Der Reformsommer beginnt mit Ausreden und Terminverzug

16. Mai 2026

Der sogenannte Reformsommer hat noch gar nicht richtig begonnen, da wird er schon vorsorglich weichgezeichnet. Erst hieß es, die Koalition wolle bis zur Sommerpause zentrale Reformen auf den Weg bringen: Steuern, Arbeitsmarkt, Rente, Bürokratie. Große Worte also, schweres Gerät, politisches Räumen und Schieben.

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Nun klingt es plötzlich anders. Jetzt ist von Puffer die Rede, von gründlicher Vorbereitung, von möglichen Kabinettssitzungen im Sommer. Das ist nicht zwingend ein offener Widerspruch. Aber es ist diese typische Berliner Dehnung der Sprache, bei der aus einem Versprechen erst ein Fahrplan wird, dann ein Zeitkorridor und schließlich eine atmosphärische Absichtserklärung.

Der Ausgangspunkt war klar genug: Die Koalition wollte (endlich) vor der Sommerpause liefern. Jedenfalls sollte dieser Eindruck entstehen. Die ZEIT fasst die offenen Reformbaustellen hier zusammen.

Erst Druck machen, dann Druck ablassen

Man kann das natürlich nüchtern erklären. Reformen sind kompliziert. Arbeitgeber und Gewerkschaften wollen gehört werden. Die SPD hat andere Reflexe als die Union. Bei der Rente wird es teuer, beim Arbeitsmarkt ideologisch, bei Steuern sofort haushaltspolitisch und beim Bürokratieabbau meist schon in der ersten Verordnung wieder bürokratisch.

Alles richtig. Nur wusste man das vorher auch.

Gerade deshalb wirkt es so schief, wenn die Regierung erst einen Reformsommer ankündigt und dann sehr früh damit beginnt, die Erwartungen herunterzuregeln. Wer politische Entschlossenheit ins Schaufenster stellt, sollte nicht gleich daneben das Schild „Wegen Umbau vorrübergehend nicht geöffnet“ hängen.

Der Bürger hört den Ton, nicht das Kleingedruckte

Politik scheitert selten nur an einzelnen Sachfragen. Sie scheitert oft an dem Eindruck, den sie erzeugt. Und dieser Eindruck lautet derzeit: Man weiß, dass etwas passieren müsste. Man weiß sogar ungefähr, wo. Aber sobald es konkret werden soll, beginnt das große Herumtragen von Zuständigkeiten, Bedenken und Zeitplänen.

Das ist gefährlich, weil viele Menschen längst nicht mehr auf jedes Detail achten. Sie hören den Ton. Und der Ton sagt: Wieder wird geredet. Wieder wird geprüft. Wieder wird angekündigt. Wieder steht die Entscheidung in einem anderen Raum, zu dem gerade niemand den Schlüssel findet.

Der Reformsommer droht so zum Symbol für ein Land zu werden, das Reformen rhetorisch beschleunigt und praktisch vertagt.

Vertrauen entsteht nicht durch Überschriften

Natürlich muss eine Regierung sauber arbeiten. Niemand braucht im Eilverfahren zusammengehämmerte Gesetze, die nach drei Wochen vor dem Bundesverfassungsgericht landen oder in der Verwaltung verglühen. Aber zwischen Sorgfalt und Verschleppung verläuft eine Grenze. Und genau an dieser Grenze steht die Koalition jetzt sichtbar im Gegenlicht.

Wer Reformen ankündigt, muss irgendwann auch sagen, was er will. Nicht nur, wen er einlädt. Nicht nur, wann wieder beraten wird. Nicht nur, dass alles schwierig ist. Das wissen wir. Wir leben ja hier.

Der Reformsommer wäre eine Chance. Aber er wird nur dann mehr als eine saisonale Überschrift, wenn aus den Einlassungen endlich Entscheidungen werden. Sonst bleibt am Ende wieder nur dieses vertraute Geräusch: das leise Rascheln politischer Papiere, während draußen die Wirklichkeit ungeduldig mit dem Fuß wippt.

Andererseits: So was, wie diese beiden Herren sich das vorstellen, würde – ich wage mal zu behaupten – in einem Bürgerkrieg ausarten. Unerträglich, dieses Geseier dieser Gelehrten.

Die AfD freut sich über bessere Umfragewerte. Dafür gebührt dieser Regierung tiefe Dankbarkeit.

