Neue Gedanken? Wieder miteinander reden!

28. April 2026

Es gibt (neue) Gedanken, die lassen einen nicht mehr los. Seit Monaten quäle ich mich mit der Frage herum, warum plötzlich all diese Podcasts, YouTube-Formate und Medienprojekte entstehen, in denen Leute auftreten, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch als politisch oder moralisch nicht satisfaktionsfähig galten.

Streiten, Neue Gedanken
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Die berühmte „Brandmauer“ war doch einmal mehr als bloß ein Schlagwort. Heute wirkt sie an vielen Stellen wie eine verwitterte Theaterkulisse, die noch herumsteht, obwohl das Stück längst gewechselt wurde.

Parade des Anstosses – neue Gedanken?

Plötzlich sitzen sie überall. Fleischhauer. Poschardt. Reichelt. Und viele andere. Manche werden interviewt, andere moderieren selbst, wieder andere verwandeln jede Debatte in ein Dauerfeuer aus Ironie, Gereiztheit und kalkulierter Provokation. Ich frage mich ernsthaft: Was ist passiert? Schaue ich auf die Kommentare sehe ich überwiegend Zustimmung.

Sind diese jungen Journalisten einfach Opportunisten? Spüren sie nur den Wind, der sich gedreht hat, und laufen nun dorthin, wo Klickzahlen, Aufmerksamkeit und Reichweite warten? Oder haben sie – vielleicht tatsächlich – begriffen, dass Hannah Arendt und später auch Jürgen Habermas mit ihren Er- und Bekenntnissen recht hatten, dass Gesellschaften zerbrechen, wenn sie nur noch übereinander reden statt miteinander?

Der Gedanke lässt mich nicht los.

Denn auf der anderen Seite sehe ich Formate, die mit Gespräch kaum noch etwas zu tun haben. Bei Fleischhauer etwa habe ich oft den Eindruck, dass dort weniger diskutiert als genussvoll seziert wird. Gemeinsam mit seiner Kollegin vom Focus produziert er seit Langem diese eigentümlich zynischen Videos, bei denen ich mich regelmäßig frage, wer sich davon ernsthaft angezogen fühlen soll. Vielleicht bin ich zu altmodisch. Vielleicht fehlt mir der Sinn für diese Art von öffentlichem Dauergrinsen am Abgrund.

Und dann taucht genau dieser Mann plötzlich beim ZDF auf.

Das allein ist schon bemerkenswert genug. Offenbar hielten Verantwortliche dort seine Art für geeignet, ein eigenes Format zu tragen. Menschen werden zusammengesperrt, rhetorisch aufgeladen, und dann beginnt das ritualisierte Gemetzel. Streit als Unterhaltungsware. Konflikt als Dramaturgie. Und die Tür bleibt zu! Ich habe kaum eine ganze Folge ausgehalten. Vielleicht ein Drittel von einer. Danach hatte ich das Gefühl, jemand hätte schlechte Laune in Konzentrat über mich ausgeschüttet.

Und doch ertappe ich mich dabei, wie ich auf YouTube immer wieder genau solche Sendungen anklicke.

Das ist der eigentliche Widerspruch, den ich einfach nicht aufgelöst bekomme.

Ich ahne oft schon vorher, dass mich diese Formate nicht bereichern, sondern verärgern werden. Meine Frau weiß genau, wovon ich rede. Trotzdem schaue ich hinein. Vielleicht aus Sorge? Vielleicht aus einer Art demokratischer Pflicht heraus. Vielleicht auch, weil ich wenigstens verstehen will, warum dieses Land sich so verändert (hat).

Denn der politische Wind hat sich gedreht.

Die Rechten liegen inzwischen bei fast dreißig Prozent und sind stärkste Kraft. Das ist keine Fußnote mehr. Kein vorübergehender Ausschlag. Das ist eine tektonische Verschiebung. Hoffentlich nicht von Dauer. Ich kann nicht behaupten, dass mir das keine Sorgen macht. Auf solche historischen Experimente habe ich keinen Bock!

Umso mehr irritiert mich der Ton vieler neuer Medienfiguren. Wenn ich Leuten wie Fleischhauer oder Poschardt zuhöre, habe ich selten das Gefühl, dort würden ernsthafte Ideen entwickelt, wie dieses Land aus seiner Erschöpfung herausfinden könnte. Stattdessen höre ich oft Zynismus, Dauerempörung und jene schlecht gelaunte Überlegenheit, die schon Harald Schmidt einst kultivierte – damals allerdings mit mehr Intelligenz und vor allem deutlich mehr Witz.

