Wenn Zahlen zur Waffe werden

statistik und integration im spannungsfeld gesellschaftlicher debatten

Die Statistik stimmt. Die Geschichte dahinter fehlt.

Die WELT hat einen Artikel veröffentlicht ($), der auf den ersten Blick nüchtern daherkommt. Eine Statistik zeigt, wie viele 25- bis 34-Jährige keinen beruflichen Abschluss besitzen. Ich gebe zu, dass mich an den öffentlich »hinreichend gewürdigten Thematik« interessiert hat, wie hoch der Migrantenanteil bei der Gesamtzahl betroffener junger Menschen ist. Die Zahlen haben mich überrascht und zwar nicht positiv! Besonders auffällig sind die Werte bei Menschen aus Syrien, Afghanistan, Somalia oder Eritrea. Die Zahlen stammen aus dem Mikrozensus und sind nicht erfunden.

Wer jetzt auf junge Migranten ohne Berufsabschluss zeigt, sollte vorher erklären, warum in Deutschland jedes Jahr Zehntausende Jugendliche überhaupt ohne Schulabschluss aus dem System fallen. Integration scheitert nicht im luftleeren Raum. Sie scheitert an denselben Stellen, an denen unser Bildungssystem längst auch deutsche Jugendliche verliert: Sprache, Förderung, Personal, soziale Herkunft, Bürokratie und politische Langsamkeit.

Wer die Grafik betrachtet, wird unweigerlich erschrecken. Über 70 Prozent der Syrer und Afghanen in dieser Altersgruppe verfügen demnach über keinen beruflichen Abschluss. Bei Somaliern und Eritreern liegen die Werte sogar noch höher.

Das ist keine Kleinigkeit. Aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit.

Denn die Grafik beantwortet lediglich die Frage, wie viele Menschen keinen formalen Berufsabschluss besitzen. Sie beantwortet nicht die Frage, warum das so ist. Und sie beantwortet schon gar nicht die Frage, ob diese Menschen deshalb wertlos für den Arbeitsmarkt wären.

Genau an dieser Stelle beginnt das eigentliche Problem des Artikels. Wie so oft bei Beiträgen aus dem Hause Springer.

Was die Statistik nicht erzählt

Viele der Betroffenen stammen aus Ländern, die über Jahre oder Jahrzehnte von Krieg, Bürgerkrieg und Verfolgung geprägt waren. Wer mit fünfzehn aus Aleppo flieht, wer in Afghanistan unter den Taliban aufwächst oder wer aus einem Flüchtlingslager in Ostafrika kommt, bringt oft keine geradlinige Bildungsbiografie mit.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt.

Das deutsche Berufsbildungssystem gilt international als Besonderheit. In vielen Herkunftsländern existieren Berufe, Handwerke und Qualifikationen, ohne dass dafür formale Abschlüsse vergeben werden, die hier anerkannt würden. Der syrische Elektriker, der afghanische Handwerker oder der irakische Mechaniker erscheinen deshalb in deutschen Statistiken häufig als Menschen ohne Berufsabschluss – obwohl sie jahrelange Berufserfahrung besitzen.

Selbst das Bundesbildungsministerium weist darauf hin, dass fehlende formale Abschlüsse nicht automatisch fehlende Kompetenzen bedeuten. Dieser Hinweis taucht im Artikel zwar auf. Aber er erscheint erst weit hinten.

Die Schlagzeile und die Grafik haben ihre Wirkung da längst entfaltet. Die Absicht hinter solchen Beiträgen ist leicht zu durchschauen.

Integration ist keine Einbahnstraße

Gleichzeitig wäre es falsch, die Zahlen wegzuerklären. Wenn mehr als eine Million junge Ausländer keinen anerkannten Berufsabschluss besitzen, entsteht ein ernsthaftes Problem für den Arbeitsmarkt. Deutschland sucht Fachkräfte. Deutschland braucht Fachkräfte.

Und Deutschland hat gleichzeitig Hunderttausende junge Menschen im Land, die den Weg in Ausbildung und Qualifizierung bisher nicht geschafft haben.

Hier stellt sich eine unangenehme Frage: Warum eigentlich?

Seit den Flüchtlingsbewegungen von 2015 wurden Milliarden investiert. Es gab Integrationskurse, Sprachförderung, Berufsvorbereitung, Qualifizierungsprogramme und zahllose Projekte von Bund, Ländern und Kommunen. Offenbar reicht das nicht. Das bedeutet nicht, dass Integration gescheitert ist.

Es bedeutet aber, dass manche Konzepte nicht den Erfolg gebracht haben, den Politik und Gesellschaft erwartet hatten. Auch darüber muss gesprochen werden.

Die Vorlage für die AfD

Genau an diesem Punkt wird der WELT-Artikel politisch brisant. Denn die Zahlen liefern der AfD genau das Material, das sie seit Jahren sucht. René Springer von der AfD wird im Artikel ausführlich zitiert. Seine Schlussfolgerung lautet sinngemäß: Deutschland importiere ein «Bildungsprekariat» und könne damit keinen Fachkräftemangel lösen. Das ist politisch geschickt.

Denn die Statistik wirkt auf den ersten Blick wie ein Beweis.

Wer die Hintergründe nicht kennt, wer die Fußnoten nicht liest und wer die Unterschiede zwischen fehlender Anerkennung und fehlender Qualifikation nicht versteht, wird leicht zu genau diesem Schluss gelangen. So entstehen politische Narrative. Nicht durch Lügen. Sondern durch selektive Wahrheiten.

Die AfD muss diese Zahlen gar nicht mehr zuspitzen. Die Grafik erledigt einen Teil der Arbeit bereits selbst.

Was wir diskutieren sollten

Die eigentliche Frage lautet nicht, ob die Zahlen stimmen. Die eigentliche Frage lautet, was wir daraus machen. Wer daraus ableitet, Integration sei grundsätzlich unmöglich, betreibt Ideologie. Wer die Zahlen ignoriert, betreibt ebenfalls Ideologie. Deutschland braucht beides: Ehrlichkeit und Fairness.

Ehrlichkeit bedeutet anzuerkennen, dass ein erheblicher Teil der Zuwanderung der vergangenen Jahre nicht über die Qualifikationen verfügt, die unsere Wirtschaft dringend benötigt. Fairness bedeutet anzuerkennen, dass viele dieser Menschen unter Bedingungen aufgewachsen sind, die mit unserem Leben kaum vergleichbar sind. Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, Menschen gegeneinander auszuspielen.

Die Herausforderung besteht darin, aus Flüchtlingen Fachkräfte zu machen. Daran wird sich letztlich der Erfolg oder Misserfolg deutscher Integrationspolitik messen lassen. Nicht an einer Grafik.

Und auch nicht an den politischen Hoffnungen jener, die aus jeder Statistik einen Beweis für das Scheitern einer offenen Gesellschaft machen möchten.

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Horst Schulte
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@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

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