Politische Talkshows wirken auf mich manchmal wie kleine Tribunale: Journalisten urteilen, Politiker rechtfertigen sich. Kritische Fragen sind nötig. Doch wer Kompromisse als Schwäche und Kurswechsel als Versagen deutet, fördert Verachtung. Ich wünsche mir mehr Erkenntnis und weniger Selbstgewissheit.

Wenn ich mir die deutschen Talkshows ansehe, denke ich manchmal: Die Veranstaltung wirkt auf mich wie kleine Tribunale. Alle sitzen mehr oder minder adrett um Tische und Pulte, und dann wird über die Politiker*innen Gericht gehalten. Journalist*innen tragen Anklage und Urteil vor, gelegentlich im selben Satz. Die Politiker „dürfen“ sich rechtfertigen. Und wir, die Wähler, schauen zu, wie unsere gewählten Vertreter vorgeführt werden und dabei auch gern – so ganz nebenbei – die Demokratie beschädigt wird. Doch, ich finde manchmal, dass genau das geschieht. Nur, dass die meisten das in ihrem Frust anders sehen.

Natürlich gehört es zum Journalismus, hartnäckig nachzufragen und Mächtigen auf die Finger zu sehen. Auch so’n Spruch, der allein angesichts der Präsenz von Medien in unserem Leben dem, was tatsächlich abläuft, Hohn spricht. Ein Wahlergebnis ist kein Freibrief. Selbstverständlich.

Aber zwischen kritischer Befragung und selbstgewisser Aburteilung liegt ein Unterschied. Mich stört dieser Ton, als sei politisches Handeln kinderleicht, wenn nur endlich die richtigen Leute am Werk wären. Journalisten sollten häufiger das Metier, die Perspektive, wechseln und in der Politik ihr Bestes versuchen. Wer jeden Kompromiss als Schwäche und jeden Kurswechsel als Umfallen deutet, jede innerparteiliche Diskussion oder solche mit dem Koalitionspartner hochjazzt in der Form, wie es etwa Markus Lanz aber auch andere tun, macht Politik verächtlich. Wenn man so will, kann man das mitunter sogar an den Gesichtszügen der Talkshow-Moderatoren erkennen. In der gestrigen Lanz-Sendung hat Herr Lütz dieses negative Phänomen dankenswerterweise gleich mehr als einmal anklingen lassen.

Ich wünsche mir solche Gespräche, nach denen ich mehr verstehe. Urteile habe ich meistens schon reichlich gehört.

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