Die Bundesrepublik ist nicht arm – sie lässt nur zu viel liegen

9. Mai 2026

Wo der Staat Geld finden könnte – und wo er sich selbst im Weg steht

Es gibt Sätze, die klingen so einfach, dass man ihnen fast misstrauen muss. „Die Reichen müssen mehr zahlen.“ Und/oder: „Der Staat müsste nur die Steuerhinterziehung bekämpfen, dann wären alle Probleme gelöst.“ Beides hat einen wahren Kern. Und beide Sätze werden falsch, sobald man sie als Wunderwaffe verkauft.

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Deutschland ist kein armes Land. Es ist ein reiches Land mit verstopften Leitungen. Geld ist da, Vermögen ist da, hohe Einkommen sind da, Kapitalerträge sind da. Gleichzeitig fehlen Milliarden für Schulen, Brücken, Bahn, Pflege, Digitalisierung und Kommunen. Es ist diese eigentümliche deutsche Gleichzeitigkeit: Die Republik sitzt auf einem Berg von Wohlstand und stolpert trotzdem über kaputte Bahnsteige, überforderte Ausländerbehörden und Schulklos, die aussehen, als hätten sie die Bonner Republik persönlich überlebt.

Die Frage lautet also nicht, ob der Staat zusätzliche Einnahmen erzielen könnte. Natürlich könnte er das. Die Frage lautet: Wie viel davon ist realistisch, wie viel wäre politisch durchsetzbar, wie viel ökonomisch vernünftig – und wo beginnt die linke Erzählung vom mühelos gefüllten Staatssäckel, die zwar schön klingt, aber nicht ganz sauber rechnet?

Sanierungsfall Deutschland Republik
Sanierungsfall Deutschland

Erbschaften: Das große Versprechen und die kleinen Kassen

Bei der Erbschaftsteuer liegt der Fall auf den ersten Blick klar. In der Deutschland werden große Vermögen weitergegeben, oft gewaltige Vermögen. Zugleich bleiben viele Übertragungen steuerfrei oder werden durch hohe Freibeträge und Verschonungsregeln deutlich entlastet. Das Statistische Bundesamt meldete für 2024 festgesetzte Erbschaft- und Schenkungsteuer in Höhe von 13,3 Milliarden Euro. Die Zahl ist hoch, aber sie zeigt auch: Wer glaubt, man könne allein mit einer Reform der Erbschaftsteuer die Haushaltsprobleme der Republik lösen, verwechselt eine solide Einnahmequelle mit einem Goldregen. Die Destatis-Meldung dazu ist hier nachlesbar

Trotzdem wäre eine Reform sinnvoll. Besonders fragwürdig sind jene Verschonungsregeln, durch die sehr große Unternehmensvermögen steuerlich stark begünstigt werden. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat in einer Studie zur Reform der Erbschaftsteuer vorgerechnet, dass eine konsequentere Besteuerung großer Übertragungen erhebliche Mehreinnahmen bringen könnte. Dabei geht es nicht darum, dem berühmten Einfamilienhaus der Oma mit der fiskalischen Brechstange zu Leibe zu rücken. Es geht um Millionen- und Milliardenvermögen, bei denen die jetzigen Regeln die Vermögenskonzentration über Generationen absichern. Die DIW-Studie findet sich hier.

Realistisch wären bei einer strengeren Erbschaftsteuer vermutlich einige Milliarden Euro jährlich zusätzlich, bei einer sehr entschlossenen Reform womöglich auch deutlich mehr. Aber wir sollten sauber bleiben: Das wäre viel Geld. Zur Lösung der Probleme kann es nur einen überschaubaren Beitrag leisten.

Vermögensteuer: Da liegt Geld, aber nicht ohne Sprengstoff

Noch größer ist das Potenzial bei einer Vermögensteuer. Hier wird die Debatte schnell leidenschaftlich, manchmal auch religiös. Für die einen ist sie ein Gebot der Gerechtigkeit. Für die anderen ein Angriff auf Eigentum, Mittelstand und Investitionen. Die Wahrheit wird wieder einmal dazwischen zu finden sein.

