Kopflos in der Digitalisierung: Warum wir das Selberdenken neu lernen müssen

14. Mai 2026
4 Min. lesen

Bonelli war nicht zum ersten Mal Gast bei Prof. Rieck. Ums Selberdenken sollte es gehen. Meine gewisse Voreingenommenheit gegenüber beiden Personen will ich nicht verhehlen. Dieser Anspruch (an andere?) ist provokant, finde ich. Ob das mit meiner freilich von mir gänzlich unbemerkten Neigung zum Oberflächendenken zu tun hat?

Inhalt

In diesem Gespräch zwischen Prof. Dr. Christian Rieck und dem Psychiater Rafael Bonelli geht es im Kern um die Analyse moderner „Denkstörungen“, die Bonelli in seinem Buch Kopflos beschreibt. Hier ist die Essenz der Diskussion:

Die 5 zentralen Denkstörungen

Bonelli identifiziert fünf Kategorien, in denen Menschen heute zunehmend den Bezug zur Realität verlieren:

  1. Individuelle Denkstörung: Eine massive Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung (oft durch Selbstüberschätzung), bei der Menschen den Kontakt zu ihren eigenen Grenzen verlieren.
  2. Kollektive Denkstörung: Die Anpassung des eigenen Denkens an eine Gruppe oder den Zeitgeist aus Angst vor Ausgrenzung. Die eigene Wahrnehmung wird der Gruppenmeinung untergeordnet.
  3. Digitale Denkstörung: Die ständige Bombardierung mit Kurzinformationen verhindert tiefes, analytisches Denken. Zudem führt die blinde Abhängigkeit von Technik (z. B. Navis oder KI) zum „Auslagern“ der eigenen Denkleistung.
  4. Pädagogische Denkstörung: Kritik an Bildungssystemen, die Ideologie und „Moralismus“ (das Vorschreiben von Haltungen wie Gendern) über die objektive Suche nach Wahrheit stellen.
  5. Generative Denkstörung: Die fehlende Bereitschaft, Verantwortung für die nächste Generation zu übernehmen (sinkende Geburtenraten in gebildeten Schichten), was langfristig zu gesellschaftlicher Instabilität führt.

Das Hauptkonzept: Oberflächen- vs. Tiefendenken

Ein roter Faden des Gesprächs ist die Unterscheidung zwischen schnellem, intuitivem Oberflächendenken und mühsamem, kritischem Tiefendenken. Bonelli warnt davor, dass wir durch digitale Medien und gesellschaftlichen Druck verlernen, Dinge in der Tiefe zu prüfen, wodurch wir leichter manipulierbar werden.

Lösungsansatz: Selberdenken

Als „Gegenmittel“ empfiehlt Bonelli:

  • Schöpferische Intelligenz: Sich eine echte Kompetenz aneignen (z. B. im Handwerk oder als Experte), die eine feste Bodenhaftung in der Realität bietet.
  • Systematische Intelligenz: Informationen logisch miteinander vernetzen, um Widersprüche im eigenen Weltbild aufzudecken und wieder wirklich „selbst“ zu denken.

Meine Vorbehalte gegenüber Bonelli entstammten meiner Skepsis gegenüber seine Rolle während Corona.

Bonelli und Rieck kritisieren scharf, dass politische Debatten heute oft über Emotionen und moralische Vorwürfe (z. B. Gendern, Klimaschutz-Moral) statt über Sachargumente geführt werden. Bonelli sieht darin ein Herrschaftsinstrument, das Menschen aus dem Diskurs ausschließt.

Tiefendenken
Tiefendenken

Bonelli war während der Corona-Pandemie eine durchaus prominente und umstrittene Stimme, insbesondere im deutschsprachigen Raum:

  • Maßnahmenkritik: Er äußerte sich auf seinem YouTube-Kanal regelmäßig kritisch zu den psychologischen Folgen der Corona-Maßnahmen (Lockdowns, Maskenpflicht bei Kindern). Er warnte vor einer „Angstpsychose“ in der Gesellschaft.
  • Kritik am Konformitätsdruck: Im aktuellen Gespräch referenziert er die Corona-Zeit explizit als Beispiel für eine „kollektive Denkstörung“. Er wirft Politik und Medien vor, abweichende Meinungen unterdrückt und einen massiven moralischen Druck zur Anpassung (z. B. beim Thema Impfung) aufgebaut zu haben.
  • Wahrnehmung als „Querdenker-nah“: Aufgrund seiner Kritik wurde er in Medien oft dem Umfeld der Maßnahmenkritiker zugeordnet. Er selbst sieht sich jedoch eher als psychologischer Beobachter, der die Mechanismen der Massenpsychologie und der Ausgrenzung analysiert.

Das Thema (Oberflächendenken und Tiefendenken), also das was sich hinter den Begriffen verbirgt, interessiert mich seit Jahren. Und zwar schon deshalb, weil ich das „Schubladendenken“, das ich selbst praktiziere, kritisch sehe. Außer mir neigen viele doch dazu, ihre Urteile zu sprechen, bevor sie das Thema selbst gedanklich wirklich durchdrungen haben. Angela Merkel hat, ich glaube vor ca. 20 Jahren, also am Anfang ihrer Kanzlerschaft, auf die Frage geantwortet, was sie am Politikbetrieb besonders störend fände. Sie antwortete ganz direkt, dass man keine Zeit mehr habe, einen Vorgang und sei er noch so komplex, gedanklich durchdringen zu können, sondern sofort eine Antwort für die Medien parat haben müsse.

Dieses Schicksal scheint uns im Prinzip längst in hoher Dichte heimgesucht zu haben, obwohl wir kein Gehalt als Spitzenpolitiker bekommen. Vermutlich liegt es an unserem kurzatmigen Lebensstil zwischen Mobil und KI. Das Weniger an Nachdenken erkennt man möglicherweise ja auch daran, wie einhellig diese Bevölkerung die aktuelle schwarz/rote Regierung für ihre „schlechte Arbeit“ abstraft und dafür eine allerdings „pure Hoffnungsinstanz“ namens AfD zur größten Partei des Landes macht. Tiefendenken steckt wohl nicht hinter der Entwicklung, sondern eher eine kollektive Denkstörung.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

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2 Kommentare zu „Kopflos in der Digitalisierung: Warum wir das Selberdenken neu lernen müssen“

  1. Durchdringen ist ein hoher Anspruch.
    Was z.b. Zeit ist, lässt sich nicht völlig durchdringen.
    Eigentlich müsste man auch bei gesellschaftlichen und politischen Themen öfters sagen: Ich weiß es nicht.

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