Liegt die Alleinherrschaft der AfD im Bereich des Möglichen?

18. Mai 2026

Aktuelle Ausgangslage (Mai 2026)

Die AfD hat laut Insa vom 16. Mai 2026 mit 29 Prozent einen neuen bundesweiten Umfragerekord erreicht. Andere Institute (YouGov, Forsa, Forschungsgruppe Wahlen/ZDF-Politbarometer) sehen sie zwischen 25 und 28 Prozent. Gleichzeitig ist die Union auf 22–24 Prozent gefallen – bei Insa ihr schwächster Wert seit über vier Jahren. Die SPD liegt auf einem historischen Tief von nur noch 12 Prozent.

Um die Realitäten auf Bundesebene in ihrer ganzen Brisanz zu erkennen habe ich mit Perplexity diesen Bundestags-Simulator erstellt. Vielleicht hilft das dem einen oder anderen gewillten AfD-Wähler die Brisanz zu erkennen und sich klar für die Demokratie und nicht für ihre Verächter zu entscheiden.

Wie übernimmt die AfD?

Anleitung: So nutzen Sie den Bundestags-Simulator

Mit diesem Simulator können Sie testen, wie sich unterschiedliche Wahlergebnisse auf die Sitzverteilung im Bundestag auswirken. Besonders interessant ist dabei die 5-Prozent-Hürde: Parteien, die darunter bleiben, erhalten in diesem vereinfachten Modell keine Sitze. Ihre Stimmen fallen aus der Sitzberechnung heraus.

So funktioniert es:

  1. Wählen Sie zunächst ein Szenario aus, zum Beispiel eine aktuelle Umfrage oder einen Fall wie „FDP knapp drin“ oder „FDP knapp draußen“.
  2. Verändern Sie anschließend die Werte einzelner Parteien mit den Reglern oder tragen Sie eigene Prozentzahlen ein.
  3. Achten Sie darauf, dass die Summe der Stimmen ungefähr 100 Prozent ergibt.
  4. Der Simulator berechnet automatisch neu, welche Parteien in den Bundestag einziehen und wie viele Sitze sie erhalten.
  5. In der Sitzleiste sehen Sie, wie nah einzelne Parteien oder Bündnisse an der absoluten Mehrheit von 316 Sitzen liegen.
  6. Mit den Koalitionsfeldern können Sie verschiedene rechnerische Mehrheiten ausprobieren.

Wichtig ist: Der Simulator zeigt keine Wahlprognose, sondern ein Rechenmodell. Er berücksichtigt die Zweitstimmenanteile, die 5-Prozent-Hürde und eine proportionale Sitzverteilung auf 630 Sitze. Nicht berücksichtigt werden Wahlkreiseffekte, Sonderfälle oder politische Wahrscheinlichkeiten bestimmter Koalitionen.

Der zentrale Effekt: Wenn mehrere Parteien an der 5-Prozent-Hürde scheitern, sinkt die Schwelle für eine absolute Mehrheit. Eine Partei oder ein Bündnis braucht dann nicht mehr rund 50 Prozent aller Stimmen, sondern nur rund 50 Prozent der Stimmen, die bei der Sitzverteilung tatsächlich berücksichtigt werden.

Gelöscht!

3.6.2026

Was eine absolute Mehrheit bedeutet

Eine absolute Mehrheit im Bundestag bedeutet mehr als 50 % der Mandate – also über die Hälfte aller Abgeordnetensitze. Bei rund 29 % Stimmenanteil fehlen der AfD also noch weit über 20 Prozentpunkte. Das ist keine kurzfristig überbrückbare Distanz.

Szenarien, unter denen eine absolute Mehrheit möglich wäre

Eine AfD-Alleinmehrheit ist strukturell extrem unwahrscheinlich, aber unter einem spezifischen Zusammentreffen mehrerer Faktoren denkbar:

