Bloggen bleibt wichtig – aber anders, als wir es gern hätten

Avatar von Horst Schulte

Den Beitrag von Bloghexe habe ich mit Sympathie gelesen. Da schreibt jemand, der Blogs liebt. Das merkt man jeder Zeile an. Und ja: Diese Liebe ist mir näher als das übliche Plattform-Gebrüll, bei dem nach drei Sekunden schon wieder die nächste Sau durchs digitale Dorf rennt.

Trotzdem stolpere ich über den Grundton. Er klingt mir stellenweise zu sehr nach Selbstvergewisserung. Nach einem freundlichen Ruf in den Wald: Bitte bloggt weiter, sonst bleibt nur noch KI-Matsche übrig. Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit.

Sichtbarkeit entsteht nicht durch bloßes Dasein

Bloggen war einmal ein kleines Versprechen: Schreib etwas Eigenes, veröffentliche es, und mit etwas Glück findet dich jemand. Über Suchmaschinen, Blogrolls, Kommentare, RSS, Zufall. Dieses offene Netz hatte etwas Wunderbares. Es war unordentlich, eigensinnig, manchmal schräg. Also ziemlich menschlich.

Heute ist die Lage härter. Viele Blogs verschwinden im Grundrauschen. Google liefert Antworten, ohne dass noch geklickt wird. KI fasst Inhalte zusammen, ohne den Ursprung wirklich sichtbar zu machen. Plattformen binden Aufmerksamkeit wie Sirup die Fliege.

Da reicht es nicht mehr zu sagen: Wer bloggt, sichert sich Sichtbarkeit von morgen. Schön wäre es. Aber so einfach ist es nicht. Bloggen schafft eine Spur. Ob diese Spur gefunden wird, steht auf einem anderen Blatt.

KI ist nicht der eigentliche Gegner

Ich halte wenig davon, KI als große Textmüllmaschine zu beschreiben und damit die Sache für erledigt zu erklären. Natürlich gibt es KI-Matsche. Davon sogar reichlich. Aber schlechte Texte gab es auch vor ChatGPT. Nur mussten sich die Menschen damals noch selbst quälen, um sie zu schreiben.

KI ist ein Werkzeug. Man kann damit Gedanken klären, Strukturen prüfen, Einwände sammeln, Überschriften testen. Gefährlich wird es dort, wo sie die eigene Stimme ersetzt. Dann entsteht dieser glatte Ton, der überall passt und nirgends lebt.

Aber das Problem ist nicht die KI allein. Das Problem ist ein Netz, das Geschwindigkeit belohnt, Masse bevorzugt und Herkunft verschleiert. Die KI ist dabei nicht der Anfang der Verflachung. Sie ist eher der Turbo.

Warum Bloggen trotzdem Sinn ergibt

Bloggen bleibt für mich wichtig. Nur nicht, weil jeder Beitrag automatisch das Internet rettet. Das wäre mir zu feierlich. So viel Weihrauch verträgt kein WordPress-Dashboard.

Bloggen ist wichtig, weil es einen eigenen Ort schafft. Einen Ort, der nicht vollständig von X, Facebook, Instagram, TikTok oder Google abhängt. Einen Ort, an dem Gedanken länger leben dürfen als ein empörter Vormittag.

Wer bloggt, schreibt nicht nur für Reichweite. Er schreibt auch gegen das Verschwinden. Gegen die Flüchtigkeit. Gegen das Gefühl, dass alles nur noch durch fremde Kanäle rauscht. Bloggen ist nicht die Garantie auf Sichtbarkeit. Aber es ist ein Stück Selbstständigkeit.

Mehr Ehrlichkeit würde helfen

Darum würde ich die These etwas nüchterner formulieren: Das Internet braucht nicht jeden Blogartikel. Aber es braucht Orte, an denen Menschen noch selbst denken, zweifeln, erzählen und widersprechen.

Das ist weniger pathetisch, aber tragfähiger.

Blogs werden nicht automatisch wieder wichtiger, nur weil KI Texte erzeugen kann. Sie werden nur dann wichtiger, wenn sie mehr bieten als Suchmaschinenfutter: Erfahrung, Haltung, Widerspruch, Tonfall, Erinnerung. Also all das, was man nicht mal eben aus einer Maschine schüttelt.

Vielleicht ist das der eigentliche Punkt: Bloggen muss sich nicht gegen KI behaupten, indem es lauter wird. Es muss erkennbarer werden. Persönlicher. Eigensinniger. Nicht im Sinne von schrill, sondern im Sinne von unverwechselbar.

Denn wenn alles glatt wird, gewinnt am Ende nicht der beste Text. Dann gewinnt der Text, an dem noch ein Mensch hängen geblieben ist.

