Wer sind eigentlich „die Reichen“?

18. Mai 2026
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Ulrike Herrmann erklärt im Podcast „Hotel Matze", warum sich kaum jemand für reich hält – und warum das politisch gefährlich ist. Eine kritische Betrachtung von Steuergeschenken, Klassenkampf-Rhetorik und Vermögensverteilung.

ulrike herrmann vermoegensverteilung steuergeschenke

Ulrike Herrmann ist Wirtschaftsjournalistin der taz, Buchautorin und eine der prägnantesten Stimmen, wenn es um Kapitalismus, Verteilung und Macht geht. Im Podcast „Hotel Matze“ (Mai 2026) spricht sie über Deutschlands Abstiegsangst, Inflation – und vor allem über ein Thema, das sie seit Jahren umtreibt: die extreme Vermögensverteilung in diesem Land und warum kaum jemand das wirklich wahrhaben will.

Inhalt

Das Thema Vermögensverteilung zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gespräch. Herrmanns These klingt simpel, hat es aber in sich: Fast niemand in Deutschland hält sich für reich. Und genau das, sagt sie, ist das eigentliche Problem.

Der Selbstbetrug der Mittelschicht

Das reichste Zehntel der Bevölkerung besitzt über 54 Prozent des gesamten Privatvermögens in Deutschland. Die untere Hälfte kommt zusammen auf gerade einmal 3 Prozent. Das sind Zahlen der Deutschen Bundesbank – keine linke Propaganda. Dennoch empfindet sich der weitaus größte Teil der Bevölkerung als „Mitte“, auch wer objektiv zur vermögenden Oberschicht zählt.

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Herrmann erklärt das mit einer kollektiven Selbsttäuschung: Wer sich nicht als reich definiert, muss sich auch nicht fragen, ob er mehr zum Gemeinwohl beitragen sollte. Die Debatte über Erbschaftsteuer oder Vermögensteuer wird so schon im Ansatz entschärft – nicht durch Argumente, sondern durch Selbstwahrnehmung.

Steuergeschenke und die Frage der Adressaten

Hier liegt ein echter Widerspruch, den man Herrmann nicht ersparen sollte. Die geplante Senkung der Körperschaftsteuer von 15 auf 10 Prozent würde dem Staat rund 20 Milliarden Euro entziehen – hinzu kommen 13 Milliarden für die Soli-Abschaffung (die nur das reichste Fünftel zahlt) sowie 41 Milliarden bei der Einkommensteuer, die überproportional Gutverdiener entlasten würden. Addiert summieren sich die Steuerpläne der Union laut Herrmann auf rund 89 Milliarden Euro – ohne klare Gegenfinanzierung.

Aber: Die Empfänger der Körperschaftsteuersenkung sind zunächst juristische Personen – Kapitalgesellschaften, Mittelständler, Konzerne. Kein Mensch, kein „Reicher“ im direkten Sinne. Das ist ein berechtigter Einwand. Wer hier pauschal von Steuergeschenken „an die Reichen“ spricht, vereinfacht. Ein Handwerksbetrieb in GmbH-Form profitiert genauso wie ein DAX-Konzern.

Klassenkampf – oder nur konsequente Verteilungsanalyse?

Herrmann würde dem entgegenhalten, dass Unternehmensgewinne letztlich bei Eigentümern und Aktionären landen – und Kapitalbesitz in Deutschland extrem konzentriert ist. Das reichste Prozent der Bevölkerung hält laut DIW sogar über 35 Prozent des gesamten Privatvermögens. Insofern fließt eine Entlastung von Unternehmen strukturell an die Vermögenden – auch wenn der unmittelbare Empfänger eine GmbH ist.

Die Frage, ob das Klassenkampf ist, hängt davon ab, wie man den Begriff verwendet. Herrmann betreibt kein Agitprop, sondern stützt ihre Thesen auf empirische Daten zur Vermögensverteilung. Was man ihr vorwerfen kann: Sie blendet die Investitions- und Standortlogik aus – also die Frage, ob niedrigere Unternehmenssteuern nicht auch Arbeitsplätze sichern oder neu schaffen. Das ist eine normative Vorentscheidung, keine neutrale Analyse. Gabriel Zucmans Buch „Reichensteuer. Aber richtig!“ – das Herrmann im Podcast explizit empfiehlt – zeigt, dass es auch differenziertere Wege gibt, über Umverteilung nachzudenken, ohne in Klassenkampf-Rhetorik zu verfallen.

Das vollständige Gespräch mit Ulrike Herrmann lohnt sich – gerade weil es an mehreren Stellen unbequem wird, auch für die eigene Wahrnehmung.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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