  • Massives Scheitern kleiner Parteien an der 5-%-Hürde: Würden FDP, Grüne, BSW und weitere Splitterparteien allesamt den Einzug verpassen, fließen deren Stimmen in die Sitzverteilung nicht ein – das erhöht automatisch den Mandatsanteil der verbleibenden Parteien. Dieser Effekt kann rechnerisch erheblich sein
  • Weiterer Zerfall der Volksparteien: CDU/CSU und SPD würden in einem solchen Szenario weit unter ihre heutigen Werte fallen müssen – auf unter 15 bzw. unter 10 Prozent
  • AfD-Wert bei 40+ Prozent: Selbst in Ostdeutschland, wo die AfD besonders stark ist, liegt sie in Sachsen-Anhalt derzeit bei ca. 41 Prozent Umfragewert – das zeigt, welche Zahlen nötig wären
  • Keine Koalition der anderen Parteien möglich: Sollten die verbleibenden Parteien nach der Wahl arithmetisch keine Mehrheit ohne AfD bilden können, wäre eine Alleinregierung denkbar – auch ohne absolute Stimmenmehrheit (etwa durch Minderheitsregierung)

Trends der anderen Parteien

ParteiBundestagswahl Feb. 2025Aktuelle Umfragen (Mai 2026)Trend
CDU/CSU28,6%22–24%↓ stark
AfD20,8%25–29%↑ stark
SPD16,4%11–13%↓ stark
Grüne11,6%ca. 11–13%→ stabil
Die Linke8,8%ca. 5–7%↓ leicht
FDPn.i.P.ca. 4–5%unsicher

Realistisches Fazit

Eine absolute Mehrheit der AfD auf Bundesebene bleibt auch unter sehr pessimistischen Szenarien für die anderen Parteien kaum erreichbar. Selbst wenn die AfD auf 35–38% käme, wäre für eine Mehrheit der Mandate entscheidend, wie viele Parteien den Einzug schaffen. Ein realistischeres Szenario wäre eine relative Mehrheit, aus der heraus keine stabile Gegenkoalition gebildet werden kann – was die AfD zu einem unvermeidlichen Koalitionspartner oder zu einer Minderheitsregierung machen würde. Das Szenario mit Sachsen-Anhalt zeigt exemplarisch: Wenn nur wenige Parteien einziehen, kann auch mit 41 % eine strukturelle Alleinherrschaft entstehen.

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Keine Entschuldigung für AfD-Wähler*innen

17. Mai 2026

Stefan will die Wähler der AfD, immerhin 27 Prozent nach neuen Umfragen, nicht als Nazis beschimpfen. Ich habe da weniger Skrupel. Jedenfalls nicht mehr so viele wie früher.

Manche werden sich nicht viel dabei denken, wenn ein AfD-Funktionär (der Chef, der wahrscheinlich Ministerpräsident wird) in Sachsen-Anhalt öffentlich darüber spricht, was nach einem Wahlsieg dieser Partei geschehen soll. Auch potenzielle Wähler werden das vielleicht achselzuckend hinnehmen. Dabei liegt der historische Vergleich erschreckend nahe: Adolf Hitler besetzte nach der Machtübernahme in kürzester Zeit zentrale Positionen im Staatsapparat mit eigenen Leuten. Mit Gesinnungsgenossen. Mit Nazis.

Es wird Zeit, wach zu werden und aus diesem selbstgezimmerten Jammertal herauszukriechen, das wir Deutschen uns inzwischen schön weich mit Watte ausgelegt haben. Bis Herbst bleibt noch Zeit. Dann könnte etwas kommen, das sich viele offenbar immer noch nicht ernsthaft vorstellen können.

Mein Appell an diese Leute lautet: Hört ihnen einfach zu. Nicht bei einem vierstündigen gemütlichen Plausch zwischen Berndt und Bernd, bei dem Bernd seine wohligen Lagerfeuergeschichten erzählt und anschließend von manchen als grundsympathisch geframt wird. Hört ihnen dort zu, wo sie über Macht sprechen. Über Posten. Über Verwaltung. Über den Staat.

Ich kann mir nicht sicher sein, wohin diese Partei Deutschland führen würde. Aber wenn ich höre, was nach einem inzwischen kaum noch infrage gestellten Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt geschehen soll, dann denke ich unweigerlich ans Dritte Reich. Sofort. Nicht als billigen Vergleich. Nicht als rhetorische Übertreibung. Sondern weil sich ein Muster aufdrängt.

Auch Hitler verstand es, binnen kürzester Zeit Schlüsselpositionen in Staat, Verwaltung, Justiz, Polizei, Kultur und Medien mit Gefolgsleuten zu besetzen. Genau darum geht es: um den Zugriff auf den Apparat. Um die Besetzung der Schaltstellen. Um die Umwandlung demokratischer Macht in dauerhafte totalitäre Herrschaft.

