Darf die KI für mich vorsortieren?

12. Mai 2026

Sich täglich durch Nachrichten und Blogartikel zu arbeiten, ist auch mit technischen Hilfsmitteln nicht gerade einfach. Ich nutze gern Sammelseiten wie Nachrichtentisch.de oder Rivva.de. Zusätzlich schaue ich mir regelmäßig die Webring-Inhalte bei UberBlogr an. Nicht komplett – logisch. Wer das vollständig schafft, darf vermutlich auch nebenbei noch den Keller sortieren und die Steuererklärung mit Freude erledigen.

Inhalt

Arbeitsanweisung für die KI

Zusätzlich benutze ich eine Arbeitsanweisung für meine KI, neudeutsch: einen Prompt. Sie gibt mir nach recht genauen Vorgaben kuratierte Nachrichten aus. Dafür nutze ich den Thinking-Modus von ChatGPT. Meiner Erfahrung nach erhöht das die Trefferqualität erheblich, weil die Auswahl nicht nur schneller, sondern auch etwas gründlicher wirkt.

Der Prompt sieht in meinem Fall derzeit so aus:

Handle als spezialisierter Nachrichten-Kurator für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

Ziel:
Liefere ausschließlich aktuelle Nachrichten mit hohem gesellschaftlichem Impact: Themen, die viele Menschen direkt betreffen, politische Tragweite besitzen oder wirtschaftliche Folgen haben.

Quellenbeschränkung:
Berücksichtige nur Artikel aus folgenden Medien:

- Der Spiegel
- Die Zeit
- Die Welt
- Neue Zürcher Zeitung
- Tagesschau
- ZDF Heute
- n-tv

Zusätzlicher Relevanzabgleich:
Berücksichtige ergänzend aktuelle Google-Trends für Deutschland:
https://trends.google.de/trending?geo=DE&hl=de&hours=4

Die Trends dienen nur als Hinweis auf öffentliches Interesse. Sie ersetzen nicht die journalistische Relevanzprüfung.

Zeitfilter:
Nur Nachrichten aus den letzten 24–48 Stunden. Ältere Inhalte strikt ausschließen.

Inhaltliche Filter:
- Bevorzuge Themen mit direkter Auswirkung auf Lebensrealität, Rechte, Sicherheit, Preise, Arbeit, Migration, Krieg, Wirtschaft oder Demokratie.
- Keine Nischenthemen.
- Keine reinen Meinungsbeiträge ohne Nachrichtenwert.
- Keine Promi-, Boulevard- oder Sportmeldungen, außer sie haben klare gesellschaftliche oder politische Bedeutung.
- Keine Doppelungen desselben Themas aus verschiedenen Quellen.
- Ähnliche Meldungen verschiedener Medien zu einer konsolidierten Nachricht bündeln.

Priorisierung absteigend:
1. Direkte Auswirkungen auf Lebensrealität: Preise, Sicherheit, Rechte, Arbeit, Soziales
2. Politische Entscheidungen mit langfristiger Wirkung
3. Wirtschaftliche Entwicklungen mit breitem Einfluss
4. Gesellschaftliche Konflikte oder Debatten mit Eskalationspotenzial
5. Internationale Krisen mit Folgen für Deutschland oder Europa

Ausgabeformat:

📰 Relevante Nachrichten

* Titel – Kurz-Zusammenfassung in maximal 2 sachlichen Sätzen – [Datum] – Direktlink zum Artikel

Zusätzliche Regeln:
- Sprache: Deutsch
- Keine Einleitung
- Kein Fazit
- Keine Meinungen oder Bewertungen
- Links müssen direkt zum Artikel führen
- Maximal 6–8 Meldungen
- Qualität vor Quantität

Wenn keine relevanten Nachrichten vorhanden sind:
„Keine relevanten Nachrichten im angegebenen Zeitraum.“

Die Antworten überraschen mich vor allem im Hinblick auf Relevanz, Qualität und Aktualität.

Webring-Inhalte scannen

Ich habe mich heute daran gemacht, einen solchen Prompt auch für die Webring-Inhalte zu erstellen. So sieht das derzeitige Ergebnis aus:

Handle als spezialisierter Lese-Kurator für deutschsprachige Blogs und Webringe.

Quellenbasis:
Nutze ausschließlich die von mir hochgeladene Datei „RSS.txt“ als Datenbasis. Diese Datei enthält aktuelle RSS-Einträge aus dem betreffenden Webring.

Wichtige Begrenzung:
Berücksichtige ausschließlich Beiträge, die in der Datei „RSS.txt“ enthalten sind. Keine zusätzliche Websuche, keine Beiträge außerhalb dieser Datei, keine Ergänzungen aus anderen Quellen.

Ziel:
Erstelle aus den in „RSS.txt“ enthaltenen Beiträgen eine kuratierte Liste von Leseempfehlungen für mich als Blogger.

Arbeitsweise:
- Lies Titel, Blogname/Quelle, Veröffentlichungsdatum, Kurzbeschreibung und Direktlink aus der Datei „RSS.txt“ aus.
- Nutze die Kurzbeschreibung nur als Hinweis, nicht als sichere Inhaltsangabe.
- Wenn Titel und Kurzbeschreibung nicht ausreichen, um den Beitrag verlässlich einzuordnen, markiere die Einschätzung ausdrücklich als „unsicher“.
- Sortiere die Beiträge nicht einfach chronologisch, sondern nach vermuteter Relevanz für mich.
- Bewerte jeden Blogbeitrag einzeln.
- Fasse ähnliche Beiträge nicht künstlich zusammen.
- Erfinde keine Inhalte.
- Öffne keine externen Links, sofern ich das nicht ausdrücklich verlange.
- Verwende keine Beiträge, die nicht in „RSS.txt“ enthalten sind.

Meine bevorzugten Themen:
- Politik
- Gesellschaft
- Demokratie
- Medienkritik
- soziale Fragen
- öffentliche Debatten
- digitale Öffentlichkeit
- Blogosphäre
- persönliche Essays mit Haltung
- Alltagstexte, sofern sie über das Private hinausweisen
- Texte, die als Anstoß für einen eigenen Blogartikel taugen könnten

Weniger relevant sind:
- reine Fotobeiträge
- Rezepte
- Sportberichte
- technische Produktdetails ohne gesellschaftlichen Bezug
- kurze Statusmeldungen
- private Tagesnotizen ohne größere Aussage
- reine Linklisten ohne eigene Einordnung
- Werbung, Shop- und Veranstaltungshinweise
- reine Buch-, Film- oder Musikrezensionen ohne gesellschaftlichen Bezug

Sprachregel:
Berücksichtige deutsch- und englischsprachige Beiträge. Gib die gesamte Auswertung ausschließlich auf Deutsch aus. Übersetze englische Titel nicht, sondern lasse sie im Original stehen und fasse die erkennbare Bedeutung auf Deutsch zusammen.