Das DIW hat 2026 im Auftrag der Linken und der Rosa-Luxemburg-Stiftung ein Modell zur Wiedereinführung der Vermögensteuer untersucht. Je nach Ausgestaltung können daraus sehr hohe rechnerische Einnahmen entstehen. Die Linke verweist auf Größenordnungen bis etwa 147 Milliarden Euro jährlich. Die DIW-Veröffentlichung ist hier abrufbar.

Aber diese Zahl wirft politisch ein Spotlight, sie ist nicht nutzbar als Gebrauchsanweisung. Eine sehr hohe Vermögensteuer mit progressiven Sätzen bis in zweistellige Prozentbereiche würde starke Ausweichreaktionen auslösen. Vermögende Menschen können ihren Wohnsitz verlagern, Vermögensstrukturen verändern, Stiftungen nutzen, Beteiligungen verschieben, Bewertungen anfechten. Außerdem ist Betriebsvermögen ein heikler Punkt. Wer Unternehmen besteuert, ohne Liquidität zu berücksichtigen, kann Investitionen schwächen oder sogar Arbeitsplätze gefährden. Wer Unternehmen dagegen weitgehend verschont, sägt sofort am Aufkommen. Das ist die alte Steuerpolitik-Falle: Entweder es tut weh – oder es bringt weniger als angenommen.

Eine moderate Vermögensteuer auf sehr hohe Nettovermögen könnte dennoch Einnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe bringen. Größenordnungen von 10 bis 35 Milliarden Euro jährlich gelten in vorsichtigeren Modellen als eher realistisch. Das wäre erheblich. Aber auch hier gilt: Es wäre ein kräftiger Beitrag, kein Ersatz für Wirtschaftswachstum, Verwaltungsreform und Prioritätensetzung.

Wer Vermögen besteuern will, muss Nettovermögen bewerten: Immobilien, Wertpapiere, Beteiligungen, Betriebsvermögen, Kunst, Stiftungsmodelle. Das ist technisch kompliziert und politisch vermintes Gelände.

Kapitalerträge: Warum Arbeit höher belastet wird als müheloses Geld

Besonders interessant ist die Kapitalertragsteuer. Heute werden private Kapitalerträge meist pauschal mit 25 Prozent Abgeltungsteuer belastet, zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer. Wer arbeitet, kann deutlich höhere Grenzsteuersätze zahlen. Wer Geld für sich arbeiten lässt, kommt oft günstiger davon. Das ist schwer zu erklären, vor allem Menschen, die morgens aufstehen, zur Arbeit fahren und am Monatsende feststellen, dass Netto ein ziemlich kleines Wort für ziemlich viel Abzug ist.

Das Bundesfinanzministerium wies für 2024 stark gestiegene Einnahmen aus der Abgeltungsteuer auf Zins- und Veräußerungserträge aus. Das Aufkommen stieg gegenüber 2023 um mehr als 130 Prozent, vor allem wegen höherer Zinserträge und teils auch wegen Veräußerungsgewinnen. Der BMF-Monatsbericht ist hier verlinkt. Verrückt, wie hoch die Steuereinnahmen sind (1 Billion EUR) und immer noch ist es nicht genug, um die teuren Staatsfinanzen abzudecken. Verrückt bei diesen Größenordnungen von einem Einbruch zu reden. Na, jedenfalls kommt der Rückgang zur Unzeit – nicht nur für die Regierung.