Besonders grotesk ist, dass einige aus diesem Milieu bis heute darauf bestehen, die Nationalsozialisten seien ja eigentlich Sozialisten gewesen und keine dumpfen Braunen. Sie merken nicht einmal mehr, wie lächerlich sie sich damit machen. Als könne man die Geschichte durch Wortklauberei entgiften.

Was anderes soll es bedeuten, wenn solche „Überlegungen“ heute wieder öffentlich ausgebreitet werden? Wenn angekündigt wird, nach einem Wahlsieg werde man den Staat umbauen, Posten neu besetzen, Institutionen auf Linie bringen und die eigene politische Agenda tief in den Apparat hineindrücken?

Wer diese Partei wählt und dazu applaudieren möchte – bitteschön. Niemand soll später behaupten, man habe von nichts gewusst. Die Ansagen liegen offen auf dem Tisch. Sie werden nicht geflüstert, sie werden verkündet. Die Dumpfbacken ihrer Anhängerschaft sind über die Schatten der Demokratie so desillusioniert. Sie können nicht damit leben, dass andere anders über die Dinge denken als sie selbst. Zum Beispiel, dass dieses Land auch Menschen aus anderen Nationen aufnimmt. Das erschüttert ihr Gemeinschaftsbild so außerordentlich, dass sie nur Hass und Hetze für alle übrig haben, die mit ihrem christlichen oder humanistischen Menschenbild zu ganz anderen Sichtweisen kommen. Und — ihr wisst das — ich bin kein Fan der Migration, wie Deutschland sie bis in die Gegenwart zugelassen hat.

Für mich ist das, was uns bevorsteht kein normaler Regierungswechsel im Sinne eines demokratischen Wechsels. Es ist der Versuch, demokratische Macht in dauerhafte totalitäre Herrschaft zu verwandeln. Dort beginnt das Ende unserer Demokratie: nicht immer oder unbedingt mit einem Knall, sondern, wie unsere Geschichte einst zeigte, mit Aktenordnern, Personalentscheidungen und der kühlen Sprache angeblicher „Neuordnung“. Um dem gesunden Menschenverstand zu huldigen. Vielleicht sollte der endlich mal zur Besinnung kommen.

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Eigenanteil explodiert – Die stille Krise der Pflegeversicherung

17. Mai 2026

Pflegereform auf dem Rücken der Schwächsten

Die Pflegeversicherung steht vor einem Milliardenloch – und Gesundheitsministerin Nina Warken will es stopfen, indem sie ausgerechnet den Menschen die Kosten aufbürdet, die am wenigsten ausweichen können. Laut Berechnungen der DAK, die auf einem Gutachten des Bremer Pflegeexperten Heinz Rothgang basieren, könnten Bewohner von Pflegeheimen durch die geplante Reform binnen viereinhalb Jahren knapp 20.000 Euro zusätzlich aus eigener Tasche zahlen müssen. Das ist kein Reformvorschlag – das ist eine Zumutung.

Laut seinem Gutachten würde der Eigenanteil von Betroffenen im Schnitt um 161 Euro pro Monat steigen. Über einen Zeitraum von viereinhalb Jahren kämen auf die Bewohner zusätzliche Kosten von knapp 20.000 Euro zu. Die durchschnittliche Verweildauer in Pflegeheimen liegt jedoch deutlich unter viereinhalb Jahren. In Caritas-Einrichtungen etwa lag sie zuletzt bei etwas mehr als zwei Jahren.

Quelle

Der Betrag von bis zu 20.000 Euro entsteht offenbar nicht aus der schlichten Monatsrechnung „161 Euro mehr pro Monat über vier Jahre“, sondern aus einem Szenario, bei dem die Zuschüsse der Pflegeversicherung für Heimbewohner später steigen sollen als bisher.

Pflegereform 2026 Eigenanteil Heimbewohner Mehrkosten
Pflegereform 2026 Eigenanteil Heimbewohner Mehrkosten

Der Kern ist dieser: Heute steigt der sogenannte Leistungszuschlag mit der Dauer des Heimaufenthalts. Nach aktueller Regelung gibt es seit 2024 zunächst 15 Prozent Zuschuss auf den pflegebedingten Eigenanteil, nach 12 Monaten 30 Prozent, nach 24 Monaten 50 Prozent und nach 36 Monaten 70 Prozent. Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten bleiben davon unberührt.

