Man kann Sander widersprechen – und muss sie trotzdem verteidigen

Ich habe in den vergangenen Monaten zweimal ziemlich kritisch über Sarah Maria Sander geschrieben. Daran möchte ich heute nichts zurücknehmen. Aber vielleicht etwas hinzufügen.

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In meinem Beitrag „Hunger in Gaza: Zwischen Bildern, Behauptungen und Fakten“ habe ich mich mit Sanders Vorwurf beschäftigt, das ZDF betreibe beim Thema Hunger in Gaza gezielte Manipulation. Ihre Argumentation hat mich nicht überzeugt.

Noch härter fiel meine Kritik in „Staatsfunk-Fantasien und die Lust am ÖRR-Bashing“ aus. Dort ging es um Sanders Abrechnung mit der ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann. Ich fand und empfinde die Art als maßlos.

Man könnte also sagen: Ein Fan von Sarah Maria Sander wird aus mir in diesem Leben wohl nicht mehr.

Und trotzdem erschüttert mich, was diese Frau offenbar ertragen muss ($).

Kritik ist keine Morddrohung

Die WELT berichtet über antisemitische Beschimpfungen sowie Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen Sander. Wer die Beispiele liest, kann eigentlich nur fassungslos sein.

Hier beginnt für mich eine Grenze, über die wir inzwischen viel zu unbekümmert hinweggehen.

Ich darf Sanders journalistische Arbeit schlecht finden. Ich darf ihr Einseitigkeit vorwerfen. Ich darf überzeugt sein, dass sie gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit zweierlei Maß misst. Sie wiederum darf meine Auffassungen vermutlich genauso falsch oder naiv finden.

Das nennt man Streit.

„Judenfotze“, Vergewaltigungsfantasien und „wir werden dich jagen und töten“ haben mit diesem Streit nichts zu tun. So etwas und die darüber hinaus noch in der WELT abgedruckten Entgleisungen übelster Art, sind keine besonders drastische Form der Israelkritik. Einiges davon entspringt diesem ekelhaften Antisemitismus mit dem wir, vor allem natürlich unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, leider so stark konfrontiert sind. Diese „Äußerungen“ über Hass bis zu konkreten Drohungen dürften einer Straftat entsprechen. Warum diese nicht geahndet werden? Keine Ahnung. Unsere Richter scheinen sich oft in einem Paralleluniversum zu bewegen. Viele Urteile, auch ganz anderer Natur, sind, wenn überhaupt, nur schwer nachzuvollziehen.

Wir reden leider keineswegs über ein Randphänomen. Das BKA registrierte für 2025 insgesamt 6.548 antisemitische Straftaten – nochmals fünf Prozent mehr als im Vorjahr und damit einen neuen Höchststand.

Und dann sind da die Bilder aus Gaza

Nun kommt allerdings die andere Seite, und ich finde, dass auch sie ausgesprochen werden muss.

Die Bilder und Berichte aus Gaza sind weiterhin schwer auszuhalten. Die Vereinten Nationen berichten auch im August 2026 von Vertreibung, zerstörter Infrastruktur, erheblichen Einschränkungen der humanitären Versorgung und einer weiterhin äußerst prekären Lage der Zivilbevölkerung. Es gibt Hitzeperioden und zu wenig sauberes Wasser. Und wer kümmert sich? Frau Sander jedenfalls nicht. Die hat ihren Frieden mit diesem Grauen gemacht. Nur die anderen sind schuld. So geht das bedauerlicherweise zu häufig.

Wie soll das Menschen kaltlassen?

Mich lässt es jedenfalls nicht kalt.

Ich kann deshalb nachvollziehen, dass Menschen wütend werden, wenn sie den Eindruck gewinnen, dieses Leid werde kleingeredet, relativiert oder hinter dem Hinweis auf die Verbrechen der Hamas versteckt. Der 7. Oktober 2023 verschwindet nicht aus der Geschichte. Aber er macht auch nicht jedes spätere Handeln der israelischen Regierung unangreifbar.

Wer sich in dieser aufgeheizten Situation so eindeutig auf der israelischen Seite positioniert wie Sander, muss mit massivem politischen Widerspruch rechnen. Auch mit Demonstrationen. Auch mit unangenehmen Fragen. Auch mit Vorwürfen, die sie für vollkommen ungerecht halten mag. Aber sie hantiert mit Argumenten, die viele nicht überzeugen und angesichts des Grauens in Gaza für inakzeptabel halten.