Vielleicht liegt genau darin das Problem unserer Zeit.

Wir reden wieder miteinander. Aber oft nicht, um einander zu verstehen. Sondern um einander vorzuführen. Der andere wird nicht mehr als politischer Gegner betrachtet, sondern als Material für Klicks, Pointen und digitale Hinrichtungen. Ist euch schon mal aufgefallen, wie viele dieser dämlichen YouTube-Videos kursieren, die irgendwen zur Sau machen? Einfallsreich sind die nicht mal beim Titel. „Zerstört“, „gedemütigt“, „zerlegt“ und wie die Adjektive alle heißen. Das passt immer irgendwie ins Bild.

Und trotzdem glaube ich, dass wir miteinander reden müssen.

Dringender denn je sogar.

Aber eben anders.

Zwischen Erinnerung und Verantwortung: Warum die Debatte über Israel so festgefahren ist

28. April 2026

Es gibt kaum ein Thema, bei dem bis heute die Fronten so schnell verhärten wie beim Streit über Israel und Gaza. Ach, das war ja „gestern“. Heute ist es Iran. Die USA und Israel zeigen, wie Geopolitik heutzutage funktioniert. Mit brachialer militärischer Gewalt. Putins Russland wurde einhellig kritisiert, im Falle Israels und den USA betrachtet man die von beiden ausgehende völkerrechtswidrige Gewalt „differenzierter“.

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Und doch haben die Verbrechen der israelischen Streitkräfte in Gaza, also das, was nicht wenige einen Völkermord nennen, der Menschheit, dem Teil der westlichen Hemisphäre allemal, ein Mehr an Hilflosigkeit aufgebürdet, mit der sie – auch einmal mehr – nicht wirklich zurechtkommt.

erinnerung verantwortung israel gaza debatte
erinnerung verantwortung israel gaza debatte

Ein einziger Satz genügt oft, und man wird einem Lager zugeordnet. Wer die Verbrechen der Hamas vom 7. Oktober in den Mittelpunkt stellt, gilt vielen automatisch als Verteidiger der israelischen Regierungspolitik. Wer das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung hervorhebt, gerät dagegen rasch unter Verdacht, antisemitische Ressentiments zu bedienen oder die deutsche Geschichte relativieren zu wollen.

Diese Form der Debatte macht Verständigung beinahe unmöglich. Sie lebt nicht mehr von Argumenten, sondern von moralischen Reflexen.

Dabei ist die historische Ausgangslage eindeutig. Deutschland trägt wegen des Holocausts eine besondere Verantwortung gegenüber jüdischem Leben und gegenüber Israel. Mir hätte es gefallen, uns wäre mehr eingefallen, um jüdisches Leben auch in unserem Land zu schützen. Stattdessen ist es seit Jahren notwendig, jüdische Einrichtungen polizeilich bewachen zu lassen. Diese Verantwortung, von der dennoch alle sprechen, ergibt sich aus einem beispiellosen Zivilisationsbruch, aus industriell organisiertem Massenmord, begangen von Deutschen. Wer das relativiert oder daraus eine bloße historische Fußnote macht, hat den Kern dieser Geschichte nicht verstanden.

Aber genau aus dieser Verantwortung ergibt sich auch eine andere Verpflichtung: die Pflicht, menschliches Leid nicht nach Herkunft, Religion oder geopolitischer Zugehörigkeit unterschiedlich zu bewerten.

Wenn wir aus der Geschichte tatsächlich etwas gelernt haben wollen, dann doch dies: die Entwertung menschlichen Lebens darf niemals zur politischen Routine werden!

Der 7. Oktober und seine Folgen

Der 7. Oktober war ein barbarischer Terrorakt. Die Hamas ermordete gezielt Zivilisten, Familien, Kinder und Festivalbesucher. Diese Gewalt war nicht nur militärisch motiviert, sondern zutiefst menschenverachtend. Dass dieses Ereignis in Israel Angst, Wut und den Wunsch nach Sicherheit ausgelöst hat, ist nachvollziehbar.

Doch selbst schwerstes Leid kann keinen grenzenlosen moralischen Kredit erzeugen.

