Vielleicht haben wir die Arbeit ein wenig zu wichtig genommen?

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Ich mache viel mit KI. Überwiegend nutze ich ChatGPT. Nicht nur – aber vor allem für diesen Blog. Allerdings nutze ich sie viel weniger zum Texten, als viele denken könnten. Das muss man mir nicht abnehmen. Ich zähle mich zu den Leuten, die ganz sicher sind, dass die Verwendung von KI ihren Beitrag zur Überflutung des Webs mit fragwürdigen oder schlechten Inhalten geleistet hat. Wer möchte daran schon persönlich beteiligt sein?

ki-arbeit-lebenssinn-gesellschaft

Weil ich ziemlich offen mit dem Thema umgegangen bin und auch weiterhin umgehen möchte, könnten Zweifel an meiner Aussage aufkommen.

Die meiste Zeit beschäftige ich die KI mit kleinen Programmierarbeiten. Inzwischen laufen mehr Snippets (??) oder Plug-ins (16) als „normale Plug-ins“ aus der offiziellen WordPress-Bibliothek. Was auch immer das für die Funktion und Sicherheit meines Privatblögchens bedeuten mag. Das Leben ist halt ein einziges Risiko.

Ich schwanke mit meinen Gefühlen rund um das Thema zwischen purer Bewunderung, also Faszination für die „plötzlich“ gegebenen Möglichkeiten und den hohen Risiken für unsere Vorstellung von einer Welt, die leider in unserer Gegenwart und absehbaren Zukunft von Unsicherheiten und Fragilität geprägt ist.

Wir Menschen sind weitgehend darauf getrimmt, Arbeit nicht nur als selbstverständliche Einkommensquelle zu verstehen, sondern, was vermutlich viel wichtiger ist, als sinn- und identitätsstiftend anzusehen. Wenn man sieht, wie sich die Einkommensverteilung auf dieser Welt verändert hat, könnte man auf den Gedanken kommen, dass man uns verarscht hat. Aber dazu gehören ja immer zwei, wie es so schön heißt. In Deutschland werden Vermögen weniger hoch besteuert als Arbeit. Das sagt schon viel über die Schieflage aus, mit der wir konfrontiert sind.

Unsere Gesellschaften sind um die Erwerbsarbeit herum gebaut. Einkommen, soziale Sicherheit, gesellschaftliche Anerkennung und nicht selten sogar unser Selbstwert hängen daran, ob wir arbeiten und was wir arbeiten. Schon die harmlose Frage „Was machen Sie?“ meint fast immer: Welchen Beruf haben Sie?

Warum sollten wir unter solchen Voraussetzungen weiter daran glauben, dass Arbeit gleichsam das Zentrum unseres Lebens wäre? KI und Robotik werden für Millionen, vielleicht sogar Milliarden Menschen das ganze Spiel aufmischen. Nicht zwangsläufig, indem sie uns allen die Arbeit wegnehmen. Wahrscheinlicher ist zunächst, dass sie Tätigkeiten verändern, Berufe verschwinden lassen, neue hervorbringen und vor allem die menschliche Arbeitskraft in manchen Bereichen erheblich weniger knapp machen.
Das allein wäre schon eine Revolution. Allerdings gibt es diese Beispiele, die erkennbar werden lassen, wie groß die Auswirkungen konkret schon heute sind. Rechtsanwälte in großen Kanzleien verlieren schon heute in großer Zahl ihre Jobs, weil sie von KI übernommen werden.


Was aber geschieht, wenn menschliche Arbeit für einen wachsenden Teil der Wertschöpfung gar nicht mehr in dem bisherigen Umfang gebraucht wird?
Dann bekommen wir es nicht nur mit einem technischen oder wirtschaftlichen Problem zu tun. Es wäre eine gesellschaftliche Grundsatzfrage. Wenn Maschinen einen immer größeren Teil dessen erledigen können, womit Menschen bisher ihren Lebensunterhalt verdienen, müssen wir darüber reden, ob Einkommen und gesellschaftliche Teilhabe weiterhin so eng an Erwerbsarbeit gekoppelt bleiben können. Ich wiederhole: Und das alles vor dem Hintergrund einer immer ungerechteren Verteilung der Vermögen – weltweit!


