WTF – Lügen die alle?

20. Mai 2026

Heute Morgen lese ich im Spiegel, dass die Auftragsbücher der deutschen Industrie so gut gefüllt sind wie nie seit 2015. Trotz des hohen Auftragsbestands wird ein (weiterer) schleichender Beschäftigungsabbau erwartet, da Standortbedingungen, gestiegene Energiepreise und Lieferstörungen die Produktion belasten. Das Jammern geht also weiter…

Woanders lesen wir, dass VW wieder Marktführer in China ist.

Spiegel dt Industrie Auftragslage
Spiegel dt Industrie Auftragslage

Wir machen uns hier bekloppt und „die“ führen ihre Geschäfte mit heftigen Steuererleichterungen, die freilich NIE, niemals reichen werden, einfach fort.

Dünne Argumentation?

18. Mai 2026

Nach meinem letzten Beitrag über AfD-Wählerinnen und AfD-Wähler blieb bei mir eine ziemlich plumpe Frage hängen. Sie ist nicht elegant, nicht fein, nicht besonders staatsbürgerlich. Aber sie liegt nun einmal da, mitten auf dem Tisch: Sind die alle blöd?

Ich weiß, das klingt hart. Vielleicht sogar zu hart. Aber manchmal sind die unfeinen Fragen näher an dem, was man wirklich denkt, als elegante Formulierungen. Und trotzdem lautet meine Antwort: Nein. Leider nicht.

Denn Dummheit wäre fast beruhigend. Dummheit könnte man mit Bildung bekämpfen, mit besseren Informationen, mit politischer Aufklärung. Man könnte Broschüren verteilen, Volkshochschulkurse anbieten und hoffen, dass irgendwann das Licht angeht. Aber so einfach ist es nicht. Der Stachel sitzt tiefer.

Die AfD wird nicht nur gewählt, weil Menschen etwas nicht wissen. Sie wird gewählt, weil viele etwas nicht mehr glauben wollen. Der Politik nicht. Den Medien nicht. Den Institutionen nicht. Manchmal nicht einmal mehr den eigenen Augen, wenn die Wirklichkeit nicht zur Wut passt.

Nach dem Warnruf kommt die Frage

Mein letzter Text war eine klare Ansage. Ich wollte nicht noch einmal erklären, entschuldigen, abmildern. Wer heute AfD wählt, trifft keine harmlose Protestentscheidung. Diese Partei ist längst nicht mehr der schräge Onkel am rechten Rand, der beim Familienfest unangenehme Sprüche klopft. Sie ist ein politisches Projekt, das demokratische Institutionen verächtlich macht, Minderheiten markiert und den Gegner nicht mehr als Gegner, sondern als Feind beschreibt.

Trotzdem reicht die Anklage allein nicht aus. Sie ist nötig, aber sie erklärt wenig.

Also kommt nach dem Warnruf die nächste Frage: Warum tun es trotzdem so viele? Warum wächst die Zustimmung zu einer Partei, deren Radikalisierung niemand mehr ernsthaft übersehen kann? Warum sagen Menschen, sie wollten „nur ein Zeichen setzen“, obwohl dieses Zeichen wie ein Molotow-Cocktail aussieht?

Die bequeme Antwort wäre: Weil sie dumm sind.

Die unbequemere Antwort lautet: Weil Wut, Angst, Kränkung und Misstrauen eine politische Heimat gefunden haben.

Die Wut sucht sich ein Ziel

Viele AfD-Wähler fühlen sich nicht mehr vertreten. Sie schauen auf Schulen, Straßen, Behörden, Krankenhäuser, Wohnungsmarkt, Migration, Inflation, Energiepreise und sagen: Das funktioniert alles nicht mehr. Und natürlich stimmt daran manches. Man muss kein Rechtsaußen sein, um zu sehen, dass in diesem Land vieles knirscht wie ein alter Schrank im Winter.

Aber aus berechtigtem Ärger kann etwas Gefährliches werden, wenn er nicht mehr nach Lösungen sucht, sondern nach Schuldigen.

Genau hier setzt die AfD an. Sie erklärt die Welt nicht. Sie sortiert sie. Oben die Verräter. Unten das angeblich betrogene Volk. Dazwischen Medien, Migranten, Grüne, Linke, Woke, Eliten, Europa, Klimapolitik, wer auch immer gerade ins Feindbild passt. Das ist bequem. Man muss nicht mehr nachdenken, nur noch zeigen.

Studien wie die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung beschreiben seit Jahren ein wachsendes Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen und eine zunehmende Offenheit für autoritäre und rechtsextreme Einstellungen.

