Wenn sich die äußern, die lan­ge den Mut dazu nicht auf­ge­bracht haben

Ich wuss­te, dass vie­le unge­dul­dig auf die­se Art von „Klartext” in einem bedeu­ten­den Medium gewar­tet hat­ten. Merkel-Bashing ist seit Langem unge­heu­er populär.

Die Tichys, Broders und Schwennickes die­ser Welt zün­deln schon seit Jahren. Und wie es gera­de aus­sieht, sagen uns ja auch die Umfragen. Vielleicht sind sie in die­sen Tagen eher selbst­er­fül­len­de Prophezeiungen.

Den Kommentar des Mitherausgebers der FAZ, Steltzner, fin­de ich per­sön­lich jeden­falls ziem­lich unerhört.

Komisch, dass sich Steltzner sozu­sa­gen über Nacht die Schuld- und Fehlerhaftigkeit von Merkels Politik offen­bart hat.

Noch vor Kurzem, Anfang die­ses Monats hat­te Steltzner geschrieben:

Mit Recht sagt Merkel, die Europäer müss­ten ihr Schicksal in die eige­ne Hand neh­men. Auch die von ihr genann­ten Prioritäten sind rich­tig: Gemeinsame Grenzsicherung und Asylpolitik sowie die Bekämpfung der Fluchtursachen sind Existenzfragen für Europa. 

Link: Die Europäer müs­sen ihr Schicksal in die eige­ne Hand nehmen

Vorgestern schrieb der glei­che Mann: „Merkel spal­tet die Europäische Union”:

Dabei treibt sie mit ihrer Willkommenspolitik und auch mit ihrer Euro-Rettungspolitik gleich meh­re­re Keile zwi­schen die Mitgliedsländer. 

Link: Asyl und Euro: Angela Merkel spal­tet die Europäische Union

Ich emp­fin­de Steltzners „Beitrag” in die­ser Phase als unver­ant­wort­lich, ten­den­zi­ös vor allem jedoch als destruktiv.

Mich ärgert es, mit wel­chen Worten der Mitherausgeber der FAZ die Kanzlerin anklagt. Steltzner über­nimmt den Duktus der Rechtsextremen und erhält in den Kommentaren viel Beifall. Die #Merkelmussweg – Fraktion ist ihm sehr dankbar.

Holger Steltzner ver­tritt Positionen, die Merkel gemäß dem Koalitionsvertrag – ‑offi­zi­ell also – zumin­dest nicht fremd sind, die sie jedoch in der Exekutive bis­her nicht umge­setzt bekam.

Holger Steltzner: 3 Dinge, die in Deutschlands Einwanderungspolitik gesche­hen sollten

Übrigens fällt mir auf, dass Steltzners FAZ-Kommentare häu­fig sehr kurz sind. Für den Artikel „Angela Merkel spal­tet die Europäische Union” hat Stetzner ein paar Worte mehr.

Die hät­te er sich ruhig spa­ren dür­fen, fin­de ich jedenfalls.


Steltzners Unterstützung für das all­zu offen­sicht­li­che Vorhaben der baye­ri­schen Splitterpartei CSU, die Kanzlerin zu stür­zen, emp­fin­de ich als abstoßend.

Zumal die Vorwürfe daher­kom­men wie die plat­te Übernahme von AfD-Positionen. Will Steltzner mit sei­nem Kommentare also nur die Chance für die CSU ver­grö­ßern, dass deren feuch­ten Träume von einer abso­lu­ten Mehrheit in Bayern viel­leicht doch noch erreicht wer­den? Ist das in die­sem kri­ti­schen Phase die Art von Neutralität, die Rechte so gern rekla­mie­ren, vor allem, wenn es um öffent­lich-recht­li­che Medien geht?

Steltzners Beitrag ist übri­gens nicht, wie vie­le sei­ner ande­ren Artikel, als Kommentar gekennzeichnet!