Vielleicht fliegt dabei tatsächlich dem einen oder anderen die Feder aus dem Hut. Es kommt zu Gefühlsausbrüchen, die mancher vielleicht bis dahin von sich nicht kannte. Es gibt noch einen Funken von Anstand und das Leid, das die Palästinenser durch den rigorosen Racheakt der Israelis erlitten haben, kann nicht einfach mit den üblichen Floskeln übertönt werden. Diese Zeiten sind vorbei.

Gaza erklärt Wut, aber keinen Antisemitismus

Das scheint mir der entscheidende Unterschied zu sein.

Ein palästinensischer Aktivist, dessen Familie vielleicht selbst betroffen ist, darf außer sich vor Wut sein. Trotz des 7. Oktober 2023. Er darf die israelische Regierung verfluchen. Er darf deutsche Waffenlieferungen skandalös finden und Sanders Haltung unerträglich.

Aber aus „Ich verachte die Politik Israels“ darf nicht „Ich verachte Juden“ werden.

Und schon gar nicht: „Ich werde dich töten.“

Das Leid der einen Menschen kann niemals die Bedrohung anderer legitimieren. Wer diesen einfachen Grundsatz aufgibt, wird am Ende selbst Teil jener Entmenschlichung, die er beim Gegner beklagt.

Schaut unsere Justiz wirklich nur zu?

Sanders Vorwurf gegenüber deutschen Behörden sollte man trotzdem ernst nehmen. Nicht unbedingt in der zugespitzten Form, die Justiz schaue „einfach zu“. Dafür ist die Wirklichkeit zu kompliziert!

Es existieren spezialisierte Stellen zur Bekämpfung von Hasskriminalität, und Verfahren werden geführt. Gerade erst wurde aus Sachsen-Anhalt berichtet, dass sich die Zahl der Verfahren der dortigen Zentralstelle für Hasskriminalität im Internet innerhalb eines Jahres von 312 auf 727 mehr als verdoppelt hat.

Das zeigt allerdings zugleich das Problem: Die Behörden müssen einer Flut von Hasspostings hinterherermitteln. Täter schreiben anonym, Accounts befinden sich im Ausland, Plattformen müssen Daten herausgeben, und nicht jede widerwärtige Äußerung erfüllt einen Straftatbestand.

Für einen Menschen, der eine konkrete Morddrohung auf seinem Bildschirm liest und Monate später einen Einstellungsbescheid erhält, dürfte diese juristische Differenzierung allerdings ein schwacher Trost sein.

Deshalb hat Sanders Kritik für mich einen berechtigten Kern. Wenn der Staat Menschen vor konkreten Bedrohungen schützen will, müssen Polizei und Justiz personell und technisch dazu in der Lage sein. Das gilt selbstverständlich nicht nur für jüdische Menschen, sondern für jeden, der zur Zielscheibe solcher Kampagnen wird.

Vielleicht sollten wir beides wieder lernen

Ich möchte Sarah Maria Sander weiterhin widersprechen können. Auch deutlich.

Und gleichzeitig möchte ich in einem Land leben, in dem sie ihre Meinung sagen kann, ohne morgens nachsehen zu müssen, wer ihr diesmal Vergewaltigung oder Tod angekündigt hat.

Darin sehe ich überhaupt keinen Widerspruch.

Vielleicht ist genau das eine Fähigkeit, die uns in dieser entsetzlich polarisierten Gaza-Debatte zunehmend verloren geht: einen Menschen gegen Hass zu verteidigen, ohne deshalb seine Ansichten übernehmen zu müssen.

Das gilt natürlich auch umgekehrt.

Wer gegen Antisemitismus aufsteht, muss nicht schweigen, wenn palästinensische Kinder hungern oder Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. Und wer dieses Leid anprangert, verliert nicht das Recht, Antisemitismus entschieden zurückzuweisen.

Wir sollten uns diese falsche Alternative gar nicht erst aufzwingen lassen.

Sarah Maria Sander und ich werden beim Thema Gaza vermutlich weiterhin auf ziemlich verschiedenen Seiten stehen. Aber wenn jemand sie bedroht, weil sie Jüdin ist oder weil ihm ihre politische Haltung nicht passt, gibt es für mich keine zwei Seiten.

Dann stehe ich auf ihrer.


Deutschland, seine Staatsanwaltschaften, Richterinnen und Richter wären gut beraten, die von den Sicherheitsbehörden selbst als sogenannte Gefährder eingestuften Menschen nicht bloß zu identifizieren und sie ansonsten machen zu lassen. Diese Leute müssen dringend unser Land verlassen – notfalls auch unter Aberkennung ihrer deutschen Staatsbürgerschaft. Oder wollen wir es lieber so weiterlaufen lassen, wie es bisher war und weiter eine Vielzahl von Toten akzeptieren, die solchen Fanatikern zugeschrieben werden muss?

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