Das bedeutet nicht, dass jeder AfD-Wähler ein geschlossen rechtsextremes Weltbild hat. Aber es bedeutet, dass viele bereit sind, sich von solchen Deutungen tragen zu lassen. Und das ist schlimm genug.

Migration als politischer Brandbeschleuniger

Migration ist für die AfD das große Sammelbecken. Dort landet fast alles: Angst vor Kriminalität, Sorge um Wohnraum, Ärger über Sozialleistungen, Überforderung der Kommunen, kulturelle Unsicherheit, das Gefühl, im eigenen Land nicht mehr gefragt zu sein.

Man kann über Migration streiten. Man muss es sogar. Ein demokratisches Land darf sich dieser Debatte nicht entziehen. Aber es ist ein Unterschied, ob man über Steuerung, Integration, Begrenzung und Verantwortung spricht – oder ob man Menschen pauschal zu einer Bedrohung erklärt.

Die AfD lebt davon, diesen Unterschied zu verwischen. Aus einem realen Problem wird ein allgemeines Ressentiment. Aus Überforderung wird Verachtung. Aus Politik wird Stimmung.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat mehrfach gezeigt, dass AfD-Anhänger beim Thema Migration besonders weit rechts stehen. Diese Wählergruppe ist also nicht nur zufällig dort gelandet. Viele teilen zentrale Positionen dieser Partei oder nehmen sie zumindest bewusst in Kauf.

Das ist der Punkt, an dem die Ausrede vom reinen Protest brüchig wird. Protest kann vieles erklären. Aber er wäscht nichts rein.

Die gekränkte Mitte

Besonders schwierig finde ich, dass sich viele AfD-Wähler selbst nicht als radikal empfinden. Sie sehen sich als normale Bürger mit gesundem Menschenverstand. Sie sagen: Man wird doch noch sagen dürfen. Sie sagen: Wir sind nicht rechts, wir sind realistisch. Sie sagen: Die anderen haben uns doch dahin getrieben.

Das ist eine merkwürdige Form der Selbstentlastung. Man tut so, als sei man nur ein Opfer der Umstände. Als könne man gar nicht anders. Als wäre die Wahl einer rechtsextrem geprägten Partei eine Art Notwehr.

Aber niemand wird gezwungen, AfD zu wählen.

Man kann wütend sein und trotzdem demokratisch bleiben. Man kann die Regierung ablehnen und trotzdem nicht die Verächter der Demokratie stärken. Man kann über Migration scharf streiten und trotzdem den Menschen nicht verlieren. Das ist mühsamer, ja. Aber Demokratie ist keine Wellness-Anwendung. Sie verlangt Zumutung, Geduld, Streit und Selbstbegrenzung.

Die AfD verspricht das Gegenteil: Erlösung durch Härte. Endlich Schluss mit dem Gerede. Endlich Durchgreifen. Endlich klare Kante. Das klingt für manche wie Ordnung. Ich höre darin eher das Knacken im Gebälk.

Ein kurzer Überblick über die Beweggründe

BeweggrundWas dahintersteckt
Wut auf „die da oben“Viele fühlen sich von Politik, Medien und Institutionen nicht mehr vertreten. Aus Enttäuschung wird Trotz. Aus Trotz wird Wahlentscheidung.
Angst vor KontrollverlustMigration, Inflation, Krieg, Klimapolitik und gesellschaftlicher Wandel werden als Bedrohung erlebt. Die AfD verspricht einfache Ordnung.
Kränkung der eigenen LebensweltManche empfinden Veränderungen als Abwertung dessen, was ihnen vertraut ist: Sprache, Heimat, Rollenbilder, nationale Identität.
Migration als ReizthemaZuwanderung wird zum Sammelbecken für viele Ängste: Wohnraum, Sicherheit, Sozialstaat, kulturelle Veränderung.
Misstrauen gegen Demokratie und MedienWer glaubt, „die da oben“ würden ohnehin lügen, ist empfänglicher für populistische und rechtsextreme Erzählungen.
Protest ohne VerantwortungEinige wollen ein Zeichen setzen und blenden aus, dass dieses Zeichen reale politische Folgen hat.
Autoritäre SehnsuchtEin Teil wünscht sich härtere Ansagen, stärkere Grenzen, weniger Kompromisse und mehr „Durchgreifen“.
Soziale Medien als VerstärkerEmpörung und Feindbilder verbreiten sich schneller als nüchterne Analyse. Die AfD nutzt diese Mechanik geschickt.
Gleichgültigkeit gegenüber RadikalisierungManche sehen die rechtsextreme Entwicklung, halten sie aber für weniger schlimm als ihre Wut auf die anderen Parteien.