Die das Kind mit dem Bade ausschütten:

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Brandmauer: Die ungewollte Unterstützung

15. Mai 2026

Ein Landtagsantrag der oppositionellen sächsischen Grünen zur Unterstützung kleiner Schlachtbetriebe hat unter anderem mithilfe der AfD eine Mehrheit bekommen – allerdings unbeabsichtigt, wie die Grünen versichern. Im Antrag beklagte die Ökopartei unter anderem, dass kleine Schlachtbetriebe durch die Gebühren für Fleischuntersuchungen gegenüber Großbetrieben übermäßig belastet seien, und forderte, dass diese sinken sollten. Die schwarz-rote Koalition, die keine eigene Mehrheit hat und mithilfe wechselnder Unterstützer regiert, stimmte dagegen.

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Ja, es ist zum Verzweifeln. Aber genau darin liegt ja das Problem: Diese Botschaften finden ihre Adressaten längst im Blindflug. Sie müssen gar nicht mehr gezielt landen, weil der Boden dafür längst bereitet ist. Oft habe ich das Gefühl, dass ganz schön viele Leute sich darüber amüsieren, mit welch dummen Methoden wir glauben, die Demokratie verteidigen zu müssen.

Die sogenannte Brandmauer wird sich auf Dauer nicht halten lassen. Nicht, weil sie moralisch falsch gemeint wäre, sondern weil sie politisch in die falsche Richtung wirkt. Das Framing, das sich inzwischen um sie gelegt hat, schadet der Demokratie womöglich mehr, als es ihr nützt. Aus einem Schutzwall gegen Rechts ist in der Wahrnehmung vieler längst ein Symbol für Ausgrenzung, Bevormundung und politische Hilflosigkeit geworden.

Wir sehen es doch an den Umfragewerten dieser Partei. Sie wächst nicht trotz dieser Abgrenzung, sondern teilweise gerade wegen ihr. Wer lässt sich denn noch davon beeindrucken, dass die sogenannten demokratischen Parteien dieses Konstrukt beschwören, wenn zugleich jeder ahnen kann, dass es bei veränderten Mehrheitsverhältnissen brüchig wird?

Eine Brandmauer, die nur so lange steht, wie die Mehrheiten bequem sind, ist keine Strategie. Sie ist ein Versprechen auf Zeit. Und genau das macht sie so angreifbar. Demokratie verteidigt man nicht allein durch Abgrenzung. Man verteidigt sie durch bessere Politik, durch überzeugende Sprache, durch soziale Glaubwürdigkeit — und durch den Mut, den Menschen nicht nur zu sagen, wogegen man ist, sondern endlich wieder glaubhaft zu zeigen, wofür.

System Bürgergeld: Wer arbeitet, fühlt sich verhöhnt

15. Mai 2026

Die ZDF-Reportage „Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?“ setzt sich kritisch mit den Auswirkungen, der Akzeptanz und den praktischen Problemen des Bürgergelds in Deutschland auseinander.

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Bürgergeld: Wenn Solidarität zur Zumutung wird

Die Reportage hat bei mir etwas ausgelöst, das sich mit höflicher Zurückhaltung kaum noch beschreiben lässt. Man schaut sich das an, hört manchen Satz, sieht manche Haltung – und merkt, wie innerlich der Blutdruck steigt. Nicht, weil Menschen in Not Hilfe bekommen. Das ist nicht der Punkt. Ein Sozialstaat, der diesen Namen verdient, muss Menschen auffangen, wenn sie fallen. Aber er darf daraus keine Hängematte nähen, in der es sich einige allzu bequem machen.

Genau diese Grenze scheint beim Bürgergeld immer häufiger zu verschwimmen. Und zwar nicht als kleine Randnotiz, nicht als bedauerlicher Einzelfall, über den man großzügig hinwegsehen kann. Die Reportage legt offen, dass hier ein tragender Wert unseres Zusammenlebens beschädigt wird: Solidarität. Dieses Wort klingt warm, fast sonntäglich. Aber Solidarität ist kein Selbstbedienungsladen. Sie lebt davon, dass diejenigen, die geben, darauf vertrauen können, dass Hilfe dort ankommt, wo sie wirklich gebraucht wird.

Wenn dieses Vertrauen missbraucht wird, reißt etwas. Nicht laut. Nicht sofort. Aber spürbar.

Die eigentliche Frage lautet: Wer ist hier noch der Dumme?