Das Defizit und seine Ursachen

Das erwartete Defizit der sozialen Pflegeversicherung beläuft sich laut Warken auf 22,5 Milliarden Euro für die Jahre 2027 und 2028 – mehr als ursprünglich befürchtet. Doch dieses Loch ist nicht vom Himmel gefallen. Es hat strukturelle Ursachen, die sich über Jahre aufgeschichtet haben.

  • Demografischer Wandel: Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt kontinuierlich. In der privaten Pflegepflichtversicherung hat sich die Zahl der Leistungsempfänger von 169.000 im Jahr 2014 auf 379.000 im Jahr 2024 mehr als verdoppelt – ein Treiber, der in der sozialen Pflegeversicherung analog wirkt.
  • Politische Leistungsausweitungen: Der Beitragssatz ist in den letzten zehn Jahren um mehr als 50 Prozent gestiegen – vor allem aus politischen Gründen, weil immer mehr Versicherte als pflegebedürftig eingestuft wurden und neue Leistungen hinzukamen.
  • Steigende Lohn- und Betriebskosten: Höhere Tariflöhne im Pflegebereich, gestiegene Energiepreise und verschärfte Qualitätsanforderungen verteuern Pflegeeinrichtungen erheblich.
  • Zuschussmodell als Kostentreiber: Die seit der Großen Koalition eingeführten und von Lauterbach ausgeweiteten Zuschüsse zu Heimkosten haben bei der privaten Pflegepflichtversicherung allein 2022 Mehrkosten von rund 70 Millionen Euro verursacht – mit steigender Tendenz.

Qualitativ am schwersten wiegt der demografische Wandel, denn er ist strukturell unumkehrbar. Die politisch motivierten Leistungsausweitungen dagegen wären korrigierbar – wurden aber über Legislaturperioden hinweg als Wahlversprechen verteilt.

Was die Reform konkret bedeutet

Derzeit zahlen Heimbewohner im Schnitt einen Eigenanteil von 3.200 Euro pro Monat . Warken plant laut Berichten, diese Staffelung zu strecken: Die erste Erhöhung soll erst nach 18 Monaten greifen, die zweite nach drei Jahren, die maximale Förderung von 70 Prozent erst nach viereinhalb Jahren. Für Betroffene bedeutet das Mehrbelastungen von durchschnittlich 161 Euro monatlich – zusammengerechnet auf viereinhalb Jahre fast 20.000 Euro. DAK-Chef Andreas Storm nennt das einen „pflegepolitischen Kahlschlag“.

Pflegeheim oder häusliche Pflege – ein schiefes Verhältnis

Die Debatte über die Pflegereform blendet eine entscheidende Realität weitgehend aus: Die Mehrheit der Pflegebedürftigen wird nicht im Heim versorgt, sondern zu Hause. In Deutschland gibt es derzeit rund 11.646 vollstationäre Alten- und Pflegeheime mit etwa 914.000 Plätzen. Tatsächlich leben aber rund 814.000 Menschen in vollstationärer Pflege. Die Zahl der Pflegebedürftigen insgesamt liegt jedoch weit höher – der Großteil wird ambulant oder durch Angehörige versorgt. Die Arbeitsgruppe zur Pflegereform hat deshalb zu Recht betont, dass häusliche Pflege weiter gefördert werden müsse – ohne sie wäre das System schlicht nicht mehr finanzierbar.

VersorgungsformMenschenAnteil
Zu Hause gepflegt, überwiegend durch Angehörige / Pflegegeldca. 3,1 Millionenca. 55 %
Zu Hause mit oder durch ambulante Pflegediensteca. 1,1 Millionenca. 19 %
Vollstationär im Pflegeheimca. 814.000ca. 14 %
Insgesamt Pflegebedürftigeca. 5,7 Millionen100 %

Dabei ist die Trägerstruktur der Heime alles andere als homogen: Rund 55 Prozent sind gemeinnützig organisiert, 41 Prozent privat geführt, nur 4 Prozent kommunal. Private Betreiber dominieren vor allem auf dem Land – ausgerechnet dort, wo Alternativen fehlen. Studien zeigen: Gewinnorientierte Heime schneiden in der Pflegequalität im unteren Preissegment schlechter ab als gemeinnützige Einrichtungen.