Protest ist keine Unschuldserklärung

Ich verstehe Frust. Ich verstehe auch, dass Menschen genug haben von Beschwichtigungen. Wer jeden Tag erlebt, dass eine Behörde nicht funktioniert, dass eine Schule überfordert ist, dass Wohnungen fehlen oder dass politische Versprechen wie Herbstlaub verwehen, der wird nicht ruhiger, nur weil ihm jemand erklärt, die Demokratie sei aber wichtig.

Ja, sie ist wichtig. Gerade deshalb muss sie besser funktionieren.

Aber Protest ist keine Unschuldserklärung. Wer aus Protest ein Fenster einschlägt, kann hinterher nicht sagen, er habe nur frische Luft gewollt. Und wer aus Protest AfD wählt, stärkt eine Partei, die vom Bruch lebt. Nicht von der Reparatur.

Das ist für mich der entscheidende Punkt. Ich muss nicht jedem AfD-Wähler unterstellen, er sei ein überzeugter Rechtsextremist. Aber ich darf ihm sagen: Du machst Rechtsextreme stärker. Du gibst ihnen Macht. Du hilfst dabei, Grenzen zu verschieben. Du kannst dich nicht hinter deiner schlechten Laune verstecken.

Nein, nicht alle blöd. Schlimmer.

Also noch einmal: Sind die alle blöd?

Nein.

Einige sind schlecht informiert. Einige sind verbittert. Einige sind autoritär. Einige sind politisch heimatlos. Einige haben reale Sorgen und ziehen daraus gefährliche Schlüsse. Einige wollen einfach, dass „die da oben“ endlich eins auf die Mütze bekommen. Und einige wissen sehr genau, was sie tun.

Das ist schlimmer als Dummheit.

Dummheit wäre eine Entschuldigung, jedenfalls eine kleine. Was wir erleben, ist aber oft eine bewusste Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen. Man sieht die Radikalisierung und sagt: Na und? Man hört die Sprache und sagt: Endlich spricht es mal einer aus. Man sieht die Verachtung für Institutionen und nennt sie Mut.

Da wird es bitter.

Ich will AfD-Wähler nicht pauschal beschimpfen. Das bringt wenig und macht am Ende nur die Wagenburg fester. Aber ich will ihnen auch nicht die Verantwortung abnehmen. Wer erwachsen genug ist zu wählen, ist auch erwachsen genug, sich Kritik an dieser Wahl gefallen zu lassen.

Die AfD wird nicht gewählt, weil Millionen Menschen plötzlich dumm geworden sind. Sie wird gewählt, weil Wut, Angst, Kränkung und Misstrauen politisch gebündelt werden. Das erklärt einiges. Es entschuldigt aber nichts.

Und vielleicht ist genau das der Satz, mit dem wir weiterreden müssen: Nicht alle AfD-Wähler sind Nazis. Aber alle AfD-Wähler helfen einer Partei, deren rechtsextreme Richtung längst sichtbar ist.

Das ist keine Beschimpfung. Es ist die Rechnung.

Wer sind eigentlich „die Reichen“?

18. Mai 2026

Ulrike Herrmann ist Wirtschaftsjournalistin der taz, Buchautorin und eine der prägnantesten Stimmen, wenn es um Kapitalismus, Verteilung und Macht geht. Im Podcast „Hotel Matze“ (Mai 2026) spricht sie über Deutschlands Abstiegsangst, Inflation – und vor allem über ein Thema, das sie seit Jahren umtreibt: die extreme Vermögensverteilung in diesem Land und warum kaum jemand das wirklich wahrhaben will.

Inhalt

Das Thema Vermögensverteilung zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gespräch. Herrmanns These klingt simpel, hat es aber in sich: Fast niemand in Deutschland hält sich für reich. Und genau das, sagt sie, ist das eigentliche Problem.

Der Selbstbetrug der Mittelschicht

Das reichste Zehntel der Bevölkerung besitzt über 54 Prozent des gesamten Privatvermögens in Deutschland. Die untere Hälfte kommt zusammen auf gerade einmal 3 Prozent. Das sind Zahlen der Deutschen Bundesbank – keine linke Propaganda. Dennoch empfindet sich der weitaus größte Teil der Bevölkerung als „Mitte“, auch wer objektiv zur vermögenden Oberschicht zählt.

ulrike herrmann vermoegensverteilung steuergeschenke
ulrike herrmann vermoegensverteilung steuergeschenke

Herrmann erklärt das mit einer kollektiven Selbsttäuschung: Wer sich nicht als reich definiert, muss sich auch nicht fragen, ob er mehr zum Gemeinwohl beitragen sollte. Die Debatte über Erbschaftsteuer oder Vermögensteuer wird so schon im Ansatz entschärft – nicht durch Argumente, sondern durch Selbstwahrnehmung.