Natürlich stellt die Reportage die bekannte Frage: Lohnt sich Arbeit noch? Aber eigentlich geht es um etwas Tieferes. Es geht um das Gefühl vieler Menschen, die jeden Morgen aufstehen, ihre Schicht machen, ihre Rechnungen bezahlen, Steuern und Abgaben tragen – und sich am Ende fragen müssen, warum ihre Anstrengung politisch so wenig zählt.

Wer im Niedriglohnbereich arbeitet, spürt diesen Widerspruch besonders hart. Da reicht kein wohlklingender Satz aus dem Ministerium, da hilft kein moralischer Appell und kein erhobener Zeigefinger. Wenn Bürgergeld, Mietübernahme, Heizkosten und weitere Leistungen zusammengenommen so nahe an niedrige Arbeitseinkommen heranreichen, dass der Unterschied kaum noch als gerecht empfunden wird, dann ist das kein Kommunikationsproblem. Dann ist es ein politisches Problem.

Und ja, man darf das aussprechen, ohne gleich in die rechte Ecke gestellt zu werden. Diese Reflexe sind ermüdend. Wer Kritik am Bürgergeld übt, will nicht automatisch den Sozialstaat abschaffen. Im Gegenteil: Wer den Sozialstaat erhalten will, muss ihn gegen Fehlanreize verteidigen.

Ein Sicherheitsnetz ist keine Dauerliege

Die Reportage zeigt unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Lebenslagen. Das ist wichtig. Es gibt Krankheit, Brüche, Überforderung, private Katastrophen, biografische Schlaglöcher. Niemand sollte so tun, als könne jeder Mensch jederzeit problemlos arbeiten. Wer so redet, macht es sich billig.

Aber ebenso billig ist die gegenteilige Erzählung, nach der jede Kritik am Bürgergeld schon herzlos sei. Es gibt Menschen, die offen erkennen lassen, dass ihnen das Bürgergeld ein Leben ohne den Druck regulärer Arbeit ermöglicht. Nicht im Verborgenen, nicht verschämt, sondern beinahe mit einer gewissen Lässigkeit. Da wird der Sozialstaat nicht mehr als Rettungsanker verstanden, sondern als Finanzierungsmodell für eine bequeme Lebensentscheidung.

Genau dort wird es schamlos. Nicht, weil jemand arm ist. Nicht, weil jemand Hilfe braucht. Sondern weil ein System, das auf Vertrauen beruht, ausgenutzt wird. Wer arbeiten könnte, aber nicht will, lebt nicht einfach individuell „anders“. Er lebt auf Kosten jener, die morgens trotzdem losgehen. Auch wenn sie müde sind. Auch wenn der Rücken schmerzt. Auch wenn der Lohn nicht nach Gerechtigkeit schmeckt, sondern nach Durchhalten.

Die Betriebe zahlen den Preis mit

Besonders bitter wird es dort, wo Arbeitgeber und Handwerksbetriebe zu Wort kommen. In vielen Bereichen fehlen Leute. Nicht nur hochspezialisierte Fachkräfte, sondern auch Helfer, Anpacker, Menschen, die den Laden am Laufen halten. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass der Staat mit seinen Leistungen in manchen Bereichen zum Konkurrenten der Arbeit geworden ist.

Das ist absurd. Ein Sozialstaat sollte Arbeit stärken, nicht entwerten. Er sollte Übergänge ermöglichen, nicht Stillstand verwalten. Er sollte Menschen ermutigen, wieder Tritt zu fassen, nicht ihnen erklären, dass es schon irgendwie reicht, wenn sie dauerhaft im System bleiben.

Gerade das Handwerk, die Pflege, die Gastronomie, die kleinen Betriebe kennen diese Wirklichkeit. Sie brauchen keine Talkshow-Phrasen. Sie brauchen Leute. Sie brauchen Verlässlichkeit. Sie brauchen eine Politik, die versteht, dass Arbeit nicht nur Einkommen ist, sondern auch Struktur, Würde und Teilhabe.

Wenn Arbeit aber immer stärker als Zumutung erscheint und Nicht-Arbeit als halbwegs komfortable Option, dann läuft etwas gewaltig schief.

Die Jobcenter als Reparaturbetrieb einer überforderten Politik

Auch die Jobcenter wirken in dieser Debatte wie Einrichtungen, die reparieren sollen, was politisch schlecht konstruiert wurde. Beratung, Qualifizierung, Förderung – das klingt alles vernünftig. Auf dem Papier ist Deutschland immer Weltmeister der guten Absicht. In der Praxis aber stoßen diese Absichten auf Personalmangel, Bürokratie, komplizierte Regeln und eine Masse an Fällen, die kaum noch individuell zu bewältigen ist.

