Firmenpleiten, Industriekrise und die Grenzen der Binnennachfrage

11. Mai 2026
7 Min. lesen

Die steigende Zahl der Firmenpleiten zeigt: Deutschland hat ein Nachfrageproblem, aber nicht nur. Mehr Binnennachfrage kann stabilisieren. Doch der Verlust gut bezahlter Industriearbeitsplätze trifft den wirtschaftlichen Kern härter als manche politische Formel zugibt.

Binnennachfrage allein rettet keine Industrie

Die Nachricht klingt trocken, fast wie aus dem Maschinenraum einer Statistikbehörde. Aber sie hat es in sich: Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle meldet für April 2026 einen neuen Rekordwert bei Firmenpleiten. 1.776 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften. Drei Prozent mehr als im März, zehn Prozent mehr als im April des Vorjahres und sogar 82 Prozent über dem durchschnittlichen Aprilwert der Jahre 2016 bis 2019. Das ist kein Hüsteln der Konjunktur mehr. Das ist eine Grippe.

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Nun liegt der Reflex nahe: Wir brauchen mehr Binnennachfrage. Höhere Löhne, mehr Kaufkraft, mehr öffentliche Investitionen, weniger Sparrhetorik. Gewerkschaften und linke Parteien sagen das seit Jahren. Und sie haben damit nicht einfach unrecht. Wer Menschen verunsichert, wer bei Sozialleistungen kürzen will, wer ständig von Verzicht predigt, darf sich nicht wundern, wenn die Leute ihr Geld zusammenhalten wie einen Regenschirm im Sturm. Der DGB argumentiert genau in diese Richtung: Die deutsche Wirtschaft brauche Aufträge, dafür brauche es Binnennachfrage und Massenkaufkraft.

Aber hier beginnt der Punkt, an dem mir die einfache Antwort zu glatt wird. Binnennachfrage ist wichtig. Sie ist der warme Ofen in einem kalten Haus. Aber sie ersetzt nicht das Dach.

Die Binnennachfrage ist ein Stabilisator, kein Zauberstab

Natürlich würde eine stärkere Binnennachfrage helfen. Wer mehr verdient, kann mehr ausgeben. Wer mehr Sicherheit empfindet, verschiebt Anschaffungen nicht endlos. Wer nicht jeden Monat Miete, Energie, Lebensmittel und Krankenkassenbeiträge gegeneinander aufrechnen muss, lebt nicht nur besser, sondern kurbelt auch den Laden an. Das gilt besonders für Branchen, die direkt vom Konsum abhängen: Einzelhandel, Gastronomie, Handwerk, lokale Dienstleistungen.

Auch das IMK der Hans-Böckler-Stiftung sah Anfang des Jahres für 2026 eine mögliche Belebung der deutschen Wirtschaft vor allem durch staatliche Investitionen und einen anziehenden privaten Konsum. Der Außenhandel bliebe danach schwach, während die Inlandsnachfrage zum Rückgrat der wirtschaftlichen Entwicklung werden soll. Das wäre vielleicht eine wünschenswerte wichtige Korrektur an einem deutschen Geschäftsmodell, das sich viel zu lange darauf verlassen hat, dass irgendwo auf der Welt immer jemand deutsche Maschinen, deutsche Autos oder deutsche Chemieprodukte kaufen wird.

Aber genau hier liegt die Grenze. Mehr Binnennachfrage kann Restaurants füllen, Handwerksbetriebe stützen, Innenstädte beleben und kleinen Unternehmen Luft verschaffen. Sie kann Insolvenzen abfedern. Sie kann Vertrauen schaffen. Aber sie kann nicht ohne Weiteres jene Industriearbeitsplätze ersetzen, die durch geopolitische Verschiebungen, Energiepreise, technologische Rückstände, chinesische Konkurrenz, amerikanische Zollpolitik oder verfehlte Investitionsentscheidungen verloren gehen.

Ein zusätzlicher Restaurantbesuch ersetzt keinen Arbeitsplatz in der Automobilzulieferung. Eine neue Waschmaschine rettet keine Batterieproduktion. Und ein voller Weihnachtsmarkt baut noch keine Halbleiterfabrik.

Der industrielle Kern ist mehr als Nostalgie

Deutschland ist ein exportorientiertes Land. Das ist keine gefühlte Wahrheit aus alten Wirtschaftswunderzeiten, sondern nüchterne Statistik. Das Statistische Bundesamt schreibt, die deutsche Wirtschaft sei in hohem Maße exportorientiert und exportabhängig; annähernd jeder vierte Arbeitsplatz hänge vom Export ab.

Das bedeutet nicht, dass wir uns weiterhin blind an ein Exportmodell klammern sollten, als sei die Welt noch die gleiche wie 1998. Aber es bedeutet, dass der industrielle Kern nicht irgendeine Branche unter vielen ist. Er trägt Wertschöpfung, Forschung, Zulieferketten, tariflich abgesicherte Einkommen und regionale Stabilität. Wenn dort Arbeitsplätze verschwinden, verschwindet mehr als eine Zeile in der Statistik. Dann verschwinden Lebensläufe. Häuser, die abbezahlt werden sollten. Kinder, deren Ausbildung geplant war. Vereine, Geschäfte, Kommunen, Gewerbesteuern, Zukunftserzählungen.

Zum Ende des dritten Quartals 2025 arbeiteten in der deutschen Automobilindustrie 48.700 Menschen weniger als ein Jahr zuvor. Im gesamten Verarbeitenden Gewerbe sank die Beschäftigtenzahl um 120.300 Personen. Besonders hart traf es die Zulieferer. Das ist keine Randnotiz, sondern ein massiver Einschnitt.

