Der schwarze Kanal und mein roter Puls

18. Mai 2026
5 Min.

Ich mag den „Schwarzen Kanal“ nicht. Trotzdem sehe ich ihn mir immer wieder an. Dieser Beitrag fragt, warum uns Formate fesseln, die uns aufregen: aus Widerspruch, Kontrollbedürfnis, politischer Wachsamkeit — und vielleicht auch aus einer ziemlich menschlichen Lust am Gegenfeuer.

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Es gibt Formate, bei denen ich mich schon beim Einschalten frage, ob ich eigentlich noch ganz bei Trost bin. Der „Schwarze Kanal“ mit Jan Fleischhauer gehört für mich dazu. Ich sehe diese Videos, höre dieses süffisante Gequatsche von Fleischhauer und seiner Stichwortgeberin, diese scheinbar weltkluge Abgeklärtheit, diesen Ton, der immer schon weiß, dass die anderen naiv, hysterisch oder moralisch beschädigt sind – und merke, wie sich bei mir innerlich etwas zusammenzieht. Ähnlich geht’s mir mit den Focus-Beiträgen von Ulrich Reitz. Alles weiß der Typ besser. Bestimmt schließt das nicht nur die Arbeit unserer Bundesregierung ein.

Inhalt

Scheinbar unauflösliche Widersprüche im Kopf

Ich finde dieses Format furchtbar. Nicht, weil dort konservative Positionen vertreten werden. Damit könnte ich leben. Auch Widerspruch kann anregend sein. Aber dieser spezielle Mix aus Überlegenheit, Spott und Zynismus geht mir auf die Nerven. Er tut so, als sei er Analyse, wirkt auf mich aber oft wie sorgfältig polierte Gereiztheit. Da wird nicht gestritten, da wird herabgesehen. Da wird nicht geprüft, da wird abgeurteilt. Und die blonde Stichwortgeberin liefert zuverlässig jene kleinen Bälle, die Fleischhauer dann mit routinierter Selbstzufriedenheit verwandelt.

Das kann man mögen. Viele mögen es offenbar. Ich nicht.

Warum schaue ich mir das trotzdem an?

Und damit sind wir beim eigentlich interessanten Teil. Denn die ehrlichere Frage lautet nicht: Warum gibt es dieses Format? Die ehrlichere Frage lautet: Warum sehe ich es mir an?

Ich könnte es lassen. Niemand zwingt mich. Kein dunkler Algorithmus steht nachts neben meinem Bett und flüstert: „Horst, nur noch eine Folge.“ Trotzdem klicke ich wieder hinein. Manchmal aus Neugier, manchmal aus Ärger, manchmal mit jener unguten Erwartung, dass es gleich wieder genauso kommt, wie ich es befürchte. Und dann kommt es oft auch so.

Vielleicht brauche ich diese Empörung. Nicht im Sinne einer billigen Sucht nach Aufregung, aber als Reibungsfläche. Manchmal wird die eigene Haltung erst dann klar, wenn sie auf etwas trifft, das ihr widerspricht. Ein stumpfer Satz, eine zynische Bemerkung, ein süffisantes Lächeln – und plötzlich sortieren sich die eigenen Gedanken. Man merkt, wo man steht. Man merkt auch, wo man nicht stehen möchte.

Empörung kann ein Brennstoff sein. Kein besonders sauberer, eher einer mit Rußpartikeln und schlechter CO₂-Bilanz. Aber er bringt manchmal den Motor in Gang.

Die Psychologie der Gegenlektüre

Es gibt dafür mehrere psychologische Erklärungen. Eine davon ist schlicht: Wir beobachten den Gegner. Wer politisch interessiert ist, will wissen, wie die andere Seite argumentiert, welche Begriffe sie setzt, welche Erzählungen sie pflegt. Man schaut nicht nur aus Interesse, sondern auch aus Wachsamkeit. Man will rechtzeitig erkennen, welche Sätze gerade in Umlauf gebracht werden.