Genau hier beginnt die schwierige, aber notwendige Diskussion. Ich habe Zweifel daran, dass wir das gegenwärtig hinbekommen. Denn wenn jede Handlung der israelischen Regierung mit dem Verweis auf den 7. Oktober gerechtfertigt wird, entsteht ein gefährlicher Mechanismus. Gewalt wird dann nicht mehr kritisch geprüft, sondern moralisch immunisiert.

Das aber führt zwangsläufig in eine Sackgasse.

Denn wer für sich das Recht beansprucht, auf Terror mit unbegrenzter Härte zu reagieren, produziert neues Leid, neuen Hass und am Ende genau jene Radikalisierung, die man angeblich bekämpfen will. Geschichte endet nicht dort, wo Bomben fallen. Sie setzt sich fort – in Traumata, in zerstörten Familien, in Kindern, die mit Bildern von Tod und Demütigung aufwachsen.

Wer diesen Zusammenhang ignoriert, denkt Konflikte nicht zu Ende.

Die deutsche Debatte krankt an ihren Lagern

Besonders unerquicklich wirkt dabei die deutsche Diskussion. Teile der politischen Linken begegnen Israel inzwischen mit einer Schärfe, die jüdische Ängste kaum noch wahrnimmt. Manche scheinen jedes Handeln Israels ausschließlich durch das Raster von Kolonialismus, Unterdrückung und westlicher Machtpolitik zu betrachten.

Auf der anderen Seite reagieren konservative Stimmen oft mit einer nahezu reflexhaften Verteidigung israelischer Regierungspolitik. Publizisten wie Ulf Poschardt (Herausgeber Welt, Welt am Sonntag und Politico) werfen der Linken regelmäßig vor, antisemitische Denkmuster hinter moralischen Phrasen zu verstecken. Nicht selten klingt dabei der Vorwurf mit, jede scharfe Kritik an Israel bewege sich bereits gefährlich nah am Antisemitismus.

Beide Seiten tragen zur Vergiftung der Debatte bei.

Denn eine Gesellschaft verliert ihre demokratische Reife, wenn sie nur noch zwischen Loyalität und Verrat unterscheiden kann. Dann verschwindet der Raum für Differenzierung. Wer aber Differenzierung zerstört, zerstört am Ende auch die Möglichkeit von Erkenntnis.

Kritik ist nicht automatisch Feindschaft

Es muss möglich bleiben, die Politik der Regierung von Israel scharf zu kritisieren, ohne deshalb als Feind Israels zu gelten.

Denn Staaten handeln politisch. Regierungen treffen Entscheidungen. Und politische Entscheidungen dürfen hinterfragt werden – gerade dann, wenn sie massive humanitäre Folgen haben.

Wer zivile Opfer beklagt, relativiert nicht automatisch den Terror der Hamas. Wer auf die katastrophale Lage in Gaza hinweist, leugnet nicht jüdisches Leid. Und wer auf die Einhaltung des Völkerrechts pocht, betreibt nicht zwangsläufig antisemitische Propaganda.

Die Weigerung, solche Unterschiede noch wahrzunehmen, führt in einen moralischen Absolutismus, der jede Debatte erstickt.

Die eigentliche Herausforderung

Vielleicht liegt das eigentliche Problem darin, dass viele Menschen Ambivalenz kaum noch ertragen.

Dabei wäre genau das notwendig. Man kann den antisemitischen Terror der Hamas verabscheuen und gleichzeitig die Zerstörung in Gaza für unerträglich halten. Man kann Israels Existenzrecht kompromisslos verteidigen und dennoch die Politik seiner Regierung kritisieren. Man kann die deutsche Schuldgeschichte ernst nehmen, ohne daraus eine moralische Sprachlosigkeit für die Gegenwart abzuleiten.

Demokratische Gesellschaften müssen Widersprüche aushalten können. Tun sie das nicht mehr, verfallen sie in Lagerdenken, moralische Erpressung und ideologische Erstarrung.

Und vielleicht ist genau das die bitterste Erkenntnis dieser Debatte: dass viele nicht mehr verstehen wollen, sondern nur noch siegen.

Dabei verlieren am Ende alle. Besonders jene Menschen, die zwischen den Fronten leben und sterben.

Wir scheinen weniger denn je aus diesem unheilvollen Prozess herauszukommen. Das zeigen der Überfall der USA und Israels auf den Iran und die danach stattgefundenen Diskussionen.