Ein paar Details zu Steltzners Vorwürfen gegen Angela Merkel:

Auch das gesell­schaft­li­che Klima im Land wird seit­her immer gif­ti­ger. Das Versagen und die Skandale im Bamf machen fas­sungs­los, die Häufung von schreck­li­chen „Einzelfällen“ wie dem Mord an Susanna F. eben­so. Link: Asyl und Euro: Angela Merkel spal­tet die Europäische Union

Link: Asyl und Euro: Angela Merkel spal­tet die Europäische Union

Dass das Klima „immer gif­ti­ger” wird, liegt nicht an Angela Merkel, son­dern an denen, die mit Begrifflichkeiten wie „Einzelfällen” und den zugrun­de­lie­gen­den Storys unun­ter­bro­chen in Zusammenhängen mit Vergewaltigungen und Morden agitieren.

Außerdem gebe ich zu beden­ken, dass neus­te Umfragen 57% der Bundesbürger die Flüchtlingspolitik Merkels für falsch hal­ten (Emnid Institut). Diese knap­pe Mehrheit ist ver­mut­lich dem Gezeter und der hier­mit zusätz­lich geschaf­fe­nen Unsicherheit zu ver­dan­ken. Aber immer­hin sind auch jetzt noch 33% der Befragten der Ansicht, Merkels Politik sei rich­tig. Merkel ist nicht für das Klima im Land ver­ant­wort­lich, son­dern die Lage und unter­schied­li­che Sicht der Menschen auf die­se Lage.

Wie eine „INSA“-Umfrage im Auftrag der „Bild“-Zeitung zeigt, ist erst­mals die Mehrheit der Deutschen gegen die Politik der Kanzlerin. Hermann Binkert von „INSA“ erklärt den Wandel so (Zitat): „Die Zahlen doku­men­tie­ren ein­drucks­voll, dass die Stimmung tat­säch­lich gekippt ist. Stimmte ursprüng­lich eine rela­ti­ve Mehrheit der Flüchtlingspolitik zu, hat sich das Verhältnis mehr als umgedreht.”

Im Klartext bedeu­tet das, dass 51,9 Prozent gegen die aktu­el­le Flüchtlingspolitik sind. 17,5 Prozent der Befragten gaben an, ihre Meinung zuletzt geän­dert zu haben. Sie waren ursprüng­lich Unterstützer und leh­nen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin erst seit Kurzem ab.
Link: Stimmungswandel in Deutschland: Umfrage: Erstmals lehnt Mehrheit der Deutschen Merkels Flüchtlingspolitik ab – Video – FOCUS Online

Über INSA

Quelle: Meinungsforschung von rechts außen? | markt​for​schung​.de
Quelle: Insa-Meinungsforscher und die AfD: Der Zahlenmacher – taz​.de
Quelle: Alternative für Deutschland: Wer forscht denn da? | ZEIT ONLINE
Quelle: Abweichende Umfragewerte beim INSA-Institut – Die AfD als dritt­stärks­te Kraft? | Politik | detek​tor​.fm

Diese Lage ist nicht ent­stan­den, weil Merkel „die Grenzen für mehr als eine Million Migranten” geöff­net hat, son­dern weil es Schengen gibt, das bekannt­lich dafür gesorgt hat, dass die Grenzen immer offen sind. Bis jetzt. Über die Konsequenzen sol­cher seman­ti­schen Debatten und über die Bedeutung einer immer­hin jeder­zeit mög­li­chen Änderung will in die­sem Land kei­ner so recht spre­chen. Da hie­ße es näm­lich, Verantwortung für die Folgen über­neh­men zu müs­sen. Machen sol­che Brunnenvergifter wie Stetzner das oder stel­len sie nur Thesen in den Raum, die vor allen Dingen dem rechts­extre­men Affen Zucker geben?

Hier die Kontraposition von Lorenz Meyer, die auf die ein­zel­nen Vorwürfe Stetzners gegen Merkel bei Facebook im Detail eingeht.

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