Rassismus in Deutschland: Hoffen auf Einsicht

Vielleicht kann Hanau eine Wende bringen, in dem sich viele vom Rassismus distanzieren.

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Zur Trauer hat sich bei mir die Hoffnung ein­ge­stellt, dass durch die Morde von Hanau ganz vie­le Menschen genau das auch den­ken: es muss sich was ändern! Ein geis­tes­kran­ker Mann erschoss zehn Menschen, von denen er neun allein auf­grund ihrer Herkunft töte­te. Wenn das kein unwi­der­leg­ba­rer Beweis für den vom Täter prak­ti­zier­ten Rassismus ist? 

Von irren Rassisten, die angeb­lich nur irre sind

Dass Jörg Meuthen, AfD, poli­ti­sche Motive bestrei­tet, wird kei­nen über­ra­schen, der die­se Partei kennt. Es gibt wei­te­re Aussagen aus AfD-Kreisen, die zei­gen, mit was für Leuten wir es zu tun haben.

Welche Umstände dazu führ­ten, dass der Täter die Morde aus­ge­führt hat, wird in die­sem Fall nicht mehr auf­ge­klärt wer­den kön­nen, er hat sich selbst gerich­tet. Ich glau­be nicht an die Behauptung, dass auf­grund der psy­chi­schen Erkrankung des Mannes ras­sis­ti­sche Motivation nicht zu unter­stel­len sind. Ja, die­se Behauptung gibt es, sogar von einem Wissenschaftler mit Professur und Doktor-Titel. Prof. Dr. Meins sagt: ❝Und dem­entspre­chend ist es schlicht Unsinn, zu behaup­ten, der Täter habe aus frem­den­feind­li­chen Motiven gehan­delt oder – wie der Generalbundesanwalt meint – habe eine „zutiefst ras­sis­ti­sche Gesinnung“.❞ 

Der Mann schreibt regel­mä­ßig für die „Achse des Guten”. 

Im letz­ten Jahr hat er das geschrieben: 

Stimmt man der Aussage „Sinti und Roma nei­gen zur Kriminalität“ zu, wird das als Beleg für eine „men­schen­feind­li­che“ Einstellung gewer­tet. Tatsächlich han­delt es sich bei die­ser Aussage um eine zwar mas­siv tabui­sier­te, gleich­wohl offe­ne Frage, die erst ein­mal empi­risch zu über­prü­fen wäre. Eine Zustimmung wäre nur dann bedenk­lich, wenn der Sachverhalt einer Kriminalitätsneigung bei Sinti und Roma falsch sein soll­te. Denn nur dann wür­de es sich um ein „Vorurteil“ han­deln. Träfe der Sachverhalt hin­ge­gen zu, dann könn­te es noch um die Frage gehen, ob die­se Kriminalitätsneigung unzu­läs­sig ver­all­ge­mei­nert wird, man also jede ein­zel­ne Person die­ser Gruppe für kri­mi­nell erachtet. 

Mir fällt dazu wenig ein. Außer, dass die­se Aussage nicht nur ras­sis­tisch klingt.

Was ist die Basis für Rassismus und wie groß ist sie?

Der Rassismus hat in Deutschland eine Basis. Sie ist erschre­cken­der­wei­se brei­ter als die Wissenschaft dies in empi­ri­schen Studien beleg­te. Da war stets von einem Prozentsatz von knapp zwan­zig die Rede. Einem ja schon aus­rei­chend gro­ßen Anteil der deut­schen Bevölkerung, der von völ­kisch-ras­sis­ti­schem Gedankengut geplagt wur­de. Schaut man auf die Wahlergebnisse der AfD in Sachsen oder Thüringen ahnt man, dass sich die Zeiten geän­dert haben.