Und hier liegt der wunde Punkt: Diese Arbeitsplätze sind oft besser bezahlt als viele Jobs in jenen Branchen, die stärker von der Binnennachfrage profitieren. Ein gut bezahlter Industriearbeitsplatz erzeugt selbst Nachfrage. Er stabilisiert Familien. Er schafft Kaufkraft. Er sorgt für Steuereinnahmen und Sozialbeiträge. Wenn solche Arbeitsplätze verloren gehen und durch schlechter bezahlte Dienstleistungsjobs ersetzt werden, bleibt zwar formal Beschäftigung erhalten. Aber die wirtschaftliche Kraft dahinter schrumpft.

Man kann dann sagen: Hauptsache Arbeit. Aber das ist zu billig. Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Einkommen ist nicht gleich Einkommen. Sicherheit ist nicht gleich Sicherheit.

Mehr Kaufkraft hilft — aber sie heilt nicht die Industriekrise

Die Industriekrise hat nicht nur mit fehlender Binnennachfrage zu tun. Sie ist tiefer. Sie hat mit einem Geschäftsmodell zu tun, das unter Druck steht. China produziert längst nicht mehr nur billiger, sondern in vielen Bereichen besser, schneller und strategischer. Die USA betreiben eine knallharte Industriepolitik und denken nicht daran, deutsche Befindlichkeiten zu schonen. Energie bleibt ein Standortthema. Digitalisierung und Infrastruktur wurden über Jahre behandelt wie ein unaufgeräumter Keller, in den man lieber nicht hineinschaut.

Das IMK formuliert es bemerkenswert klar: Eine expansive Finanzpolitik und gezielte staatliche Investitionen seien wichtig, reichten aber nicht aus. Deutschland brauche zusätzlich eine Industriepolitik für zentrale Zukunfts- und Schlüsselbranchen, weil sich die Rahmenbedingungen des exportorientierten Geschäftsmodells drastisch verändert hätten.

Genau das ist der Punkt. Wer heute nur von Binnennachfrage spricht, lässt den Maschinenraum der deutschen Wirtschaft halb im Dunkeln. Und wer nur von Wettbewerbsfähigkeit spricht und damit Löhne, Sozialstaat und Arbeitnehmerrechte meint, erzählt ebenfalls nur die halbe Geschichte. Merkwürdig, wie wenig die Verteidigung dieser Punkte die Öffentlichkeit beschäftigt (SPD – Umfragewerte).

Wir brauchen beides: eine kräftigere Binnennachfrage und den Erhalt industrieller Wertschöpfung. Höhere Löhne, mehr Tarifbindung und stabile Sozialleistungen sind keine Feinde der Wirtschaft. Sie sind ein Teil ihrer Grundlage. Aber sie müssen ergänzt werden durch Investitionen in Energie, Netze, Schienen, Bildung, Forschung, klimaneutrale Produktion und strategische Schlüsselindustrien. Sonst verteilen wir am Ende mehr Kaufkraft in einer Volkswirtschaft, deren produktiver Kern langsam ausgehöhlt wird.

Das wäre, als würde man einem alten Haus neue Vorhänge kaufen, während der Dachstuhl undicht ist.

Die eigentliche Frage lautet: Welche Arbeit wollen wir erhalten?

Die steigenden Firmenpleiten zeigen, dass die Krise nicht abstrakt ist. Sie findet statt und frisst sich immer stärker in die Bevölkerung hinein. Sie trifft Unternehmen, Beschäftigte, Regionen. Sie trifft den Bäcker, der keine Nachfolge findet. Den Projektentwickler, dem die Zinsen das Genick brechen. Den Zulieferer, dem der Auftrag wegbricht. Den Industriebetrieb, der zwischen Energiepreisen, Weltmarkt und Investitionsstau zerrieben wird.

Deshalb reicht mir die Parole „mehr Binnennachfrage“ nicht. Sie stimmt als Gegenmittel gegen Verunsicherung, Lohndruck und Sparwahn. Aber sie ist keine vollständige Antwort auf die Industriekrise. Wenn gut bezahlte Industriearbeitsplätze verschwinden, verlieren wir nicht nur Exportkapazität. Wir verlieren Nachfrage von morgen. Wir verlieren jene Einkommen, die den Binnenmarkt überhaupt tragen.

Der Erhalt dieser Arbeitsplätze ist deshalb kein nostalgisches Festhalten an rauchenden Schloten. Es geht nicht um die Verklärung alter Fabriktore im Abendlicht. Es geht um die Frage, ob Deutschland auch künftig noch dort Wert schöpft, wo gute Arbeit, technisches Können und gesellschaftliche Stabilität zusammenkommen.

Eine starke Binnennachfrage kann helfen, die Wirtschaft durch schwierige Zeiten zu tragen. Aber wenn der industrielle Kern weiter bröckelt, wird auch die Binnennachfrage irgendwann schmaler. Dann reden wir nicht mehr über Kaufkraft, sondern über Abstiegsangst. Wir wir schon an diesem Punkt? Sie ist jedenfalls bekanntlich kein besonders guter Konjunkturmotor.

Die Antwort kann also nicht lauten: entweder höhere Löhne oder Industriepolitik. Sie muss lauten: höhere Löhne, sichere Einkommen, öffentliche Investitionen und eine Industriepolitik, die diesen Namen verdient. Alles andere ist Flickwerk.

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Horst Schulte
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Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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1 Kommentar zu „Firmenpleiten, Industriekrise und die Grenzen der Binnennachfrage“

  1. Deutschland braucht eine Transformation. Weg von der Industrie. Der alte Wein in neuen Schläuchen wird niemals greifen.

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