, ein Spahn-Fan. Wer hĂ€tte das gedacht? đ
Ich hatte das Interview gelesen, war aber nicht ĂŒber diese Passage gestolpert. Auf diese bin ich erst »aufmerksam« geworden, nachdem ich den Tweet oben gelesen habe. Dann habe ich nochmal nachgeguckt und fand Spahns ĂuĂerung eher amĂŒsant als empörend. Das war der Grund, weshalb ich ihn hier (ja in nicht ganz so ernstem Tonfall) angesprochen habe.
Ich sehe auch grundsĂ€tzlich immer im Internet nach. Danach bin ich noch kranker als zuvor. Mir machen diese ganzen verschiedenen Diagnosen eher Angst. In Arztserien wird Dr. Internet nicht ganz zu unrecht gern auf die Schippe genommen. Dort fragt ein Arzt auch gern mal danach, woher man denn die Idee habe, dass die Beschwerden auf dieses oder jenes zurĂŒckzufĂŒhren wĂ€ren. Die Antwort ist: »Aus dem Internet«. Die Schauspieler-Ărzte verziehen immer ihr Gesicht. Ich finde das lustig, weil es auf der einen Seite normal geworden ist, dass die Leute im Internet nachlesen und auf der anderen Seite die Einstellung vieler Ărzte dazu vermutlich ganz real gespiegelt wird.
Ich finde Spahn gut. Und ich glaube, er wird etwas zum Positiven verĂ€ndern. Vorausgesetzt natĂŒrlich, die Regierung hĂ€lt so lange.
Was bei den Ambulanzen los ist, kann ich persönlich sehr gut nachvollziehen. Nicht nur anhand meiner vielen Besuche (Schwiegermutter) hier in der örtlichen Krankenhausambulanz, sondern auch in anderen (auch Kölner) KrankenhĂ€usern. Die Ursachen fĂŒr die wachsende Inanspruchnahme der Ambulanzen sind sehr unterschiedlich. Danke fĂŒr den Link. Ich persönlich dann die Ambulanz dem Hausarzt vorziehen, wenn ich akute Beschwerden hĂ€tte, fĂŒr die eine Diagnostik erforderlich wĂ€re, von der ich annehmen muss, dass ein Hausarzt sie von vornherein nicht zur VerfĂŒgung stellen kann. Die notwendigen GerĂ€te finden sich bestenfalls in Facharztpraxen, nur nicht beim Hausarzt. Der Zeitverlust wĂ€re viel gröĂer, weil man natĂŒrlich Wochen auf einen Termin wartet. Ehrlich gesagt, kann ich das Verhalten vieler Patienten unter diesen Voraussetzungen nachvollziehen.
Ich lese auch immer, dass viele Leute den Notarzt anrufen, obwohl es nur »Kleinigkeiten« wĂ€ren. Ich will das ĂŒberhaupt nicht bestreiten. Aber in meiner Familie wĂŒrde keiner einen Notarzt kommen lassen, wenn es nicht absolut notwendig wĂ€re. Ich hatte mal so starke Schmerzen in der Brust, dass ich von einem Herzinfarkt ausgegangen bin (war es zum GlĂŒck nicht). Ich habe meine Frau gebeten, mich ins Krankenhaus zu fahren. Mit dem Notarzt wollte ich selbst da nichts zu tun haben đ Bei uns gibt nur ganz wenige HausĂ€rzte, die ĂŒberhaupt noch Hausbesuche machen. AuĂerdem findet man hier als Neupatient (meine Schwiegermutter) keinen Hausarzt mehr. Die nehmen keine neuen Patienten mehr auf (meine Frau und ich haben unsere HausĂ€rzte natĂŒrlich als erstes danach gefragt…). Wenn Mutter irgendwas hat, haben wir nur zwei Chancen: 1.) Beim notĂ€rztlichen Dienst anrufen (da wartest du nicht nur Stunden…), wenn man am Telefon durchgekommen ist. 2.) Krankenhaus, d.h. Notarzt. Andere Optionen haben wir nicht, weil meine Schwiegermutter nicht mehr laufen kann und wir im 1. Stock wohnen. Bis zu viele Details?
Vielleicht wĂ€re es richtig, die Patienten in den Ambulanzen mit bestimmten »Erkrankungen« an den Hausarzt zu verweisen. Sicher wird das auch schon gemacht. Auf eine App wĂŒrde ich mich persönlich jedenfalls bei so existenziellen Fragen niemals einlassen. So technikaffin ich bin, das ginge mir zu weit đ
Na klar, wenn ich mir um mich Sorgen machen wĂŒrde, ginge ich auch zum Arzt und wĂŒrde nicht lang rumwarten… und wenn zu krank, dann eben auch Notaufnahme.
Nachdem ich Jahrzehnte nur mal ganz selten zu einem Facharzt gegangen bin (Augen, Ortho..) hab ich jetzt einen »Hausarzt« bei mir um die Ecke aufgetan, der sogar gerne lĂ€nger redet und – man glaubt es kaum – mailt! Leider bringt es nicht so furchbar viel, einen redefreundlichen Arzt zu haben »der sich Zeit nimmt«, wenn der andrerseits fast ausrastet, wenn man etwas fragt oder gar hinterfragt. Dabei verhalte ich mich total arztfreundlich, frage z,B, einfach »WĂŒrden Sie empfehlen, ĂŒber den Winter Vitamin D einzunehmen?« und er aufbrausend antwortet: »Zu Vitamin D sag ich jetzt gar nichts mehr,,,« . tja, da musste ich ihn erst auf den Boden zurĂŒck holen und drauf hinweisen, dass ich doch völlig korrekt ihn als meinen Arzt frage – und mich nicht nach »im Internet gelesen« verhalte. Was will er denn mehr?