Ob Rassismus in Deutschland die Normalität und nicht die Ausnahme ist, wie die tür­kisch­stäm­mi­ge Journalistin Kübra Gümüşay ges­tern bei Maybrit Illner sag­te? Diesen „Vorwurf” wer­den die wenigs­ten Deutschen gern hören. Aber die Provokation an sich hat viel­leicht einen Wert, soweit Sätze, die in Talkshows gespro­chen wer­den, über­haupt einen haben. Rassismus droht das zu zer­stö­ren, wor­an wir glau­ben – oder … geglaubt haben.

Diese Sorge und der Kummer über die bru­ta­len Anschläge der letz­ten Zeit erschüt­tern mehr Menschen als ich vor Hanau wahr­ge­nom­men habe. Dieses Mal – fin­de ich – ist es anders. 

Vielleicht gibt es die­sen Kummer auch, weil vie­le von uns ver­ges­sen hat­ten, wel­che Haltung der wun­der­ba­re ers­te Artikel unse­res Grundgesetzes von uns erwar­tet. Oder ist er etwa trotz sei­ner Einfachheit für man­che zu abstrakt?

Gleiche Würde für alle

Es exis­tiert die­ser Hass, der all die tref­fen kann, die anders aus­se­hen, sich anders klei­den oder anders reden. Er trifft die Menschen, die in unser Land gekom­men sind und die von vie­len Deutschen als stö­ren­de, viel­leicht gefähr­li­che Fremde wahr­ge­nom­men wer­den. Für die­je­ni­gen, die so den­ken (und han­deln) ist es lei­der nicht so, dass alle Menschen über die glei­che Würde ver­fü­gen, von der in unse­rem Grundgesetz die Rede ist. Aber wer von uns hat schon stän­dig den Artikel 1 unse­res Grundgesetzes im Kopf? Das ist ein biss­chen so wie mit dem Ehegelübte. Im Alltag gehen die guten Vorsätze leicht verloren.

Ja, nicht alle Migranten waren den seit 2015 gewon­ne­nen Erkenntnissen zufol­ge, auf unse­re Hilfe ange­wie­sen. Viele von ihnen sind kei­ne Flüchtlinge, sie haben kei­nen Anspruch auf Asyl und es han­delt sich auch nicht um Kriegsflüchtlinge nach der Genfer Konvention. Es gibt zahl­rei­che Probleme und viel Geld kos­ten die Flüchtlinge auch. Zudem ver­schärft ihre Präsenz sozia­le Konflikte (Wohnungsnot). Es gibt Gewalt und Kriminalität. Das ist alles wahr. 

Für vie­le sind sol­che Überlegungen ent­schei­den­der als ein Satz, der im Grundgesetz steht. Diese Leute ent­wi­ckeln Skepsis gegen­über den (eigent­lich allen!) Entscheidungen der Merkel-Regierung und las­sen sich durch rech­te Geschichten und Lügen, die im Internet infla­tio­när ver­brei­tet wer­den, beein­flus­sen. Ich wäre unehr­lich, wenn ich sagen wür­de, dass ich nega­ti­ve Veränderungen nicht auch an mir beob­ach­tet hät­te. Dagegen gibt es kei­ne Patentrezepte. Aber man kann immer wie­der neu dar­über nach­den­ken und sich so immu­ni­sie­ren gegen men­schen­ver­ach­ten­de Aussagen. 

Reduktion von Komplexität oder was die AfD ande­res macht

Manche ver­su­chen, viel­leicht unter­be­wusst, Komplexität zu redu­zie­ren. Die Frage ist aber, ob man mit eben­so ein­fa­chen wie gro­tes­ken Lösungen, die auch in der Vergangenheit schon dar­in bestan­den, bestimm­te Menschengruppen zu Sündenböcken zu erklä­ren, weit kommt und bei inten­si­vem Nachdenken nicht zu ande­ren Einsichten kommt.