Wenn man Kapitalerträge privater Anleger stärker besteuern würde, ließen sich zusätzliche Einnahmen erzielen. Eine Erhöhung von 25 auf 30 Prozent könnte grob einige Milliarden Euro bringen. Eine Abschaffung der Abgeltungsteuer und die Einbeziehung in den persönlichen Einkommensteuertarif würde vor allem hohe Einkommen stärker treffen. Dabei muss man sauber unterscheiden: Es geht hier nicht um zusätzliche Unternehmensbesteuerung, sondern um die Besteuerung privater Kapitalerträge. Unternehmen zahlen Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer und weitere Abgaben. Private Anleger zahlen auf Dividenden, Zinsen und Kursgewinne Abgeltungsteuer. Genau dort liegt der Hebel.

Aber auch hier gibt es Grenzen. Kapital ist mobiler als Arbeit. Bei sehr hohen Sätzen wächst der Anreiz, Erträge zu verschieben, Fondsstrukturen zu nutzen oder steuerlich optimierte Konstruktionen zu suchen. Der Staat darf nicht naiv sein. Wer Kapital stärker besteuern will, braucht zugleich bessere Meldepflichten, internationalen Datenaustausch und klare Regeln gegen Gestaltungsmissbrauch. Sonst baut man vorn eine Tür ein und wundert sich hinten über das offene Scheunentor.

Steuerhinterziehung: Das Geld, das dem Staat schon gehört

Noch klarer ist die moralische Lage bei Steuerhinterziehung. Hier geht es nicht um neue Belastungen, sondern um Geld, das dem Staat nach geltendem Recht zusteht. Die oft genannte Summe von 100 Milliarden Euro jährlich ist allerdings keine amtlich festzustellende Zahl. Deutschlandfunk nennt eine Schätzspanne von 50 bis 200 Milliarden Euro und verweist darauf, dass auch Fachleute diese Zahlen nur als grobe Annäherung betrachten. Der Beitrag ist hier nachzulesen.

Und trotzdem bleibt der Befund peinlich für den Staat. Wenn jedes Jahr auch nur ein Teil dieser Summe durch Schwarzarbeit, Umsatzsteuerbetrug, Scheinrechnungen, Cum-Cum-Geschäfte, Bargeldtricks und internationale Verschiebungen verloren geht, dann reden wir über einen politischen Skandal, den die Krawattenmafia zu verantworten hat. Während beim Bürgergeld gern mit der Taschenlampe in jede Küchenschublade geleuchtet wird, wirken manche Finanzverwaltungen bei großen Steuerkonstruktionen, als gingen sie mit einer Kerze in einen Maschinenraum.

Der Bundesrechnungshof hat 2025 ausdrücklich auf ein Milliardenpotenzial bei der Stärkung der Einnahmenbasis hingewiesen und strukturelle Defizite, Vollzugsmängel und Steuerbetrug in zweistelliger Milliardenhöhe kritisiert. Die Pressemitteilung dazu steht hier.  

Besonders absurd ist, dass mehr Personal in der Steuerprüfung sich oft selbst bezahlt. Betriebsprüfer bringen regelmäßig erhebliche Mehreinnahmen. Trotzdem sind Prüfungen in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Deutschlandfunk berichtete 2025, dass die Zahl der Betriebsprüfungen in Unternehmen seit 2015 um rund 60 Prozent gesunken sei. Wenn das stimmt, dann ist das kein kleiner Verwaltungsunfall. Das ist, als würde die Feuerwehr bei zunehmender Brandgefahr erst einmal Schläuche verkaufen.

Warum passiert das? Weil die Steuerverwaltung Ländersache ist. Weil der Bund gern fordert, aber die Länder Personal einstellen müssen. Weil die Mehreinnahmen anschließend zwischen Bund, Ländern und Kommunen verteilt werden. Weil gute Steuerfachleute in der Privatwirtschaft mehr verdienen können. Weil moderne Finanzkriminalität IT-Kenntnisse, internationale Vernetzung und spezialisiertes juristisches Wissen verlangt. Und weil politischer Wille in Deutschland häufig dort besonders laut ist, wo es um kleine Leute geht – und besonders technisch klingt, wo große Summen im Spiel sind.