Steuergeschenke und die Frage der Adressaten

Hier liegt ein echter Widerspruch, den man Herrmann nicht ersparen sollte. Die geplante Senkung der Körperschaftsteuer von 15 auf 10 Prozent würde dem Staat rund 20 Milliarden Euro entziehen – hinzu kommen 13 Milliarden für die Soli-Abschaffung (die nur das reichste Fünftel zahlt) sowie 41 Milliarden bei der Einkommensteuer, die überproportional Gutverdiener entlasten würden. Addiert summieren sich die Steuerpläne der Union laut Herrmann auf rund 89 Milliarden Euro – ohne klare Gegenfinanzierung.

Aber: Die Empfänger der Körperschaftsteuersenkung sind zunächst juristische Personen – Kapitalgesellschaften, Mittelständler, Konzerne. Kein Mensch, kein „Reicher“ im direkten Sinne. Das ist ein berechtigter Einwand. Wer hier pauschal von Steuergeschenken „an die Reichen“ spricht, vereinfacht. Ein Handwerksbetrieb in GmbH-Form profitiert genauso wie ein DAX-Konzern.

Klassenkampf – oder nur konsequente Verteilungsanalyse?

Herrmann würde dem entgegenhalten, dass Unternehmensgewinne letztlich bei Eigentümern und Aktionären landen – und Kapitalbesitz in Deutschland extrem konzentriert ist. Das reichste Prozent der Bevölkerung hält laut DIW sogar über 35 Prozent des gesamten Privatvermögens. Insofern fließt eine Entlastung von Unternehmen strukturell an die Vermögenden – auch wenn der unmittelbare Empfänger eine GmbH ist.

Die Frage, ob das Klassenkampf ist, hängt davon ab, wie man den Begriff verwendet. Herrmann betreibt kein Agitprop, sondern stützt ihre Thesen auf empirische Daten zur Vermögensverteilung. Was man ihr vorwerfen kann: Sie blendet die Investitions- und Standortlogik aus – also die Frage, ob niedrigere Unternehmenssteuern nicht auch Arbeitsplätze sichern oder neu schaffen. Das ist eine normative Vorentscheidung, keine neutrale Analyse. Gabriel Zucmans Buch „Reichensteuer. Aber richtig!“ – das Herrmann im Podcast explizit empfiehlt – zeigt, dass es auch differenziertere Wege gibt, über Umverteilung nachzudenken, ohne in Klassenkampf-Rhetorik zu verfallen.

Das vollständige Gespräch mit Ulrike Herrmann lohnt sich – gerade weil es an mehreren Stellen unbequem wird, auch für die eigene Wahrnehmung.

Wenn der Staat an seine Grenzen kommt und manche es nicht merken

18. Mai 2026

Antizyklische Finanzpolitik wird vermutlich auch nicht mehr helfen

Antizyklische Finanzpolitik klingt erst einmal vernünftig. In schlechten Zeiten soll der Staat stützen, investieren, Arbeitsplätze sichern und verhindern, dass aus einer Krise ein Absturz wird. Das ist kein Teufelszeug. Im Gegenteil. Ein Staat, der in der Krise nur auf die schwarze Null starrt, wirkt ungefähr so hilfreich wie ein Feuerwehrmann, der beim Brand erst einmal den Wasserverbrauch prüft. Allerdings – aber John Maynard Keynes ist auch schon eine Weile tot.

Aber jede vernünftige Idee hat ihre Grenze. Antizyklische Finanzpolitik funktioniert, wenn es wirklich um einen Zyklus geht. Also um ein Auf und Ab. Um schlechte Jahre, denen wieder bessere folgen. Schwierig wird es, wenn aus der Ausnahme ein Dauerzustand wird. Zudem reden wir nicht über konjunkturelle Schwankungen, sondern über strukturelle Probleme, die kaum noch lösbar erscheinen. Nicht unter den gegebenen Voraussetzungen. Jetzt wird nicht überbrückt, sondern zugedeckt, verschleiert. Ich sage das vor allem deshalb, weil wir inzwischen wissen, wofür die Schulden gemacht werden. Jedenfalls wird das Geld nicht dafür investiert, wofür es ausdrücklich vorgesehen war. Jedes ungelöste Strukturproblem bekommt ein neues Etikett, und auf diesem Etikett steht: Krise.