Aber ich kann mir denken, woher sein Frust stammt, den vermutlich konfrontieren viele ihre Ărzte mit den Netzerkenntnisse – und der Punkt ist: sie sind es nicht gewohnt, ihre Sicht der Dinge zu begrĂŒnden und haben dafĂŒr eigentlich auch keine Zeit! Schon gar nicht stecken sie im Detail der verschiedenen Meinungen, die sich um viele Therapien ranken – auch durchaus kontrĂ€re Meinungen von Ărzten und Professorinnen, nicht nur von dubiosen Internet-Gurus.
Ich sag nie »aus dem Internet…«, sondern zitiere z.B. Prof. Dr. X von der CharitĂ© mit einem Statement zur Sache – das lĂ€sst sich nicht so leicht abbĂŒgeln, auch wenn ichs »aus dem Internet« habe.
Eure Arztlage ist ja drastisch schlecht! Unglaublich, diese Mangelversorgung auf dem Land. Und wie immer liegt es AUCH an Strukturen, die aus StandesdĂŒnkel erwachsen sind. In der DDR hatten sie Gemeindeschwestern, die sehr viel durften, was bei uns nur der Arzt darf – die sind auf dem Land rumgefahren und haben die Alten versorgt.
Na, ein weites Feld… Als Spahn-Fan wĂŒrde ich mich nicht bezeichnen, als er sich in Sachen FlĂŒchtlinge zu profilieren suchte, war er fĂŒr mich klar politischer Gegner. Aber auch die können ja in anderer Sache recht haben und etwas richtig machen – mich nervt dieses Schwarz-WeiĂ- und Freund-Feind-Denken sehr!
Ja, das hat gerade meine Schwester erlebt. :-/ BloĂ keine eigene Meinung Ă€uĂern. Mein Hausarzt ist in der Hinsicht nie negativ aufgefallen. Er nimmt sich viel Zeit und erklĂ€rt ausfĂŒhrlich. AuĂerdem ĂŒberweist er zum Facharzt, wenn das angezeigt ist. Aber wer weiĂ, wie ich »morgen« rede?
Ich habe persönlich auch noch nie das Internet als Quelle genannt. MĂŒsste ich mal versuchen… Deine Idee ist prima. Aber die CharitĂ© mĂŒsste ich auswechseln gegen eines unserer hiesigen gröĂeren KrankenhĂ€user … đ
Was unseren HoffnungstrÀger Spahn anlangt, glaube ich, dass er viel weniger konservativ ist, als er immer dargestellt wird. Mal sehen, ob er einen ordentlich Job macht. Ich sehe ihn ja als neuen Bundeskanzler. Die CDU hat keine wirklich infrage kommenden Alternativen. Leider fÀllt Peter Altmaier aus.
Ich kenne einen Blog von einer Notaufnahmeschwester, die in einem Artikel einmal geschrieben hat, mit welchem Unsinn manche Leute bevorzugt am Wochenende in die Notaufnahme kommen. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die, dass ich mit Knieschmerzen erstmal google, weil ich keine drei Stunden dort rumsitzen will.
Dieser Jens ist halt schon ganz schön dreist ….
LG
Sabiene
PS: Ich hoffe, dass das jetzt mit dem Kommentieren klappt đ
Hat geklappt đ
Die »Fehlanreize«, die zur Ăberlastung der Ambulanzen fĂŒhren, werden wir wohl nur in den Griff kriegen, in dem wir an verschiedenen Stellen gleichzeitig arbeiten. Dazu gehört auch eine flĂ€chendeckende PrĂ€senz von HausĂ€rzten. Wenn die Termine fĂŒr Facharztbesuche kĂŒrzer werden (Spahn hat das u.a. heute vorgestellt) könnte sich auch etwas bessern. Und an die Einsicht der Leute muss appelliert werden. Besser wĂ€re es, man wĂŒrde Tools finden, mit denen man Leute mit bestimmte Wehwehchen abweisen kann.
Tools gegen Wehwehchen?
Jahrelang haben die Docs uns doch die Kompetenz abgesprochen, kleinere Erkrankungen mit Hausmitteln zu behandeln. Ich weiĂ noch genau, was da los war, als ich meinem frĂŒheren Hausarzt von Pfefferminztee und Wadenwickel berichtet habe. Ich bin wie ein Idiot und KinderschĂ€nder dagestanden.
LG
Sabienes
Mit Ărzten ist da wohl generell nicht gut sprechen. Das GesprĂ€ch auf Augenhöhe geht nicht mit allen. Manche reagieren regelrecht angepisst, wenn man ihre Aussagen auch nur hinterfragt. Ich hab da GlĂŒck. Mit meinem Hausarzt bin ich seit vielen Jahren sehr zufrieden. Aber deine Klagen kenne ich sehr gut von Bekannten.