Armutsrisiko Pflege

Wenn Warken jetzt auch noch die Rentenansprüche pflegender Angehöriger halbieren will, trifft das vor allem Frauen, die den Großteil der informellen Pflege leisten. „Das Armutsrisiko Pflege würde durch die Reform weiter zunehmen“, warnt DAK-Chef Storm. Eine Pflegereform, die das System sanieren soll, aber die häusliche Pflege schwächt und die Heimkosten nach oben treibt, löst keine Krise – sie verschiebt sie nur.

Die eigentliche Frage, die politisch seit Jahrzehnten gemieden wird, lautet: Wollen wir Pflege als gesamtgesellschaftliche Aufgabe oder als persönliches Schicksal begreifen? Die Antwort darauf bestimmt, ob künftige Pflegereformen das Problem lösen oder lediglich verwalten.

Was soll das sein, der amerikanische Sozialstaat?

17. Mai 2026

„Dass die Journalisten ihren Job nicht mehr machen ist schon schlimm“. Sagt einer der beiden Diskutanten. Aber beide sich in dieser Bewertung einig. Ich würde beiden antworten: Kritik zu formulieren ist leicht, gerade für Wissenschaftler, die sich berufen fühlen, Politik und Journalismus mit überbordender Kritik zu überschütten, allemal.

Welch ein Glück, dass es neben der Wissenschaft auch noch die Politik gibt. Würden manche Vertreter der ersten Zunft allein unsere Geschicke bestimmen, wir stünden wohl bald auf einer grünen Wiese und bauten den Sozialstaat von Grund auf neu. Immerhin – sie möchten ihn nicht ganz loswerden. Glaube ich.

Im Gespräch zwischen Christian Rieck und Daniel Stelter klang die Behauptung an, der amerikanische Sozialstaat sei gar nicht so schlecht wie hierzulande oft behauptet. Als Beispiel diente der Earned Income Tax Credit, eine Steuergutschrift für Menschen mit niedrigem Arbeitseinkommen. Das ist nicht falsch – das Instrument kann Armut mindern und Erwerbsarbeit im unteren Einkommensbereich stärken. Der Gedanke ist interessant: Nicht der Rückzug aus Arbeit wird belohnt, sondern Arbeit selbst.

Nur wird daraus schnell eine gefährliche Verkürzung. Ein gutes Bauteil macht noch kein stabiles Haus. Der EITC hilft denen, die bereits arbeiten. Er ist eine Brücke für Menschen, die schon nahe am anderen Ufer stehen – kein Netz für jene, die längst im Wasser sind und unterzugehen drohen. Wer krank wird, dauerhaft eingeschränkt ist oder aus anderen Gründen nicht erwerbstätig sein kann, fällt aus dieser Logik schnell heraus.

Ja, die USA geben enorme Summen für Social Security, Medicare und Medicaid aus. Aber hohe Ausgaben bedeuten nicht automatisch breite Sicherheit – das Gesundheitswesen zeigt, wie trügerisch reine Zahlen sind. Viel Geld kann auch bedeuten: ein teures, ungleiches und für viele riskantes System.

Deutschland ist teuer, bürokratisch und reformbedürftig. Das weiß jeder, sogar die SPD und Frau Baas. Aber unser Sozialstaat verfolgt einen anderen Anspruch: soziale Risiken nicht punktuell zu lindern, sondern gemeinschaftlich abzusichern. Diesen Anspruch auf der grünen Wiese neu zu entwerfen klingt mutig – für mich klingt es eher nach Abrissbirne mit Professorentitel.

Der amerikanische Sozialstaat ist nicht so finster, wie manche ihn zeichnen. Aber er ist auch nicht so hell, wie er in solchen Gesprächen libertärer Denker erscheint. Wer den EITC lobt, hat einen Punkt. Wer daraus den amerikanischen Sozialstaat schönredet, macht aus einem interessanten Instrument eine politische Legende.

Bloggen bleibt wichtig – aber anders, als wir es gern hätten

16. Mai 2026

Den Beitrag von Bloghexe habe ich mit Sympathie gelesen. Da schreibt jemand, der Blogs liebt. Das merkt man jeder Zeile an. Und ja: Diese Liebe ist mir näher als das übliche Plattform-Gebrüll, bei dem nach drei Sekunden schon wieder die nächste Sau durchs digitale Dorf rennt.

