Schmerzhafte Reformen? Für wen eigentlich?

Der Text hinterfragt das politische Raunen über „schmerzhafte Reformen“, kritisiert die Debatte um Renteneintritt und Fachkräftemangel und widerspricht dem pauschalen Generationenvorwurf. Er plädiert für mehr Ehrlichkeit und eine solidarische Korrektur innerhalb des Rentensystems.

Gesellschaft

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Wenn Politiker*innen und mit ihnen die traute Journalistenschar raunen, dass schmerzhafte Reformen nötig sind, frage ich mich immer gleich, ob wir, das gemeine Volk, in Angststarre getrieben werden sollen. Als ob Putin das nicht schon besorgen würde. Was zum Teufel sind schmerzhafte Reformen und welche Dosen von Schmerzmitteln könnten verordnet werden?

rentendebatte generationen arbeitsleben
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Bas fand den Vorschlag sympathisch, dass der Renteneintritt nicht zwingend an einem bestimmten Alter festgemacht werden müsse (Rente mit 67). Der Vorschlag sei ihr sympathisch. Dieser lautet, dass stattdessen auch die Summe der Berufstätigkeitsjahre als Maßstab gelten könne. Nun, ich war 47 Jahre lang berufstätig, meine Frau ebenfalls und mein Schwager sogar fast 50 Jahre. Uns hat gewurmt, dass so viele die Rente mit 63 so krass verteufelt haben. Aber das kennt man ja von dieser Gesellschaft. »Mer muss och jünne künne« gilt wohl nur in Köln.

Fachkräftemangel?

Abgesehen davon ist die Begründung für die Kritik häufig der sogenannte Fachkräftemangel. Wer allerdings in der Realität den Umgang mit älteren Arbeitnehmern erlebt hat, weiß, was man von diesem Gesülze halten kann. Ältere Arbeitnehmer sind nicht nur in schlechten Konjunkturlagen die ersten, die man abschiebt. Tja, man ist froh darüber, wenn man die älteren Mitarbeiter mit hohen Abfindungsansprüchen, vermehrten Krankheitstagen und geringerer Leistungsfähigkeit endlich los wird. Das ist sicher nicht nur meine Erfahrung.

Natürlich kann man darüber jammern, dass Akademiker die 45 Jahre nicht so locker hinbekommen, weil sie dafür zu lange studiert haben. Für mich klingt die Diskussion an sich leicht befremdlich. Ich war 14 als ich meine Lehre anfing. Freunde mit Abi und Studium waren manchmal mit Mitte 20 erst soweit. Für diese Überlegungen kann Bas (Hauptschülerin wie ich) also kaum Verständnis aufbringen. Vielleicht freut sich die Klassenkämpferin ja sogar, wenn das »sympathische« Konzept realisiert würde?

Mein komfortables Leben

Aber so laufen Diskussionen heute immer ab. Sobald es um eigene Interessen geht, gibt’s nur noch Schwarz und Weiß. Wenn sich die Jungen an den Boomern abarbeiten, vergessen sie grundsätzlich, dass ihr komfortables Leben mit so vielen Annehmlichkeiten in diesem leider auf abschüssigem Boden stehenden Land nicht existieren würde, wenn die vorhergehenden Generationen sich weniger angestrengt hätten und nicht aus purem Egoismus begeistert geholfen hätten, die lebensnotwendigen Grundlagen für Menschen auf diesem Planeten zu ignorieren.

Dass so viele junge Leute heute noch bei ihren Eltern leben, weil es zu Hause so schön bequem ist, unterscheidet die Generation von den vorigen ebenfalls. In Italien leben deutlich mehr junge Erwachsene bis weit in die 20er oder sogar 30er hinein bei den Eltern als in Deutschland, vor allem wegen schlechterer Arbeitsmarktchancen, teurer und unsicherer Wohnverhältnisse sowie stärker ausgeprägter Familienorientierung. In Deutschland ziehen junge Leute im EU-Vergleich relativ früh aus, auch wenn ein merklicher Teil der 20- bis 25-Jährigen noch im Elternhaus lebt.

Perspektiven

Ums ganz deutlich zu sagen: Wenn sich die jungen Leute in dieser Vehemenz darüber beklagen, dass wir ihnen ihre Zukunftsperspektiven zu sehr eingeschränkt oder gar genommen hätten, würde ich diese glatte Unverschämtheit damit beantworten, dass sie in einer völlig anderen Ausgangsposition sein würden, wenn die Boomer genau die in diesen Zeiten als normal empfundenen komfortablen Lebensbedingungen nicht geschaffen hätten.

Meine Frau und ich sind keine Eltern. Somit tragen wir einen Teil der damit verbundenen Verantwortung für die demografische Lage unseres Landes. Darüber haben wir spät nachgedacht, zu spät. Die zivilisatorische Normalität besteht darin, dass ältere Generationen für die Zukunft ihrer Nachkommen das Beste zu erreichen versuchen. Dies infrage stellen zu lassen, ist zu viel verlangt.

Rentenversicherung

Für die Absicherung der gesetzlichen Rentenversicherung gibt es nur einige Stellschrauben. Von einigen habe ich hier geschrieben. Wir müssen es hinbekommen, dass die Menschen, die schon jetzt mit ihren Renten nicht über die Runden kommen, besser gestellt werden, und zwar zulasten derer, deren Renten auskömmlich sind. Das mag für manche schmerzhaft sein, weil sie zu Recht glauben, dass sie für ihre Rente schließlich ein langes Arbeitsleben geleistet haben. Allerdings werden es wohl, zunächst jedenfalls, kleinere finanzielle Einbußen für viele Rentner sein, die gesamtgesellschaftlich sehr wohl einen positiven Einfluss auf das Gesamtbild, die Stabilisierung der Kostenstruktur der Rente haben werden. Ob solche Schritte allerdings ausreichen, bleibt angesichts der Rutschpartie, auf der wir uns gerade befinden, abzuwarten.


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