
Herfried Münkler hat bei Anne Will einen Satz gesagt, an dem ich hängen geblieben bin. Er neige angesichts der politischen Lage zu einer gewissen „Zuversicht, nicht zu Optimismus“. Das gefällt mir. Optimismus erwartet, dass es schon irgendwie gutgehen wird. Zuversicht ist bescheidener. Sie hält auch die Möglichkeit aus, dass es schwierig wird.
Münklers unbequeme Diagnose
Münkler sieht die Demokratie in Deutschland noch nicht am Kipppunkt. Aber er beschreibt ziemlich genau, was ihr gefährlich werden könnte: schwindende Urteilsfähigkeit, die Verachtung des politischen Kompromisses, den Rückzug in digitale Parallelwelten und die Vorstellung, Demokratie bedeute schlicht, dass eine Mehrheit nach einem Wahlsieg machen könne, was sie wolle.
Gerade Letzteres ist wichtig. Wir leben nicht nur in einer Demokratie, sondern in einem demokratischen Rechtsstaat. Mehrheiten entscheiden, aber Grundrechte, Gewaltenteilung und Minderheitenschutz setzen ihnen Grenzen. Das ist keine lästige Behinderung der Demokratie. Es gehört zu ihrem Wesen.
Bei einem Punkt ist mir Münkler allerdings etwas zu schnell. Wer AfD wählt, handelt für ihn häufig aus Wut, Ressentiment und mangelnder Urteilsfähigkeit. Das mag einen Teil des Erfolgs erklären. Aber damit dürfen die Fehler der demokratischen Parteien nicht aus dem Blick geraten. Eine Politik, die Probleme jahrelang vertagt, Widersprüche schönredet und anschließend verkündet, sie müsse ihre Entscheidungen lediglich „besser erklären“, trägt selbst zum Vertrauensverlust bei.
Münkler trifft einen wichtigen Punkt, wenn er Friedrich Merz genau dafür kritisiert. Eine „bessere Erzählung“ wird nicht reichen. Politik muss funktionieren – und die Menschen müssen erleben können, dass sie funktioniert.
Vielleicht helfen wir kräftig mit
Und dann ist da noch etwas. Bei der Häufung und Zuspitzung unserer Krisen könnte man fast meinen, die hybride Kriegsführung Russlands sei ausgesprochen erfolgreich. Desinformation, das Verstärken vorhandener Konflikte, Misstrauen gegenüber Institutionen und die permanente Behauptung, ohnehin werde überall gelogen, passen jedenfalls erstaunlich gut in das Bild.
Nur wäre es ziemlich bequem, Putin dafür verantwortlich zu machen.
Die meisten unserer Probleme haben die Russen nicht erfunden. Demografie, Rentenprobleme, eine schwächelnde Wirtschaft, Migration, überforderte Kommunen, politische Fehlentscheidungen und der Vertrauensverlust gegenüber Parteien sind keine Moskauer Erfindungen. Von außen lassen sich vorhandene Risse vertiefen. Die Risse selbst müssen aber schon da sein.
Vielleicht haben die Russen also tatsächlich die bessere KI.
Vielleicht überschätzen wir die Russen aber auch – und erledigen einen erstaunlich großen Teil der Destabilisierung ganz allein.
Ausgerechnet deshalb passt Münklers Zuversicht für mich besser als Optimismus. Es wird nicht automatisch gut. Aber wenn ein erheblicher Teil unserer Probleme hausgemacht ist, bedeutet das immerhin auch: Wir könnten selbst etwas daran ändern.
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