Trotzdem stolpere ich über den Grundton. Er klingt mir stellenweise zu sehr nach Selbstvergewisserung. Nach einem freundlichen Ruf in den Wald: Bitte bloggt weiter, sonst bleibt nur noch KI-Matsche übrig. Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit.

Sichtbarkeit entsteht nicht durch bloßes Dasein

Bloggen war einmal ein kleines Versprechen: Schreib etwas Eigenes, veröffentliche es, und mit etwas Glück findet dich jemand. Über Suchmaschinen, Blogrolls, Kommentare, RSS, Zufall. Dieses offene Netz hatte etwas Wunderbares. Es war unordentlich, eigensinnig, manchmal schräg. Also ziemlich menschlich.

Heute ist die Lage härter. Viele Blogs verschwinden im Grundrauschen. Google liefert Antworten, ohne dass noch geklickt wird. KI fasst Inhalte zusammen, ohne den Ursprung wirklich sichtbar zu machen. Plattformen binden Aufmerksamkeit wie Sirup die Fliege.

Da reicht es nicht mehr zu sagen: Wer bloggt, sichert sich Sichtbarkeit von morgen. Schön wäre es. Aber so einfach ist es nicht. Bloggen schafft eine Spur. Ob diese Spur gefunden wird, steht auf einem anderen Blatt.

KI ist nicht der eigentliche Gegner

Ich halte wenig davon, KI als große Textmüllmaschine zu beschreiben und damit die Sache für erledigt zu erklären. Natürlich gibt es KI-Matsche. Davon sogar reichlich. Aber schlechte Texte gab es auch vor ChatGPT. Nur mussten sich die Menschen damals noch selbst quälen, um sie zu schreiben.

KI ist ein Werkzeug. Man kann damit Gedanken klären, Strukturen prüfen, Einwände sammeln, Überschriften testen. Gefährlich wird es dort, wo sie die eigene Stimme ersetzt. Dann entsteht dieser glatte Ton, der überall passt und nirgends lebt.

Aber das Problem ist nicht die KI allein. Das Problem ist ein Netz, das Geschwindigkeit belohnt, Masse bevorzugt und Herkunft verschleiert. Die KI ist dabei nicht der Anfang der Verflachung. Sie ist eher der Turbo.

Warum Bloggen trotzdem Sinn ergibt

Bloggen bleibt für mich wichtig. Nur nicht, weil jeder Beitrag automatisch das Internet rettet. Das wäre mir zu feierlich. So viel Weihrauch verträgt kein WordPress-Dashboard.

Bloggen ist wichtig, weil es einen eigenen Ort schafft. Einen Ort, der nicht vollständig von X, Facebook, Instagram, TikTok oder Google abhängt. Einen Ort, an dem Gedanken länger leben dürfen als ein empörter Vormittag.

Wer bloggt, schreibt nicht nur für Reichweite. Er schreibt auch gegen das Verschwinden. Gegen die Flüchtigkeit. Gegen das Gefühl, dass alles nur noch durch fremde Kanäle rauscht. Bloggen ist nicht die Garantie auf Sichtbarkeit. Aber es ist ein Stück Selbstständigkeit.

Mehr Ehrlichkeit würde helfen

Darum würde ich die These etwas nüchterner formulieren: Das Internet braucht nicht jeden Blogartikel. Aber es braucht Orte, an denen Menschen noch selbst denken, zweifeln, erzählen und widersprechen.

Das ist weniger pathetisch, aber tragfähiger.

Blogs werden nicht automatisch wieder wichtiger, nur weil KI Texte erzeugen kann. Sie werden nur dann wichtiger, wenn sie mehr bieten als Suchmaschinenfutter: Erfahrung, Haltung, Widerspruch, Tonfall, Erinnerung. Also all das, was man nicht mal eben aus einer Maschine schüttelt.

Vielleicht ist das der eigentliche Punkt: Bloggen muss sich nicht gegen KI behaupten, indem es lauter wird. Es muss erkennbarer werden. Persönlicher. Eigensinniger. Nicht im Sinne von schrill, sondern im Sinne von unverwechselbar.

Denn wenn alles glatt wird, gewinnt am Ende nicht der beste Text. Dann gewinnt der Text, an dem noch ein Mensch hängen geblieben ist.

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