Stell dir vor: Du wohnst seit 1969 in derselben Wohnung. Dort hast du deine Kinder großgezogen, dort hast du mit deinem Mann gelebt, gestritten, gelacht, getrauert. Dort hast du seinen Tod ausgehalten. Dort stehen die Möbel nicht einfach irgendwo herum. Sie stehen an Orten voller Erinnerungen.
Zu deinem 100. Geburtstag bekommst du einen Glückwunschbrief von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Ein ganzes Jahrhundert Leben. Hundert Jahre Geschichte, Erfahrungen, Verluste und Hoffnungen.
Nun wirst du 101.
Die Kinder kommen vorbei, um mit dir zu feiern. Die Gesundheit macht nicht mehr alles mit, aber wer 101 Jahre alt wird, führt ohnehin längst keinen Kampf mehr gegen jedes kleine Zipperlein. In diesem Alter zählt etwas anderes: Verlässlichkeit. Sicherheit. Das Gefühl, dort bleiben zu dürfen, wo das eigene Leben verwurzelt ist.
Und dann liegt da diese Kündigung.
Der Eigentümer will die Häuser abreißen. Neubau. Verdichtung. Wirtschaftlichkeit. Die Sprache klingt modern und sauber, beinahe technisch. Dahinter steht jedoch ein alter Vorgang: Menschen verlieren ihr Zuhause, weil sich mit Grundstücken mehr Geld verdienen lässt.
Zwar wurde der alten Dame angeboten, in eine kleinere Wohnung auf der anderen Straßenseite zu ziehen. Aber wie erklärt man einem Menschen, der seit fast sechs Jahrzehnten an einem Ort lebt, dass Erinnerungen angeblich transportabel seien?
Heute, an ihrem 101. Geburtstag, fand die Verhandlung vor dem Amtsgericht statt.
Die Kinder berichten, sie sei gut verlaufen. Der Anwalt mache Hoffnung. Vielleicht gäbe es eine Chance. Vielleicht würden die Richter erkennen, dass nicht jede juristisch mögliche Entscheidung automatisch gerecht ist.
Das Urteil soll Mitte Juni fallen.
Ich empfinde es als Schande, dass solche Situationen in unserem Land überhaupt entstehen können. Und nein: Ich kann mich nicht in die Perspektive des Eigentümers hineinversetzen. Vielleicht gilt das manchen als naiv. Mir egal.
Denn irgendwann endet jede Debatte über Wirtschaftlichkeit an einem Punkt, an dem es um Würde geht.
Wir erleben seit Jahren, wie Menschen aus ihren Wohnungen gedrängt werden. Besonders in Städten wie Köln wird Wohnen immer stärker zur sozialen Frage. Wer Geld hat, findet Möglichkeiten. Wer alt ist, krank oder wenig besitzt, wird schnell zum Problemfall in irgendwelchen Kalkulationen.
Das alles passiert nicht plötzlich. Es geschieht schleichend. Fast geräuschlos. Und genau das macht die Sache so bedrückend.
Die Wohnungsnot gehört seit Jahren zu den größten politischen Baustellen überhaupt. Trotzdem gelingt es keiner Bundesregierung, den Menschen eine wirkliche Perspektive zu vermitteln. Natürlich ist die Lage kompliziert. Baukosten steigen, Flächen fehlen, Bürokratie lähmt Projekte. Das weiß inzwischen wirklich jeder.
Aber Politik wird nicht dafür gewählt, Probleme lediglich zu beschreiben.
Dafür bezahlen wir sie nicht.
Vielleicht erleben wir Mitte Juni ein Urteil, das über reine Paragraphen hinausblickt. Eines, das begreift, dass Menschlichkeit kein sentimentaler Luxus ist, sondern der eigentliche Kern eines sozialen Rechtsstaats.
Man sollte das in einem Land wie unserem eigentlich nicht extra erwähnen müssen.
Wenn man sich für den Kapitalismus US-amerikanischer Prägung entscheidet, entscheidet man sich genau dafür. Das lernt man indes schon in der Grundschule. Der Rest ist Heuchelei.
Das ist wohl so. Allerdings denke ich, dass die Meldung gestern im WDR dafür sorgt, dass der Vermieter einen Rückzug macht. Dank der von den Rechten diffamierten „System-Presse“, funktioniert in an vielen Stellen nämlich die vierte Gewalt noch.
@Peter Lohren: Vielleicht. Der Anwalt der alten Dame hat wohl Signale gesehen, in einen positiven Ausgang andeuten. Ich frage mich allerdings, ob eine Firma es sich überhaupt leisten kann, auf die Umsetzung eines solchen Bauprojektes zu verzichten. Solche Erfahrungen dürften die Planung von neuem Wohnraum auch nicht gerade erleichtern.
@Horst Schulte: Stimmt, die Medaille hat wie immer zwei Seiten. 😉