Katherina Reiche und das Misstrauen der Progressiven

28. April 2026

Die Diskussion um Katherina Reiche ist längst mehr als ein Streit über Wirtschaftspolitik. Sie berührt einen empfindlichen Nerv dieser Republik. Man merkt das sofort, wenn man Kommentare liest oder Diskussionen verfolgt. Da geht es nicht nur um Strompreise, Industriepolitik oder Wachstum. Da geht es um Angst, Enttäuschung, kulturelle Identität und um die Frage, wem dieses Land eigentlich noch gehört.

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Für viele Menschen aus dem links-grünen Milieu steht Reiche für einen politischen Typus, den sie überwunden glaubten. Eine Politikerin, die Nähe zur Wirtschaft nicht als Makel empfindet, sondern als Voraussetzung für Prosperität. Eine Frau, die nicht zuerst über gesellschaftliche Transformation spricht, sondern über Wettbewerbsfähigkeit, Industrieproduktion und Versorgungssicherheit. Allein diese Tonlage löst bei manchen schon Widerstand aus.

Das hat Gründe.

Ideologische Unterschiede

Viele progressive Menschen haben in den vergangenen Jahren eine Vorstellung von Politik entwickelt, die stark moralisch aufgeladen ist. Klimapolitik wurde für sie nicht bloß eine technische oder wirtschaftliche Herausforderung, sondern eine Art zivilisatorischer Prüfstein. Wer dort zögert, wer Industrieinteressen zu stark berücksichtigt oder technologische Übergänge langsamer gestalten will, gerät schnell unter Verdacht. Dann heißt es rasch: rückwärtsgewandt, lobbyhörig, fossil verhaftet.

Bei Reiche kommt hinzu, dass sie lange eng mit der Energiewirtschaft verbunden war. Für Kritiker ist das beinahe ein Symbol. Sie sehen darin den klassischen Drehtüreffekt zwischen Politik und Konzernen. Für viele aus dem linken oder grünen Spektrum bestätigt das ein altes Misstrauen: dass wirtschaftliche Macht am Ende immer stärker sei als demokratische Ideale.

Aber die emotionale Ebene reicht tiefer.

Krise nach Krise

Die vergangenen Jahre haben viele progressive Milieus geprägt. Klimakrise, Pandemie, Rechtsruck, Kriege, soziale Unsicherheit. Daraus entstand ein Gefühl permanenter Bedrohung. Wer unter diesem Druck lebt, reagiert empfindlicher auf politische Figuren, die Stabilität über Transformation stellen. Reiche erscheint manchen deshalb wie eine Rückkehr alter Machtverhältnisse. Industrie zuerst. Wachstum zuerst. Markt zuerst.

Darin steckt auch eine kulturelle Angst. Die Sorge, dass all die Debatten über Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und ökologische Grenzen plötzlich wieder beiseitegeschoben werden könnten, sobald wirtschaftlicher Druck entsteht. Viele empfinden das beinahe persönlich. Als würde ihre Hoffnung auf gesellschaftlichen Wandel zurückgedrängt von rauchenden Schloten und Vorstandsetagen.

Doch man macht es sich zu einfach, wenn man diese Vorbehalte nur als moralische Überheblichkeit beschreibt.

Denn die Gegenseite hat ebenfalls Argumente. Und zwar starke.

Bringt der „andere“ Weg etwas?

Deutschland steckt wirtschaftlich in einer tiefen Krise. Hohe Energiekosten, schwächelnde Industrie, Investitionsstau, lähmende Bürokratie. Viele Unternehmen wandern ab oder denken zumindest darüber nach. Menschen verlieren das Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft des Landes. Wer diese Realität ignoriert, riskiert am Ende sozialen Zerfall. Denn Wohlstand fällt nicht vom Himmel wie milder Frühlingsregen über den Feldern am Niederrhein. Er muss erwirtschaftet werden.

Reiches Unterstützer argumentieren deshalb, dass Ideologie allein keine Fabriken betreibt und keine Arbeitsplätze sichert. Sie sagen: Ohne starke Wirtschaft gibt es auch keinen Sozialstaat, keine ökologische Modernisierung und keine gesellschaftliche Stabilität. Erst müsse die Maschine laufen, dann könne man sie umbauen.

Und ehrlich gesagt: Ganz falsch ist das nicht.

Die eigentliche Tragik liegt vielleicht darin, dass beide Seiten aus realen Erfahrungen schöpfen. Die einen sehen die planetaren Grenzen und fürchten ein Weiter-so. Die anderen sehen den wirtschaftlichen Abstieg und fürchten den Verlust von Wohlstand und Ordnung.