Bewertung:
Bewerte jeden empfohlenen Beitrag nach:
1. gesellschaftlicher oder politischer Relevanz
2. möglichem Erkenntniswert
3. erkennbarer Haltung oder Originalität
4. möglichem Nutzen als Anstoß für einen eigenen Blogartikel
5. Aktualität innerhalb der Datei

Ausgabeformat:

📚 Leseempfehlungen aus dem Webring

* Titel – Blogname – Kurzbeschreibung in maximal 2 Sätzen – Relevanz: hoch/mittel/niedrig – Schreibimpuls: Warum könnte der Beitrag für mich interessant sein? – [Datum] – Direktlink

⚠️ Unsichere Kandidaten

* Titel – Blogname – Warum unsicher? – [Datum] – Direktlink

Regeln:
- Ausgabe vollständig auf Deutsch
- Maximal 8 klare Leseempfehlungen
- Zusätzlich maximal 5 unsichere Kandidaten
- Keine Einleitung
- Kein Fazit
- Keine Beiträge außerhalb der Datei „RSS.txt“
- Keine erfundenen Inhalte
- Keine Bewertung des gesamten Blogs, nur des konkreten Beitrags
- Direktlinks unverändert übernehmen
- Qualität vor Vollständigkeit

Wenn keine passenden Beiträge vorhanden sind:
„Keine passenden Leseempfehlungen im aktuellen Feed.“

Ich bin sicher, dass meine Methode nicht überall auf Zuspruch stößt. Schließlich lagere ich hiermit einen Teil des Kuratierens an eine KI aus. Das ist schon ein dolles Stück – jedenfalls für manche.

Hilfe zur Selbsthilfe

Aber ich sehe darin weniger eine Kapitulation vor „der Maschine“ als eine Art Unterstützung für den überfüllten Rentner-Alltag. Die Entscheidung, was ich lese, was ich verwerfe und worüber ich vielleicht selbst schreibe, bleibt bei mir. Die KI sortiert vor. Sie ersetzt nicht mein Urteil. Das sollen meine Blogartikel leisten.

Der Witz ist: Ich füge hier gar nicht die Ergebnisse dieser Arbeitsanfragen ein. Das könnt ihr selbst ausprobieren, falls gewisse Grundüberzeugungen euch nicht daran hindern. Vielleicht kommt dabei sogar heraus, dass die Maschine nicht das Lesen ersetzt, sondern manchmal nur dabei hilft, überhaupt wieder zum Lesen zu kommen.

Warum das Alter uns lehrt, was die Jugend verschweigt

11. Mai 2026

Wenn die Illusionen sterben – und was danach kommt

Es gibt einen Moment im Leben, den viele kennen, aber kaum jemand gern ausspricht. Einen Moment, in dem man spürt: Die großen Wendungen werden nicht mehr kommen. Nicht alles wird sich noch fügen. Nicht jede alte Hoffnung bekommt nachträglich ihren Glanz zurück. Das ist kein Knall, keine dramatische Lebenszäsur, keine Szene mit Pauken und Trompeten. Eher ein langsames Nachlassen. Ein inneres Licht wird schwächer. Man merkt es erst kaum, dann immer deutlicher.

Inhalt

Vielleicht beginnt genau dort das, was wir Verbitterung im Alter nennen. Ein unschönes Wort. Es klingt nach verschlossenen Fenstern, nach harter Stimme, nach Menschen, die nichts mehr gelten lassen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das gerecht ist. Vielleicht ist diese Verbitterung im Alter manchmal weniger ein persönliches Versagen als eine späte Reaktion auf das, was ein Leben mit einem Menschen macht. Auf Hoffnungen, die sich erledigt haben. Auf Verluste, die geblieben sind. Auf Erfahrungen, die man nicht einfach abschüttelt wie Staub vom Mantel.

Alter Mann mit Rosen
Alter Mann mit Rosen

Ich bin seit einigen Jahren Rentner, lebe auf dem Land und sehe vieles aus größerer Entfernung als früher. Nicht unbedingt klüger. Aber anders. Ich beobachte die Welt, die Politik, die Menschen, auch mich selbst. Und ich merke, dass sich etwas verschoben hat. Dinge, die mich früher sofort aufgeregt hätten, erreichen mich heute anders. Manches lässt mich kalt, obwohl ich weiß, dass es mich nicht kaltlassen sollte. Anderes macht mich schneller ungeduldig. Vor allem Oberflächlichkeit, das schnelle Gerede, die ewige Selbstinszenierung, diese laute Gewissheit von Leuten, die so tun, als hätten sie das Leben verstanden, weil sie gerade eine Meinung formulieren konnten.

Was die Jugend noch nicht wissen kann

In jungen Jahren lebt man von Erwartungen. Das ist gut so. Man braucht diese innere Bewegung nach vorn. Man glaubt, dass vieles möglich ist, dass man die Dinge gestalten kann, dass das eigene Leben offen vor einem liegt. Es wäre schlimm, wenn junge Menschen schon mit der ganzen Last des Lebenswissens aufbrechen müssten. Wer mit zwanzig schon alles wüsste, was mit siebzig hinter einem liegt, würde sich womöglich gar nicht mehr auf den Weg machen.

Die Jugend braucht ihren Überschuss. Ihre Zuversicht. Auch ihre Irrtümer. Man hält sich für freier, als man ist. Man glaubt, stärker zu sein, als man später sein wird. Man unterschätzt, was Krankheit, Enttäuschung, Geldsorgen, Streit, Abschiede und politische Entwicklungen mit einem Menschen machen können. Das ist keine Dummheit. Es ist eher eine Art Schutz. Ohne diesen Schutz gäbe es wenig Anfang, wenig Mut, wenig Liebe, wenig Aufbruch.

Erst später merkt man, dass das Leben nicht nur aus Möglichkeiten besteht, sondern auch aus Grenzen. Aus Zufällen. Aus verpassten Momenten. Aus Entscheidungen, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Und aus Entwicklungen, die größer sind als der eigene Wille. Diese Erkenntnis kommt selten auf einmal. Sie tropft ins Leben. Jahr für Jahr. Bis irgendwann genug Wasser im Keller steht.

