Den Beitrag von Bloghexe habe ich mit Sympathie gelesen. Da schreibt jemand, der Blogs liebt. Das merkt man jeder Zeile an. Und ja: Diese Liebe ist mir näher als das übliche Plattform-Gebrüll, bei dem nach drei Sekunden schon wieder die nächste Sau durchs digitale Dorf rennt.
Trotzdem stolpere ich über den Grundton. Er klingt mir stellenweise zu sehr nach Selbstvergewisserung. Nach einem freundlichen Ruf in den Wald: Bitte bloggt weiter, sonst bleibt nur noch KI-Matsche übrig. Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit.
Sichtbarkeit entsteht nicht durch bloßes Dasein
Bloggen war einmal ein kleines Versprechen: Schreib etwas Eigenes, veröffentliche es, und mit etwas Glück findet dich jemand. Über Suchmaschinen, Blogrolls, Kommentare, RSS, Zufall. Dieses offene Netz hatte etwas Wunderbares. Es war unordentlich, eigensinnig, manchmal schräg. Also ziemlich menschlich.
Heute ist die Lage härter. Viele Blogs verschwinden im Grundrauschen. Google liefert Antworten, ohne dass noch geklickt wird. KI fasst Inhalte zusammen, ohne den Ursprung wirklich sichtbar zu machen. Plattformen binden Aufmerksamkeit wie Sirup die Fliege.
Da reicht es nicht mehr zu sagen: Wer bloggt, sichert sich Sichtbarkeit von morgen. Schön wäre es. Aber so einfach ist es nicht. Bloggen schafft eine Spur. Ob diese Spur gefunden wird, steht auf einem anderen Blatt.
KI ist nicht der eigentliche Gegner
Ich halte wenig davon, KI als große Textmüllmaschine zu beschreiben und damit die Sache für erledigt zu erklären. Natürlich gibt es KI-Matsche. Davon sogar reichlich. Aber schlechte Texte gab es auch vor ChatGPT. Nur mussten sich die Menschen damals noch selbst quälen, um sie zu schreiben.
KI ist ein Werkzeug. Man kann damit Gedanken klären, Strukturen prüfen, Einwände sammeln, Überschriften testen. Gefährlich wird es dort, wo sie die eigene Stimme ersetzt. Dann entsteht dieser glatte Ton, der überall passt und nirgends lebt.
Aber das Problem ist nicht die KI allein. Das Problem ist ein Netz, das Geschwindigkeit belohnt, Masse bevorzugt und Herkunft verschleiert. Die KI ist dabei nicht der Anfang der Verflachung. Sie ist eher der Turbo.
Warum Bloggen trotzdem Sinn ergibt
Bloggen bleibt für mich wichtig. Nur nicht, weil jeder Beitrag automatisch das Internet rettet. Das wäre mir zu feierlich. So viel Weihrauch verträgt kein WordPress-Dashboard.
Bloggen ist wichtig, weil es einen eigenen Ort schafft. Einen Ort, der nicht vollständig von X, Facebook, Instagram, TikTok oder Google abhängt. Einen Ort, an dem Gedanken länger leben dürfen als ein empörter Vormittag.
Wer bloggt, schreibt nicht nur für Reichweite. Er schreibt auch gegen das Verschwinden. Gegen die Flüchtigkeit. Gegen das Gefühl, dass alles nur noch durch fremde Kanäle rauscht. Bloggen ist nicht die Garantie auf Sichtbarkeit. Aber es ist ein Stück Selbstständigkeit.
Mehr Ehrlichkeit würde helfen
Darum würde ich die These etwas nüchterner formulieren: Das Internet braucht nicht jeden Blogartikel. Aber es braucht Orte, an denen Menschen noch selbst denken, zweifeln, erzählen und widersprechen.
Das ist weniger pathetisch, aber tragfähiger.