Worauf verständigt sich diese Gesellschaft?

Wer hat recht?

Wahrscheinlich niemand vollständig.

Oder schlimmer: vielleicht beide ein Stück weit.

Die Linken und Grünen haben recht, wenn sie darauf hinweisen, dass wirtschaftliches Wachstum allein keine Antwort auf die ökologischen Krisen unserer Zeit ist. Dass man die Zukunft nicht mit Rezepten aus den Neunzigerjahren gewinnt.

Aber die wirtschaftsliberale Seite hat ebenfalls recht, wenn sie davor warnt, eine Industrienation moralisch zu überfordern und ökonomische Grundlagen zu zerstören, auf denen am Ende alles andere aufbaut.

Vielleicht erleben wir gerade genau diesen historischen Konflikt: den Zusammenstoß zwischen einer moralisch aufgeladenen Transformationspolitik und einer Politik der wirtschaftlichen Selbsterhaltung.

Und mitten darin steht Katherina Reiche. Für die einen Hoffnungsträgerin. Für die anderen Menetekel.

So oder so: Die Heftigkeit der Reaktionen verrät viel über den Zustand unseres Landes. Viel mehr jedenfalls als über eine einzelne Ministerin.

Zusammengefasst würde ich dieses Resümee ziehen:

Das progressive Lager sieht in der Energiewende vor allem eine historische Modernisierungschance. Die fossile Welt gilt dort als teuer, zerstörerisch und geopolitisch gefährlich. Deshalb erscheinen Investitionen in Erneuerbare fast automatisch vernünftig und moralisch überlegen.

Das wirtschaftsnahe Lager blickt stärker auf Risiken der Transformation: Versorgungslücken, Deindustrialisierung, Kostenexplosionen, Abhängigkeiten bei Speichertechnologien oder instabile Netze. Dort herrscht oft die Sorge, Deutschland könne sich aus moralischem Ehrgeiz ökonomisch überheben.

Beide Seiten operieren dabei emotional stärker, als sie zugeben.

Die Klimaseite arbeitet häufig mit moralischem Alarmismus und einem starken Fortschrittsglauben. Die wirtschaftsorientierte Seite wiederum arbeitet oft mit Verlustängsten und Stabilitätssehnsucht.

Und Katherina Reiche wird zur Projektionsfläche dieses Konflikts.

Auf dem Balkon: Gelege von Rotkehlchen ist nicht in Gefahr

27. April 2026

Zu den Vögeln, die wir in unserer Gegend neben Meisen (verschiedene Arten) und Amseln wirklich oft zu sehen bekommen, zählt das Rotkehlchen. Ich mag nicht nur seinen Gesang, sondern finde auch imponierend, dass sich der Vogel im Hinblick auf seine Schreckhaftigkeit sehr von Meisen unterscheidet. Als Fotograf weiß ich die Duldsamkeit des kleinen Vogels zu schätzen.

Heute saßen meine Frau, mein Schwager und ich einige Stunden auf unserem Balkon. Mir fiel währenddessen auf, dass ein Rotkehlchen immer wieder an einem Platz landete, der höchstens 50 cm von mir entfernt war. Ungewöhnlich, dachte ich. Seine Anflüge häuften sich allerdings im Lauf der Zeit so stark, dass er meine volle Aufmerksamkeit bekam. Natürlich zählte dazu, dass ich meine Kamera zur Hand nahm. Was ging da vor?

Das Rotkehlchen landete immer wieder an der gleichen Stelle, unmittelbar neben einem überwinterten Lavendelstrauch. Spät fiel mir auf, dass der Vogel ein Insekt im Schnabel hatte. Erst verspätet nahm ich ein Piepen wahr und verortete dieses eher leise Geräusch in dem schon erwähnten Lavendelstrauch. So langsam dämmerte mir. Direkt im Strauch waren ein paar Junge versteckt. Nachdem ich aufmerksam und ohne hineinzugreifen ein paar Bewegungen wahrnahm erkannte ich, dass es sich um die Köpfchen einiger Jungvögel handelte.