Wenn der Wille nicht mehr reicht

Wir reden gern so, als sei fast alles eine Frage der Haltung. Reiß dich zusammen. Denk positiv. Bleib offen. Schau nach vorn. Das klingt gut, solange man noch genug Kraft hat. Aber es hat auch etwas Rücksichtsloses. Denn es tut so, als könne man innere Schwere einfach wegtrainieren wie ein paar Pfunde nach Weihnachten.

Die Wahrheit ist doch: Der Wille reicht nicht immer. Man kann sich nicht jede Enttäuschung schönreden. Man kann nicht jeden Verlust in eine Lernchance verwandeln. Man kann nicht so tun, als habe das Leben uns nur Unterricht gegeben, wenn es uns in Wahrheit auch manches genommen hat. Verbitterung im Alter entsteht oft genau dort, wo Menschen zu lange gehört haben, sie müssten nur anders auf die Dinge schauen. Irgendwann sagt etwas in einem: Nein. Ich habe genug gesehen. Ich lasse mir die Welt nicht mehr als glänzende Verpackung verkaufen.

Das muss nicht hart machen. Aber es kann hart klingen. Wer viel erlebt hat, spricht manchmal knapper. Weniger geduldig. Weniger bereit, jede Dummheit mit Verständnis zu umarmen. Auch das gehört zur Wahrheit. Es gibt eine Müdigkeit, die nicht aus Bequemlichkeit entsteht, sondern aus Erfahrung. Und es gibt eine Schärfe, die nicht Bosheit ist, sondern Selbstschutz.

Verbitterung im Alter ist nicht immer Kälte

Natürlich kann Verbitterung hässlich werden. Sie kann Menschen eng machen, ungerecht, abweisend. Sie kann jedes Gespräch vergiften und jeden hellen Gedanken verdunkeln. Wer sich in der eigenen Bitterkeit einrichtet, macht aus seiner Enttäuschung eine Wohnung ohne Fenster. Dann wird alles, was von außen kommt, nur noch als Zumutung empfunden. Das ist gefährlich. Für einen selbst und für andere.

Aber es gibt auch eine andere Form. Eine Verbitterung im Alter, die eher Ernüchterung ist. Keine Lust mehr auf Täuschung. Keine Bereitschaft mehr, die Dinge schöner zu nennen, als sie sind. Keine Geduld mehr mit Phrasen. Das muss kein moralischer Absturz sein. Es kann auch der Beginn einer späten Klarheit sein.

Vielleicht ist man im Alter nicht automatisch weise. Dieser schöne Gedanke schmeichelt uns, aber er stimmt nicht immer. Man kann alt werden und töricht bleiben. Man kann alt werden und kleinlich, ungerecht, selbstgerecht. Aber man kann im Alter auch etwas gewinnen: einen Blick für das Wesentliche. Für das, was bleibt, wenn der Lärm nachlässt. Für die Menschen, die wirklich zählen. Für die wenigen Dinge, die einem nicht gestohlen werden sollten: Würde, Erinnerung, Zuneigung, ein Rest Humor, ein Platz am Tisch.

Die Enttäuschung macht nicht alles wertlos

Das Leben enttäuscht. Das klingt hart, aber es ist keine Anklage. Es ist eine Feststellung. Niemand bekommt alles, was er erhofft hat. Niemand bleibt ohne Brüche. Niemand kommt ohne Abschiede davon. Selbst ein gutes Leben enthält Stellen, an denen man lieber nicht lange stehen bleibt.

Die Frage ist deshalb nicht, ob wir enttäuscht werden. Die Frage ist, was aus dieser Enttäuschung wird. Wird sie zu Misstrauen gegen alles und jeden? Wird sie zu einer Waffe, mit der man auf die Welt einschlägt? Oder wird sie zu einer stilleren Form von Wissen?

Ich merke an mir selbst, dass meine Ungeduld manchmal in etwas anderes kippt. Nicht immer, aber manchmal. Dann sehe ich Menschen, die ich früher vorschnell beurteilt hätte, mit einem anderen Blick. Wer selbst seine Illusionen verloren hat, erkennt die Anstrengung anderer schneller. Man sieht, wie jemand sich durch den Tag schleppt. Wie jemand Haltung bewahren will, obwohl ihm längst nicht mehr danach ist. Wie jemand freundlich bleibt, obwohl das Leben ihm Grund genug gegeben hätte, bitter zu werden.

Das ist der Punkt, an dem Verbitterung im Alter nicht in Kälte enden muss. Sie kann auch Mitgefühl freilegen. Kein fröhliches, buntes, plakatfähiges Mitgefühl. Eher eines, das nicht viele Worte macht. Man sieht den anderen und denkt: Ja, ich kenne das. Nicht genau deinen Schmerz. Aber dieses Ringen. Dieses Weitergehen, obwohl einem niemand garantiert, dass es leichter wird.

Was bleibt, wenn man sich nichts mehr vormacht

Vielleicht ist das Alter ein ungebetener Lehrer. Einer, der nicht fragt, ob der Unterricht gerade passt. Es zeigt uns, dass vieles vorläufig war. Manche Überzeugung. Manche Aufregung. Manche Hoffnung. Auch manches Bild, das wir von uns selbst hatten.

Das klingt traurig. Ist es auch. Aber es ist nicht nur traurig. Denn wenn die großen Illusionen sterben, bleibt nicht automatisch nichts zurück. Es bleibt der Blick auf das Wirkliche. Auf das, was noch da ist. Ein Gespräch. Ein Garten. Ein alter Baum. Eine Hand, die man hält. Ein Satz, der stimmt. Ein Morgen, an dem man aufwacht und merkt: Ich bin noch hier.

Verbitterung im Alter wird dann nicht zum letzten Wort. Sie wird zu einer Station. Einer schwierigen, rauen, manchmal unschönen Station. Aber nicht zwingend zum Endbahnhof. Man kann dort aussteigen, sich umsehen und begreifen: Ich muss nicht mehr alles glauben. Aber ich muss auch nicht alles verachten.

Das Leben schuldet uns nichts. Vielleicht klingt das bitter. Aber es kann auch befreien. Denn wenn das Leben uns nichts schuldet, ist manches, was wir bekommen haben, trotzdem Geschenk gewesen. Nicht immer schön verpackt. Nicht immer gerecht verteilt. Nicht ohne Schmerz. Aber wirklich.

Vielleicht liegt darin eine späte, einfache Form von Weisheit: nichts beschönigen, aber auch nicht alles verdunkeln. Die Enttäuschung anerkennen, ohne ihr das ganze Haus zu überlassen. Die Bitterkeit spüren, ohne sie zum einzigen Ton der eigenen Stimme zu machen.