Die sogenannte bessere Betreuung wird dann schnell zur schönen Tapete vor einer bröckelnden Wand. Man möchte fördern, aber schafft es oft kaum, überhaupt wirksam zu steuern. Man möchte motivieren, aber hat zu wenig Hebel. Man möchte fordern, aber scheut die politische Härte, die damit verbunden wäre.

Das Ergebnis ist ein System, das viel verspricht und zu wenig einlöst. Für die wirklich Bedürftigen ist das schlimm. Für die Beschäftigten in den Jobcentern ist es zermürbend. Für die Steuerzahler ist es frustrierend. Und für jene, die das System auszunutzen wissen, ist es offenbar bequem genug.

Der Sozialstaat verliert nicht durch Härte, sondern durch Naivität

Die gefährlichste Spaltung entsteht nicht zwischen Arm und Reich. Sie entsteht zwischen denen, die das System tragen, und denen, die den Eindruck vermitteln, es lasse sich folgenlos ausnutzen. Genau hier liegt der Sprengstoff. Nicht in einer einzelnen Leistung. Nicht in einer einzelnen Zahl. Sondern im Gefühl, dass Gerechtigkeit aus dem Lot geraten ist.

Wer den Sozialstaat liebt, darf ihn nicht naiv verteidigen. Er muss ihn schärfen. Er muss klar unterscheiden zwischen Bedürftigkeit und Bequemlichkeit, zwischen Schutz und Fehlanreiz, zwischen Solidarität und Missbrauch.

Das von der SPD etablierte Bürgergeld war wohl vor allem als Wiedergutmachung von Hartz IV zu verstehen. Ich glaube, wie sehr nicht diese Namensänderung, sondern die Ausgestaltung der Regeln den Sozialdemokraten geschadet haben dürfte, offenbart diese Reportage in einer schockierenden Art und Weise. Ja, es brauchte deshalb keine kosmetische Korrektur, sondern eine ehrliche politische Debatte. Die unterblieb, weil Politik gern konkret werden will, sie dann aber häufig der Mut verlässt. Hilfe muss bleiben. Würde muss bleiben. Linke und Grüne beziehen sich im politischen Kampf auch für diese Leistungen gern auf die Gesetzeslage (Grundgesetz). Im Beitrag wurde dieser Teil des Argumentationsrahmens von einem Insider eher nebenbei erwähnt.

Wen überzeugen noch solche Ausreden, wenn er diese grotesken Missstände betrachtet und die Hilflosigkeit der Leute, die an dieser „Front“ ihrer Arbeit nachgehen?

Arbeit muss sich erkennbar lohnen. Und wer arbeiten kann, darf nicht dauerhaft so behandelt werden, als sei seine Arbeitsbereitschaft eine unverbindliche Empfehlung.

Denn am Ende steht eine einfache, unbequeme Wahrheit: Ein Sozialstaat kann viel aushalten. Armut, Krisen, Krankheit, Brüche im Leben. Vielleicht sogar eine rückläufige finanzielle Ausstattung des Sozialstaates. Aber eines hält er auf Dauer nicht aus: wenn die Fleißigen sich verhöhnt fühlen und die Ehrlichen für dumm verkauft werden.

Wer von diesem relativ neuen erschreckenden Nachweis der Unfähigkeit des Sozialstaates (12.05.2026) noch nichts gelesen hat:

Ich habe ausgerechnet, wie es bei mir in Zahlen aussähe. Meine „Bedarfsgemeinschaft“ besteht in dieser Berechnung aus vier Teenagern und mir. Bei einer Miete von 1800 Euro käme ein anerkannter monatlicher Bedarf von 4517 Euro heraus. Diese Summe bekäme ich also, wenn ich keine anderen Einnahmen hätte, vom Staat. Und das ist nur die Basis. Denn zusätzlich gibt es zweckgebundene Mittel für Klassenfahrten, Schulbücher, Sportverein oder Nachhilfe. Setze ich die Höchstsätze für Schulbedarf und angemessene Sätze für etwa Klassenfahrten, Fahrtkosten, Ausflüge und Mittagessen an, komme ich auf eine gesamte Leistung des Staates an mich in Höhe von rund 70.000 Euro jährlich. Das ist netto für kaum einen Erwerbstätigen zu erwirtschaften.