Der Staat müsste hier nüchtern handeln: mehr Steuerfahnder, mehr Betriebsprüfer, mehr IT-Forensiker, bessere Datenanalyse, eine stärkere Finanzkontrolle Schwarzarbeit und moderne Systeme gegen Umsatzsteuerbetrug. Das Bundesfinanzministerium hat 2025 ein Gesetz zur Modernisierung und Digitalisierung der Schwarzarbeitsbekämpfung auf den Weg gebracht, das die Finanzkontrolle Schwarzarbeit stärken und deren Befugnisse erweitern soll. Das ist ein richtiger Schritt, aber noch kein Befreiungsschlag.

Würde das den finanziellen Spielraum verändern?

Ja. Aber nicht so, wie manche es erzählen.

Eine realistische Kombination aus reformierter Erbschaftsteuer, moderater Vermögensteuer, höherer Besteuerung privater Kapitalerträge und besserer Bekämpfung von Steuerhinterziehung könnte mittelfristig 30 bis 80 Milliarden Euro jährlich zusätzlich oder zurückgewonnen bringen. Das ist kein Kleingeld. Damit kann man Brücken sanieren, Schulen modernisieren, Kommunen entlasten, Pflege stabilisieren, Bahnstrecken ausbauen oder Investitionen finanzieren, die seit Jahren auf Wiedervorlage liegen wie ein schlechtes Gewissen.

Aber selbst 50 Milliarden Euro lösen nicht automatisch alle Probleme. Der Bundeshaushalt, die Sozialversicherungen, die Verteidigungsausgaben, die Klimaanpassung, die Infrastruktur und die demografische Alterung – das alles sind keine kleinen Löcher. Das sind eher tektonische Verschiebungen. Mehr Einnahmen helfen. Sie ersetzen aber keine Reformen.

Die Linke, die SPD oder die Gewerkschaften (z.B. Verdi) hat recht, wenn sie sagt: Da liegt Geld. Und sie hat auch recht, wenn sie auf die Schieflage zwischen Arbeit, Vermögen und Kapitalerträgen hinweist. Wer die Kassiererin stärker belastet als den Erben großer Vermögen, sollte sich über Politikverdrossenheit nicht wundern. Aber die Linke überzieht, wenn sie so tut, als könne man mit ein paar Steuerbeschlüssen die ganze Republik in einen frisch gestrichenen Wohlfahrtsstaat verwandeln.

Die politische Mitte macht allerdings den umgekehrten Fehler. Sie redet gern von Leistung, Disziplin und Haushaltsverantwortung, schaut aber bei Steuerhinterziehung, Vermögensprivilegien und überforderten Finanzämtern zu oft weg. Das ist keine Solidität. Ich würde es Einknicken vor den Bonzen nennen und ja, für mich steht die Politik der Konservativen (FDP ohnehin) für etwas, das mit den Interessen von Normalverdienern überhaupt nicht in Einklang zu bringen ist.

Am Ende geht es um eine einfache Frage: Will dieser Staat wirklich handlungsfähig sein? Dann muss er nicht nur sparen, kürzen und mahnen. Dann muss er auch dafür sorgen, dass geltendes Recht durchgesetzt wird, große Vermögen angemessen beitragen und Kapitalerträge nicht dauerhaft besser behandelt werden als Arbeit.

Die Republik braucht keinen Steuerrausch. Sie braucht eine nüchterne, gerechte, robuste Einnahmepolitik. Eine Politik, die weder dem Märchen vom mühelosen Milliardenregen glaubt noch dem Märchen, der Staat könne sich aus der Krise heraussparen. Zwischen beiden Märchen liegt die Wirklichkeit. Und dort, im ziemlich unromantischen Maschinenraum des Gemeinwesens, entscheidet sich, ob Deutschland weiter über kaputte Brücken klagt – oder endlich anfängt, das Geld dort wegzunehmen, wo es ist.