Wir brachen sofort unsere Balkonrunde ab und verzogen uns ins Wohnzimmer. Da war es auch wärmer. Der Schatten hatte inzwischen unseren Balkon vollständig bedeckt. Nun ist erst einmal Schluss mit Balkonien. Meine Frau hatte heute Morgen auch besagten Strauch getränkt. Wir verzichten jetzt mal bewusst 1 bis 2 Wochen auf den Balkon und lassen die Kleinen und ihre besorgten Eltern in Ruhe. Bis dahin, so hoffen wir, wird der Nachwuchs wohl flügge sein.

Vor ein paar Jahren hatten wir ein Gelege mit kleinen Staren auf unserem Balkon. Die haben sich nach einer ziemlich kurzen Zeit bereits auf Wanderschaft begeben. Dabei nahmen sie einen großen Sonnenschirm als Hilfsmittel, um vom Balkon auf die Erde zu gelangen. Sie ließen sich vom Rand des Blumenkastens auf den Schirm fallen und glitten unverletzt auf den Boden. Zu schön.

Zwischen Reiherstarre und Parkplatzsuche am Schlosspark Paffendorf

26. April 2026

Diesen wunderschönen Tag konnte man eigentlich nur draußen verbringen. Alles andere wäre beinahe ein Vergehen gegen den Frühling gewesen. Also dachten wir uns: Fahren wir doch endlich mal wieder in den Schlosspark Paffendorf.

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Die Anlage mit Schloss und Park wird seit Jahrzehnten vom RWE, früher Rheinbraun, gepflegt und der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Sommer steht der Park allen offen, im Winter immerhin an den Wochenenden. Ein kleines Geschenk an die Region, mitten zwischen all den Diskussionen über Braunkohle, Strukturwandel und Landschaften, die sich im Rheinland ständig neu erfinden müssen.

An diesem Sonntag allerdings schien halb Nordrhein-Westfalen denselben Gedanken gehabt zu haben wie wir.

Parkplatzsuche als Extremsport

Schon bei der Einfahrt ahnten wir nichts Gutes. Autos überall. Menschen überall. Kinderwagen, Fahrräder, Hunde, Sonnenbrillen, Eiswaffeln. Es fehlte eigentlich nur noch jemand, der Eintrittskarten kontrollierte.

Sogar ein Reisebus aus Dingolfing stand dort. Dingolfing! Das sind rund 600 Kilometer bis Bergheim. Offenbar hat sich herumgesprochen, dass man im Rheinland nicht nur Kraftwerke anschauen kann, sondern auch ziemlich hübsche Parkanlagen besitzt.

Trotz des großen Parkplatzangebotes hätten wir beinahe kapituliert. Noch zwei Minuten länger und wir hätten vermutlich in Kerpen parken müssen.

Der stille Herr am Wasser

Wir machten trotzdem unseren ausgiebigen Spaziergang. Die Luft war mild, überall dieses helle Frühlingsgrün, das aussieht, als hätte jemand die Welt vorsichtig neu lackiert.

Ich konnte ein paar Fotos machen. Und dann sahen wir ihn.

Einen Reiher.

Meine Frau und ich hatten dort bislang noch nie einen gesehen. Das Seltsame war allerdings weniger seine Anwesenheit als seine Haltung. Während um ihn herum Kinder kreischten, Menschen palaverten und irgendwo vermutlich jemand eine Bluetooth-Box quälte, stand dieser Vogel vollkommen regungslos am Wasser.

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So regungslos, dass meine Frau überzeugt meinte, das Tier sei nicht echt.

Und offen gesagt: Ich war geneigt, ihr zuzustimmen.

Der sah aus, als hätte ihn jemand aus dem Gartencenter dort hingestellt. Kategorie „Wasservogel deluxe“, wetterfest, mit natürlicher Lackierung.

Doch plötzlich geschah es.

Der Vogel plusterte sein Gefieder auf, machte ein paar langsame Schritte nach vorn und strafte uns beide Lügen.

Ein echter Reiher. Ein Profi der Bewegungslosigkeit.

Da erinnerte ich mich daran, schon früher Reiher beobachtet zu haben, die ebenfalls minutenlang wie festgefroren aufs Wasser starrten. Wahrscheinlich gehört genau das zu ihrer Jagdtechnik. Absolute Ruhe. Absolute Geduld. Während wir Menschen längst nervös aufs Handy schauen würden, wenn nach drei Sekunden nichts passiert.

So kann man sich irren.

Und vielleicht liegt genau darin auch eine kleine Lektion dieses Nachmittags: Nicht alles, was still wirkt, ist tot. Manche Dinge warten einfach nur auf den richtigen Moment.

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