Dazu kommt der sogenannte Negativity Bias. Das Negative zieht unsere Aufmerksamkeit stärker an als das Angenehme. Ein kluger, ausgewogener Beitrag kann uns gefallen und nach fünf Minuten vergessen sein. Eine herablassende Bemerkung dagegen bleibt hängen wie ein Klettenball am Hosenbein. Unser Gehirn sagt: Achtung, Gefahr, Ärger, Widerspruch. Und schon sitzen wir da, obwohl wir eigentlich längst etwas Besseres tun könnten. Zum Beispiel aus dem Fenster schauen. Oder Kaffee trinken. Oder beides, was ohnehin oft die beste politische Analyse ersetzt.

Dann gibt es noch den Reiz der Selbstvergewisserung. Wer sich ein Format anschaut, das ihn regelmäßig ärgert, sucht darin manchmal auch die Bestätigung der eigenen Kritik. Man denkt: Siehst du, genau das meine ich. Wieder dieser Ton. Wieder diese Kälte. Wieder diese Pose, als sei Menschlichkeit nur eine Schwäche der untrainierten Denkenden.

Das ist nicht schön. Aber es ist menschlich.

Empörung ist nicht automatisch Erkenntnis

Trotzdem muss man vorsichtig sein. Empörung fühlt sich oft wie Klarheit an. Sie ist heiß, direkt und körperlich. Aber sie ist nicht automatisch Erkenntnis. Wer sich ständig aufregt, kann irgendwann glauben, die eigene Erregung sei schon ein Argument. Das ist sie nicht.

Ich muss mir diese Frage also auch selbst stellen: Schaue ich den „Schwarzen Kanal“, um eine Gegenposition zu formulieren – oder schaue ich ihn, weil ich mich an meiner Gegenposition wärmen möchte? Das ist ein Unterschied. Der erste Impuls kann produktiv sein. Der zweite macht abhängig von dem, was man ablehnt.

Politische Medien leben heute stark von Reibung. Nicht nur auf der rechten Seite, nicht nur im konservativen Lager. Empörung ist überall. Sie klickt gut, sie bindet, sie macht wach. Aber sie verengt auch. Wer ständig in Gegnerbildern denkt, verliert irgendwann die feinen Unterschiede. Und genau darin liegt die Gefahr solcher Formate: Sie verwandeln politische Debatte in ein Theater der dauernden Abwertung.

Der Zynismus als Weltanschauung

Was mich am „Schwarzen Kanal“ besonders stört, ist dieser Zynismus, der sich als Nüchternheit verkleidet. Da wird gern so getan, als seien Mitgefühl, gesellschaftliche Verantwortung oder demokratische Sorge bloß sentimentale Verrenkungen einer naiven Linksliberalität. Wer warnt, übertreibt. Wer differenziert, schwurbelt. Wer anständig bleiben möchte, gilt schnell als moralisch eitel.

Mein vorläufiges Fazit

Der „Schwarze Kanal“ schenkt mir keine Erkenntnis. Er zeigt mir eher, welche Art öffentlicher Rede ich ablehne: Spott, Selbstgewissheit, Zynismus als Pose.

Trotzdem schaue ich manchmal hin. Aus Ärger, aus Neugier, auch um meine Gegenposition zu schärfen. Aber diese Empörung darf kein Zuhause werden. Sie kann ein Streichholz sein: kurz entzünden, Licht machen, dann weglegen.

Am Ende geht es nicht darum, Fleischhauer zu widerlegen. Es geht darum, nicht selbst so zu werden: hart im Ton, arm an Zweifel, reich an Spott. Eine Demokratie braucht Widerspruch. Aber sie braucht keinen Zynismus als Weltanschauung.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

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4 Kommentare zu „Der schwarze Kanal und mein roter Puls“

  1. Ich schaute bisher so etwas nicht.

    Vielleicht ist es Neid, daß solche Formate funzen und dein eigener Kanal keine echte Chance erhält, wo Du es doch ganz anders machst.

    Du wirst das wohl abstreiten.
    Aber wenn Du z.b. auf einem Keramikmarkt siehst, wie Entlein und Fröschlein reissend Absatz finden und dein eigener Stand verwaist ist…

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