Europas Drift nach rechts: Was läuft schief mit unseren Demokratien?

9. Mai 2026

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Es ist ein verstörender Befund bei den Demokratien unserer Zeit: Ausgerechnet dort, wo Menschen Zugang zu Informationen in nie gekanntem Ausmaß haben, wo in unseren Demokratien jede Rede, jede Statistik, jede historische Warnung nur wenige Klicks entfernt liegt, gewinnen Parteien an Zuspruch, die mit Nationalismus, Ausgrenzung und autoritären Reflexen Politik machen. Diskurse verengen sich, die Sorgen der Menschen, die der einen wie der anderen, nehmen zu.

In England erlebt die Labour-Partei von Keir Starmer bei den Kommunalwahlen schwere Verluste, während Nigel Farage mit seiner Mischung aus Nationalismus, Anti-Migrations-Rhetorik und angeblicher „Kümmererpolitik“ wieder enorme Zustimmung erhält. Dass ausgerechnet jener politische Geist zurückkehrt, der gemeinsam mit Figuren wie Boris Johnson den Brexit vorangetrieben hat, wirkt wie ein politischer Treppenwitz mit bitterem Nachgeschmack.

Kampf um die Demokratie
Kampf um die Demokratien

Denn die Folgen sind sichtbar. Wirtschaftlich. Gesellschaftlich. Kulturell. Das Vereinigte Königreich hat an Stabilität verloren, an internationalem Gewicht, an sozialem Zusammenhalt. Und dennoch wählen viele Menschen genau jene Kräfte wieder stark, die maßgeblich zu dieser Entwicklung beigetragen haben.

Man blickt nach Deutschland – und das Gefühl der Irritation wird nicht kleiner. Die Alternative für Deutschland führt in vielen Umfragen. In manchen Regionen längst mit erschreckendem Abstand. Dass Unzufriedenheit mit Regierungen existiert, ist normal. Demokratie lebt von Kritik, vom Wechsel, von Korrekturen. Aber weshalb führt politische Enttäuschung inzwischen so oft direkt an den Rand des Autoritären?

Es ist, als würde man bei einem Wasserschaden das ganze Haus anzünden.

Natürlich tragen die Regierungen ihren Teil dazu bei. Auch die amtierende Bundesregierung hat Vertrauen verspielt. Zu viel Streit, zu wenig Klarheit, zu viele technokratische Formeln in einer Zeit, in der Menschen Orientierung suchen. Viele erleben steigende Preise, Unsicherheit im Beruf, eine überforderte Infrastruktur und das Gefühl, dass Politik oft nur noch reagiert statt gestaltet.

Aber daraus folgt eben nicht automatisch, dass Nationalisten plötzlich vernünftige Antworten hätten.

Der eigentliche Motor dieser Entwicklung scheint tiefer zu liegen. Vielleicht ist es die Angst vor einer Zukunft, die nicht mehr das verspricht, was Nachkriegsgenerationen für selbstverständlich hielten: stetig wachsender Wohlstand, soziale Sicherheit, Aufstieg durch Leistung. Diese Versprechen bröckeln. Und mit ihnen bröckelt offenbar auch die Bereitschaft zur Solidarität.

Was früher als gesellschaftlicher Zusammenhalt galt, wird heute von vielen als Zumutung empfunden. Migration, Klimaschutz, soziale Absicherung – all das erscheint Teilen der Bevölkerung nicht mehr als gemeinsame Aufgabe, sondern als Bedrohung des eigenen Besitzstands. Die politische Rechte liefert dafür einfache Schuldige und einfache Erzählungen. Immer sind „die anderen“ verantwortlich: Migranten, Eliten, Europa, Minderheiten, Medien.

Es ist die alte Geschichte. Und gerade deshalb macht sie Angst.