Quelle ($) – Die Welt (Fatina Keilani)

Kopflos in der Digitalisierung: Warum wir das Selberdenken neu lernen müssen

14. Mai 2026

Bonelli war nicht zum ersten Mal Gast bei Prof. Rieck. Ums Selberdenken sollte es gehen. Meine gewisse Voreingenommenheit gegenüber beiden Personen will ich nicht verhehlen. Dieser Anspruch (an andere?) ist provokant, finde ich. Ob das mit meiner freilich von mir gänzlich unbemerkten Neigung zum Oberflächendenken zu tun hat?

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In diesem Gespräch zwischen Prof. Dr. Christian Rieck und dem Psychiater Rafael Bonelli geht es im Kern um die Analyse moderner „Denkstörungen“, die Bonelli in seinem Buch Kopflos beschreibt. Hier ist die Essenz der Diskussion:

Die 5 zentralen Denkstörungen

Bonelli identifiziert fünf Kategorien, in denen Menschen heute zunehmend den Bezug zur Realität verlieren:

  1. Individuelle Denkstörung: Eine massive Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung (oft durch Selbstüberschätzung), bei der Menschen den Kontakt zu ihren eigenen Grenzen verlieren.
  2. Kollektive Denkstörung: Die Anpassung des eigenen Denkens an eine Gruppe oder den Zeitgeist aus Angst vor Ausgrenzung. Die eigene Wahrnehmung wird der Gruppenmeinung untergeordnet.
  3. Digitale Denkstörung: Die ständige Bombardierung mit Kurzinformationen verhindert tiefes, analytisches Denken. Zudem führt die blinde Abhängigkeit von Technik (z. B. Navis oder KI) zum „Auslagern“ der eigenen Denkleistung.
  4. Pädagogische Denkstörung: Kritik an Bildungssystemen, die Ideologie und „Moralismus“ (das Vorschreiben von Haltungen wie Gendern) über die objektive Suche nach Wahrheit stellen.
  5. Generative Denkstörung: Die fehlende Bereitschaft, Verantwortung für die nächste Generation zu übernehmen (sinkende Geburtenraten in gebildeten Schichten), was langfristig zu gesellschaftlicher Instabilität führt.

Das Hauptkonzept: Oberflächen- vs. Tiefendenken

Ein roter Faden des Gesprächs ist die Unterscheidung zwischen schnellem, intuitivem Oberflächendenken und mühsamem, kritischem Tiefendenken. Bonelli warnt davor, dass wir durch digitale Medien und gesellschaftlichen Druck verlernen, Dinge in der Tiefe zu prüfen, wodurch wir leichter manipulierbar werden.

Lösungsansatz: Selberdenken

Als „Gegenmittel“ empfiehlt Bonelli:

  • Schöpferische Intelligenz: Sich eine echte Kompetenz aneignen (z. B. im Handwerk oder als Experte), die eine feste Bodenhaftung in der Realität bietet.
  • Systematische Intelligenz: Informationen logisch miteinander vernetzen, um Widersprüche im eigenen Weltbild aufzudecken und wieder wirklich „selbst“ zu denken.

Meine Vorbehalte gegenüber Bonelli entstammten meiner Skepsis gegenüber seine Rolle während Corona.

Bonelli und Rieck kritisieren scharf, dass politische Debatten heute oft über Emotionen und moralische Vorwürfe (z. B. Gendern, Klimaschutz-Moral) statt über Sachargumente geführt werden. Bonelli sieht darin ein Herrschaftsinstrument, das Menschen aus dem Diskurs ausschließt.

Tiefendenken
Tiefendenken

Bonelli war während der Corona-Pandemie eine durchaus prominente und umstrittene Stimme, insbesondere im deutschsprachigen Raum:

  • Maßnahmenkritik: Er äußerte sich auf seinem YouTube-Kanal regelmäßig kritisch zu den psychologischen Folgen der Corona-Maßnahmen (Lockdowns, Maskenpflicht bei Kindern). Er warnte vor einer „Angstpsychose“ in der Gesellschaft.
  • Kritik am Konformitätsdruck: Im aktuellen Gespräch referenziert er die Corona-Zeit explizit als Beispiel für eine „kollektive Denkstörung“. Er wirft Politik und Medien vor, abweichende Meinungen unterdrückt und einen massiven moralischen Druck zur Anpassung (z. B. beim Thema Impfung) aufgebaut zu haben.
  • Wahrnehmung als „Querdenker-nah“: Aufgrund seiner Kritik wurde er in Medien oft dem Umfeld der Maßnahmenkritiker zugeordnet. Er selbst sieht sich jedoch eher als psychologischer Beobachter, der die Mechanismen der Massenpsychologie und der Ausgrenzung analysiert.