Das ist der Status quo Deutschlands. Hoffnung ist eine teure Mangelware.

Deutschland hat nicht nur ein Haushaltsproblem. Deutschland hat ein Problem mit seiner eigenen Leistungsfähigkeit. Von wegen, Deutschland ist ein reiches Land. Infrastruktur, Bildung, Pflege, Verteidigung, Wohnungsmarkt, Verwaltung, Digitalisierung, Kommunen, Integration – überall knirscht es. Nicht leise. Eher so, als würde jemand mit dem Akkuschrauber im Sicherungskasten arbeiten.

Migration als Verstärker

Ich halte wenig davon, Migration zur Mutter aller Probleme zu erklären. Das ist zu billig. Ebenso wenig halte ich es für sinnvoll, Folgen der Migration zu verallgemeinern, wozu wir leider stark neigen. Das ist vielleicht bequem und moralisch längst nicht mehr so unannehmbar wie noch vor wenigen Jahren. Eben erst wurde gemeldet, wie groß unser Problem (nicht allein) bei der Bildung von Kindern und Jugendlichen geworden ist. Dass diese unsere Zukunft massiv einschränkende Gewissheit so wenig beachtet wird, ist bitter und sofort ist der Reflex in meinem Fall (72) der, den viele ältere Menschen im Land offen äußern: „Mir kanns ja egal sein…“.

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Laut einer Unicef-Studie liegt Deutschland im Kinderwohl-Ranking nur auf Platz 25 von 37 wohlhabenden Ländern. Besonders kritisch ist das Bildungsniveau, da nur 60% der 15-Jährigen die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik erreichen. Unicef empfiehlt der Bundesregierung, Kinderarmut zu bekämpfen und gezielt in benachteiligte Kinder zu investieren.

Quelle: WELT

Der deutsche Staat war an vielen Stellen schon vorher überlastet. Migration hat diese Überlastung in eine Größenordnung verstärkt, dass ich mich nur darüber wundern kann, wie manche es schaffen, die Augen vor den Zusammenhängen einfach zu verschließen und jeden Anklang von schrecklicher und unverantwortlicher Überforderung leugnen. Dabei sind die Dinge sichtbar und fühlbar wie nie. In Schulen, in Kitas, auf dem Wohnungsmarkt, in Ausländerbehörden, bei Jobcentern, in Kommunen.

Der Bund kann Schulden beschließen. Er kann Programme auflegen. Er kann Milliarden verteilen. Aber er kann nicht per Haushaltsvermerk neue Lehrer, Wohnungen, Integrationskurse, Sachbearbeiter und Ärzte aus dem Boden ziehen. Das haben alle inzwischen kapiert. Das ist die Grenze, über die viel zu selten gesprochen wird: Geld ist wichtig aber auch das löst nicht alle Probleme!

Der Bundeshaushalt 2025 umfasst Ausgaben von rund 502,55 Milliarden Euro in 2025 und 524,54 Milliarden im Jahr 2026. Das sind gewaltige Summen, und sie zeigen auch, wie eng die Spielräume geworden sind. Aber unsere Schuldenquote, sagen viele, sei ja doch im Rahmen – jedenfalls im Vergleich zu den USA, Japan, Italien, und Frankreich. Deutschland steht an diesem Punkt immer noch verhältnismäßig gut da.

Zugleich gab der Bund 2024 rund 28 Milliarden Euro im Kontext von Flucht und Migration aus. Quelle.

Man muss diese Zahlen nicht skandalisieren. Aber man sollte sie auch nicht wegstreicheln.

