Die iranisch-deutsche Autorin und Podcasterin Miriam Davoudvandi beschreibt in einem Interview mit der taz eine Gesellschaft, die arme Menschen beschämt, ihre Lage individualisiert und strukturelle Probleme hinter moralischen Urteilen versteckt.
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Vieles daran ist nachvollziehbar. Wer arm ist, spürt nicht nur den Mangel im Portemonnaie, sondern oft auch die Kälte im Blick der anderen. Armut isoliert. Sie macht klein. Sie frisst sich bis ins Selbstwertgefühl hinein.
Will ich so nicht stehen lassen
Und trotzdem regt sich in mir Widerstand, wenn ich manche Sätze lese. Besonders dieser hier:
Ich glaube, meine Generation versteht, dass das Sich-Kaputtarbeiten nichts Ehrenhaftes ist, und fordert ein strukturelles Umdenken. Wir haben aus den Erfahrungen unserer Eltern gelernt, für die Arbeit oft zur Identität geworden ist beziehungsweise dazu gemacht wurde. Wir haben gesehen, dass sich abzuarbeiten nicht automatisch finanzielle Sicherheit oder Aufstieg bedeutet und wollen so nicht weitermachen.
Davoudvandi im Taz-Interview
Als ich das las, musste ich an meinen Vater denken. An seine Hände. Rau, rissig, voller Spuren harter Arbeit. Ich dachte an meine Mutter, die jeden Pfennig zweimal umdrehte und trotzdem versuchte, den Kindern das Gefühl zu geben, es fehle an nichts Wesentlichem.
Armut: Ehrliche Arbeit negativ konnotiert
Diese Menschen hätten vermutlich nicht verstanden, was an ehrlicher Arbeit unehrenhaft sein soll. Ich muss bei solchen und ähnlichen Aussagen immer an ein Bild denken. Das Bild eines einfachen Bauern, der seine Felder noch nicht mit Traktor und Egge bearbeitete, sondern den Holzpflug von einem Pferd oder Ochsen ziehen ließ. Er stand früh am Morgen, fast nachschlafener Zeit, auf und arbeitete 12 Stunden und mehr. Er tat es klaglos und ohne Vorhaltungen an die Menschen, die es besser hatten. Zugegeben, das Problem der Vermögensschere mit ihren komplizierten sozialen Implikationen war noch nicht geboren.
Sie haben sich kaputtgearbeitet. Ja. Viele taten das. Nicht aus falschem Bewusstsein heraus. Nicht, weil sie Opfer einer ideologischen Gehirnwäsche gewesen wären. Sondern weil sie wussten, dass ein besseres Leben nicht vom Himmel fällt.
Wohlstandsversprechen ade, Armut als Normalität
Ohne diese Generation gäbe es den Wohlstand nicht, auf dessen Fundament heute so viele ihre moralischen Urteile errichten. Wie heutzutage überhaupt vieles moralisch betrachtet und überhöht wird.
Natürlich stimmt es: Arbeit garantiert längst nicht mehr automatisch Aufstieg. Viele Menschen schuften heute und bleiben dennoch in Unsicherheit gefangen. Die Preise steigen, Wohnungen werden unbezahlbar, ganze Lebensläufe wirken prekär geworden.
Aber aus dieser Erfahrung abzuleiten, dass harte Arbeit ihren Wert verloren habe, halte ich für brandgefährlich.
Tugenden im Wandel der Zeit
Denn was bleibt einer Gesellschaft eigentlich noch, wenn sie beginnt, Leistung, Pflichtgefühl und Durchhaltevermögen nur noch als Formen von Selbstschädigung zu betrachten?
Dann wären wir endgültig geliefert, Armut würde ansteigen.
Eine Gesellschaft lebt nicht allein von Sensibilität für Verletzungen. Sie lebt auch von Menschen, die Verantwortung übernehmen. Die morgens aufstehen, obwohl sie müde sind. Die arbeiten, obwohl das Leben unfair ist. Die nicht sofort beim ersten Widerstand verlangen, dass „die Strukturen“ sich ändern mögen. Dabei hasse diesen Schablonenspruch von der „hart arbeitenden Mitte“. Aber wohl auch nur, weil Politiker ihn als Vehikel für irgendwas missbrauchen, das mir nicht gefällt.
Es klingt hart. Aber jede Generation lebt auf den Schultern der vorherigen.
Meine Eltern hatten kein Auto. Sie fuhren nie in Urlaub. Luxus war für sie ein neuer Mantel oder ein Radio, das funktionierte. Trotzdem hatten sie Stolz. Sie wollten ihren Kindern Möglichkeiten schaffen, die sie selbst nie hatten. Von dieser Spezies gab es Millionen. Wie sieht das heute aus?
Die Dinge ändern sich so nicht zum Besseren
Heute dagegen entsteht manchmal der Eindruck, als werde die eigene Ohnmacht fast zu einer Identität erklärt. Als sei der Mensch nur noch ein Ergebnis gesellschaftlicher Umstände und kaum noch jemand, der sich gegen diese Umstände stemmen kann. Das will ich nicht akzeptieren. Sicher, ich bin 72 und längst aus der Nummer herausgealtert. Ich fühle mich auch nicht als Traditionalist. Aber ein wenig von den Selbstverständlichkeiten, die einst galten, sollten wir schon pflegen.
Gerade darin, dass solche generellen Einstellungen sich in eine für mich falsche Richtung entwickeln, liegt für mich eine gefährliche Tragik.
Wenn wir jungen Menschen nur noch erzählen, dass Arbeit krank macht, dass Anstrengung verdächtig ist und dass das System ohnehin gegen sie arbeitet, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn irgendwann nicht nur die Motivation zerbricht, sondern das gesellschaftliche Fundament selbst.
Denn Solidarität entsteht nicht allein aus gemeinsamem Leid. Sie entsteht auch aus dem Bewusstsein, dass Menschen füreinander Verantwortung tragen und ihren Teil beitragen.
Die Generation meiner Eltern wusste das instinktiv. Zugegeben, dass mit dem Zukunftsversprechen (dir soll es einmal besser gehen) war noch glaubhaft und nicht nur auf wenige bezogen.
Vielleicht waren die Menschen (mit ihren Kriegserfahrungen) härter. Vielleicht manchmal sogar zu hart (gegen sich selbst). Aber sie hat aufgebaut, statt sich selbst zum Mittelpunkt ihrer Verwundungen zu machen. Und genau deshalb frage ich mich heute manchmal, ob wir auf dem Weg sind, etwas Entscheidendes zu verlieren: die Achtung vor den Mühen des Lebens selbst.
Die neue Erzählung von Armut verändert unseren Blick auf Arbeit grundlegend.