Rassismus sei nicht ange­bo­ren wird gesagt. Darüber, dass er so viru­lent ist, sind die aller­meis­ten von uns erschro­cken. Rassist genannt zu wer­den, ist belei­di­gend, ehr­ver­let­zend. Leider scheint es so zu sein, als ver­füg­ten unse­re Institutionen und das poli­ti­sche Personal nicht mehr über die nöti­ge Überzeugungskraft, um posi­tiv auf die­ses Phänomen ein­zu­wir­ken. Viele fra­gen sich, ob die poli­ti­schen und vor allem poli­zei­li­chen Möglichkeiten vor­han­den sind, um die Menschen vor den Auswüchsen des Rassismus zu beschüt­zen. Wir dür­fen uns dies­be­züg­lich kei­nen Illusionen hin­ge­ben. Die Exekutive kann eini­ges tun, aber letzt­lich ist es die Aufgabe der gan­zen Gesellschaft, Rassisten zu stel­len und zu bekämpfen. 

Selbst was tun

Wir wer­den uns selbst auf­ma­chen müs­sen, den gras­sie­ren­den Wahnsinn zu stop­pen. Als Blogger will ich selbst dazu bei­tra­gen, in dem ich in mei­nen Beiträgen mehr auf die Wortwahl zu ach­ten, ohne dabei zu ver­ges­sen, einen kla­ren Standpunkt gegen die­je­ni­gen, die ich als Menschenfeinde anse­he, ein­zu­neh­men. Ich möch­te sagen, dass ich im Berufs- und Privatleben immer einen kla­ren Standpunkt ver­tre­ten habe und mich vehe­ment gegen Rassismus gewehrt habe. So, wie es hof­fent­lich doch auch die meis­ten ande­ren getan haben. 

Jetzt sind vie­le davon geschockt, dass die dun­kels­ten Befürchtungen sich bewahr­hei­ten. Heute hör­te ich im Radio, dass einer der 12 in der letz­ten Woche ver­haf­te­ten Rechtsterroristen mit dem Mörder von Hanau bekannt gewe­sen sein soll. Das ist wohl noch nicht bestä­tigt. Wenn es aber zutref­fen wür­de, hät­ten sich das Szenarium, das die­se Verbrecher im Sinn hat­ten, ohne eige­nes Zutun teil­wei­se bereits realisiert.

Dass die Könige des Herunterspielens eige­ner Verantwortung die Stirn haben, den Mörder von Hanau und sei­ne ras­sis­ti­sche Motivation durch „Gutachten von Psychologen” (Broders Achse des Guten) infra­ge zu stel­len ver­su­chen, ist wirk­lich typisch und zeigt, wel­che Allianzen sich auf­tun. Hoffentlich haben wir end­lich den Punkt erreicht, an dem vie­len, die die AfD bis­her unter­stützt haben, klar wird, dass es ein furcht­ba­rer Irrweg war, den sie mit der Stimme für die AfD ein­ge­schla­gen haben.

Update: 22.02.2020 | Heute las ich, dass laut dem Forsa-Meinungsforschungsinstitut die AfD bun­des­weit auf 9% zurück­ge­fal­len ist. Der Wert ist natür­lich mit Vorsicht zu genie­ßen. Forsa hat­te auch in den ver­gan­ge­nen Wochen meh­re­re ähn­li­che Ergebnisse für die AfD gemel­det. Sie lagen deut­lich unter denen der ande­ren Institute. Aber immer­hin: ein klei­ner Hoffnungsschimmer. Vielleicht geht da mehr?!

