
Manchmal gibt es Nachrichten, bei denen mir die üblichen politischen Reflexe vollkommen unangebracht erscheinen. Diese Geschichte aus Höxter gehört für mich dazu.
Eine Familie aus der Mongolei kommt nach Deutschland und beantragt Asyl. Dann geschieht das Unfassbare: Ihr elfjähriger Sohn Tegshe verunglückt im August 2025 in einem Freibad und stirbt später im Krankenhaus. Seine Eltern treffen mitten in dieser Katastrophe eine Entscheidung, vor der ich mich nur verneigen kann: Sie geben die Organe ihres Kindes zur Spende frei. Fünf Menschen – darunter Kinder und ein Baby – können dadurch Organe erhalten.
Und nun soll diese Familie Deutschland verlassen. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt.
Ich weiß, dass ein Rechtsstaat Regeln braucht. Ich weiß auch, dass aus einer Organspende selbstverständlich kein Anspruch auf ein Aufenthaltsrecht entstehen darf. Menschlichkeit darf nicht zu einem Tauschgeschäft werden. Aber ebenso wenig darf sich ein Staat hinter seinen Paragraphen verstecken, wenn ein menschliches Schicksal eine Dimension erreicht, bei der einem die Sprache wegbleibt.
Mich macht diese Geschichte tief betroffen. Da verlieren Eltern ihr Kind in Deutschland. In ihrer größten Trauer schenken sie anderen Familien etwas, das größer kaum sein könnte: Hoffnung und Leben. Und wenige Monate später sagt ihnen derselbe Staat sinngemäß: Ihr müsst gehen.
Das kann rechtlich begründbar sein. Aber ist damit schon alles gesagt?
Gerade in diesen Tagen denke ich dabei auch an den 6. September, an dem in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt wird. Die AfD tritt dort mit einer besonders harten Migrationspolitik an und könnte sehr stark werden. (Wikipedia) Wer immer schärfere Regeln, Abschiebungen und noch weniger Spielraum fordert, sollte sich gelegentlich klarmachen, dass hinter dem Wort „Asylbewerber“ Menschen stehen. Menschen mit Kindern, Ängsten, Hoffnungen und Geschichten wie dieser.
Das gesellschaftliche Klima verändert sich längst. Härte wird zur politischen Tugend erklärt, Mitgefühl schnell als Naivität abgetan. Und Parteien, die diese Entwicklung immer weiter treiben, verändern damit auch den Maßstab dessen, was wir irgendwann als „normal“ hinnehmen.
Vielleicht ist genau das das Erschreckendste: dass wir uns an solche Geschichten gewöhnen könnten.
Ich möchte das nicht.
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