Denn wir wissen historisch, wohin Gesellschaften driften können, wenn Angst größer wird als Vernunft und Ressentiments stärker als demokratische Kultur. Dass sich diese Entwicklung gleichzeitig in den Niederlande, in Frankreich, in Italien und inzwischen fast überall in Europa beobachten lässt, deutet auf eine tiefere Krise hin. Es geht längst nicht mehr nur um einzelne Regierungen oder konkrete politische Fehler. Es geht um das Vertrauen in die Demokratie selbst.

Vielleicht haben wir uns eingeredet, aufgeklärte Gesellschaften seien automatisch immun gegen autoritäre Versuchungen. Vielleicht glaubten wir, Bildung und Informationsfülle würden zwangsläufig Vernunft erzeugen. Doch Information allein schützt nicht vor Angst. Und sie schützt schon gar nicht vor Manipulation, Dauererregung und politischer Verführung.

Demokratien verlangen mehr als Zugang zu Wissen. Sie verlangen Haltung. Geduld. Verantwortungsgefühl. Die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, ohne sich an politische Brandstifter zu klammern.

Demokratien: Gerade daran scheint es vielerorts zu fehlen.

Und vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik unserer Zeit: Dass viele Menschen den Zustand der Welt beklagen, aber bereit sind, jene Kräfte zu stärken, die alles noch weiter zerstören könnten. Wer in Deutschland die Alternative für Deutschland wählt oder sie mit wachsender Radikalität verteidigt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er bereit ist, die Verantwortung für die Folgen einer historischen Abkehr von demokratischen Grundgewissheiten zu tragen.

Mehr Operationen, weniger Zeit: Die Paradoxien der deutschen Medizin

8. Mai 2026

Das deutsche Gesundheitssystem genießt weltweit einen exzellenten Ruf. Es ist nicht nur teuer, sondern auch gut. Ich fürchte allerdings, wohl wie viele andere auch, dass solche Beschreibungen eher das Gestern beschreibt. Die aktuelle Zufriedenheit der Menschen in Deutschland scheint jedenfalls mit diesem Befund nicht mehr in Deckung zu bringen sein. Das gilt leider ebenso für viele andere Bereiche in unserem Land.

Wir fallen zurück und viele fühlen das. Zum Teil wohl auch deshalb, weil sich negative Stimmungen viel schneller entfalten als es beim Gegenteil der Fall wäre. Uns fehlt es an dem Optimismus, der anderen Völkern unter vergleichbaren Umständen zueigen ist. Wir sind verwöhnt. Eine Tatsache, die auch deshalb schwerwiegt, weil die Bevölkerung überaltert und deshalb wenig veränderungsbereit ist.

Unser Gesundheitssystem überzeugt(e) mit hoher medizinischer Qualität, einer dichten Infrastruktur und einem Solidarprinzip, das allen Bürgerinnen und Bürgern Zugang zu Gesundheitsleistungen ermöglicht. Doch hinter dieser Fassade brodeln zunehmend Probleme, die den Alltag von Patientinnen und Patienten prägen.

Die Realität sieht für viele GKV-Versicherte anders aus als die Statistiken vermuten lassen. Wer einen Termin bei einem Facharzt benötigt, muss oft monatelang warten. Laut einer Studie der AOK aus dem Jahr 2025 betragen die Wartezeiten auf Orthopädinnen, Dermatologen oder Neurologinnen im Schnitt über drei Monate. Privatversicherte erhalten dagegen oft innerhalb von Wochen einen Termin. Der Grund liegt auf der Hand: Die Vergütung für Privatpatienten ist deutlich höher, was viele Praxen dazu bewegt, diese bevorzugt zu behandeln. Die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen, die seit 2016 Abhilfe schaffen sollen, vermögen das Problem nur teilweise zu lösen – ihre Erfolgsquote liegt bei etwa 50 %.

