Wenn die Kontrolle der Macht zur Lust am Niedergang wird – Sehen wir noch Politik – oder nur ihr Versagen?

Albrecht von Lucke kritisiert einen Journalismus, der politische Krisen ständig zuspitzt. Seine Einwände werfen eine unbequeme Frage auf: Wie sehr prägt die tägliche Darstellung politischen Versagens unseren eigenen Blick – und wann wird aus notwendiger Kontrolle eine Zermürbung demokratischen Vertrauens?

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Albrecht von Lucke spricht in der Phoenix-Runde etwas an, das mir in solchen Sendungen viel zu selten vorkommt: die Verantwortung der Medien für das politische Klima, das sie anschließend mit ernster Miene analysieren. Nach meinem Verständnis seiner Kritik geht es um einen Journalismus, der politische Schwächen nicht bloß aufdeckt, sondern aus ihnen einen Dauerzustand des bevorstehenden Zusammenbruchs macht. Kaum sinken die Umfragewerte, wird die nächste Personaldebatte eröffnet. Kaum streitet eine Koalition, steht ihr Ende im Raum. Irgendwann möchte man fragen: Berichtet ihr noch über die Krise, oder schreibt ihr bereits am Drehbuch?

Kritik braucht einen Maßstab

Natürlich müssen Politiker harte Kritik aushalten. Wer Verantwortung übernimmt, muss sich an Entscheidungen, Versprechen und Ergebnissen messen lassen. Eine Presse, die aus Sorge um die Demokratie Regierungsversagen verschweigt, würde ihren Auftrag verfehlen. Auch verdient eine gewählte Regierung keinen journalistischen Artenschutz. Wenn eine Recherche einen Minister das Amt kostet, kann das ein ausgesprochen guter Tag für die Demokratie sein.

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Entscheidend ist, was die Kritik erklärt und worauf sie sich stützt. Wird ein konkreter Fehler untersucht? Werden Zuständigkeiten und realistische Alternativen benannt? Oder genügt inzwischen jede Schwierigkeit als weiterer Beweis dafür, dass die handelnden Personen grundsätzlich unfähig sind? Zwischen einer begründeten Rücktrittsforderung und der routinemäßigen Frage, wie lange sich jemand „noch halten kann“, liegt ein beträchtlicher Unterschied. Die erste braucht einen Anlass. Die zweite braucht offenbar vor allem einen Sendeplatz.

Von Luckes Kritik überzeugt mich dort, wo sie diese Gewohnheit sichtbar macht. Seine weitergehende Deutung muss sich allerdings ebenfalls an Belegen messen lassen. Wenn Nius, Apollo News und Teile des Springer-Journalismus in einen Zusammenhang gestellt werden, ist zwischen ähnlichen politischen Stoßrichtungen, gegenseitiger Verstärkung und einer tatsächlich abgestimmten Strategie zu unterscheiden. Das eine beweist das andere nicht. Auch die Vorstellung einer medialen Organisationsform der AfD wäre zunächst eine zugespitzte politische Deutung, kein Nachweis organisatorischer Verbindungen. Für mich persönlich schätze ich Springer insgesamt, Apollo News und NIUS als Vorfeldorganisationen der AfD ein. Ich weiß, dass mit dieser Übertreibung wenige einverstanden sind. Ich bleibe dennoch dabei. Wer anderen pauschale Urteile vorwirft, sollte selbst möglichst genau bleiben. Lest den Mist und ihr habt die Grundlage für meine pauschalen Urteile im Fokus.

Wenn Politik nur noch aus Siegern und Verlierern besteht

Besonders treffend finde ich den Gedanken hinter dem Begriff „Demoskopie“. Umfragen sind nützlich. Sie zeigen Stimmungen und können politische Probleme sichtbar machen. Doch sobald jede neue Zahl wie ein vorgezogener Wahlabend behandelt wird, gerät Politik unter einen eigentümlichen Vorbehalt: Heute gewählt, morgen schon wieder zur Disposition gestellt. Die Frage, ob eine Entscheidung vernünftig ist, verschwindet hinter der Frage, wem sie schadet. Ein Kompromiss heißt dann Niederlage, eine Korrektur Umfallen und ein ungelöster Konflikt Führungsschwäche. Unter solchen Bedingungen kann fast jede Handlung als Versagen erzählt werden.

Dazu gibt es mehr als ein ungutes Bauchgefühl. Eine Metaanalyse von 32 Studien mit insgesamt rund 38.600 Befragten untersuchte Berichterstattung, die politische Strategien, Machtkämpfe und Gewinnchancen in den Vordergrund rückt. Sie fand im Durchschnitt mehr politischen Zynismus und weniger Wissen über Sachfragen. Einen Rückgang politischer Beteiligung konnte sie dagegen nicht nachweisen. Das ist eine wichtige Grenze des Befundes: Aus einer problematischen Darstellungsweise folgt nicht automatisch der demokratische Zusammenbruch. Aber sie kann dazu beitragen, dass Bürger Politik zunehmend als eigennütziges Spiel betrachten. (Alon Zoizner: The Consequences of Strategic News Coverage for Democracy)

Das Trainerwechsel-Prinzip passt dazu. Wenn es schlecht läuft, muss der Kopf an der Spitze ausgetauscht werden. Gelegentlich ist das notwendig. Nur werden aus fehlenden Mehrheiten, widersprüchlichen Interessen und knappen Mitteln durch einen Personalwechsel noch keine gelösten Probleme. Wer diese Erwartung ständig nährt, bereitet die nächste Enttäuschung gleich mit vor.