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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  1. Wer davon ent­setzt ist, dass Rassismus viru­lent vor­han­den ist, hat glau­be ich wenig vom Mensch begrif­fen. Ich wür­de behaup­ten das jeder, damit mich natür­lich ein­ge­schlos­sen, irgend­wann zumin­dest ein Vorurteil hat­te, das letzt­lich Grundlage für Rassismus war. Vielleicht hat man den Gedanken für sich behal­ten, viel­leicht hat man unauf­fäl­lig die Straßenseite gewech­selt … Wir sind in vie­len Dingen wohl tat­säch­lich noch die Höhlenmenschen, die in Gruppen leb­ten, und ande­re Gruppen erst ein­mal als Konkurrent in einem Überlebenskampf wahr­nah­men. Ob uns 4.000 Jahre kul­tu­rel­le Entwicklung davon befreit haben, wage ich zu bezwei­feln. Das kann schon in einer funk­tio­nie­ren­den Gesellschaft zum Problem wer­den, in einer sich in zwei Lager spal­ten­den Gesellschaft kann es in eine Katastrophe aus­ar­ten. Das kann der Zündfunken und zugleich der Brandbeschleuniger sein. Insofern hat­te der Täter in Hanau sicher ein geis­tig gestör­tes Weltbild, und han­del­te im Wahn. Die Frage ist aber, wäre er unter nor­ma­len Umständen nicht ein­fach ein armer Spinner geblie­ben. So wie es jen­seits der media­len Darstellung vie­le Reichsbürger sind, die dir was von der BRD GmbH erzäh­len, und du nur die Augen nach oben rollst, weil du weißt, Gegenargumente machen eh kei­nen Sinn. Eine radi­ka­li­sier­te Gesellschaft aller­dings bestärkt sol­che Leute zur Tat zu schrei­ten, und des­halb kann man der AfD auch zurecht eine Mitschuld geben. Solche Menschen gibt es immer und in jeder Gesellschaft, und wer halb­wegs intel­li­gent ist, weiß, dass es kei­nen Unterschied macht, ob ich ihnen den Boden berei­te, oder sie offen zur Gewalt auf­ru­fe. Politiker wie Höcke, den ich nicht für dumm hal­te, son­dern lei­der eher für recht schlau, müs­sen sich mei­ner Meinung nach völ­lig dar­über im Klaren sein, was sie mit ihren Worten aus­lö­sen kön­nen. Denn sie wis­sen nicht was sie tun, passt hier ganz und gar nicht. Sie wis­sen es, und sie kal­ku­lie­ren es in ihre Rechnung mit ein.

  2. Ja, es macht Hoffnung, dass der­zeit sehr vie­le reagie­ren und zumin­dest den Eindruck erwe­cken, der Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus wer­de nun ver­stärkt geführt.
    Sogar bei „Mainz bleibt Mainz” hat man das Thema nicht ausgelassen.
    Ich habe gera­de eine drei­vier­tel Stunde damit zuge­bracht, Rassisten auf Twitter zu wider­spre­chen – das ist nicht viel, aber wenn es viel mehr Leute tun wür­den, anstatt sie ein­fach zu blo­cken und zu igno­rie­ren, hät­ten sie weni­ger den Eindruck, sie sei­en rich­tig VIELE…

  3. @Horst Schulte: Na ja, aber wenn du KI sagst, dann fal­len mir als ers­tes Beispiel die aus­sor­tier­ten Frauen unter den Bewerbungen bei Amazon aus, oder die gerin­ge­re Empfehlung für eine Begnadigung in den USA, bei Schwarzen. Was wir heu­te KI nen­nen, ist ja eigent­lich eher ein Regelwerk, dass wir Menschen einem Algorithmus geben, mit zu wei­len erschre­cken­den Ergebnissen. Ich glau­be aber tat­säch­lich, dass dies in uns ange­legt ist, aber nicht aus­bre­chen muss. Ich lese Ralph Giordano so, dass man sich damit aus­ein­an­der­set­zen und Rassismus bekämp­fen muss, egal bei wem – eben auch bei sich selbst.

Ive Mendes – If You Leave Me Now
Zuletzt gehört
If You Leave Me Now
Ive Mendes · Ive Mendes
Zuvor
3-11 Porter – Surround Me with Your Love - Remastered
Davor
Charlie Chaplin – Smile (Theme from Modern Times) [with Joshua Bell]
Smile (Theme from Modern Times) [with Joshua Bell]
Charlie Chaplin · Chaplin's Smile: Song Arrangements for Violin and Piano