Blogs werden nicht automatisch wieder wichtiger, nur weil KI Texte erzeugen kann. Sie werden nur dann wichtiger, wenn sie mehr bieten als Suchmaschinenfutter: Erfahrung, Haltung, Widerspruch, Tonfall, Erinnerung. Also all das, was man nicht mal eben aus einer Maschine schüttelt.
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt: Bloggen muss sich nicht gegen KI behaupten, indem es lauter wird. Es muss erkennbarer werden. Persönlicher. Eigensinniger. Nicht im Sinne von schrill, sondern im Sinne von unverwechselbar.
Denn wenn alles glatt wird, gewinnt am Ende nicht der beste Text. Dann gewinnt der Text, an dem noch ein Mensch hängen geblieben ist.
Menschliche Texte haben Manierismen, die den Autor evtl erraten lassen.
Mir hat eine berufene Autorin mal gesagt, dass ich ein eigenartiges Deutsch habe. Zunächst etwas betroffen, meinte ich dann für mich, dass das nicht als Tadel anzusehen wäre.
Wie es mit den Blogs weitergeht?! Entweder sterben sie gnadenlos alle aus oder es gibt aus jetzt noch nicht einsichtigem Grund ein Revival.
Mir fiel die letzten Tage in einem Vorort von München auf, dass immer mehr Leute auf “ grüne“ Ideale setzen: in der Fortbewegung, im Anbringen von Photovoltarik, im Schätzen der Natur ect. das heisst also, dass sich Dinge auch drehen können.
@Gerhard:
Das ist eine wunderbare Beschreibung. Wobei ich mich frage, ob gerade solche „Manieren“ inzwischen nicht auch, oft sogar eher, von einer KI beigesteuert werden — allerdings eher im Sinne einer glatten, gefälligen Oberfläche, nicht unbedingt als Ausdruck echter Authentizität.
Ich habe das Gefühl, dass Blogs immer schneller und stärker an Bedeutung verlieren. Bei der Menge an Podcasts und Videoformaten ist das kaum verwunderlich. Die bequemere Art, sich mit Informationen, Meinungen und Kommentaren zu versorgen, liegt heute oft in multimedialen Angeboten. Sie sind leicht zugänglich, nebenbei konsumierbar und verlangen weniger eigene Konzentration.
Ich bleibe trotzdem beim Bloggen. Vielleicht gerade deshalb. Da ist man weniger auffällig. 🙂
Vielen Dank für diesen Beitrag.
Einen Aspekt möchte ich gerne noch ergänzen: Aus meiner Sicht werden Blogs künftig viel stärker als ohnehin schon von der gegenseitigen Vernetzung profitieren. Ob über Webringe, Blogrolls, Aggregatoren wie Rivva (wo ich diesen Beitrag entdeckt habe) oder über die Verlinkung zu passenden Beiträgen.
Verlinkungen schaffen Sichtbarkeit jenseits von Algorithmen und Webcrawlern. Und profitieren von der Glaubwürdigkeit der absendenden Autor*innen.
Damit bleiben Blogs das, was das Web 2.0 im Kern immer ausgemacht hat. Sie werden auch künftig eine Nische bleiben, aber jedes Ökosystem hat und braucht solche Nischen, in denen Vielfalt jenseits des Wachstums gedeihen kann.
@Katja: Ich glaube auch, dass diese eigentlich selbstverständliche gegenseitige Verlinkung einen wichtigen Wert beim Bloggen darstellt. Danke, dass du das herausgestellt hast.
Sehr schön ausgedrückt!
Ich glaube, aus all den genannten Gründen blogge ich. Und ich schreibe auf genau dieselbe Weise, demselben Stil meinetwegen, wie ich schon immer geschrieben habe
@Boris: Es ist wie immer im Leben. Die Menge macht das Gift. Ich meine das im Hinblick auf das um sich greifende Schreiben mit KI. Ich nutze sie gern. Aber natürlich nicht nur.