Firmenpleiten, Industriekrise und die Grenzen der Binnennachfrage

11. Mai 2026

Binnennachfrage allein rettet keine Industrie

Die Nachricht klingt trocken, fast wie aus dem Maschinenraum einer Statistikbehörde. Aber sie hat es in sich: Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle meldet für April 2026 einen neuen Rekordwert bei Firmenpleiten. 1.776 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften. Drei Prozent mehr als im März, zehn Prozent mehr als im April des Vorjahres und sogar 82 Prozent über dem durchschnittlichen Aprilwert der Jahre 2016 bis 2019. Das ist kein Hüsteln der Konjunktur mehr. Das ist eine Grippe.

Inhalt

Nun liegt der Reflex nahe: Wir brauchen mehr Binnennachfrage. Höhere Löhne, mehr Kaufkraft, mehr öffentliche Investitionen, weniger Sparrhetorik. Gewerkschaften und linke Parteien sagen das seit Jahren. Und sie haben damit nicht einfach unrecht. Wer Menschen verunsichert, wer bei Sozialleistungen kürzen will, wer ständig von Verzicht predigt, darf sich nicht wundern, wenn die Leute ihr Geld zusammenhalten wie einen Regenschirm im Sturm. Der DGB argumentiert genau in diese Richtung: Die deutsche Wirtschaft brauche Aufträge, dafür brauche es Binnennachfrage und Massenkaufkraft.

Aber hier beginnt der Punkt, an dem mir die einfache Antwort zu glatt wird. Binnennachfrage ist wichtig. Sie ist der warme Ofen in einem kalten Haus. Aber sie ersetzt nicht das Dach.

Die Binnennachfrage ist ein Stabilisator, kein Zauberstab

Natürlich würde eine stärkere Binnennachfrage helfen. Wer mehr verdient, kann mehr ausgeben. Wer mehr Sicherheit empfindet, verschiebt Anschaffungen nicht endlos. Wer nicht jeden Monat Miete, Energie, Lebensmittel und Krankenkassenbeiträge gegeneinander aufrechnen muss, lebt nicht nur besser, sondern kurbelt auch den Laden an. Das gilt besonders für Branchen, die direkt vom Konsum abhängen: Einzelhandel, Gastronomie, Handwerk, lokale Dienstleistungen.

Auch das IMK der Hans-Böckler-Stiftung sah Anfang des Jahres für 2026 eine mögliche Belebung der deutschen Wirtschaft vor allem durch staatliche Investitionen und einen anziehenden privaten Konsum. Der Außenhandel bliebe danach schwach, während die Inlandsnachfrage zum Rückgrat der wirtschaftlichen Entwicklung werden soll. Das wäre vielleicht eine wünschenswerte wichtige Korrektur an einem deutschen Geschäftsmodell, das sich viel zu lange darauf verlassen hat, dass irgendwo auf der Welt immer jemand deutsche Maschinen, deutsche Autos oder deutsche Chemieprodukte kaufen wird.

Aber genau hier liegt die Grenze. Mehr Binnennachfrage kann Restaurants füllen, Handwerksbetriebe stützen, Innenstädte beleben und kleinen Unternehmen Luft verschaffen. Sie kann Insolvenzen abfedern. Sie kann Vertrauen schaffen. Aber sie kann nicht ohne Weiteres jene Industriearbeitsplätze ersetzen, die durch geopolitische Verschiebungen, Energiepreise, technologische Rückstände, chinesische Konkurrenz, amerikanische Zollpolitik oder verfehlte Investitionsentscheidungen verloren gehen.

Ein zusätzlicher Restaurantbesuch ersetzt keinen Arbeitsplatz in der Automobilzulieferung. Eine neue Waschmaschine rettet keine Batterieproduktion. Und ein voller Weihnachtsmarkt baut noch keine Halbleiterfabrik.

Der industrielle Kern ist mehr als Nostalgie

Deutschland ist ein exportorientiertes Land. Das ist keine gefühlte Wahrheit aus alten Wirtschaftswunderzeiten, sondern nüchterne Statistik. Das Statistische Bundesamt schreibt, die deutsche Wirtschaft sei in hohem Maße exportorientiert und exportabhängig; annähernd jeder vierte Arbeitsplatz hänge vom Export ab.

Das bedeutet nicht, dass wir uns weiterhin blind an ein Exportmodell klammern sollten, als sei die Welt noch die gleiche wie 1998. Aber es bedeutet, dass der industrielle Kern nicht irgendeine Branche unter vielen ist. Er trägt Wertschöpfung, Forschung, Zulieferketten, tariflich abgesicherte Einkommen und regionale Stabilität. Wenn dort Arbeitsplätze verschwinden, verschwindet mehr als eine Zeile in der Statistik. Dann verschwinden Lebensläufe. Häuser, die abbezahlt werden sollten. Kinder, deren Ausbildung geplant war. Vereine, Geschäfte, Kommunen, Gewerbesteuern, Zukunftserzählungen.

Zum Ende des dritten Quartals 2025 arbeiteten in der deutschen Automobilindustrie 48.700 Menschen weniger als ein Jahr zuvor. Im gesamten Verarbeitenden Gewerbe sank die Beschäftigtenzahl um 120.300 Personen. Besonders hart traf es die Zulieferer. Das ist keine Randnotiz, sondern ein massiver Einschnitt.

Und hier liegt der wunde Punkt: Diese Arbeitsplätze sind oft besser bezahlt als viele Jobs in jenen Branchen, die stärker von der Binnennachfrage profitieren. Ein gut bezahlter Industriearbeitsplatz erzeugt selbst Nachfrage. Er stabilisiert Familien. Er schafft Kaufkraft. Er sorgt für Steuereinnahmen und Sozialbeiträge. Wenn solche Arbeitsplätze verloren gehen und durch schlechter bezahlte Dienstleistungsjobs ersetzt werden, bleibt zwar formal Beschäftigung erhalten. Aber die wirtschaftliche Kraft dahinter schrumpft.

Man kann dann sagen: Hauptsache Arbeit. Aber das ist zu billig. Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Einkommen ist nicht gleich Einkommen. Sicherheit ist nicht gleich Sicherheit.

Mehr Kaufkraft hilft — aber sie heilt nicht die Industriekrise

Die Industriekrise hat nicht nur mit fehlender Binnennachfrage zu tun. Sie ist tiefer. Sie hat mit einem Geschäftsmodell zu tun, das unter Druck steht. China produziert längst nicht mehr nur billiger, sondern in vielen Bereichen besser, schneller und strategischer. Die USA betreiben eine knallharte Industriepolitik und denken nicht daran, deutsche Befindlichkeiten zu schonen. Energie bleibt ein Standortthema. Digitalisierung und Infrastruktur wurden über Jahre behandelt wie ein unaufgeräumter Keller, in den man lieber nicht hineinschaut.

