Hunger in Gaza: Zwischen Bildern, Behauptungen und Fakten

22. Juni 2026
6 Min.

Wer die Lage in Gaza verstehen will, sollte weder Hamas-Propaganda noch politisch motivierten Gegen-Narrativen auf den Leim gehen. Die Daten internationaler Hilfsorganisationen zeichnen ein klares Bild: Hunger, Mangelernährung und humanitäre Not sind Realität. Einzelne Bilder widerlegen diese Fakten nicht.

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Wir wissen das und fallen dennoch oft genug auf Bilder und tendenziöse Berichte der einen oder anderen Seite herein. Das ZDF ist in seiner Glaubwürdigkeit durch einige aufeinanderfolgende Vorfälle ein geeignetes Ziel, daraus politisches Kapital zu schlagen.

Der Krieg in Gaza wird nicht nur mit Waffen geführt. Er wird auch mit Bildern, Narrativen und gegenseitigen Schuldzuweisungen ausgetragen. Wer sich informieren will, gerät schnell zwischen die Fronten. Einerseits stehen Berichte über Hunger, Mangelernährung und humanitäre Not. Auf der anderen Seite finden sich Stimmen, die behaupten, all dies sei übertrieben oder gar erfunden.

Zu diesen Stimmen gehört die Publizistin Sarah Maria Sander. In ihrem Video «Manipuliert das ZDF erneut? Der Mythos vom Hunger in Gaza» wirft sie dem ZDF gezielte Täuschung der Öffentlichkeit vor. Ihre Argumentation verdient eine genaue Betrachtung. Dass meine Verachtung für den israelischen Premier Antrieb für diesen Artikel ist, will ich nicht verschweigen. Und bitte: Lasst die Vorwürfe des Antisemitismus stecken.

Die Methode der scheinbaren Augenzeugenschaft

Sander stützt ihre Kritik vordergründig auf das, was sie selbst in Fernsehbildern zu erkennen glaubt. Sie zeigt Aufnahmen aus einer Suppenküche und verweist darauf, dass einzelne Personen ihrer Meinung nach nicht ausgehungert wirkten.

Äußerungen von Sander im Video

Über das Erscheinungsbild der Menschen:
„Ich versuche das was ich jetzt sage möglichst politisch korrekt und höflich auszudrücken, aber die Dame, die da in diesem Bericht für die Gaza Soup Kitchen spricht, diese Dame sieht definitiv nicht danach aus, dass sie ausgehungert ist und sie sieht nicht danach aus, dass sie bald an Hunger sterben wird.“

„Ihr seht, dass dort eine Dame steht, die sichtlich wohlernährt, kräftig, füllig aussieht und die euch weismachen will, dass die Menschen hier an Hunger leiden und nicht genug zu essen haben.“

„Wir sehen, wie die Kamera Menschen zeigt, die sichtlich gut ernährt aussehen und gleichzeitig hören wir als Kommentar von Thomas Reichart: ‚Die Menschen leiden an Hunger, es gibt nicht genug zu essen.‘“

Über die Wahrhaftigkeit der Zeugen:
„Und diese Frauen sagen: ‚Ohne Scham, ohne rot zu werden in die Kamera, es gibt fast nichts, was uns am Leben hält. Ohne die Gaza Soup Kitchen würden wir aushungern.‘“

„Dass offensichtlich das was diese Frauen da schamlos in die Kamera lügen, nicht der Realität entspricht, die wir selber mit unseren Augen sehen können.“

Über die Inszenierung der Hungerkrise:
„Diese Szene soll uns beweisen, dass die Menschen dort so verzweifelt sind, dass riesige Menschenmengen kommen und dafür Essen anstehen. […] Gleichzeitig sehen wir aber in der exakt selben Aufnahme, dass im Hintergrund gar keine Menschen stehen, dass es dort leer ist.“

„Und es erweckt den Anschein, wenn man seine Logik anschaltet, dass diese Menschen dort absichtlich hineingedrängt wurden, dass absichtlich dieses Bild entstehen soll von einer gedrängten Menschenmenge […] Aber in Wirklichkeit ist da genug Platz und in Wirklichkeit handelt es sich nicht einmal um eine riesige Menge von Menschen, sondern es ist eine Inszenierung, es ist ein Spektakel für die Kamera.“

Aus diesen Beobachtungen zieht sie den Schluss, die Berichte über den Hunger in Gaza seien unglaubwürdig.

Genau hier beginnt das Problem.

Medizinisch gilt es seit Langem als gesichert, dass Hunger und Mangelernährung nicht zwangsläufig sofort an extrem abgemagerten Körpern erkennbar sind. Besonders Kinder leiden häufig unter sogenannten Mikronährstoffmängeln, die von außen kaum sichtbar sind. Auch Erwachsene können über längere Zeit unterernährt sein, ohne dem verbreiteten Klischee eines verhungernden Menschen zu entsprechen.