Bundesausgaben / Unterstützung im Kontext Flucht und MigrationHinweise
2024rund 28 Mrd. €davon ca. 8,1 Mrd. € Fluchtursachenbekämpfung; rund 19,8 Mrd. € unmittelbare oder mittelbare Unterstützung von Ländern/Kommunen bzw. entsprechende Leistungen
2023rund 29,8 Mrd. €davon ca. 10 Mrd. € Fluchtursachenbekämpfung; rund 19 Mrd. € Zahlungen/Leistungen zur Unterstützung von Ländern und Kommunen
2022rund 28 Mrd. €davon über 12 Mrd. € Fluchtursachenbekämpfung; rund 15 Mrd. € Entlastung von Ländern und Kommunen
2021ca. 21,8 Mrd. € rechnerisch3,02 Mrd. € direkte Unterstützung an Länder/Kommunen plus 18,8 Mrd. € weitere Bundesausgaben; davon ca. 9,8 Mrd. € Fluchtursachenbekämpfung
2020ca. 22,5 Mrd. € rechnerisch3,7 Mrd. € Unterstützung an Länder/Kommunen plus 18,8 Mrd. € weitere Bundesausgaben; davon ca. 9,9 Mrd. € Fluchtursachenbekämpfung
2019mindestens 6,3 Mrd. € direkte UnterstützungIn der Bundestagsmeldung zu 2020 wird der Vorjahreswert für Unterstützungszahlungen genannt; für die vollständige vergleichbare Gesamtsumme müsste man den damaligen Bericht gesondert auswerten
201720,8 Mrd. €davon 6,6 Mrd. € Unterstützung an Länder/Kommunen und 14,2 Mrd. € weitere Bundesausgaben; davon 6,8 Mrd. € Fluchtursachenbekämpfung
Quellen

https://dserver.bundestag.de/btd/21/003/2100330.pdf
https://dserver.bundestag.de/btd/20/115/2011546.pdf
https://dserver.bundestag.de/btd/20/068/2006850.pdf
https://dserver.bundestag.de/btd/20/024/2002485.pdf
https://dserver.bundestag.de/btd/19/305/1930525.pdf
https://dserver.bundestag.de/btd/19/024/1902499.pdf

Die linke Ausweichbewegung

Mich stört an der grünen und roten Abwehrhaltung, dass sie häufig so tut, als sei Überforderung nur ein Wort aus dem Wörterbuch der Rechten. Das ist ein Fehler. Ein großer sogar. Das sehen wir nicht zuletzt an der Zustimmung, die die AfD inzwischen immer mehr flächendeckend erhält.

Denn Menschen erleben Überforderung nicht als Theorie. Sie erleben sie, wenn sie keine Wohnung finden. Wenn die Schule der Kinder personell am Anschlag läuft. Wenn ein Termin bei der Behörde Monate dauert. Wenn Kommunen sagen, sie könnten nicht mehr, und ihnen aus Berlin erklärt wird, sie müssten eben besser kommunizieren. Kommunikation ersetzt keine Turnhalle, keine Sozialarbeiterin und keine bezahlbare Wohnung. Oder wie Kinder keinen adäquaten Schulunterricht mehr erhalten, weil die Lehrer es in ihren Klassen mitunter mit einem Gewirr an Fremdsprachen zu tun bekommen. Das mögen vielleicht Ausnahmen sein, die an Brennpunkten wirken. Ich habe das Gefühl, dass dieser Teil von Überforderung längst amtlich ist. Warum liegt Deutschland in den üblichen Rankings ansonsten so schlecht?

Natürlich muss man aufpassen. Der Satz „Der Staat ist überfordert“ kann schnell zum politischen Rammbock werden. Er kann gegen Schutzsuchende gerichtet werden, gegen Arme, gegen Fremde, gegen alle, die angeblich zu viel kosten. Diese Gefahr ist real. Aber sie wird nicht kleiner, wenn man die Überforderung leugnet. Im Gegenteil. Wer berechtigte Sorgen nicht ernst nimmt, liefert sie denen aus, die daraus Ressentiment kochen.

Der Sozialstaat braucht Ehrlichkeit

Ein starker Sozialstaat braucht nicht nur Geld. Er braucht Vertrauen. Und Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass man den Leuten erklärt, sie sähen die Dinge falsch. Vertrauen entsteht, wenn Politik offen sagt, was geht, was nicht geht und was neu geordnet werden muss.

Migration kann gelingen. Sie kann Deutschland helfen. Gerade ein alterndes Land braucht Zuwanderung. Aber wie oft müssen wir das noch hören, bis wir begreifen, dass sie kein Selbstläufer ist. Wer Menschen aufnimmt, muss auch sagen, wie Integration praktisch funktionieren soll. Sprache, Arbeit, Wohnraum, Bildung, Sicherheit, Regeln. Nicht als Drohkulisse, sondern als Voraussetzung für Zusammenhalt.

Das Geld für die geforderte antizyklische Finanzpolitik darf dabei nicht zur Ausrede werden. Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Verwaltung sind notwendig. Schulden können sinnvoll sein, wenn sie Zukunft schaffen. Aber Schulden werden gefährlich, wenn sie nur verdecken, dass der Staat sich längst an Aufgaben gewöhnt hat, die er organisatorisch nicht mehr bewältigt.