Das IMK formuliert es bemerkenswert klar: Eine expansive Finanzpolitik und gezielte staatliche Investitionen seien wichtig, reichten aber nicht aus. Deutschland brauche zusätzlich eine Industriepolitik für zentrale Zukunfts- und Schlüsselbranchen, weil sich die Rahmenbedingungen des exportorientierten Geschäftsmodells drastisch verändert hätten.

Genau das ist der Punkt. Wer heute nur von Binnennachfrage spricht, lässt den Maschinenraum der deutschen Wirtschaft halb im Dunkeln. Und wer nur von Wettbewerbsfähigkeit spricht und damit Löhne, Sozialstaat und Arbeitnehmerrechte meint, erzählt ebenfalls nur die halbe Geschichte. Merkwürdig, wie wenig die Verteidigung dieser Punkte die Öffentlichkeit beschäftigt (SPD – Umfragewerte).

Wir brauchen beides: eine kräftigere Binnennachfrage und den Erhalt industrieller Wertschöpfung. Höhere Löhne, mehr Tarifbindung und stabile Sozialleistungen sind keine Feinde der Wirtschaft. Sie sind ein Teil ihrer Grundlage. Aber sie müssen ergänzt werden durch Investitionen in Energie, Netze, Schienen, Bildung, Forschung, klimaneutrale Produktion und strategische Schlüsselindustrien. Sonst verteilen wir am Ende mehr Kaufkraft in einer Volkswirtschaft, deren produktiver Kern langsam ausgehöhlt wird.

Das wäre, als würde man einem alten Haus neue Vorhänge kaufen, während der Dachstuhl undicht ist.

Die eigentliche Frage lautet: Welche Arbeit wollen wir erhalten?

Die steigenden Firmenpleiten zeigen, dass die Krise nicht abstrakt ist. Sie findet statt und frisst sich immer stärker in die Bevölkerung hinein. Sie trifft Unternehmen, Beschäftigte, Regionen. Sie trifft den Bäcker, der keine Nachfolge findet. Den Projektentwickler, dem die Zinsen das Genick brechen. Den Zulieferer, dem der Auftrag wegbricht. Den Industriebetrieb, der zwischen Energiepreisen, Weltmarkt und Investitionsstau zerrieben wird.

Deshalb reicht mir die Parole „mehr Binnennachfrage“ nicht. Sie stimmt als Gegenmittel gegen Verunsicherung, Lohndruck und Sparwahn. Aber sie ist keine vollständige Antwort auf die Industriekrise. Wenn gut bezahlte Industriearbeitsplätze verschwinden, verlieren wir nicht nur Exportkapazität. Wir verlieren Nachfrage von morgen. Wir verlieren jene Einkommen, die den Binnenmarkt überhaupt tragen.

Der Erhalt dieser Arbeitsplätze ist deshalb kein nostalgisches Festhalten an rauchenden Schloten. Es geht nicht um die Verklärung alter Fabriktore im Abendlicht. Es geht um die Frage, ob Deutschland auch künftig noch dort Wert schöpft, wo gute Arbeit, technisches Können und gesellschaftliche Stabilität zusammenkommen.

Eine starke Binnennachfrage kann helfen, die Wirtschaft durch schwierige Zeiten zu tragen. Aber wenn der industrielle Kern weiter bröckelt, wird auch die Binnennachfrage irgendwann schmaler. Dann reden wir nicht mehr über Kaufkraft, sondern über Abstiegsangst. Wir wir schon an diesem Punkt? Sie ist jedenfalls bekanntlich kein besonders guter Konjunkturmotor.

Die Antwort kann also nicht lauten: entweder höhere Löhne oder Industriepolitik. Sie muss lauten: höhere Löhne, sichere Einkommen, öffentliche Investitionen und eine Industriepolitik, die diesen Namen verdient. Alles andere ist Flickwerk.

Frauke Brosius-Gersdorf und die Kunst der bürgerlichen Verdächtigung

11. Mai 2026

Mit diesem Teaser führt die FAZ die Kampagne allgemeiner Verdächtigung gegen Brosius-Gersdorf weiter:

Frauke Brosius-Gersdorf, Trägerin des hessischen Georg-August-Zinn-Preises, sieht sich dem Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens ausgesetzt. Noch immer befasst sich die Uni Hamburg mit ihrer Doktorarbeit.

FAZ 8.05.2026

Der Rufmord kommt im seriösen Gewand

Es gibt Texte, die tun so, als seien sie bloß eine Nachricht. Kühl, sachlich, mit der Stirnfalte der journalistischen Gewissenhaftigkeit. Ein Sprecher hier, ein Prüfverfahren dort, ein Hinweis auf Vertraulichkeit, ein paar Absätze zur Dauer akademischer Verfahren. Alles sauber aufgereiht wie frisch gespültes Porzellan. Und doch klirrt darunter etwas.

Der neue Text der FAZ ($) über die noch laufende Überprüfung der 1997 an der Universität Hamburg eingereichten Doktorarbeit von Frauke Brosius-Gersdorf ist genau so ein Stück. Er enthält keine neue Bewertung der Universität. Im Gegenteil: Die Hochschule sagt ausdrücklich, das Verfahren dauere an, abschließende Bewertungen seien nicht möglich, weiterführende Rückschlüsse ließen sich daraus nicht ziehen. Das ist der eigentliche Nachrichtenkern. Mehr gibt es im Moment nicht.

Gruppe von Auferstehenden aus Michelangelos Verdächtigung

Und trotzdem steht dieser Kern nicht allein im Raum. Er wird eingebettet in die alte Geschichte: die gescheiterte Kandidatur für das Bundesverfassungsgericht, der Widerstand aus CDU und CSU, der Streit um ihre Haltung zum Schwangerschaftsabbruch, die Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens, die Parallelen zwischen Dissertation und Habilitation ihres Mannes, die anwaltlichen Gegengutachten, die Solidarität der hessischen SPD. Alles bekannt, alles bereits Teil jenes Sommers, in dem aus einer renommierten Juristin eine öffentliche Reizfigur gemacht wurde.