Das Thema (Oberflächendenken und Tiefendenken), also das was sich hinter den Begriffen verbirgt, interessiert mich seit Jahren. Und zwar schon deshalb, weil ich das „Schubladendenken“, das ich selbst praktiziere, kritisch sehe. Außer mir neigen viele doch dazu, ihre Urteile zu sprechen, bevor sie das Thema selbst gedanklich wirklich durchdrungen haben. Angela Merkel hat, ich glaube vor ca. 20 Jahren, also am Anfang ihrer Kanzlerschaft, auf die Frage geantwortet, was sie am Politikbetrieb besonders störend fände. Sie antwortete ganz direkt, dass man keine Zeit mehr habe, einen Vorgang und sei er noch so komplex, gedanklich durchdringen zu können, sondern sofort eine Antwort für die Medien parat haben müsse.

Dieses Schicksal scheint uns im Prinzip längst in hoher Dichte heimgesucht zu haben, obwohl wir kein Gehalt als Spitzenpolitiker bekommen. Vermutlich liegt es an unserem kurzatmigen Lebensstil zwischen Mobil und KI. Das Weniger an Nachdenken erkennt man möglicherweise ja auch daran, wie einhellig diese Bevölkerung die aktuelle schwarz/rote Regierung für ihre „schlechte Arbeit“ abstraft und dafür eine allerdings „pure Hoffnungsinstanz“ namens AfD zur größten Partei des Landes macht. Tiefendenken steckt wohl nicht hinter der Entwicklung, sondern eher eine kollektive Denkstörung.

WM-Boykott 2026: Trumps Bühne, Infantinos Kasse

14. Mai 2026

Die Fußball-WM 2026 soll ein Fest werden. Sagen zumindest jene, die daran verdienen. In Wahrheit wirkt dieses Turnier schon jetzt wie eine glänzend lackierte Zumutung: unbezahlbare Tickets, politische Selbstinszenierung, klimatische Ignoranz. Wer da noch vom „Fest der Fans“ spricht, hat entweder Humor oder Zugang zur VIP-Lounge.

Donald Trump bekommt seine Bühne. Gianni Infantino bekommt seine Bilder. Die FIFA bekommt ihr Geld. Und normale Fans bekommen die Rechnung. Fußball für alle? Offenbar nur noch für alle, die bereit sind, für 90 Minuten Ballbesitz Preise zu zahlen, bei denen selbst der Begriff „Abzocke“ fast zu höflich klingt.

Footabll & soccer game WM-Boykott 2026
Fußball-WM-Boykott 2026

WM-Boykott 2026: Wenn Fußball zur Ware verkommt

Die Preispolitik allein reicht als Grund für einen WM-Boykott 2026 völlig aus. Ein Sport, der aus Bolzplätzen, Arbeitervereinen und Fankurven gewachsen ist, wird endgültig als Luxusprodukt verkauft. Die FIFA nennt das Markt. Ich nenne es Ausschluss mit Preisschild.

Und dann kommt noch die Hitze (€)hinzu. Klimaanalysen warnen vor gefährlichen Bedingungen bei mehreren Spielen. Nicht nur Spieler könnten belastet werden, sondern auch Fans, die in Schlangen, Fan-Zonen und aufgeheizten Stadien stehen. Diese WM könnte also nicht nur teuer werden, sondern gesundheitlich riskant. Eine Premium-Sauna mit Nationalhymne.

Trump und Infantino stehen dabei sinnbildlich für eine Politik des Spektakels. Macht, Geld und Bilder zählen mehr als Menschen. Der Fußball wird nicht gefeiert, er wird verwertet. Die Fans sind Kulisse, die Spieler Ware, das Turnier eine gigantische Verkaufsfläche.

Ein WM-Boykott 2026 wäre deshalb kein Spielverderben. Er wäre eine notwendige Antwort. Nicht gegen den Fußball, sondern für ihn. Gegen eine FIFA, die den Sport verkauft. Gegen eine Politik, die ihn als Bühne missbraucht. Gegen ein Turnier, bei dem Hitze, Hochpreise und Hochmut Hand in Hand gehen.

Wer den Fußball liebt, muss nicht alles mitmachen, was in seinem Namen veranstaltet wird. Diese WM verdient keine Begeisterung. Sie verdient Widerspruch.

WM-Boykott 2026. Jetzt.

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