Doch nicht nur der Zugang zu Fachärzten ist ein Thema. Deutschland gehört auch zu den Ländern, in denen bestimmte Operationen deutlich häufiger durchgeführt werden als in anderen Industrienationen. Bei Knie- und Hüftgelenkersatz liegt die Rate hierzulande deutlich über dem OECD-Durchschnitt. Auch die Zahl der Kaiserschnitte ist mit 30 % aller Geburten auffällig hoch – die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt maximal 10 bis 15 %. Hinter diesen Zahlen stecken komplexe Ursachen: Finanzielle Anreize durch das Fallpauschalensystem begünstigen aufwendige Eingriffe, während konservative Therapien oft zu kurz kommen. Gleichzeitig fürchten viele Ärztinnen und Ärzte Haftungsrisiken und entscheiden sich aus Sorge vor Klagen schneller für operative Lösungen.

Die Reform, die die schwarz-rote Regierung nun vorsieht und die noch von den Parlamenten beschlossen werden muss, wird heftig kritisiert. Manche machen es sich etwas zu einfach, in dem sie sagen, dass es ein gutes Zeichen wäre, wenn alle betroffenen Parteien an den Maßnahmen herummäkeln würden. Hoffentlich haben diejenigen recht.

Die Patientinnen und Patienten selbst tragen zu Fehlentwicklungen bei. In Deutschland ist die Nachfrage nach hoch technisierter Medizin angeblich besonders groß, selbst wenn die Indikation nicht immer eindeutig ist. Das führt zu einer Paradoxie: Ein System, das eigentlich auf Prävention und ganzheitliche Versorgung setzt, sieht sich zunehmend mit den Folgen einer Überversorgung konfrontiert.

Die Herausforderungen sind vielfältig und werden durch den anhaltenden Fachkräftemangel noch verschärft. Bis 2030 fehlen über 200.000 Pflegekräfte, was die Versorgung in vielen Regionen zusätzlich belastet. Gleichzeitig steigt der Anteil der Privatversicherten, was den Druck auf das Solidarsystem der gesetzlichen Krankenversicherung erhöht. Die Politik versucht gegenzusteuern, doch Reformen wie die geplante Bürgerversicherung kommen nur langsam voran.

Deutschlands Gesundheitssystem bleibt ein System der Widersprüche. Es vereint Spitzenmedizin mit strukturellen Schwächen, die den Alltag der Menschen immer stärker prägen. Die Frage ist nicht nur, wie man die Wartezeiten verkürzen und die Überversorgung eindämmen kann. Sondern auch, wie ein System, das auf Solidarität und Qualität setzt, diese Werte in einer sich wandelnden Gesellschaft bewahren kann. Wir sehen einen verstärkten Trend zur Zweiklassenmedizin. Früher wurde diese Tendenz ebenfalls beschrieben aber weniger vehement und mit deutlich weniger Evidenz.

Fotos beschneiden: Weniger ist mehr?

8. Mai 2026

Vierfleck.jpg
Vierfleck-2.jpg

Am 6. Mai habe ich diese Fotos zu Flickr hochgeladen. Interessant fand ich, auf welche Resonanz dieses Bild, von dem ich zwei Versionen präsentiert habe, gestoßen ist. Das erste wurde (per dato) 65 mal gelikt, das zweite wurde kuratiert und somit im sogenannten Explorer angezeigt. Es wurde bisher fast 2000mal angesehen, 189mal gelikt und 25mal kommentiert.

Ich erwähne das, weil ich damit darauf hinweisen möchte, wie wichtig ein Beschnitt sein und wie die Wirkung eines Fotos damit verbessert werden kann.

PlugIn für WordPress: Desktop-Mode

8. Mai 2026

Am PlugIn wird hart gearbeitet. Es gab seit meinem Beitrag zwei Updates. Ich kann nur jedem empfehlen, sich dieses PlugIn einmal in Ruhe anzuschauen.

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