Genau darin liegt das Problem. Ein laufendes, vertrauliches Prüfverfahren wird nicht einfach erwähnt. Es wird in einen alten Verdachtsraum zurückgestellt. Die Tür geht wieder auf. Der Staub steigt erneut auf. Und wer nur flüchtig liest, nimmt am Ende nicht mit: Die Universität hat nichts entschieden. Sondern: Da war doch etwas. Da wird doch noch geprüft. Da muss doch etwas dran sein.

Das ist kein Zufallseffekt. Das ist die stille Macht solcher Texte.

Aus Prüfung wird Verdächtigung, aus Verdacht wird Charakter

Man muss die Sache sauber auseinandernehmen. Die Universität Hamburg prüft Hinweise auf mögliches wissenschaftliches Fehlverhalten. Das ist zunächst kein Schuldspruch, nicht einmal eine belastbare Feststellung. Universitäten müssen Hinweisen nachgehen, wenn sie konkret genug vorgetragen werden. Das gehört zum Verfahren. Es sagt über das Ergebnis noch nichts aus.

Der neue FAZ-Text beschreibt dieses Verfahren sogar korrekt. Er erklärt Vorprüfung, Ombudsverfahren, Stellungnahmen, Vertraulichkeit. Er weist auch darauf hin, dass ein knappes Jahr bei solchen Verfahren offenbar nicht ungewöhnlich ist, besonders wenn externe Gutachter beteiligt sind oder zwei wissenschaftliche Arbeiten parallel betrachtet werden. Das ist sachlich.

Aber die Wirkung entsteht nicht nur aus dem, was ein Text sagt. Sie entsteht auch aus dem, was er erneut zusammenbindet. Brosius-Gersdorf, Schwangerschaftsabbruch, Karlsruhe, Ghostwriting, SPD-Preis, Ehemann, Gutachten, Prüfverfahren. Der Leser wird durch ein altes Minenfeld geführt und soll glauben, er gehe bloß über einen ordentlichen Verwaltungsflur.

So funktioniert das Verhetzungspotential, wenn man dieses Wort nicht im strafrechtlichen Sinn versteht, sondern politisch-medial: Ein Mensch wird nicht offen beschimpft. Er wird in einen Zusammenhang gestellt, der ausreicht, um Misstrauen zu nähren. Man muss dann gar nicht mehr sagen, sie sei ungeeignet, unseriös oder gefährlich. Man legt nur die Akten nebeneinander. Der Rest erledigt sich im Kopf der Lesenden.

Das ist eleganter als der digitale Mob. Aber nicht harmloser.

Die FAZ als bürgerliche Legitimationsmaschine

Die FAZ war in diesem Fall nie nur irgendein Medium unter vielen. Brosius-Gersdorf selbst sprach nach ihrem Rückzug von einem „Qualitäts- und Leitmedium“, in dessen Politikteil einzelne Journalisten zur „Speerspitze“ eines ehrabschneidenden Journalismus geworden seien. Gemeint war nach übereinstimmender Berichterstattung die FAZ. Die Zeitung wies den Vorwurf zurück und erklärte, sie habe sorgfältig und nachrichtlich geboten über Bedenken in der Union berichtet.  

Mehrere Unionsabgeordnete bezeichneten Brosius-Gersdorf öffentlich als ungeeignet und unwählbar, andere ließen sich anonym zitieren, die Juraprofessorin sei „eine ultralinke Juristin“. Begründet wurde das unter anderem mit Äußerungen von Brosius-Gersdorf zu Corona-Impfungen und mit ihrer Haltung zu Abtreibungen.

Quelle

Das klingt nach Routineverteidigung. Wir haben nur berichtet, was gesagt wurde. Wir haben nur zitiert. Wir haben nur die politische Lage beschrieben. Aber so einfach ist es eben nicht. Wenn ein CDU-Abgeordneter eine Juristin als „ultralinke Juristin“ markiert und ein Leitmedium diese Zuschreibung prominent in die Welt trägt, dann ist das nicht nur Dokumentation. Es ist Verstärkung. Besonders dann, wenn die Zuschreibung in eine politisch ohnehin aufgeheizte Debatte über Schwangerschaftsabbruch, Verfassungsgericht und angebliche linke Kulturmacht fällt.

Die FAZ war nach meiner Wahrnehmung nicht das lauteste Organ dieser Kampagne. Sie war nicht der gröbste Marktschreier. Sie musste nicht mit den Schmutzstiefeln durch den Vorgarten trampeln. Ihre Rolle war feiner, gefährlicher, bürgerlicher. Sie verlieh dem Verdacht Haltung. Sie machte aus politischem Widerwillen eine seriös klingende Bedenkenträgerschaft. Und genau das wiegt schwer.

Denn wenn ein rechtes Portal eine Juristin zur Feindfigur erklärt, wissen viele Leser, aus welcher Ecke der Wind pfeift. Wenn aber FAZ, Welt oder Focus ähnliche Deutungsmuster aufnehmen, zuspitzen oder unzureichend einhegen, entsteht der Eindruck: Das wird schon seine Gründe haben. So wird aus Kampagne Diskurs. Aus Diskurs wird Zweifel. Aus Zweifel wird Rufschaden.

Welt, Focus und die große konservative Echokammer

Die Welt spielte in dieser Geschichte ebenfalls eine sichtbare Rolle. Sie berichtete über den Widerstand gegen Brosius-Gersdorf, über die Kritik an ihrer Haltung zum Schwangerschaftsabbruch und über die späteren Vorwürfe gegen ihre Doktorarbeit. In der Welt wurde die Nominierung unter anderem mit kirchlichen und unionsinternen Einwänden verknüpft; die Haltung der Juristin zum Abtreibungsrecht wurde als zentraler Streitpunkt herausgestellt.  

Auch Focus griff die Debatte auf und rahmte Brosius-Gersdorfs Position zum Schwangerschaftsabbruch als politischen „Zündstoff“. Das mag als Überschrift journalistisch funktionieren. Aber auch solche Worte arbeiten. Sie stellen nicht nüchtern dar, sie elektrisieren. Sie machen aus einer juristischen Position eine Gefahrenlage.  

Das Muster war immer ähnlich: Eine Professorin, die sich wissenschaftlich mit der Reform des § 218 und mit verfassungsrechtlichen Fragen befasst hatte, wurde nicht als Fachfrau beschrieben, über deren Positionen man hart streiten kann. Sie wurde zunehmend zur Projektionsfläche. Auf ihr landete alles, was im konservativen Lager ohnehin schon brodelte: Abtreibung, SPD, angebliche Politisierung der Justiz, linke Eliten, Kulturkampf, Misstrauen gegen Institutionen.