Die Frage, ob es den Menschen in Gaza an Nahrung fehlt, lässt sich deshalb nicht durch den Blick auf einzelne Personen beantworten.

Was internationale Organisationen berichten

Wer die tatsächliche Lage beurteilen möchte, muss sich auf Daten stützen.

Genau das tun Organisationen wie UNICEF, die WHO, das Welternährungsprogramm (WFP) oder die Integrated Food Security Phase Classification (IPC). Diese Institutionen verfügen über wissenschaftliche Verfahren zur Bewertung von Ernährungskrisen. Dass Aussagen dieser Institutionen in den Augen der israelischen Regierung und ihrer Anhänger*innen fragwürdig sind, gehört zur Wahrheit dazu. Die Frage, wem man in solchen Fragen glaubt, spielt immer dann eine Rolle, wenn Opfer zu beklagen sind.

Sanders Einschätzungen sind bemerkenswert eindeutig.

Seit Monaten berichten die genannten Organisationen vor einer dramatischen Ernährungslage. Zehntausende Kinder leiden unter akuter Mangelernährung. Große Teile der Bevölkerung sind auf Hilfslieferungen angewiesen. Die Versorgung mit Lebensmitteln, sauberem Wasser und medizinischer Hilfe bleibt prekär.

Die Aussage, es gebe keinen Hunger in Gaza, steht deshalb im direkten Widerspruch zur Einschätzung praktisch aller relevanten internationalen Hilfsorganisationen.

https://www.ipcinfo.org

https://www.unicef.org

https://www.wfp.org

Der Schwarzmarkt existiert – aber er widerlegt nichts

An einem Punkt spricht Sander ein reales Problem an.

Tatsächlich berichten Hilfsorganisationen seit Langem über den Diebstahl von Hilfsgütern, über kriminelle Strukturen und über Schwarzmarktaktivitäten. Auch die Hamas wird regelmäßig beschuldigt, Hilfsgüter für eigene Zwecke abzuzweigen.

Doch obwohl dies geschieht, folgt daraus nicht, dass es keinen Hunger in Gaza gibt. Im Gegenteil. Gerade die Existenz eines Schwarzmarktes ist oft ein Hinweis auf Knappheit. Wenn Lebensmittel nur noch zu überhöhten Preisen verfügbar sind, nützt ihre bloße Existenz wenig. Für Familien ohne Einkommen bleiben sie unerreichbar.

Ein voller Markt ist daher kein Beweis für ausreichende Versorgung.

Der Fehlschluss der Bildanalyse

Besonders problematisch erscheint Sanders Vorwurf, bestimmte Szenen seien inszeniert. Sie verweist auf Aufnahmen von Menschenansammlungen bei Essensausgaben und argumentiert, im Hintergrund seien freie Flächen zu erkennen. Daraus leitet sie den Verdacht ab, das Gedränge sei künstlich erzeugt worden.

Solche Schlussfolgerungen mögen plausibel wirken, sie bleiben jedoch Spekulation. Aus einem einzelnen Kamerawinkel lässt sich weder die Gesamtsituation einer Essensausgabe noch die Versorgungslage eines gesamten Landstrichs beurteilen. Die Behauptung einer Inszenierung erfordert belastbare Belege. Diese liefert das Video nicht.

Wenn Gegen-Narrative selbst zur Propaganda werden

Medienkritik ist wichtig. Gerade öffentlich-rechtliche Sender müssen sich kritischen Fragen stellen. Doch Kritik verliert an Glaubwürdigkeit, wenn sie sich von überprüfbaren Fakten löst. Sarah Maria Sander wirft dem ZDF Framing vor. Gleichzeitig ersetzt sie die Bewertungen internationaler Experten durch ihre eigene Interpretation einzelner Bildausschnitte. Sie erklärt Zeugenaussagen pauschal zu Lügen und erhebt ihre subjektive Wahrnehmung zum Maßstab der Wahrheit.

Damit entsteht ein Gegen-Narrativ, das denselben Fehler begeht, den es den Medien vorwirft: Es betrachtet nur jene Informationen, die ins eigene Weltbild passen.

Die Wirklichkeit ist komplizierter

Der Krieg in Gaza hat eine humanitäre Katastrophe hervorgebracht. Dazu gehören zerstörte Städte, Vertriebene, Hunger, Schwarzmärkte, politische Instrumentalisierung und Propaganda auf allen Seiten. Es wäre naiv anzunehmen, dass Hamas, Israel, westliche Medien oder Aktivisten frei von Eigeninteressen handeln.

Gerade deshalb sind belastbare Daten wichtiger als emotionale Bilder.

Wer die Lage ernsthaft beurteilen will, kommt an den Berichten der internationalen Hilfsorganisationen nicht vorbei. Deren Befunde sind eindeutig: Der Hunger in Gaza ist kein Mythos. Über Ursachen, Verantwortlichkeiten und politische Konsequenzen kann man streiten.

Über die Existenz der humanitären Krise dagegen kaum.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

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