Merkliste

Mein KI-Manifest

Künstliche Intelligenz gehört inzwischen gelegentlich zu den Werkzeugen, die ich für diesen Blog nutze. Weil unter den Beiträgen mein Name steht, möchte ich transparent machen, was das bedeutet – und was nicht.

Die Gedanken bleiben meine

Ausgangspunkt meiner Texte sind meine Themen, meine Fragen, meine Haltung und häufig genug auch mein Ärger. KI entscheidet nicht darüber, worüber ich schreibe und welche Meinung ich vertrete. Sie kann mir helfen, Gedanken zu ordnen, Argumente zu prüfen oder einen Text sprachlich zu verbessern. Was am Ende veröffentlicht wird, entscheide und verantworte ich.

KI darf mir widersprechen

Besonders nützlich finde ich KI nicht als Bestätigungsmaschine, sondern als Gesprächspartner. Ich lasse mir Gegenargumente nennen, frage nach anderen Sichtweisen und versuche herauszufinden, ob meine Schlussfolgerungen tatsächlich tragen. Das bewahrt mich natürlich nicht vor Irrtümern. Aber manchmal hilft es dabei, die eigenen Gewissheiten noch einmal zu überprüfen.

KI darf helfen, aber nicht für mich denken

Es gibt keine feste Quote dafür, wie viel KI in einem Text stecken darf. Manchmal nutze ich sie überhaupt nicht, manchmal nur für eine Recherchefrage oder eine Formulierung, gelegentlich stärker bei der Strukturierung und Überarbeitung eines Textes. Entscheidend ist für mich: Ich muss den veröffentlichten Text als meinen eigenen vertreten können.

Fakten bleiben überprüfungsbedürftig

Ein LLM kann überzeugend formulieren und trotzdem falschliegen. Bei Tatsachenbehauptungen, Zahlen, Zitaten und Quellen versuche ich deshalb, die zugrunde liegenden Informationen zu überprüfen. KI ist für mich keine Quelle und schon gar keine Wahrheitsmaschine.

Auch Bilder können mit KI entstehen

Für Illustrationen und Beitragsbilder setze ich gelegentlich generative KI ein. Solche Bilder sollen einen Beitrag illustrieren oder einen Gedanken visualisieren. Sie sind keine fotografischen Dokumente eines tatsächlichen Geschehens. Wo eine Verwechslung möglich erscheint, sollte das kenntlich sein.

Die Verantwortung lässt sich nicht delegieren

Das ist für mich der wichtigste Punkt: KI kann an einem Text oder Bild mitwirken, aber sie kann mir die Verantwortung dafür nicht abnehmen. Was auf diesem Blog unter meinem Namen erscheint, dafür stehe ich ein – einschließlich möglicher Fehler.

Vielleicht verändert KI mein Schreiben. Wahrscheinlich tut sie das längst. Ich möchte nur darauf achten, dass sie mir beim Denken hilft, statt mir das Denken abzunehmen.

6 Kommentare

  1. Menschliche Texte haben Manierismen, die den Autor evtl erraten lassen.
    Mir hat eine berufene Autorin mal gesagt, dass ich ein eigenartiges Deutsch habe. Zunächst etwas betroffen, meinte ich dann für mich, dass das nicht als Tadel anzusehen wäre.

    Wie es mit den Blogs weitergeht?! Entweder sterben sie gnadenlos alle aus oder es gibt aus jetzt noch nicht einsichtigem Grund ein Revival.
    Mir fiel die letzten Tage in einem Vorort von München auf, dass immer mehr Leute auf “ grüne“ Ideale setzen: in der Fortbewegung, im Anbringen von Photovoltarik, im Schätzen der Natur ect. das heisst also, dass sich Dinge auch drehen können.

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag.

    Einen Aspekt möchte ich gerne noch ergänzen: Aus meiner Sicht werden Blogs künftig viel stärker als ohnehin schon von der gegenseitigen Vernetzung profitieren. Ob über Webringe, Blogrolls, Aggregatoren wie Rivva (wo ich diesen Beitrag entdeckt habe) oder über die Verlinkung zu passenden Beiträgen.

    Verlinkungen schaffen Sichtbarkeit jenseits von Algorithmen und Webcrawlern. Und profitieren von der Glaubwürdigkeit der absendenden Autor*innen.

    Damit bleiben Blogs das, was das Web 2.0 im Kern immer ausgemacht hat. Sie werden auch künftig eine Nische bleiben, aber jedes Ökosystem hat und braucht solche Nischen, in denen Vielfalt jenseits des Wachstums gedeihen kann.

  3. Ich glaube, aus all den genannten Gründen blogge ich. Und ich schreibe auf genau dieselbe Weise, demselben Stil meinetwegen, wie ich schon immer geschrieben habe