Und dann kamen die Plagiats- und Ghostwriting-Vorwürfe hinzu. Der österreichische Plagiatsprüfer Stefan Weber (darf man ihn Denunziant nennen?) behauptete, es gebe zahlreiche problematische Textstellen und Hinweise auf fremde Mitwirkung. Andere Fachleute waren vorsichtiger. Die anwaltliche Seite von Brosius-Gersdorf wies den Ghostwriting-Vorwurf zurück; öffentlich berichtet wurde zudem, dass eine beauftragte Kanzlei keinen tragfähigen Plagiatsvorwurf sah. Die Universität Hamburg prüft. Mehr ist seriös derzeit nicht zu sagen.  

Aber Kampagnen brauchen keine abgeschlossenen Verfahren. Sie brauchen nur Verdachtswolken.

Der eigentliche Skandal liegt im Verfahren der Öffentlichkeit

Natürlich darf man über eine Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht kritisch berichten. Natürlich darf man ihre Positionen zum Schwangerschaftsabbruch prüfen. Natürlich dürfen wissenschaftliche Arbeiten überprüft werden, wenn konkrete Hinweise vorliegen. Niemand verlangt Schonung, weil eine Kandidatin von der SPD vorgeschlagen wurde. Das wäre Unsinn.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen Prüfung und öffentlicher Demontage. Zwischen Kritik und Charakterzerlegung. Zwischen journalistischer Kontrolle und dem Bau einer Verdachtsmaschine. Und diese „Verfahren“ werden immer ausgepfeilter und infamer.

Im Fall Brosius-Gersdorf konnte man beobachten, wie schnell bürgerliche Medien, konservative Politik und empörungsbereite Öffentlichkeit ineinandergreifen. Erst wird eine fachliche Position zugespitzt. Dann wird daraus eine ideologische Gefahr. Dann taucht ein wissenschaftlicher Verdacht auf. Dann wird jede Verfahrensmeldung zur neuen Munition. Am Ende steht nicht mehr die Frage, ob eine Juristin für Karlsruhe geeignet gewesen wäre. Am Ende steht eine beschädigte Person.

Der neue FAZ-Text ist deshalb mehr als eine harmlose Aktualisierung. Er zeigt, wie langlebig solche Kampagnen sind. Selbst wenn nichts entschieden ist, bleibt der Verdacht verfügbar. Er kann jederzeit wieder aufgerufen werden. Ein laufendes Verfahren genügt. Ein Sprecherzitat genügt. Ein Hinweis auf die Dauer genügt. Schon ist die alte Erzählung wieder da.

Und genau deshalb sollten wir vorsichtig sein mit der Ehrfurcht vor dem seriösen Ton. Nicht jeder sachliche Satz ist gerecht. Nicht jede kühle Nachricht ist unschuldig. Manchmal trägt der Rufmord Krawatte, zitiert korrekt und beruft sich auf Verfahrensregeln.

Das macht ihn nicht besser. Es macht ihn nur schwerer zu fassen.

Sparen bei den anderen, nur nicht bei sich selbst

10. Mai 2026

Wenn der Automatismus plötzlich sehr bequem wird

Alle reden übers Sparen. Vor allem Politiker. Es gibt politische Momente, in denen man sich fragt, ob manche Leute in Berlin überhaupt noch hören, wie sie klingen. Draußen soll gespart, gerechnet, gekürzt, verschoben werden. Bürgerinnen und Bürger müssen sich auf schwierigere Zeiten einstellen, auf Reformen, auf Zumutungen, auf den berühmten Gürtel, der enger geschnallt werden muss. Für Politiker*innen besteht er offenbar aus Gummi.

Die Diäten der Bundestagsabgeordneten sollen zum 1. Juli 2026 um 4,2 Prozent steigen. Von derzeit 11.833,47 EUR auf 12.330,48 EUR monatlich. Da wird Sparen wohl weniger weh tun als beim Durchschnittsverdiener. Das sind 497,01 EUR mehr im Monat. Klingt nicht nach sparen- oder? Nein, natürlich nicht einfach so. Es gibt ein Verfahren. Ein Gesetz. Einen Index. Eine saubere Formel, die ordentlich durch die Instanzen gejagd wird, und die mit einem Aktenzeichen versehen wird, damit am Ende auch niemand nach Selbstbedienung riecht.  

Die Grundlage ist der sogenannte Nominallohnindex. Seit 2014 werden die Abgeordnetenentschädigungen jährlich zum 1. Juli anhand der allgemeinen Lohnentwicklung angepasst. Die Präsidentin des Statistischen Bundesamtes übermittelt die entsprechende Entwicklung bis zum 31. März an die Bundestagspräsidentin; der neue Betrag wird dann in einer Bundestagsdrucksache veröffentlicht. Der Bundestag beschreibt dieses Verfahren selbst als gesetzlich geregelten Anpassungsmechanismus. Klingt nüchtern. Klingt technisch. Klingt beinahe so, als hätte niemand etwas damit zu tun.  

Genau das ist der Trick. Früher mussten Abgeordnete über ihre eigenen Bezüge abstimmen. Das sah schlecht aus und war politisch jedes Mal ein kleines Feuerwerk der Empörung. Also wurde der Vorgang automatisiert. Nicht mehr die Hand hebt sich sichtbar im Plenarsaal, sondern der Mechanismus hebt die Bezüge. Der Automatismus als moralischer Sichtschutz. Im Politiker – Portemonnaie klimpert es trotzdem.

Spahn verteidigt den Mechanismus – natürlich

Jens Spahn, gerade erst gestärkter Unionsfraktionschef, verteidigt diesen Mechanismus. Im ARD-Fernsehen sagte er sinngemäß, die Kopplung an die Lohnentwicklung funktioniere einwandfrei; früher habe der Bundestag selbst über Diätenerhöhungen entschieden, das sei falsch gewesen. Deutschlandfunk fasst es so zusammen: Spahn möchte an der Regelung festhalten.  

Man kann das abstrakt verstehen. Die Regelung an sich ist schon OK, denn es ist nicht falsch, Abgeordneten eine angemessene Entschädigung zu zahlen. Artikel 48 Absatz 3 des Grundgesetzes verlangt eine Entschädigung, die ihre Unabhängigkeit sichert. Das Bundesverfassungsgericht hat diesen Grundsatz seit dem Diäten-Urteil von 1975 bestätigt. Niemand sollte wollen, dass nur Reiche Politik machen können oder Abgeordnete in finanzielle Abhängigkeiten geraten. Das ist der seriöse Teil der Debatte. Den sollte man nicht wegwischen.  