Das Problem ist also nicht allein die Migration. Das Problem ist ein Staat, der zu lange geglaubt hat, er könne alles gleichzeitig versprechen: offene Türen, niedrige Belastungen, starke Leistungen, schnelle Verfahren, gute Schulen, bezahlbare Wohnungen, solide Finanzen und zufriedene Kommunen. Das klingt schön. Aber Politik ist keine Wünsch-Dir-was-Maschine mit Bundesadler.

Wir müssen präziser werden

Mein Eindruck ist deshalb: Nein, es ist nicht falsch, von Überforderung zu sprechen. Falsch wird es erst, wenn daraus eine pauschale Schuldzuweisung wird. Allerdings ist Migration eine Ursache staatlicher Schwäche. Die ehrliche Frage lautet nicht: Sind wir für oder gegen Migration? Die ehrliche Frage lautet: Was kann dieser Staat leisten, ohne sich selbst und seine Bürger zu überfordern? Gauck hat das mal so formuliert: „Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich. Unser Asyl- und Flüchtlingsrecht bemisst sich nicht nach Zahlen, und doch wissen wir: Unsere Aufnahmekapazität ist begrenzt, auch wenn wir nicht genau wissen, wo die Grenzen liegen.“

Inzwischen wissen wir, dass die Grenzen überschritten sind. So krass, dass wir uns fragen müssen, wie die Zukunft für unser Land aussieht. Und wem das hier zu einseitig in der Betrachtung zulasten des Migrationsproblems ist, soll ruhig weiter meckern und darüber hinaus Gott einen guten Mann sein lassen.

Wer solche Fragen stellt, ist nicht automatisch rechts. Er ist auch nicht herzlos. Er nimmt nur ernst, dass Humanität ohne Ordnung auf Dauer nicht trägt.

Der schwarze Kanal und mein roter Puls

18. Mai 2026

Es gibt Formate, bei denen ich mich schon beim Einschalten frage, ob ich eigentlich noch ganz bei Trost bin. Der „Schwarze Kanal“ mit Jan Fleischhauer gehört für mich dazu. Ich sehe diese Videos, höre dieses süffisante Gequatsche von Fleischhauer und seiner Stichwortgeberin, diese scheinbar weltkluge Abgeklärtheit, diesen Ton, der immer schon weiß, dass die anderen naiv, hysterisch oder moralisch beschädigt sind – und merke, wie sich bei mir innerlich etwas zusammenzieht. Ähnlich geht’s mir mit den Focus-Beiträgen von Ulrich Reitz. Alles weiß der Typ besser. Bestimmt schließt das nicht nur die Arbeit unserer Bundesregierung ein.

Inhalt

Scheinbar unauflösliche Widersprüche im Kopf

Ich finde dieses Format furchtbar. Nicht, weil dort konservative Positionen vertreten werden. Damit könnte ich leben. Auch Widerspruch kann anregend sein. Aber dieser spezielle Mix aus Überlegenheit, Spott und Zynismus geht mir auf die Nerven. Er tut so, als sei er Analyse, wirkt auf mich aber oft wie sorgfältig polierte Gereiztheit. Da wird nicht gestritten, da wird herabgesehen. Da wird nicht geprüft, da wird abgeurteilt. Und die blonde Stichwortgeberin liefert zuverlässig jene kleinen Bälle, die Fleischhauer dann mit routinierter Selbstzufriedenheit verwandelt.

Das kann man mögen. Viele mögen es offenbar. Ich nicht.

Warum schaue ich mir das trotzdem an?

Und damit sind wir beim eigentlich interessanten Teil. Denn die ehrlichere Frage lautet nicht: Warum gibt es dieses Format? Die ehrlichere Frage lautet: Warum sehe ich es mir an?

Ich könnte es lassen. Niemand zwingt mich. Kein dunkler Algorithmus steht nachts neben meinem Bett und flüstert: „Horst, nur noch eine Folge.“ Trotzdem klicke ich wieder hinein. Manchmal aus Neugier, manchmal aus Ärger, manchmal mit jener unguten Erwartung, dass es gleich wieder genauso kommt, wie ich es befürchte. Und dann kommt es oft auch so.

Vielleicht brauche ich diese Empörung. Nicht im Sinne einer billigen Sucht nach Aufregung, aber als Reibungsfläche. Manchmal wird die eigene Haltung erst dann klar, wenn sie auf etwas trifft, das ihr widerspricht. Ein stumpfer Satz, eine zynische Bemerkung, ein süffisantes Lächeln – und plötzlich sortieren sich die eigenen Gedanken. Man merkt, wo man steht. Man merkt auch, wo man nicht stehen möchte.

