Wenn Baumann (AfD) predigt und die Wählerinnen und Wähler der Partei sich bestätigt sehen

21. Juni 2026
7 Min.

Ein solcher Auftritt, wie der von Herrn Baumann, seines Zeichens parlamentarischer Geschäftsführer der AfD im Bundestag, ist für mich einmal mehr die pure Zumutung. Aber man muss wissen, was die AfD-Wählerinnen und -Wähler beschäftigt. Da können grob verallgemeinernde Aussagen helfen. Es scheint mir, dass Baumann seine Begeisterung über das, was er heute verbreitet, kaum zügeln kann. Er spielt den Ergriffenen und das kommt wohl bei seiner Klientel auch gut an.

Grooming aufklärung

Durch einen bei X dank Musks eigensinniger Algorithmen extrem gehypten »Report«, der im Auftrag eines britischen Rechtsaußen über Crowdfunding finanziert erstellt wurde, gibt’s Nahrung für die deutschen Rechtsextremen. Dass das mit Migration zu tun hat, wird keinen überraschen. Und dass sich jemand daran gemacht hat, die Untaten muslimischer Migranten, vornehmlich aus bestimmten Herkunftsländern wie Afghanistan, Pakistan und Syrien gemacht hat, dürfte im Wahljahr 2026 eigentlich nicht überraschen.

Allerdings dürfte der Bericht, der auch das Paradeblatt der deutschen Rechten, Nius, dazu veranlasste, vergleichbare Umstände auch in unserem Land zu finden, niemanden wundern. Die Methode Reichelt ist hinlänglich bekannt.

Soviel vorweg mal zur politischen Einordnung, die auch in dieser Geschichte die Basis für alles Weitere ist.

Leider lässt sich faktisch gegen Baumanns krokodilstränen-geschwängerten YouTube-Vortrag wenig sagen. Bereits seit Jahren wird darüber berichtet, was in Großbritannien zum Thema Grooming geschieht. Ich erinnere mich gut an die Berichte eines rechten Thinktanks, der ähnliche Zustände schon vor Jahren für Schweden beschrieb.

Der Bericht legte die verheerenden Folgen offen, die entstehen, wenn man nicht verhindert, dass gewalttätige Männer – unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft und aus welchen Gründen auch immer – Zugang zu schutzbedürftigen Opfern erhalten.

Quelle – Aljazeera

Baumann weist selbstverständlich nachdrücklich darauf hin, dass sich die deutschen Leitmedien (ARD und ZDF) zu diesem Bericht über die schweren Verbrechen von Migranten an weißen jungen Frauen und Mädchen nicht geäußert haben. Das passt wunderbar ins Bild, das die Wählerinnen und Wähler ohnehin mit ihrer Partei teilen.

Wenn Baumann Bilder von Tätern ins Bild hält wird er das aus einem bestimmten Grund tun: Wie in einem schlechten Krimi: Der Zuschauer soll den Täter schon erkennen, bevor die Handlung beginnt. Die Fotos legen den Verdacht nahe, dass nicht informiert, sondern gelenkt werden soll. Das Bild wird zur Rampe, auf der die Empörung in die gewünschte Richtung rollt. Leicht zu durchschauen, nur leider sehr wirksam.

Welt TV und Cicero haben sich der Sache auch angenommen, Nius ist selbstredend mit dabei. Ganz sicher werden sich andere rechte Medien der Sache annehmen. Ich bin gespannt, ob es eine Instanz gibt, die sich traut, diesen schweren Vorwürfen, die wieder einmal auf die aus AfD-Sicht zugelassene zügellose Migration reflektiert, etwas entgegenzusetzen. Wetten würde ich nicht drauf.

Die Links zeigen, dass die Beschäftigung mit dem Thema länger zurückreicht. Aber der aktuelle Zeitpunkt kommt für Herrn Baumann in dieser Vorwahlzeit gerade recht.

P.S.: Wie wahnsinnig rücksichtsvoll britische Rechtsextreme (Farage und Lowe) miteinander umgehen, ist diesem Artikel zu entnehmen. Da bekommt man auch ein Gefühl dafür, weshalb gerade jetzt diese »Studie« vorgelegt wurde — in einer Zeit der »Bereinigung«, die auch im rechten Spektrum des politischen Geschehens stattfindet. Morgen soll Keir Starmer ja vom Amt des Premierministers zurücktreten. Farage macht Lowe in diesem Spannungsfeld Ansagen, wenn er durch sein Verhalten einen Wahlsieg von Reform UK verhindern sollte.

Ich habe den Bericht von Lowe von ChatCPT (die Konklusio) analysieren und bewerten lassen.

Kernaussagen des Berichts

Der Bericht behauptet:

  • Bei den sogenannten «Grooming Gangs» in Großbritannien seien pakistanischstämmige muslimische Männer deutlich überrepräsentiert.
  • Aus ausgewerteten Gerichtsverfahren und Verurteilungen leite sich ab, dass etwa 90 % der Täter muslimische Namen getragen hätten, obwohl Muslime nur etwa 6 % der britischen Bevölkerung ausmachen.
  • Die Behörden hätten Ethnie und Religion der Täter über Jahrzehnte nicht ausreichend erfasst.
  • Deshalb fordert der Bericht eine verpflichtende Erfassung von Ethnie und Religion bei entsprechenden Straftaten.