Wie viel von meinem Urteil stammt aus den Schlagzeilen?

An diesem Punkt wird es für mich persönlich interessant. Woher kommt eigentlich mein eigener kritischer Blick auf unsere Politiker? Aus ihren tatsächlichen Fehlern, gewiss. Aus enttäuschten Erwartungen und Erfahrungen ebenfalls. Aber wie viel entsteht dadurch, dass mir ihre Unzulänglichkeiten täglich vorgeführt werden, während das Funktionierende kaum dieselbe Aufmerksamkeit erhält?

Eine Nachrichtenauswahl ist keine repräsentative Bestandsaufnahme des Landes. Das misslungene Vorhaben hat einen höheren Nachrichtenwert als die geräuschlos erledigte Aufgabe. Der Streit bietet Bilder und Zitate, die Einigung häufig nur ein sperriges Papier. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Dennoch kann aus vielen zutreffenden Einzelmeldungen ein schiefes Gesamtbild entstehen, wenn stets derselbe Ausschnitt beleuchtet wird. Wer jeden Tag nur die Risse gezeigt bekommt, hält irgendwann das ganze Haus für einsturzgefährdet.

Auch wirtschaftliche Anreize spielen dabei eine Rolle. Eine in Nature Human Behaviour veröffentlichte Untersuchung von Überschriftentests beim US-Angebot Upworthy zeigte, dass negativ formulierte Überschriften häufiger angeklickt wurden. Das belegt weder eine allgemeine Manipulationsabsicht noch einen unmittelbaren Schaden für die Demokratie. Es zeigt aber, weshalb Zuspitzung im Wettbewerb um Aufmerksamkeit attraktiv sein kann. Dafür braucht es keinen gemeinsamen Plan von Redaktionen. Viele einzelne Entscheidungen können dieselbe Richtung nehmen. (Robertson und andere: Negativity drives online news consumption)

Ich wäre allerdings zu bequem, wenn ich die Verantwortung dafür ausschließlich bei den Medien abläde. Auch ich klicke auf die empörende Überschrift. Auch ich bleibe an Aussagen hängen, die meinen Eindruck bestätigen. Und wenn von Lucke meine Kritik an bestimmten Medien ausspricht, höre ich vermutlich besonders gern zu. Das macht seine Argumente nicht falsch. Es verpflichtet mich nur, ihre Belege ebenso sorgfältig zu prüfen wie die Behauptungen seiner Gegner. Vielleicht entsteht mein Blick in einer Wechselwirkung: Reale Probleme machen mich empfänglich für negative Berichte, und deren ständige Wiederholung lässt mir die Lage noch aussichtsloser erscheinen.

Was die Demokratie tatsächlich beschädigt

Problematisch wird Berichterstattung für mich dort, wo sie diesen Übergang befördert: von der berechtigten Kritik an einer Entscheidung zur pauschalen Verachtung demokratischer Politik. Wer überzeugt ist, dass ohnehin alle unfähig, verlogen oder ausschließlich mit sich selbst beschäftigt sind, braucht irgendwann keine besseren Argumente mehr. Dann erscheint schon das Versprechen attraktiv, mit dem ganzen Betrieb aufzuräumen. Davon können autoritäre Kräfte profitieren. Ob und wie stark einzelne Medien dazu beitragen, muss allerdings konkret untersucht werden; ihre bloße Nähe zu einer politischen Richtung reicht als Beweis nicht.

Gerade deshalb wünsche ich mir mehr von der Debatte, die von Lucke anstößt. Auch Talkshows sollten sich fragen lassen, welches Politikverständnis sie vermitteln. Wenn stundenlang über beschädigte Autorität gesprochen wird, aber kaum darüber, welche Lösung unter den gegebenen Bedingungen überhaupt möglich wäre, bleibt beim Publikum vor allem der Eindruck des Scheiterns hängen. Die journalistische Macht, Themen zu setzen und Leistungen zu bewerten, verdient dieselbe kritische Aufmerksamkeit wie andere gesellschaftliche Macht.

Ich erwarte gründliche Recherchen, unbequeme Fragen und klare Urteile. Dazu gehören für mich auch erkennbare Maßstäbe, angemessene Größenordnungen und die Bereitschaft, Fortschritte ebenso ernst zu nehmen wie Fehler. Ein Publikum, das nach einer Sendung besser versteht, worum gestritten wird, hat mehr gewonnen als eines, das anschließend nur noch weiß, wen es verachten soll.

Und für mich selbst bleibt eine Frage, die ich auch beim Schreiben nicht vergessen möchte: Trägt meine Kritik dazu bei, die Dinge genauer zu sehen, oder füge ich dem allgemeinen Überdruss bloß einen weiteren Absatz hinzu? Mein Motto „Bloß nicht zynisch werden“ gilt schließlich auch dann, wenn der Zynismus gerade besonders viele Klicks verspricht.

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