Empörung kann ein Brennstoff sein. Kein besonders sauberer, eher einer mit Rußpartikeln und schlechter CO₂-Bilanz. Aber er bringt manchmal den Motor in Gang.

Die Psychologie der Gegenlektüre

Es gibt dafür mehrere psychologische Erklärungen. Eine davon ist schlicht: Wir beobachten den Gegner. Wer politisch interessiert ist, will wissen, wie die andere Seite argumentiert, welche Begriffe sie setzt, welche Erzählungen sie pflegt. Man schaut nicht nur aus Interesse, sondern auch aus Wachsamkeit. Man will rechtzeitig erkennen, welche Sätze gerade in Umlauf gebracht werden.

Dazu kommt der sogenannte Negativity Bias. Das Negative zieht unsere Aufmerksamkeit stärker an als das Angenehme. Ein kluger, ausgewogener Beitrag kann uns gefallen und nach fünf Minuten vergessen sein. Eine herablassende Bemerkung dagegen bleibt hängen wie ein Klettenball am Hosenbein. Unser Gehirn sagt: Achtung, Gefahr, Ärger, Widerspruch. Und schon sitzen wir da, obwohl wir eigentlich längst etwas Besseres tun könnten. Zum Beispiel aus dem Fenster schauen. Oder Kaffee trinken. Oder beides, was ohnehin oft die beste politische Analyse ersetzt.

Dann gibt es noch den Reiz der Selbstvergewisserung. Wer sich ein Format anschaut, das ihn regelmäßig ärgert, sucht darin manchmal auch die Bestätigung der eigenen Kritik. Man denkt: Siehst du, genau das meine ich. Wieder dieser Ton. Wieder diese Kälte. Wieder diese Pose, als sei Menschlichkeit nur eine Schwäche der untrainierten Denkenden.

Das ist nicht schön. Aber es ist menschlich.

Empörung ist nicht automatisch Erkenntnis

Trotzdem muss man vorsichtig sein. Empörung fühlt sich oft wie Klarheit an. Sie ist heiß, direkt und körperlich. Aber sie ist nicht automatisch Erkenntnis. Wer sich ständig aufregt, kann irgendwann glauben, die eigene Erregung sei schon ein Argument. Das ist sie nicht.

Ich muss mir diese Frage also auch selbst stellen: Schaue ich den „Schwarzen Kanal“, um eine Gegenposition zu formulieren – oder schaue ich ihn, weil ich mich an meiner Gegenposition wärmen möchte? Das ist ein Unterschied. Der erste Impuls kann produktiv sein. Der zweite macht abhängig von dem, was man ablehnt.

Politische Medien leben heute stark von Reibung. Nicht nur auf der rechten Seite, nicht nur im konservativen Lager. Empörung ist überall. Sie klickt gut, sie bindet, sie macht wach. Aber sie verengt auch. Wer ständig in Gegnerbildern denkt, verliert irgendwann die feinen Unterschiede. Und genau darin liegt die Gefahr solcher Formate: Sie verwandeln politische Debatte in ein Theater der dauernden Abwertung.

Der Zynismus als Weltanschauung

Was mich am „Schwarzen Kanal“ besonders stört, ist dieser Zynismus, der sich als Nüchternheit verkleidet. Da wird gern so getan, als seien Mitgefühl, gesellschaftliche Verantwortung oder demokratische Sorge bloß sentimentale Verrenkungen einer naiven Linksliberalität. Wer warnt, übertreibt. Wer differenziert, schwurbelt. Wer anständig bleiben möchte, gilt schnell als moralisch eitel.

Mein vorläufiges Fazit

Der „Schwarze Kanal“ schenkt mir keine Erkenntnis. Er zeigt mir eher, welche Art öffentlicher Rede ich ablehne: Spott, Selbstgewissheit, Zynismus als Pose.

Trotzdem schaue ich manchmal hin. Aus Ärger, aus Neugier, auch um meine Gegenposition zu schärfen. Aber diese Empörung darf kein Zuhause werden. Sie kann ein Streichholz sein: kurz entzünden, Licht machen, dann weglegen.

Am Ende geht es nicht darum, Fleischhauer zu widerlegen. Es geht darum, nicht selbst so zu werden: hart im Ton, arm an Zweifel, reich an Spott. Eine Demokratie braucht Widerspruch. Aber sie braucht keinen Zynismus als Weltanschauung.

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