Im zweiten Teil werden wesentlich weitergehende Behauptungen aufgestellt:

  • Organisierte Netzwerke muslimischer Männer hätten über Jahrzehnte hinweg in ganz Großbritannien Kinder systematisch vergewaltigt und ausgebeutet.
  • Aus bekannten Fällen in Städten wie Rotherham, Rochdale, Oxford oder Telford wird auf eine landesweite Dimension geschlossen.
  • Der Bericht schätzt die Zahl der Opfer auf mindestens 250.000.
  • Polizei, Jugendämter, Schulen, Gesundheitsbehörden und Politiker hätten die Taten aus Angst vor Rassismusvorwürfen vertuscht oder ignoriert.
  • Besonders die Labour Party wird beschuldigt, die Aufklärung bewusst behindert zu haben.
  • Der Bericht spricht von einem nahezu vollständigen Versagen des britischen Staates.

Was ist belegt?

Einige Punkte sind tatsächlich gut dokumentiert:

  • Es gab in Großbritannien zahlreiche schwere Grooming-Gang-Fälle.
  • In mehreren Städten wurden Gruppen von Tätern verurteilt.
  • In einigen dieser Fälle waren viele Täter pakistanischer Herkunft.
  • Untersuchungen wie der bekannte Jay-Report zu Rotherham zeigten schwerwiegende Fehler von Polizei und Behörden.
  • Die Angst vor Rassismusvorwürfen spielte in einzelnen Behörden nachweislich eine Rolle.

Diese Punkte werden auch von offiziellen Untersuchungen bestätigt.

Wo beginnt das Problem?

Der Bericht macht mehrere große Sprünge:

1. Von einzelnen Städten auf ganz Großbritannien

Aus einigen bekannten Skandalen wird auf das gesamte Land hochgerechnet.

Das ist methodisch sehr problematisch.

Wenn man nur Städte untersucht, in denen besonders viele pakistanischstämmige Täter aufgefallen sind, kann man daraus nicht automatisch auf alle britischen Missbrauchsfälle schließen.

2. Die Zahl von 250.000 Opfern

Hier wird es besonders kritisch.

Im Text findet sich keine belastbare Herleitung dieser Zahl.

Stattdessen heißt es sinngemäß:

Wenn man die bekannten Muster landesweit extrapoliert, kommt man auf mindestens 250.000 Opfer.

Das ist keine statistische Messung, sondern eine Hochrechnung.

Ob diese Hochrechnung seriös ist, hängt vollständig von den Annahmen ab, die verwendet wurden.

3. Die Behauptung «muslimische Männer»

Der Bericht verwendet Religion als zentrale Erklärung.

Die meisten offiziellen britischen Untersuchungen sind hier deutlich vorsichtiger.

Sie sprechen eher über:

  • Herkunftsmilieus,
  • soziale Strukturen,
  • lokale Netzwerke,
  • Clanstrukturen,
  • Frauenbilder,
  • Behördenversagen.

Die direkte Schlussfolgerung:

«Der Islam ist die Ursache»

ist durch die vorgelegten Daten nicht bewiesen.

Auffällige Sprache

Ein weiteres Warnsignal ist die Sprache des Berichts.

Begriffe wie:

  • «industrial-scale child rape»
  • «modern-day slavery»
  • «sacrificed tens of thousands of white working-class girls»
  • «active or passive consent of the British state»
  • «betrayal was total»

sind keine typische Sprache wissenschaftlicher Untersuchungen.

Das liest sich eher wie eine politische Anklageschrift.

Ein wissenschaftlicher Bericht würde normalerweise präziser formulieren und stärker zwischen belegten Tatsachen und Schlussfolgerungen unterscheiden.

Vorläufiges Fazit

Der Bericht enthält einen realen Kern:

  • Die Grooming-Gang-Skandale haben tatsächlich stattgefunden.
  • Behörden haben teilweise massiv versagt.
  • Pakistanischstämmige Täter waren in mehreren prominenten Fällen überrepräsentiert.

Aber:

  • Die Zahl von 250.000 Opfern erscheint auf Grundlage des vorliegenden Textes nicht belastbar nachgewiesen.
  • Die nationale Hochrechnung ist methodisch fragwürdig.
  • Die starke Fokussierung auf «Muslime» statt auf konkret nachweisbare Tätergruppen geht über das hinaus, was die meisten offiziellen Untersuchungen belegen.
  • Der Text hat einen deutlich politischen und anklagenden Charakter.

Wenn Baumann oder andere AfD-Politiker behaupten:

«250.000 Mädchen wurden von muslimischen Migranten vergewaltigt»,

dann ist das nach dem vorliegenden Text keine nachgewiesene Tatsache, sondern die Übernahme einer umstrittenen Hochrechnung aus diesem Bericht.

Der entscheidende Punkt für die Faktenprüfung ist daher nicht, ob die Grooming-Gangs existierten – das ist unstrittig –, sondern ob die Zahl von 250.000 Opfern seriös hergeleitet wurde. Genau dort sehe ich den größten Schwachpunkt des Berichts.

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Horst Schulte
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Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

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