Dabei sollten tatsächlich einige Alarmglocken läuten. Nicht, weil jede düstere Prognose aus dem Silicon Valley eintreffen muss. Auch die Mütter und Väter dieser Technologien können sich irren – und gelegentlich gehört die große Erzählung von der alles verändernden KI durchaus zum Geschäftsmodell. Trotzdem wäre es fahrlässig, Warnungen gerade jener Menschen einfach abzutun, die wissen, mit welcher Geschwindigkeit sich diese Systeme entwickeln.


Vielleicht liegt darin aber neben der Gefahr auch eine Chance. Seit Jahrhunderten verspricht technischer Fortschritt, den Menschen von mühseliger Arbeit zu entlasten. Merkwürdigerweise reagieren wir nun mit Angst, sobald dieses Versprechen tatsächlich ein Stück näher rückt. Wir fürchten nicht nur den Verlust des Einkommens. Wir fürchten offenbar auch eine Welt, in der Arbeit nicht mehr selbstverständlich den Takt unseres Lebens vorgibt.


Die entscheidende Frage lautet deshalb womöglich gar nicht: Wie retten wir möglichst viele Arbeitsplätze vor der KI?


Sie könnte vielmehr lauten: Wie organisieren wir eine Gesellschaft, in der für Wohlstand immer weniger menschliche Arbeitszeit notwendig ist?


Das wäre eigentlich eine wunderbare Aussicht. Sie wird allerdings zum Albtraum, wenn die Produktivitätsgewinne bei wenigen Eigentümern von Maschinen, Modellen und Daten landen, während Millionen Menschen ihre wirtschaftliche Grundlage verlieren. Dann hätten wir nicht das Ende der Arbeit erreicht, sondern eine neue und womöglich drastischere Form gesellschaftlicher Ungleichheit.


Deshalb reicht es nicht, über KI-Modelle, Roboter und Produktivität zu reden. Wir müssen über Verteilung sprechen, über Arbeitszeit, soziale Sicherung, Bildung, Eigentum und vielleicht irgendwann auch über ein Einkommen, das nicht mehr vollständig davon abhängt, ob ein Mensch seine Arbeitskraft verkaufen kann.
Und schließlich über etwas, das wir erstaunlich selten diskutieren: Was gibt einem menschlichen Leben Wert, wenn es nicht die Erwerbsarbeit ist? Leider herrscht in den USA, dem vielleicht wichtigsten Land im Hinblick auf KI-Entwicklung allgemein, ein Regime, das solche Erwägungen wohl eher nicht im Sinne führt. Andererseits suche ich Unterstützung in der simplen Überlegung, dass es für all die Produkte und Dienstleistungen, die irgendwo produziert und angeboten werden, auch Kunden geben muss. Und zwar möglichst viele. Wie würde sich alles verändern, wenn plötzlich die Zahl der Kundschaft nicht weiterwächst (Weltbevölkerung). Sicher, auch dies ist ein Problem, das wir Menschen offensichtlich nicht lösen können.


Familie, Freundschaften, Fürsorge, Ehrenamt, Kunst, Lernen, Neugier, Gemeinschaft – all diese Dinge behandeln wir bis heute gern wie das Beiwerk des „eigentlichen“ Lebens. Vielleicht zwingt uns ausgerechnet die künstliche Intelligenz dazu, diese merkwürdige Rangordnung zu überdenken.


Das wäre dann die eigentliche Revolution: nicht eine Welt ohne Arbeit, sondern eine Welt, in der Arbeit wieder das wird, was sie eigentlich sein sollte – ein Teil des Lebens und nicht dessen Zweck. Unseren Optimismus könnte die Tatsache stärken, dass es Kulturen auf diesem Planeten gibt, die einen besseren Umgang mit alldem gefunden haben und ihn – trotz allem – weiterhin pflegen und beschützen. Sehr zu unserem Unwillen …

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