Verzweiflung und Häme greifen um sich. Wenn man der AfD zuhört – gestern wieder im Bundestag –, bleibt bei mir dieses alte Gefühl zurück: mehr Ekel als Zustimmung. Und trotzdem hat sich etwas verändert. Die Schärfe der Debatten ist längst nicht mehr nur politisches Theater. Sie wirkt tiefer, aggressiver, endgültiger. Fast so, als hätten viele Beteiligte innerlich bereits abgeschlossen mit diesem Land, wie wir es kannten.
Nicht jeder lässt sich von den geschniegelt vorgetragenen Botschaften dieser Partei einfangen. Auch dann nicht, wenn Journalisten wie Ulrich Reitz ihnen neuerdings einen beinahe verständnisvollen Anstrich verleihen. Das macht die Sache eher schlimmer. Denn plötzlich wird etwas normalisiert, das früher mit gutem Grund außerhalb des demokratischen Konsenses stand.
Die AfD arbeitet sich inzwischen mit sichtbarer Lust an der Union und besonders am Kanzler ab. Verständlich ist das durchaus, wenn man auf das Bild schaut, das diese Regierung und auch Teile der Union seit Monaten abgeben. Orientierungslosigkeit, Streit, widersprüchliche Botschaften, hektische Korrekturen. Parlamentarischer Streit gehörte immer zur Demokratie. Mal laut, mal leise. Aber das hier fühlt sich anders an. Es liegt etwas Bleiernes über allem. Eine Stimmung, die an politische Endzeitfilme erinnert.
Und ich merke an mir selbst, wie die Kraft schwindet, jede neue Fehlentwicklung noch sauber zu dokumentieren. Irgendwann ermüdet einen auch die tägliche Konfrontation mit Absurditäten. Wenn Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas erklärt, es habe keine Einwanderung in unsere Sozialsysteme gegeben, frage ich mich ernsthaft, ob in Teilen dieser Regierung noch irgendein Kontakt zur Lebenswirklichkeit existiert.
Denn draußen im Land erleben Menschen etwas anderes. Sie sehen Kommunen am Anschlag. Sie erleben Wohnungsnot, überforderte Behörden, steigende Preise und eine soziale Unsicherheit, die längst in die Mitte der Gesellschaft hineinkriecht. Und gleichzeitig hören sie politische Sprachregelungen, die wirken, als seien sie in sterilen Besprechungsräumen entstanden, weit entfernt von dem Alltag normaler Bürger.
Dass die AfD in Sachsen-Anhalt inzwischen bei 41 Prozent liegt, ist deshalb nicht einfach nur eine weitere Umfragezahl. Es ist ein Alarmsignal. Eines, das viele Verantwortliche immer noch behandeln, als handele es sich um schlechtes Wetter, das bald wieder vorbeizieht. Aber so funktioniert gesellschaftliche Erosion nicht. Sie wächst langsam, still und gleichzeitig unübersehbar.
Hinzu kommt die Angst vor Altersarmut. Millionen Menschen aus der Boomer-Generation steuern auf Renten zu, die kaum zum Leben reichen werden. Weniger als 800 Euro monatlich nach einem langen Arbeitsleben – das ist nicht bloß eine statistische Größe. Das ist ein sozialer Offenbarungseid. Und es zeigt brutal, wie weit sich Politik und Wirklichkeit voneinander entfernt haben.
Wir reden gern von der sozialen Marktwirtschaft. Von Stabilität. Von Demokratie als Erfolgsmodell. Aber immer mehr Menschen zweifeln daran, ob dieses Versprechen überhaupt noch eingelöst wird. Nicht nur die Lauten und Radikalen. Auch jene, die jahrzehntelang still gearbeitet, gewählt und gehofft haben.
Vielleicht ist genau das das Gefährlichste an dieser Entwicklung: nicht der offene Hass, sondern die schleichende Erschöpfung. Dieses Gefühl, dass Diskussionen nichts mehr verändern. Dass man sich zurückzieht, abschaltet, innerlich kündigt.
Ich glaube inzwischen, dass viele Menschen die Nachrichten gar nicht mehr meiden, weil sie unpolitisch wären. Sondern weil sie diese Dauerkrise schlicht nicht mehr ertragen. Weil jede neue Schlagzeile wie ein weiterer Stein auf einer ohnehin schon schweren Last liegt.
Und vielleicht braucht es gerade deshalb doch noch Blogs. Orte, an denen man nicht so tut, als sei alles halb so wild. Orte, an denen Zweifel ausgesprochen werden dürfen, ohne dass sofort irgendein empörter Chor „Populismus!“ ruft. Denn wer die Sorgen der Menschen nur noch moralisch bewertet, statt sie ernst zu nehmen, überlässt das Feld am Ende genau jenen Kräften, vor denen er angeblich warnen möchte.
Habermas ging davon aus, dass Demokratie nur funktioniert, wenn Menschen überhaupt noch bereit sind, einander zuzuhören und Argumente gelten zu lassen. Deshalb spielt Sprache bei ihm eine enorme Rolle. Nicht Gewalt, nicht Macht, sondern der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ sollte idealerweise entscheiden
Ich weiß nicht, ob ich diesen zentralen Marktschreiern der deutschen Rechten (Reitz, Fleischhauer, Martenstein, Serrao und wie sie alle heißen) in Zukunft noch zuhören möchte. Das mag den Habermaschen Regeln oder dem „gesunden Menschenverstand“ widersprechen, meinem Seelenheil würde es vermutlich guttun, diesem lächerlich einseitigen Input (SPD und Merz sind an allem schuld) schon aus Gründen des Seelenheils zu entsagen.