Aber Politik besteht eben nicht nur aus Paragrafen. Politik besteht auch aus Timing, Zeichen, Maß und Anstand. Und genau da wird es hässlich.

Wenn eine Regierung wie diese übers Sparen diskutiert und Sozialleistungen unter Rechtfertigungsdruck geraten, während Bürgergeld, Renten, Subventionen, Haushaltslöcher und Verteidigungskosten wie schwere Möbel durch Talkshows geschoben werden, dann wirkt eine automatische Diätenerhöhung um knapp 500 Euro im Monat wie eine Provokation. Jedenfalls nicht wie ein unmotivierter Neidanfall.

Da kann Jens Spahn noch so oft „Mechanismus“ sagen. Das Wort macht die Sache nicht sauberer. Es klingt nur technischer.

Die anderen sollen verzichten, Berlin lässt buchen

Die Kritik kommt nicht nur aus der üblichen Empörungsecke. Die Linke hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, um die Erhöhung für 2026 auszusetzen. Begründet wird das mit der angespannten Haushaltslage des Bundes, der allgemeinen sozialen und wirtschaftlichen Lage und dem Kaufkraftverlust großer Teile der Bevölkerung. Der Bundestag könne das Verfahren jederzeit per Gesetz aussetzen. Genau das ist wichtig: Dieser Automatismus ist kein Naturgesetz. Er ist keine Gravitation. Er ist politisch geschaffen – und politisch veränderbar.  

Sparen in der zeit
Sparen in der zeit

Auch aus der SPD kommt Widerspruch. Johannes Fechner sagte laut Frankfurter Rundschau, in der aktuellen wirtschaftlichen Situation sei eine Erhöhung um 497 Euro nach einer Steigerung von 609 Euro im vergangenen Jahr nicht richtig. Dirk Wiese sprach sich laut Welt ebenfalls dafür aus, die geplante Erhöhung angesichts der wirtschaftlichen Lage und anstehender Reformen in diesem Jahr auszusetzen.  

Das ist bemerkenswert. Denn normalerweise verteidigen Regierungsfraktionen solche Dinge mit jener routinierten Geschmeidigkeit, die man aus Berlin kennt: bedauerndes Gesicht, sachlicher Ton, Verweis auf Verfahren, Ende der Durchsage. Dieses Mal aber ist der Kontrast offenbar zu grell. Zu viel Rot auf weißem Papier. Zu viel „wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“, während im eigenen Kleiderschrank der weite Gürtel bereitliegt.

Die Union wirkt, jedenfalls mit Spahn an der Spitze, als wolle sie die Sache aussitzen. Man muss sich das vorstellen: In einem Land, in dem Pflegekräfte, Rentner, Alleinerziehende und Facharbeiter jeden Preissprung sofort im Portemonnaie spüren, verteidigt der Fraktionschef der Union eine Erhöhung, die für viele Menschen fast eine halbe Monatsmiete ist. Nicht als Bonus. Nicht als Ausnahme. Sondern als automatische Folge eines Systems, das angeblich so gut funktioniert.

Gut für wen?

Der politische Schaden ist größer als die Summe

Natürlich wird jetzt sofort jemand sagen: Im Bundeshaushalt fällt diese Erhöhung kaum ins Gewicht. Das stimmt sogar. Rein fiskalisch ist das kein Milliardenloch. Aber Politik ist nicht nur Buchhaltung. Politik ist Vertrauen. Und Vertrauen ist kein Haushaltsrest, den man am Jahresende irgendwo umbucht.

Der Schaden entsteht an anderer Stelle. Er entsteht dort, wo Bürgerinnen und Bürger ohnehin das Gefühl haben, dass die da oben andere Regeln kennen als die hier unten. Er entsteht dort, wo jede Rede von Verantwortung wie eine Zumutung klingt, sobald sie nur nach unten adressiert wird. Er entsteht dort, wo Demokratie nicht an ihren Feinden scheitert, sondern an der Selbstverständlichkeit ihrer eigenen Funktionäre.

Das ist das Giftige an dieser Diätenerhöhung. Nicht, dass Abgeordnete ordentlich bezahlt werden. Das müssen sie. Nicht, dass es einen Index gibt. Den kann man begründen. Giftig ist, dass ausgerechnet in einer Phase politischer Härte ein Automatismus verteidigt wird, der den Eindruck erzeugt: Wenn es ums Sparen geht, ist der Bürger zuständig. Wenn es ums Kassieren geht, erledigt das System den Rest.

So wächst Politikverdrossenheit. Nicht durch einen einzelnen Betrag. Sondern durch das Gefühl, dass Worte und Taten auseinanderlaufen wie zwei Züge, die denselben Bahnhof längst aufgegeben haben.

Wer sparen möchte, sollte bei sich selbst anfangen

Der Bundestag könnte die Erhöhung aussetzen. Wi rmüssen doch sparen! Er müsste dazu kein Grundgesetz verbiegen, keine Revolution ausrufen, keinen moralischen Hochaltar bauen. Er müsste nur sagen: In diesem Jahr passt es nicht. In diesem Jahr wäre es politisch falsch. In diesem Jahr verlangen wir nicht nur von anderen Maß und Verzicht, sondern zeigen es selbst.

Das wäre kein Populismus. Das wäre politische Hygiene.

Aber genau an dieser Stelle trennt sich der Sonntagsredner vom politischen Handwerker. Wer ständig Verantwortung predigt, muss gelegentlich den Mut haben, sich selbst in die Pflicht zu nehmen. Wer den Bürgern erklärt, dass schwierige Zeiten schwierige Entscheidungen und Sparen verlangen, darf bei der eigenen monatlichen Überweisung nicht plötzlich den Gesetzesautomaten vorschieben wie einen höflichen Butler.

Jens Spahn verteidigt den Mechanismus. Das ist sein gutes Recht. Aber politisch klingt es wie ein Satz aus der Parallelwelt: sauber begründet, formal korrekt und doch meilenweit entfernt vom Empfinden vieler Menschen.

Man kann sich an Gesetze halten und trotzdem jedes Gefühl für den Augenblick verlieren. Genau das passiert hier.

Und vielleicht ist das der eigentliche Skandal: Nicht die 497 EUR allein. Sondern diese fast beleidigende Geräuschlosigkeit, mit der oben genommen wird, während unten erklärt wird, warum Verzicht leider alternativlos sei.

Übrigens erhalte ich als Rentner (automatisch) bald eine Rentenerhöhung, über die „man“ sich natürlich ebenso beklagen könnte. So sind wir Menschen. Die eigenen Interessen stehen (bei den meisten) immer an der Top-Position. Schön ist anders.

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